Stadtchronik 1966

Auszüge aus den von 1936 bis 1978 maschinenschriftlich geführten Chroniken der Stadt Gelsenkirchen

Moderatoren: Verwaltung, Redaktion-GG

Antworten
heen
Beiträge: 366
Registriert: 23.07.2018, 10:10
Wohnort: GE-Scholven

Stadtchronik 1966

Beitrag von heen »

Elefantenfriedhof in Schalke. Gelsenkirchen macht in Haltern Urlaub obwohl der Bus direkt nach Madrid fährt. DDR-Propaganda sorgt für Stillegung. Und in Sutum wird 12 Stunden scharf geschossen.
Rauchende Colts im 1.Quartal 1966.
Von hier: Stadtchronik 1966 (PDF, 30MB)
Stadtchronik 1966 hat geschrieben: Freitag, der 7. Januar 1966
Von den etwa 800 Bakterientypen, die unter dem Begriff Samonellen zusammengefaßt werden, hat das Hygiene-Institut Gelsenkirchen, wie dessen Leiter Prof. Wüstenberg gegenüber der WAZ ausführt, allein 86 verschiedene Typen gefunden. Darunter sind einige, die als Erstbefunde der Internationalen Zentrale in Kopenhagen gemeldet worden sind.

Samstag, der 8. Januar 1966
Bei Ausschachtungsarbeiten zu dem neuen Pumpwerk an der Josefinenstraße in Schalke wird ein Mammut-Stoßzahn von 1,70 m Länge gefunden.

Donnerstag, der 13. Januar 1966
Auf den Zeltplätzen im Halterner Raum wurden 1965 insgesamt 11 623 Übernachtungen gezählt. Gelsenkirchener Besucher hielten mit 11,1 v.H. die Spitze.

Dienstag, der 25. Januar 1966
Aus dem Naturdenkmalbuch der Stadt mußten zwei Zeugen der Vergangenheit gelöscht werden, und zwar ein Findling, der früher am Haupteingang der Zeche Bergmannsglück stand und in den Fließsand versackt ist, sowie eine Buche am Gehöfteingang des Hauses Sienbeckstraße 69 in Resse, die einer Hochspannungsleitung weichen mußte.

Donnerstag, der 27. Januar 1966
Einen direkten Busverkehr von Buer nach Madrid gibt es auf Anregung von Verkehrsvereins-Geschäftsführer Friedrich Hundertmark seit dem 4. Dezember 1965. Der Bus verkehrt vom buerschen Busbahnhof dreimal wöchentlich.

Donnerstag, der 27. Januar 1966
Die Deutsche Erdöl Aktiengesellschaft (DEA) dementiert die von den Ruhr-Nachrichten gemeldete Stillegungsabsicht der Zeche Graf Bismarck. Es handle sich um eine böswillige Meldung eines DDR-Senders.

Dienstag, der 1. Februar 1966
Die CDU-Fraktion tritt dafür ein, den Ratsbeschluß bezüglich der Benennung- der "Kurt-Schumacher-Straße" im Interesse der Schalker Bürgerschaft rückgängig zu machen. (Inzwischen werden bereits die Straßenschilder angebracht.)

Mittwoch, der 16. Februar 1966
Die älteste Gelsenkirchenerin, Helene Metschies, Cranger Straße 321, wird heute 101 Jahre alt.

Donnerstag, der 24. Februar 1966
Margarethe Baim-Schneider, beliebteste Schauspielerin der 20er Jahre der Redlich-Bühne in Buer, starb in der Nacht zum 20. Februar im Alter von fast 93 Jahren. Vor wenigen Wochen war ihr Sohn, der Bühnenbildner und Theatermaler Walter Haim gestorben.

Donnerstag, der 24. Februar 1966
Die Stadt ehrt Feuerwerker Richard Koch und seine Mitarbeiter Helmut und Günter Stärk, Otto Poersch, Heinrich Sendzik und Alois Sperz, die allein in den letzten elf Jahren 4 233 Bomben und Granaten entschärft und beseitigt haben.

Freitag, der 25. Februar 1966
Der Ruhr-Zoo plant eine Erweiterung des Zoogeländes, um eine Steppenlandschaft für eine Gruppe verschiedener afrikanischer Steppentiere einzurichten. Darin wird die Möglichkeit einer "Wassersafari" für die Zoobesucher erwogen.

Montag, der 28. März 1966
Ein zwölfstündiges Feuergefecht lieferte Otto P. aus der Straße "Ellinghorst" in Sutum der Polizei in der Nacht zum 28. März. Sie war von Nachbarn um Hilfe gerufen worden, nachdem P. bereits auf die nächtlich heimkehrende Familie geschossen hatte. Nach etwa 200 Schuß die er zusammen mit seinem Sohn zum Teil gezielt abgegeben hatte, wird der Schütze überwältigt und unter dem Verdacht der Geistesgestörtheit in eine Heilanstalt eingeliefert. Fünf Personen erlitten Verletzungen. Der Sohn wird in ein Heim eingeliefert, wo er am nächsten Tag wieder fortläuft und sich dann der Polizei stellt.

Mittwoch, der 30. März 1966
Zur Erinnerung an die alte buersche Freiheitslinde (im Volksmund Femelinde genannt), die Teil des Stadtwappens ist, jedoch aus Alters- und Planungsgründen auf ihrem Standort auf dem Goldberg beseitigt werden mußte, pflanzten Schüler des Max-Planck-Gymnasiums auf dem Hof des Schulneubaus am Goldberg eine neue Linde.

heen
Beiträge: 366
Registriert: 23.07.2018, 10:10
Wohnort: GE-Scholven

Re: Stadtchronik 1966

Beitrag von heen »

Der Buersche Sumpf wird trocken gelegt, ein reicher Maharadscha kommt und haut ohne seinen Elefanten wieder ab.
Die Erkenntnis, dass ohne Lehrer Schulunterricht schwierig ist. Dafür komische Räder und ein sehr spezielles Osterfeuer.
Dann noch die Idee Naherholungsgebiete zu zerstören um an ferne Erholungsgebiete zu kommen und die Stadt zum interessanten Reiseziel erklären zu lassen.
Komische Sachen aus dem Frühling 1966.
Von hier: Stadtchronik 1966 (PDF, 30MB)
Stadtchronik 1966 hat geschrieben: Mittwoch, der 6. April 1966
Kultusminister Prof. Paul Mikat besucht unangemeldet das Ricarda-Huch-Gymnasium und überzeugt sich von der durch Lehrermangel hervorgerufenen schwierigen Schulsituation.

Donnerstag, der 7. April 1966
Der Springebach in Buer, der einst den Dorfgraben um Buer mit Wasser versorgte, wird wegen Überschwemmungsgefahren vollkommen eingerohrt.

Samstag, der 9. April 1966
In der Nacht zum 8. April (Karfreitag) brennt die aus dem 17. Jahrhundert stammende Scheune auf Haus Leithe, Middelicher Straße 72, aus. Die mit Eisenfachwerk versehene Mauer widerstand dem fünfstündigen Feuer.

Samstag, der 7. Mai 1966
Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung kommentiert die Argumente der Stadt für die Trassenführung der B 226 durch den Westerholter Wald (schnellere Heranführung der Bevölkerung an die Erholungsgebiete) und schreibt von einem "Witz", Naherholungsgebiete zu zerstören, um schneller in entfernter gelegene Erholungsgebiete zu gelangen.

Freitag, der 20. Mai 1966
Der Maharadscha von Mysore, Haupttierlieferant der Firma Ruhe, einer der reichsten Herrscher der Welt, stattet dem Ruhr-Zoo einen Besuch ab. Als Gastgeschenk bringt er einen kleinen Elefanten mit.

Donnerstag, der 2. Juni 1966
Sechs Primaner des Grillo-Gymnasiums haben ein "Hexatret"-Rad konstruiert, mit dem sechs Personen nach Art des Tandems radeln können.

Samstag, der 25. Juni 1966
Eine groß angelegte Image-Werbung mit Prospekten, Plakaten, Anzeigen und Pressepublikationen wird von der Stadtverwaltung gestartet. Oberbürgermeister Scharley erläutert den Plan, mit dem Gelsenkirchen als "interessantes Reiseziel" proklamiert werden soll.

Benutzeravatar
Anne Bude
Beiträge: 1294
Registriert: 16.10.2008, 19:09
Wohnort: hart an den Grenzen

Re: Stadtchronik 1966

Beitrag von Anne Bude »

Was war denn die "Redlich-Bühne in Buer" ?
Siehe 24.Februar 1966

heen
Beiträge: 366
Registriert: 23.07.2018, 10:10
Wohnort: GE-Scholven

Re: Stadtchronik 1966

Beitrag von heen »

Mit der Redlich-Bühne bin ich kein Schritt voran gekommen.
Ich vermute mal, dass die Truppe ein Tourneetheater war.

heen
Beiträge: 366
Registriert: 23.07.2018, 10:10
Wohnort: GE-Scholven

Re: Stadtchronik 1966

Beitrag von heen »

Der Bundesmeister im Wandgitterbauen kommt aus Gelsenkirchen, die CDU versucht eine Wahlkundgebung, der Zuschuß für den städtischen Ziegenzuchtbock wird erhöht.
Baumrinde nagen ist Kunst, Fahrkartenautomaten mit Fahrpreiserhöhung ist Rationalisierung und Hibernia macht komische Tauschangebote.
Seltsame Dinge im 3. Quartal 1966.
Und Fritz Rogge kommt zurück.
Von hier: Stadtchronik 1966 (PDF, 30MB)
Stadtchronik 1966 hat geschrieben: Freitag, den 1. Juli 1966
Beim Leistungswettbewerb der Handwerksjugend wird das Gesellenstück von Engelbert Fuchtmann, ein stilisiertes schmiedeeisernes Wandgitter, als beste Leistung aus dem Bundesgebiet angesehen. Fuchtmann wird die Siegerurkunde am 7. Juli in Berlin durch Bundespräsident Lübke überreicht.

Mittwoch, den 6. Juli 1966
Eine Wahlkundgebung der CDU auf dem buerschen Marktplatz mit Bundeskanzler Ludwig Erhard gestaltet sich im Zeichen der Bergbaukrise zu einem tumultartigen Hexenkessel. Sprechchöre "Raus aus Buer!" und "Abtreten!" sowie schwarze Fahnen und Spruchbänder begleiten das Spektakel. Erhard kommt kaum zu Wort. Die Kabelverbindungen zu den Lautsprechern werden unterbrochen, so daß die Kundgebung schon nach wenigen Minuten vorzeitig beendet wird. Als Erhard das Podium verläßt, singen seine zahlreichen Gegner: "So ein Tag, so wunderschön wie heute".
Während der Bundeskanzler seine Kundgebung nicht beenden kann, unterhält sich der Landesvorsitzende der CSU, Franz Josef Strauß, auf Schloß Berge privat mit Vertretern des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau, nachdem er vorher auf der Zeche Hugo eine Grubenfahrt unternommen hatte.

Samstag, den 9. Juli 1966
Wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung ermittelt, gibt es in Gelsenkirchen zur Zeit 25 Rasenflächen, auf denen der Bürger sich nach Herzenslust tummeln kann.

Dienstag, den 19. Juli 1966
Die Stadt hat die Unterhaltskosten für den stadteigenen Ziegenzuchtbock von 50 auf 60 DM monatlich erhöht. Während der Deckzeit werden 70 DM vergütet.

Donnerstag, den 21. Juli 1966
Prof. Joseph Beuys, Künstler und Kunsterzieher in Düsseldorf, diskutiert mit Schülern und Kunstfreunden im Grillo-Gymnasium über Pop-Art und Happening oder "Leben als Kunst". Nach Beuys Auffassung ist es auch schon Ausdruck von Kunst, "wenn ein Mensch an einer Baumrinde nagt".

Samstag, den 30. Juli 1966
Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn AG führt zur Rationalisierung Fahrschein-Automaten ein und erhöht den Fahrpreis um durchschnittlich 0,20 DM.

Mittwoch, den 3. August 1966
Der im Jahre 1933 vor den Nazis aus Gelsenkirchen geflohene Fritz Rogge (er baute sich in Mexiko-City einen gut florierenden Tischlereibetrieb auf), ist nach 33jähriger Emigration im Alter von 70 Jahren nach Gelsenkirchen zurückgekehrt. Er wird vom Oberbürgermeister und seinen ehemaligen Freunden der Naturfreunde-Bewegung begrüßt.

Samstag, den 20. August 1966
Frau Barbara Hermanowski aus der Nordstraße 32 in Erle vollendet ihr 100. Lebensjahr. Die Jubilarin stammt aus Groß-Budau bei Allenstein und lebt seit 1908 in Gelsenkirchen.

Donnerstag, den 25. August 1966
Beim Probealarm der 222 Sirenen funktionieren lediglich 181. Von den 41 ausgefallenen Alarmanlagen sind neun an das Alarmnetz nicht einmal angeschlossen.

Samstag, den 3. September 1966
Die Hibernia AG hat den Witwen und Pensionären, soweit sie in Werkswohnungen wohnen, ein Schreiben mit der Aufforderung zugeschickt, ihre Wohnungen zugunsten von aktiven Bergleuten zu räumen und in die wesentlich teureren Neubauwohnungen in Westerholt umzuziehen.

Samstag, den 3. September 1966
Die letzte der nach dem Krieg als Behelfswohnungen errichteten Nissenhütten, wird in diesem Monat an der Cranger Straße 455 geräumt. Sie war seit 17 Jahren noch bewohnt. Das Gelände, auf dem sich die Nissenhütte befindet, wird dem Tierheim für Tierunterkünfte zur Verfügung gestellt.

Montag, den 5. September 1966
Nach Einschreiten der Betriebsvertretung zieht die Wohnungsverwaltung der Hibernia AG ihre Aufforderung an Pensionäre und Witwen zurück, die von ihnen belegten Werkswohnungen für aktive Belegschaftsmitglieder freizumachen.

Dienstag, den 6. September 1966
Wie aus einem Bericht des Arbeitsamtes Gelsenkirchen hervorgeht, werden von den insgesamt 6.500 Belegschaftsmitgliedern der Zeche Graf Bismarck nur 500 arbeitslos. 1.300 wanderten vorzeitiv ab, 750 werden bis April 1967 auf "Graf Bismarck" verbleiben, 300 haben sich einem fremden Beruf zugewandt, 350 werden umgeschult. Alle übrigen haben sich auf anderen Zechen um Arbeitsverträge bemüht.

Freitag, den 16. September 1966
Nachdem im Jahr 1965 Silbermünzen mit dem Stadtwappen in Umlauf gekommen sind (sie erwiesen sich als kein großes Geschäft), hat die Stadt-Sparkasse einer Wuppertaler Prägeanstalt den Aufftrag zur Herstellung von Gelsenkirchen-Goldmünzen gegeben. Die drei Goldmedaillen wiegen acht, 20 und 30 Gramm und kosten 57 DM., 138 DM und 208 DM.

Dienstag, den 20. September 1966
Bei Ausschachtungsarbeiten für die Neuverlegung der Kanalisation im Zuge der Horster Turfstraße werden in der Gegend, wo ursprünglich die alte Hippolytuskirche stand, Gebeine der bis 1857 auf dem Kirch-Friedhof beigesetzten Toten der Gemeinde ausgegraben. Sie erhalten auf dem jetzigen Horster Friedhof ihre neue Ruhestatt. Auch Teile der alten Friedhofsmauer werden gefunden.

Mittwoch, den 21. September 1966
Der aus Rationalisierungsgründen bei der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG eingeführte Einmannbus stößt bei den Bogestra-Fahrern auf Widerspruch. In einem mit dem Betriebsrat abgestimmten Schreiben wenden sich 60 Einmannwagenfahrer aus Gründen der Verkehrssicherheit gegen diese Maßnahme.

Mittwoch, den 28. September 1966
Der für die Speditionsfirma Siefert bislang schwerste und außergewöhnlichste Transport begann in der Nacht zum 28. September. Eine neun Meter lange, acht Meter breite und drei Meter hohe Kranlaufkatze eines vom Werk "Orange" an die Henrichshütte in Hattingen zu liefernden Gießkrans wurde an den Bestimmungsort geschafft.

Antworten