Stadtchronik 1962

Auszüge aus den von 1936 bis 1978 maschinenschriftlich geführten Chroniken der Stadt Gelsenkirchen

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heen
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Stadtchronik 1962

Beitrag von heen »

Völker hört die Signale, es ist mal wieder Zeit für die wirklich wichtigen Dinge.

1962 hat die Zukunft in Gelsenkirchen begonnen!
Die Polizei setzt modernste Technik ein um den Autofahrern das Autofahren beizubringen, die Post nimmt einen automatischen Postwertzeichenherausgeber in Betrieb und erklärt nebenbei der Jugend den Münzfernsprecher und anderes modernes Zeug. Leider hat sie aber die Sirenentechnik nicht im Griff und auf einmal ist wieder Krieg.
Es gibt Überlegungen für eine City unter Tage und eine Urbanuskirche mit Turmspitze, sogar ein Stadion will man bauen!
In so einer modernen Welt hat der Kongo-Express keinen Platz mehr und geht auf letzte Fahrt.
Und dann war da noch Enrico de Lorenzo.
Wie immer alles von hier. (PDF; 102MB)
Stadtchronik 1962 hat geschrieben: Montag, den 1. Januar 1962
In seiner Neujahrspredigt in St. Urbanus, Buer, teilte Probst Lange u.a. mit, der Kirchenvorstand habe eine Sammlung für die Erneuerung der Turmspitze beschlossen, die im Kriege zerstört worden war. Die von Architekt Hausen (Münster) dazu angefertigten drei Modelle waren am Neujahrstag in der Kirche ausgestellt.

Dienstag, den 2. Januar 1962
Die Verkehrspolizei startete an einigen Verkehrsknotenpunkten der Stadt einen neuen Verkehrserziehungsversuch: Sie macht mit einer Spezialkamera Fotos von Kraftwagen, die sich nicht verkehrsrichtig verhielten. Das Bild war in Minutenschnelle fertig und wurde dem ertappten "Sünder" zusammen mit einem Kärtchen überreicht, auf dem die Mahnung stand, sich in Zukunft auf der Straße zu seinem eigenen Vorteil und der Sicherheit der Mitmenschen richtig zu verhalten.

Mittwoch, den 17. Januar 1962
Die Post stellte im Eingang zum Hauptpostamt einen neuen Briefmarkengeber auf. Gegen Einwurf von 1.-DM gab er ein Heftchen heraus, das, in einem perforierten Umschlag verpackt, zehn Zehn-Pfennig-Marken enthielt.

Freitag, den 19. Januar 1962
An der alten Mühle bei Schloß Berge wurde eine Tafel mit der Aufschrift "Einsturzgefahr! Betreten verboten!" angebracht. Die Räder der Mühle standen schon seit Jahrzehnten still. Die letzten Bewohner waren schon vor einiger Zeit ausgezogen, weil das alte Fachwerkhaus immer baufälliger geworden war.

Sonntag, den 21. Januar 1962
Auf der Bobbahn am Rießersee gewann der 29 Jahre alte Gelsenkirchener Eissalonbesitzer Enrico de Lorenzo auf "Italien II" die Weltmeisterschaft im Zweierbob. Lorenzo stammte aus Cortina d'Ampezzo und besaß den Eissalon am Bahnhofsvorplatz seit 1957.

Dienstag, den 6. Februar 1962
Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" stellte ausführlich einen Vorschlag des Stadtverordneten Sandmann [Vorsitzender des Verkehrsausschuss] zur Behebung der immer stärker werdenden Verkehrsnöte auf dem Bahnhofsvorplatz dar. Kern dieses Vorschlags war: Die Straßenbahn zur Entlastung des Platzes zugunsten des Autoverkehrs in den Untergrund zu verlegen. Dabei könnte unter dem Vorplatz eine unterirdische "City" mit Geschäften usw. entstehen, die durch Zugänge von der Weber-, Bahnhof-, Hibernia-, Bochumer und Wildenbruchstraße her erreichbar sein könnten. Dabei hatte dem Stadtverordneten Sandmann das Beispiel der Städte Bielefeld und Wien vor Augen geschwebt.

Dienstag, den 6. Februar 1962
Sportredakteur Heinz Kottek stellte in der "WAZ" in einem ausführlichen Artikel den Plan eines Ruhrgebietsstadions im Berger Feld zur Debatte, nachdem der Vorsitzende des Landessportbundes, Willy Weyer kürzlich in einem Brief an den Ministerpräsidenten Franz Meyers die Schaffung eines Großstadions zwischen Köln und Dortmund gefordert hatte.

Mittwoch, den 7. Februar 1962
Der "Grillo-Tank" an der Ecke Overhof- und Grillostraße nahm eine automatische Wagenwaschanlage in Getrieb, die ein Auto in fünf Minuten sauber wusch.

Montag, den 19. Februar 1962
Der Rat der Stadt ...
Unter "Verschiedenes" lüftete Stadtrat Flöttmann ein lange gehütetes Geheimnis: Der Autoverkehr über den Bahnhofvorplatz sollte künftig in die 2. Etage gehen. Dieser Gedanke fand im Rat mehr Fürsprecher als der ebenfalls diskutierte Gedanke einer Untertunnelung des Vorplatzes. Der Plan sah vor, von der Wickingstraße aus eine Auffahrt für Kraftfahrzeuge zu schaffen, die unweit der Rotthauser Straße wieder auf die ebene Erde zurückführen sollte. Dadurch sollte der Vorplatz zugunsten des Auto- und Fußgängerverkehrs vom Durchgangsverkehr befreit werden.

Freitag, den 2. März 1962
Die Post versandte an die Gelsenkirchener Haushaltungen rund 130.000 Postleitzahl-Verzeichnisse. Das Heft hatte einen Umfang von 368 Seiten und zitierte als Musterbeispiel für eine korrekte Anschrift die der Ärztin Frau Dr. Rita Scholl, 466 Gelsenkirchen-Buer, Postfach 12. In Wirklichkeit gab es sie gar nicht. Die Auflage des Verzeichnisses in Höhe von 20 Millionen Exemplaren machte sie indessen zur meist genannten Ärztin in der Bundesrepublik.

Freitag, den 2. März 1962
Im neuen Jugendheim der Evangelischen Kirchengemeinde Resse sprach Dr. Walter Theodor Cleve aus Lüdenscheid über die Problematik der Mischehe zwischen evangelischen und katholischen Christen.

Montag, den 5. März 1962
Konditormeister Fritz Funke stellte unter dem Motte "Gesammelt in 75 Ausstellungen" in seinem "Kust-Kabinett" seine privaten Schätze der Öffentlichkeit vor. Fast jeder ausstellende Künstler hatte sich in den Jahren 1955 bis 1962 bei dem Besitzer des Cafés mit einer Arbeit bedankt.

Donnerstag, den 15. März 1962
Ein Sonderomnibus, "Die fahrende Postschule", besuchte einige Gelsenkirchener Schulen, um die Schüler mit der Technik des Telefons, des Münzfernsprechers, eines Wertzeichengebers und des Fernschreibers bekannt zu machen.

Dienstag, den 20. März 1962
Technischer Direktor Brüdgam von den Städt. Bühnen "verkaufte" seinen Bart für 500 DM an das technische Personal der Bühne. Der Ertrag sollte Hochwassergeschädigten unter den Hamburger Bühnenarbeitern zufließen.

Mittwoch, den 28. März 1962
Gegen 11 Uhr heulte ein Großteil der rund 180 Luftschutzsirenen zwischen Ückendorf und Scholven Luftalarm. Der Post war es nicht möglich, die Quelle für den Fehlalarm zu finden.

Freitag, den 30.März 1962
Zum letzten Male verkehrte an diesem Tage ein Personenzug der Zeche Graf Bismarck vom Forsthaus Erle zum Schacht VII in der Resser Mark. 19 Jahre lang hatte dieser im Volksmund "Kongo-Expreß" genannte Zug entlang dem Busche der Resser Mark verkehrt. Das Nahverkehrsgesetz hatte ihm nun ein Ende gemacht: es gab jetzt ausreichend Nahverkehrsverbindungen, u. a. die Buslinie 87. ...

heen
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Re: Stadtchronik 1962

Beitrag von heen »

Frühling ist es 1962. Träger im Scheinwerferlicht, große, runde Blumenkübel und die Freibäder machen bei brüllenden 12 Grad auf. Im Motorboot durch Gelsenkirchens Straßen und was man beim baggern so alles findet und was vom Himmel fällt ...
Wieder einmal die wirklich wichtigen Dinge.
Von hier.
Stadtchronik 1962 hat geschrieben: Mittwoch, den 4. April 1962
Parkuhren wurden nach der Hochstraße in Buer jetzt auch in der Luciagasse aufgestellt.

Montag, den 7. Mai 1962
In der Nacht wurden bei Scheinwerferlicht acht 25 m lange und 38 t schwere Stahbetonträger in die Wiederlager der Brücke an der Echstekampstraße eingeschwengt. Nach Fertigstellung dieses Brückenbauwerks führte die künftige Straßenverbindung Schaffrath - Rosenhügel - Horst über die Eisenbahnlinie Buer-Süd - Gladbeck - Dorsten über diese Brücke hinweg.

Sonntag, den 12. Mai 1962
Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft veranstaltete auf der Straße eine Werberundfahrt mit ihrem neuen Motor-Rettungsboot durch Alt-Gelsenkirchen und Buer.

Dienstag, den 15. Mai 1962
Die Stadtverwaltung öffnete die städtischen Freibäder Grimberg und Jahnbad in Heßler zum vorgesehenen Termin. Die Lufttemperatur betrug 12, die Wassertemperatur 11 Grad.

Donnerstag, den 24. Mai 1962
Ein Baggerführer hob bei Ausschachtungsarbeiten für ein Hochhaus an der Schloßstraße in Horst einen Totenschädel ans Tageslicht. Nachforschungen ergaben, daß er mit weiteren gefundenen Schädeln zu einem Massengrab gehörte, in dem während einer Cholera-Epidemie im Jahre 1866 43 Tote bestattet worden waren.

Freitag, den 8. Juni 1962
Die von Bibliothekar Günter Stolle aufgebaute Musik-Bibliothek in der Hauptstelle der Stadtbücherei am Neumarkt wurde eröffnet. Es war die erste Freihandbibliothek dieser Art im Ruhrgebiet.

Mittwoch, den 13. Juni 1962
Das Städt. Garten- und Friedhofsamt stellte an verschiedenen Stellen des Stadtgebiets große, runde Blumenkübel auf.

Donnerstag, den 14. Juni 1962
Im Hause Breddestraße 15 (Neubau Riem) in Buer öffnete ein neuer Supermarkt seine Pforten. Zur Eröffnung gab die Kapelle der Zeche Consolidation unter der Leitung von Kapellmeister Nagel ein Platzkonzert.

Donnerstag, den 28. Juni 1962
Ein von der amerikanischen Armee aufgelassener Forschungsballon platzte über dem Ortsteil Scholven und ließ an einem Fallschirm eine Radiosonde fallen, die an der Feldhauser Straße hinter dem Berglehrlingsheim der Hibernia AG niederging.
PS: Am 15. Mai 1962 war es 12 Grad und heute, am 15. Mai 2021 war es 12 Grad. Aber 2021 hat kein Freibad auf. Die Leute haben Badewanne.

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