Ein Leserbrief und seine Folgen

Volkszählungsboykott
Die Bewegung gegen die Volkszählung, die zwischen 1983 und 1987 zum Volkszählungsboykott aufrief, mahnte die Einhaltung grundgesetzlicher Rechte und Bestimmungen des Datenschutzes an. Eine 1983 geplante Volkszählung wurde durch eine Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Datenschutz und dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung verhindert.

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JürgenB
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Ein Leserbrief und seine Folgen

Beitrag von JürgenB »

Dann wollen wir mal die Geschichte erzählen, wie Gelsenkirchen mal kurzzeitig zur Speerspitze der Bewegung wurde.

Alles fing an mit einem Artikel in der Taz. Das muss so gegen Anfang Januar 1983 gewesen sein, der erstmalig die datenschutzrechtlichen Fragen im Zusammenhang mit der Volkszählung thematisierte. Das war gerade mal drei Monate vor dem geplanten Beginn der VZ.

Ich fühlte mich bemüßigt, darauf einen Leserbrief zu schreiben, etwa mit dem Tenor, die VZ mitzumachen, aber die Fragebögen möglichst mit sinnlosen Antworten auszufüllen, um so Datenmüll zu produzieren.

Zwei Wochen später machte der "Stern" eine Riesenstory aus den Gefahren der VZ und erwähnte drei Städte, in denen es schon Aktivisten gegen die VZ gäbe, Hamburg natürlich, wo ja dann auch recht bald die zentrale Koordination der Anti-VZ-Bewegung saß und daneben auch Gelsenkirchen. Wow!

Innerhalb kürzester Zeit mußte also eine Bewegung aus dem Ärmel gezaubert werden. Und in der Tat, auf einen ersten Termin, ich glaube es war im Buchladen "Trotz alledem", kamen schon eine ganze Menge Leute und in den Folgewochen war der Buchladen so voll wie nie, und zwar auch mit Menschen, die sonst nie die Schwelle über die Tür gesetzt haben.

Schnell stellte sich heraus, dass die Strategie der bundesweiten Bewegung die eines Totalboykotts der VZ war. Mit so einem gewaltigen Zuspruch bis aus dem letzten Dorf hatte man ja nun gar nicht gerechnet, sodass der Totalboykott auch mir machbar erschien.

Ich hatte noch aus meinem Studium, wo mir unter anderem in meinem BWL-Fach "Beschaffung und Absatz" in der Examensklausur die Frage nach dem "Non-Response-Bias in der Marktforschung" gestellt worden war, eher auf den Datenmüll gesetzt, weil ich nur mit wenig Verweigerern gerechnet hatte.

Allerdings hat mich auch die Zahl der Initiativen vom Erfolg des Totalboykotts schließlich überzeugt. Die Produktion von Datenmüll ist demgegenüber sicherlich komplizierter und erfordert auch höheres Bewußtsein von den Möglichkeiten statistischer Methoden. Es hätte weit mehr Aufklärungsarbeit und Kenntnisse von den Organisatoren ders VoBo bedurft.

Das Volkszählungsurteil haben wir erreicht. Doch heute werden wir in weitaus größerem Maße mit dem Sammeln von Daten konfrontiert und können uns nur noch individuell wehren. Umso wichtiger ist es, weiterhin ein Gespür für die Anmaßungen von Staat und Industrie - Stichwort RFIDs - beizubehalten.

Jürgen
Geboren im Jahre der Meisterschaft - nicht wie ihr alle denkt, sondern 3 Jahre früher!

Heinz
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Wie, es war alles nur ein Traum?

Beitrag von Heinz »

Du warst das also!! 8)

Hier gibt es ein kleines Stückchen von Kabanett dazu, 9 Minuten 24.02.1983 in der Dorfkneipe Schulte Wischen Gladbeck/Kirchhellen.

Was wir früher an Daten verweigert haben, geben wir heute freiwillig unfreiwillig Dank neuer Medien nebenbei heraus. :evil:

Heinz

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