Stadtchronik 1970

Auszüge aus den von 1936 bis 1978 maschinenschriftlich geführten Chroniken der Stadt Gelsenkirchen

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heen
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Stadtchronik 1970

Beitrag von heen »

Selbstbedienung auch bei Bus und Bahn und ein Schüler fällt auf durch schreiben. Gelsenkirchen steht nicht in den Telefonbüchern, bietet sich aber als Standort für eine Universität an. Im Knast will keiner Geschäfte machen und nach einer Woche Schnee setzt Tauwetter ein.
Das erste Quartal 1970.
Von hier. (PDF, 16 MB)
Stadtchronik 1970 hat geschrieben: Donnerstag, 1. Januar 1970
Da das alte Rathaus am Machensplatz (bis vor kurzem noch Unterkunft für den Polizeibezirk Süd) im Januar abgebrochen werden soll, fordert der Verein für Orts- und Heimatkunde Gelsenkirchen-Buer, das an der Stirnseite des Rathauses angebrachte Stadtwappen aus Mosaiksteinen abzulösen uns an anderer Stelle wieder aufzustellen.

Montag, 5. Januar 1970
Mit vier Mitarbeitern, die später bis auf 30 Angestellte erweitert werden sollen, beginnt die Entwurfsabteilung für die geplante Stadtbahn ihre Arbeit im buerschen Rathaus. Die zum städtischen Tiefbauamt gehörende Abteilung befaßt sich mit den von den Ingenieurbüros ausgearbeiteten Entwürfen.

Mittwoch, 7. Januar 1970
Infolge der Grippewelle um die Jahreswende registrierten die Standesämter allein in den ersten fünf Tagen des neuen Jahres 161 Sterbefälle.

Mittwoch, 7. Januar 1970
Zu den zehn besten Vorschlägen unter 1400 Einsendungen an den Deutschen Fußballbund für ein Symbol zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 gehört der von dem Gelsenkirchener Hobby-Zeichner Alfred Reimann (72) eingereichte "Sportsmann beim Bocksprung über die Weltkugel".

Donnerstag, 8. Januar 1970
Die Nord-Süd-Autobahn durch Gelsenkirchen mit Anbindung an die Emsland-Linie ist von Bundesverkehrsminister Georg Leber in die erste Dringlichkeitsstufe der im Zeitraum von 1971 bis 1975 zubauenden neuen Bundesverkehrsstraßen einbezogen worden. Im Bereich Bismarck soll beim Bau des Emscherschnellweges bereits die Anschlußstelle der beiden sich kreuzenden Autobahnen mit eingebaut werden.

Mittwoch, 14. Januar 1970
Die Spannungen am Schalker Gymnasium, die im Dezember 1969 zu einem mehrtägigen Schülerstreik führten, sind wieder neu entflammt. Die Schüler fordern nach wie vor die Ablösung des Schulleiters, Oberstudiendirektor Dr. Neef. Bei der Bezirksregierung in Münster sieht man jedoch in den Schülervorwürfen keinen ausreichenden Grund für die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Dr. Neef.

Mittwoch, 14. Januar 1970
Die Gelsenkirchener Jungsozialisten äußern den Wunsch, daß nach dem "Dattelner Modell" auch in Gelsenkirchen Schüler und Studenten als Bürgerschaftsvertreter an Ratsausschußsitzungen beteiligt werden.

Freitag, 16. Januar 1970
Bei einer Diskussion über das Dattelner Modell zu der die örtlichen Jungsozialisten den Bürgermeister von Datteln, Niggemeier, eingeladen haben, findet die Anregung aus Datteln wenig Resonanz bei den hiesigen Jugendlichen. Statt einer "Häppchendemokratie", wie die Teilnahme von Schülern bei Ausschußsitzungen bezeichnet wird, fordern die Besucher der Veranstaltung die Mibestimmung der Jugend.

Freitag, 16. Januar 1970
In Horst wird die ehemalige Bergmannskolonie an der Koststraße abgerissen. Die alten Backsteinbauten aus der Gründerzeit (nach 1870) waren anfangs von angeworbenen Bergleute bezogen worden.

Montag, 19. Januar
Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn AG führt den schaffnerlosen Betrieb mit Selbstbedienung durch Fahrgäste in Straßenbahnen und Bussen ein.

Samstag, 24. Januar
Eine "Kommune der Geistlichen" ist in dem nach dem Fortzug des Pastors Kattenstedt leerstehenden Bulmker Pfarrhaus eingerichtet worden. Zehn Pfarrer beider Konfessionen, darunter drei Pastorinnen, bereiten sich in dieser "Hausgemeinschaft" darauf vor, 25.000 Schüler die Fragen und Probleme der Dritten Welt nahezubringen und sie zu einer umfassenden Altkleidersammlung zu motivieren.

Donnerstag, 12. Februar 1970
Der 16jährige Grillo-Gymnasiast Klaus Peter Wolf schreibt Geschichten nach der Art barocker Schelmenromane, z. B. "Tausend Liter Wein und ein paar tote Mäuse". Seine literarischen Ambitionen werden von der Schulleitung gefördert.

Donnerstag, 12. Februar 1970
Gegen Abend setzen noch einmal starke Schneefälle ein.

Mittwoch, 18. Februar 1970
Das Winterwetter mit Frost und Schneestürmen hält nach wie vor in unverminderter Stärke an.

Donnerstag, 19. Februar 1970
In den neuen Fernsprechbüchern der Bundespost ist der Name Gelsenkirchen weder in der Bereichskarte 31 zu finden, zu der Gelsenkirchen gehört, noch steht der Name in den alphabetischen Ortskennzahlen-Verzeichnissen, die beispielsweise in den nord- und süddeutschen Ferienorten ausgelegt sind.

Donnerstag, 19. Februar 1970
Nach einer Woche Schnee setzt Tauwetter ein.

Samstag, 21. Februar 1970
Die Landesregierung hat sich mit einer von der Stadt Gelsenkirchen vorgelegten Denkschrift zu befassen, in der sich Gelsenkirchen als Standort für eine Universität innerhalb der Emscherzone anbietet.

Sonntag, 22. Februar 1970
In einer von den Bewohnern der Feldmark geforderten Diskussion über den geplanten Bau der Floatglasanlage erklärten die davon betroffenen Bürger Oberbürgermeister Josef Löbbert, daß sie alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen gedenken, um den Bau auf dem Boden der Feldmark zu verhindern. Löbbert argumentiert, daß die Anlage unbedingt notwendig sei zur Erhaltung der Arbeitsplätze bei der Delog. Die Bewohner der Feldmark wünschen auf ihrem Wohn- und Erholunggebiet keine industrielle Ausdehnung und wollen kein Ausländerviertel werden.

Mittwoch, 25. Februar 1970
Die 30 einbruchsicheren Zellen des buerschen Gerichtsgefängnisses, die bereits vor einem Monat als Geschäftsräume angeboten wurden, warten vergeblich auf Pächter. Die buersche Kaufmannschaft scheut davor zurück, ihr Geschäftsleben in den "Knast" zu verlegen.

Freitag, 13. März 1970
Hundert Mütter protestieren in einem Schreiben an Oberstadtdirektor Dr. König gegen die Schließung des Kinderspielplatzes im nördlichen Teil des Stadtgartens. Der Platz wird wegen des Baues eines Hotelhochhauses in unmittelbarer Nähe als gefährdet angesehen.

Montag, 16. März 1970
Der im Löwenpark wegen Altersschwäche eingeschläferte Löwe "Dozy" steht jetzt im präparierten Zustand am Ausgang des Safariparks.

Dienstag, 17. März 1970
Suiten und Serenaden bilden das Programm des zweiten Jugendkonzerts des Städtischen Orchesters, das allerdings mehr Musizierende als Besucher verzeichnet.

Donnerstag, 19. März 1970
Die AOK bezeichnet Gelsenkirchen als führend in Europa auf dem Gebiet der Krebsvorsorge und -früherkennung durch gezielte Aktionen, die hier bereits 1968 eingesetzt haben.

Donnerstag, 19. März 1970
Gottlieb Pillich, Kirchstraße 52, vollendet als ältester Gelsenkirchener Bürger das 103. Lebensjahr.

Freitag, 20. März 1970
Drei Gelsenkirchener Schüler, Franz Josef Dartmann, Flöte, Klaus Kämper, Cello, und Klaus Dartmann, Klavier, gewannen beim Landeswettbewerb "Jugend musiziert" einen ersten Preis. Sie erzielten ihren Erfolg mit zwei Flöten-Trios von Ignat Pleyel und Martinu. Nun steht ihnen der Weg zur Teilnahme am Bundeswettbewerb offen. Vorher (am 12. April) geben sie, zusammen mit weiteren Siegern des Landeswettbewerbs, ein Konzert im Essener Folkwang-Museum, das vom Rundfunk aufgezeichnet wird. Das Trio wird vom Soloflötisten des Städtischen Orchester Gelsenkirchen, Ingo Gronefeld, betreut.

Montag, 30. März 1970
Die Ostertage 1970 zeichnen sich durch naßkalte Schneewetter aus.

Dienstag, 31. März 1970
Den dritten Platz (hinter zwei Russinnen) belegte bei den Europa-Meisterschaften der Fecht-Junioren in Minsk (UdSSR) die 18jährige Jutta Popken vom Gelsenkirchener Fecht-Club.

heen
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Re: Stadtchronik 1970

Beitrag von heen »

Architektursoziologen werden gebraucht und ich verstehe kein Wort, wenn das Badewasser läuft. Lenin wird hundert, da fliegen Kanaldeckel durch die Luft. Jugend raus aus dem Jugendhaus, der letzte Winter war hart.
Das zweite Quartal 1970.
Von hier. (PDF, 16 MB)
Mittwoch, 1. April 1970
In der hiesigen Bekleidungsindustrie ist das gewerkschaftliche Ziel, die 40-Stunden-Woche zu erreichen, mit dem heutigen 1. April Wirklichkeit geworden.

Samstag, 4. April 1970
Die bisher seit zwei Jahren lediglich in Gelsenkirchen durchgführte Krebsvorsorgeuntersuchung wird jetzt durch NRW-Arbeits- und Sozialminister Werner Figgen zur landesweiten Aktion ausgedehnt.

Dienstag, 7. April 1970
Daß man beim Privathausbau in Zukunft neben dem Bauherrn und dem Architekten auch einen Architektursoziologen benötigt, erfahren die Teilnehmer des vorletzten städtischen Forumsgespräch durch den Mitarbeiter des soziologischen Instituts der Universität Bochum, Dipl. Ing. Lutz Heidemann.

Freitag, 17. April 1970
Die Wetterstation des Max-Planck-Gymnasiums veröffentlicht in der Buerschen Zeitung ihre Buchführung über den vergangenen Winter, der als einer der härtesten der letzten Hundert Jahre bezeichnet wird.

Montag, 20. April 1970
In einer Direktübertragung des WDR spielt das Gelsenkirchener Trio Eberhard Buschmann, Ingo Gronefeld und Monika von Saalfeld selten gehörte Werke der Kammermusik.

Montag, 20. April 1970
Der 124. Tribünenabend bringt verschiedene Werke des amerikanischen Bühnenautors Robert Anderson unter dem Gesamttitel "Ich verstehe kein Wort, wenn das Badewasser läuft".

Mittwoch, 22. April 1970
Nach zahlreichen Beschwerden der Bürgerschaft wird der eingezogene Kinderspielplatz im Nordteil des Stadtgartens wieder aufgebaut, da sich der Baubeginn des dort geplanten Hotelhochhauses verzögert.

Sonntag, 26. April 1970
Zum hundertsten Geburtstag Lenins veranstaltet der DKP-Bezirk Ruhr-Westfalen in der Gertrud-Bäumer-Realschule in Anwesenheit des Bonner Sowjetbotschafters Semjon Zarapkin sowie Delegationen aus der UdSSR und der DDR eine Leninfeier mit Ansprachen und kabarettistischen Darbietungen.

Sonntag, 3. Mai 1970
Die am Grille-Gymnasium erscheinende Schülerzeitung "Janus", die vor einem Jahr durch einige Beiträge zu Konfliktsituationen zwischen Lehrern und Schülern führte, wurde in einem Wettbewerb der Landesjugendpresse als eine der besten Schülerzeitungen des Landes ausgezeichnet.

Mittwoch, 6. Mai 1970
Zum erstenmal seit 1964 hat die Stadtverwaltung im ordentlichen Haushalt wieder einen Uberschuß erwirtschaftet. Er beträgt 2,8 Mio DM.

Mittwoch, 13. Mai 1970
Dem für Horst abgeänderten Bebauungsplan 131 (Horster Stern) fällt die Horster Mühle zum Opfer, deren jahrhundertealte Tradition von der buerschen WAZ geschildert wird: "Horster Mühle verschwindet".

Donnerstag, 14. Mai 1970
Wie die Buersche Zeitung berichtet, ist die Genehmigung für den Bau von 70 neuen Hochleistungsöfen der Kokerei Scholven an die gleichzeitige Errichtung einer Grünkulisse gebunden. Für diesen Grüngürtel müssen 53 Werkshäuser in Scholven abgerissen werden.

Sonntag, 17. Mai 1970
Im Alter von 84 Jahren stirbt der Gelsenkirchener Maler und Grafiker Hermann Peters, der in den vergangenen 50 Jahren zum Initiator vielfältiger kultureller Veranstaltungen auf der Stadtebene wurde. Bereits 1923 rief Peters eine Gelsenkirchener Kunstwoche ins Leben. Sein künstlerisches Werk ist gleichzeitig eine Dokumentation Gelsenkirchener Stadtgeschichte. Er wird im Familiengrab im oberbayrischen Ort Eschenlohe beigesetzt.

Freitag, 22. Mai 1970
Die CDU beginnt ihren örtlichen Landtagswahlkampf mit Leiterwagen und hübschen Mädchen, um die Traumgrenze von 40 v.H. an Stimmen aus Gelsenkirchen zu bekommen. ...

Mittwoch, 27. Mai 1970
Alle Horster Jugendgruppen (mit Ausnahme der Meßdiener und der Pfadfinderschaft St. Georg) werden von Pfarrer Happe aus dem Jugendhaus Horst ausgesperrt. Als Grund werden Schulden in Höhe von 5.300 DM angegeben. In Horst heißt es, die ausgesperrten Gruppen haben sich im Fall Philippek für ihren Kaplan eingesetzt. Nun streiken aus Solidarität mit den ausgesperrten Gruppen die Ministranten bei den Gottesdiensten der St.-Hippolytus-Kirche.

Donnerstag, 28. Mai 1970
Die geplante Errichtung eines Großstadions im Berger Feld veranlaßte mehrere örtliche Baufirmen, kooperativ ein Generalunternehmen zu gründen, das unter der Bezeichnung "Gelsenbau GmbH" die Möglichkeit bietet, größere Vorhaben schlüsselfertig abzuliefern. Zu der neuen Großfirma gehören die Decon-Bau GmbH (Tochtergesellschaft der Denzinger-Gruppe), die Wilhelm Jaeger KG, die Firma F. Küppersbusch und Söhne, K. Schäfer, sowie Stecker und Roggel und die Baufirma K. H. Meese, die auch den Geschäftsführer stellt. Die Gelsenbau GmbH erhofft sich durch Vorlage einer eigenen Hänge-Fachwerkkonstruktion für den Tribünenbau des Stadions den Auftrag für das Großobjekt.

Donnerstag, 28. Mai 1970
Von den 80 Ministranten der Hippolytusgemeinde bleiben 44 dem Fronleichnamszug aus Gründen ihres Solidaritätsstreiks fern. In der Gemeinde läuft zur Zeit eine Unterschriftensammlung, die der Forderung einer Gruppe von Gemeindemitgliedern auf Versetzung des Kaplans Heinrich Philippek Nachdruck verleihen soll.

Mittwoch, 3. Juni 1970
Einen eigenen Wald von inzwischen 500 Bäumen hat der ehemalige Eisenbahner Albert Knauth (64) in seinem Garten an der Graeffstraße 21 angepflanzt. Mit zahlreichen Nistkästen versehen ist dieses Privatwäldchen zu einem Vogelparadies geworden.

Donnerstag, 18. Juni 1970
An der Ecke Braukämper- und Giebelstraße explodiert beim Einbiegen in eine Tankstelle gegen acht Uhr ein mit 34.000 Litern Benzin beladener Tankzug, der ins Schleudern gerät und umstürzt. Auf einer kilometerlangen Strecke fliegen Kanaldeckel in die Luft, da das Benzin, das in die Kanalisation fließt, sich ebenfalls entzündet und explodiert. Der Fahrer des aus Hagen stammenden Tankzuges kann sich ins Freie retten. Erst gegen 17 Uhr kann die Feuerwehr abgezogen werden. Der Sachschaden wird auf 300.000 DM geschätzt. Personen sind nicht zu Schaden gekommen.

Freitag, 26. Juni 1970
Drei Wochen lang hat es nicht mehr geregnet. Die Stadtverwaltung meldet bei starker Hitze Verluste an Gehölzen, vor allem im Stadtnorden.

Sonntag, 28. Juni 1970
Die Auftaktveranstaltung zum Berger Sommerfest, das bei der Stadt mit 50.000 DM zu Buch schlägt, muß infolge einsetzenden Regens abgebrochen werden. Veranstaltungen wie der Massenstart von Brieftauben gibt es nur am Vormittag.

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