Elisabeth Käsemann

Menschen die Eindruck in Gelsenkirchen hinterlassen

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Quiqueg
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Hier meine Nachricht an die Lokalpresse

Beitrag von Quiqueg »

Elisabeth Käsemanns menschenrechtliches Vermächtnis: Sonne der Gerechtigkeit

Für den 24. Mai, 11 Uhr, lade ich auf den Ernst-Käsemann-Platz in Rotthausen zur gemeinsamen öffentlichen Erinnerung daran ein, dass sich dann zum 38. Mal der Tag jährt, an dem Ernst Käsemanns Tochter Elisabeth von Organen der argentinischen Regierung nach Wochen entsetzlicher Folter ermordet wurde.
Elisabeth war eine Kämpferin, darin war sie dem Vater ähnlich. Dank zäher Anstrengungen des Netzwerks „Koalition gegen Straflosigkeit“ unter führender Beteiligung Wolfgang Kalecks und der Familie Käsemann konnten die argentinischen Täter der Gerechtigkeit zugeführt werden. Die Bundesregierung hat das unterstützt. Dunkel liegt aber noch über der Rolle der früheren Regierung Schmidt-Genscher bei dem Verbrechen an Elisabeth. Sie scheint der Komplizenschaft nahegekommen zu sein. Eine Anfrage der Bündnisgrünen im Bundestag hat dies im Mai 2013 thematisiert. Die Antwort der Regierung zeigt, wie weit das Auswärtige Amt auch unter Minister Steinmeier noch davon entfernt ist, dieses finstere Kapitel aufzuarbeiten.

Nunca más“ – Nie wieder! Unter diesem Wahlspruch haben Regierungen und Gesellschaften Lateinamerikas beispielhafte Arbeit geleistet. Nie wieder Folter! Möge der Pfingstsonntag den Auftakt dazu bilden, dass sich religiös und bürgerschaftlich gebundene Gelsenkirchener/innen nun gründlicher und offensiver mit dem menschenrechtlichen Vermächtnis der Käsemanns befassen. „Widersteht!“ hat Ernst Käsemann „als mein letztes Wort und mein Erbe“ 1996 anlässlich seines 90. Geburtstages seinen Zuhörern zugerufen. An der Pflege dieses Erbes möchte ich mitarbeiten, wo immer dies gewünscht oder hingenommen wird.

Bis dahin meine Pressemitteilung. Ich freue mich über jeden der kommt. Nach persönlichen Ansprachen und Ansprechversuchen gab es bisher eher verhaltenen Rückenwind, hatte ich den Eindruck. Mir läge "in menschenrechtlicher Absicht" an nachhaltiger Kooperation, Vorführung von Filmen, gemeinsamer Durchsicht von Unterlagen, Informationsbeschaffung, Teamarbeit.

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Rüdiger Georg
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Re: Hier meine Nachricht an die Lokalpresse

Beitrag von Rüdiger Georg »

Quiqueg hat geschrieben: Dunkel liegt aber noch über der Rolle der früheren Regierung Schmidt-Genscher bei dem Verbrechen an Elisabeth. Sie scheint der Komplizenschaft nahegekommen zu sein. Eine Anfrage der Bündnisgrünen im Bundestag hat dies im Mai 2013 thematisiert. Die Antwort der Regierung zeigt, wie weit das Auswärtige Amt auch unter Minister Steinmeier noch davon entfernt ist, dieses finstere Kapitel aufzuarbeiten.

Bis dahin meine Pressemitteilung. Ich freue mich über jeden der kommt. Nach persönlichen Ansprachen und Ansprechversuchen gab es bisher eher verhaltenen Rückenwind, hatte ich den Eindruck. Mir läge "in menschenrechtlicher Absicht" an nachhaltiger Kooperation, Vorführung von Filmen, gemeinsamer Durchsicht von Unterlagen, Informationsbeschaffung, Teamarbeit.
Bedenke der Geister die du rufst!

In den 70er Jahren befand sich die Bundesregierung im Kampf gegen einen sog. Links-Terrorismus näher an der Seite argentinischer Militärs als an amnesty, medico international etc.

Das ist heute nicht viel anders.
Auch heute werden Bürger nicht ausreichend vor Übergriffen im Namen der "Terrorbekämpfung" geschützt.

Eine Aufklärung im Fall Käsemann hiesse Licht ins Dunkel bundesdeutscher Terrorismusbekämpfung zu tragen. Nicht das Auswärtige Amt, eher das Innenministerium hat ein Interesse daran das nach dem Vesubio-Prozess "die Akte Käsemann" verschlossen bleibt.
Nächstenliebe ist ein Tuwort.

Quiqueg
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Noch einmal: Pfingstsonntag 2015, 11 Uhr, ist der Termin

Beitrag von Quiqueg »

Für diese Uhrzeit habe ich mich auch deshalb entschieden, weil sie Kirchgänger-innen der Emmausgemeinde, dem „Wandernden Gottesvolk“, um mit Ernst Käsemann zu reden, Gelegenheit gibt, gleich nach dem Gottesdienst den Ernst-Käsemann-Platz aufzusuchen – falls gewünscht.

Die heutige WAZ ist prall gefüllt mit Artikeln und Kommentar zu „Hilflos vor leeren Kirchenbänken“. Häme wäre verfehlt, Ratschläge von außen allenfalls in vorsichtiger Form am Platze. Aber:

„Die Leute bleiben aus den Kirchen doch nicht bloß deshalb weg, weil es zu viel kritische Theologen gibt. Ist nicht besonders im Luthertum das Leitbild des Untertanen entwickelt worden, der vor der Obrigkeit kroch und Speichel leckte? Haben wir nicht zu schreien vergessen? „

Dies stammt von Ernst Käsemann, es ist von 1968. Ich weiß, beim Zitieren muss man aufpassen, ich führe dies hier nur an, weil es dazu anspornen könnte, sich nachhaltiger auch
mit Elisabeth Käsemanns menschenrechtlichem Vermächtnis zu befassen.

Ein deutliches Zeichen im öffentlichen Raum wäre hilfreich, meine ich. deshalb wünsche ich mir eine Elisabeth-Käsemann- Straße auch in Gelsenkirchen. Tübingen hat sie längst. Meine persönliche Favoritin ist die Pastoratstraße, die sich dann mit neuen Namen im Briefkopf des Kirchenkreises wiederfände. Ich höre, dass manche im Kirchenkreis einen idyllischen Ort vorziehen würden. Das verstehe ich. Aber Idylle ist nicht alles. Und Elisabeth Käsemann war in erster Linie eine Kämpferin

Für Freiheit und mehr Gerechtigkeit in einem von ihr geliebten Lande

wie ihre Eltern im Juni 1977 schrieben.

Quiqueg
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Eine Petition an den Bundestag ?

Beitrag von Quiqueg »

Folgendes ist ein Entwurf. Ziemlich lang, aber das Material ist auch extrem umfangreich. Über das Rechtliche - passt dies in Artikel 44 des Grundgesetzes hinein, was sagt das einschlägige Bundesgesetz dazu? - bin ich mir noch nicht im klaren. Gibt es - zugegeben, hier müsste noch einiges erläutert werden - schon Meinungen, könnte sich jemand vorstellen, die Petition zu unterstützen? Die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Bündnisgrünen, die sich in dieser Sache sehr verdient machen, meine ich, ist auf der Website des Bundestages unter 17/ 13816 abzurufen.

An den Deutschen Bundestag
Petitionsausschuss
Platz der Republik 1
11011 Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,
Hierdurch wende ich mich an den Deutschen Bundestag mit der Bitte zu beschließen:

Es wird ein Untersuchungsausschuss eingesetzt. Er hat den Auftrag folgende Fragen zu klären, die Gegenstand der Kleinen Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN vom 17-5-2013 – Drucksache 17 / 13630 – waren, von der Bundesregierung am 7-6-2013 – Drucksache 17 / 13816 – aber nicht substantiiert beantwortet worden sind.

Vorab die Vorbemerkung der Bundesregierung:
„Im Mordfall Elisabeth Käsemann wurden die Täter am 14.Juli 2011 zu lebenslänglichen bzw. langjährigen Haftstrafen verurteilt. Verurteilt wurde auch (Ex-Staatspräsident) Videla, der am 17. Mai 2013 in der Haft verstorben ist. Die Bundesregierung beteiligte sich an dem Verfahren Käsemann als Nebenklägerin, auch im Verfahren zweiter Instanz. Dies unterstreicht ihr hohes Interesse an einer Aufarbeitung der Geschehnisse. Sie hofft, dass in den laufenden Prozessen weitere Schicksale geklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können. Sie steht bereit, die argentinischen Strafverfolgungsbehörden hierbei zu unterstützen. Sie hat zudem in der Vergangenheit die deutschen Ermittlungsbehörden in vielfältiger Weise unterstützt.

Die weltweite Achtung der Menschenrechte ist integrales Element der deutschen Außenpolitik. Das Auswärtige Amt macht seine entsprechenden Akten der Öffentlichkeit zugänglich. Zahlreiche Wissenschaftler und Journalisten haben sie bereits eingesehen.
Die Bewertung des Handelns früherer Bundesregierungen bleibt Aufgabe der historischen Forschung. Die (jetzige) Bundesregierung stellt hierfür in Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen ihre Archive zur Verfügung.

Vorbemerkung des Petenten: All das betrifft Bemühungen, argentinische Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Bemühungen sind verdienstlich. Erst recht gilt dies für die „langwierige, zähe, mühsame Anstrengung“ (so Elisabeth Käsemanns Schwester Dr. Eva Teufel), jene Täter der Gerechtigkeit zuzuführen, und es gilt nicht minder für den Einsatz der 1998 gegründeten „Koalition gegen Straflosigkeit“, eines Netzwerks aus Kirchen, juristischen Vereinen und Solidaritätsorganisationen unter führender Beteiligung von Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck. Dieser hat erklärt:

„Ich war selbst mehrere Tage dort vor Gericht. Es spielt eine große Rolle, wenn man den Opfern zuhören muss. Es ist sehr hart, denn den Schilderungen kannst du nicht entkommen, sie lassen dir keine Ausflucht. Die Familie Käsemann möchte, dass der Fall in Argentinien so erfolgreich wie möglich betrieben wird. In der Solidaritätsbewegung waren Familie Käsemann und die Mutter von Klaus Zieschank (Annemarie, verstorben 1999) zentrale Figuren.“


Jedoch: So ehrenwert sich die Bundesregierung bei der Verfolgung argentinischer Täter verhält, so unbefriedigend bleibt ihr Verhalten, wo es um deutsche Mitverantwortliche geht. Dies hat nichts mit der „Bewertung des Handelns früherer Bundesregierungen“ zu tun, welche der historischen Forschung überantwortet werden soll. Hier geht es nicht um die Bewertung von Sachverhalten, sondern zunächst um deren Aufklärung. Dazu möchte die Petition beitragen. Im Einzelnen:

Zusatzfrage zu 10
- Elisabeth Käsemann wurde in der Nacht zum 9. März 1977 in ihrer Wohnung in Buenos Aires von Organen der Militärdiktatur ergriffen und in das Folterzentrum Campo Palermo verschleppt
- Mitte Mai verbrachten die Militärs sie in ein anderes Folterzentrum: „El Vesubio“ in einem Außenbezirk der Stadt gelegen. Dort wurde sie weiter gefoltert und – wie andere weibliche Gefangene – sexuell attackiert
- Am Abend des 24. Mai, einem Dienstag, wurden 16 Insassen des Folterlagers darunter Elisabeth Käsemann – gefesselt zu einem ländlichen Anwesen transportiert und in das dort gelegene Landhaus gebracht.

- Anschließend wurde Militär in die nun stockdunklen Räume geschickt mit dem Auftrag, die Gefangenen zu erschießen. Das wurde erledigt und anschließend die Leichen der Ermordeten vor den Eingang des nahe gelegenen Friedhofs geworfen.

- Am folgenden Tage - Mittwoch, dem 25. Mai 1977- berichtete die größte Zeitung des Landes, Clarín, in einem fast ganzseitigen Artikel:

Es seien 16 „Subversive“ bei einem Geheimtreffen in jenem Landhaus überrascht und bei einem anschließenden Feuergefecht getötet worden. Die meisten hätten identifiziert werden können, darunter „Isabel Kaserman alias Cristina, Abgesandte der IV. (trotzkistischen) Internationale, ausländische Staatsangehörige.“ „Isabel“ ist die spanische Version von „Elisabeth“. (Eine deutsche „Marlis“ wird beispielsweise „Marie Isabel“ gerufen). Es drängte sich unabweisbar auf, dass jene „Isabel“ niemand anders war als Elisabeth Käsemann. -

Dieselbe Ausgabe des Clarín enthielt auch die Nachricht: „Nos invaden los Alemanes“, zu Deutsch etwa: „Invasion der Deutschen“: Just am 24. Mai war nämlich die deutsche Fußballnationalmannschaft zur Vorbereitung eines auf Sonntag, den 5. Juni angesetzten Freundschaftsspiels eingetroffen.

Der Tod Elisabeth Käsemanns wurde einen Tag nach dem Spiel, am 6. Juni, zwei Wochen (!) nach dem Mord und dessen Bekanntgabe in Argentiniens größter Zeitung der deutschen Öffentlichkeit mitgeteilt.

Warum? Hat der Botschafter und/oder das Botschaftspersonal und/ oder unser Auslandsnachrichtendienst die Zeitung gelesen und sich über besagten Artikel Gedanken gemacht? Wie auch immer, auf jeden Fall ist über die Professionalität des zuständigen Ministers und seines Personals im Umgang mit lebenswichtigen Fragen nachzudenken. Muss hier vielleicht nachgerade von einer Komplizenschaft mit den Tätern gesprochen werden? Bevor dazu – gegebenenfalls wertend – etwas gesagt werden kann, müssen die Sachverhalte geklärt werden.

Frage 14: Welches waren die konkreten Gründe dafür, dass die Zeugin Diana „Austin“ (richtig wohl: Houston, gesprochen Hausten) für unglaubwürdig erklärt wurde? Worin bestand der "nachträglich erkannte Übermittlungsfehler?" Wie kam es zu ihm? Was folgt daraus für die Professionalität des regierungsamtlichen Vorgehens, etwa gar für eine an Komplizenschaft grenzende Gleichgültigkeit verantwortlicher Personen?

Frage 17 Warum hat die damalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Dr. Hildegard Hamm-Brücher, noch am 7.September 1977 auf die schriftliche Frage des Abgeordneten Gert Weiskirchen (SPD) vom 11. August 1977 erklärt, es gebe keinen Anlass, an der argentinischen Darstellung zu zweifeln, Elisabeth Käsemann sei bei einer „terroristischen Operation“ in einem „Feuergefecht mit Sicherheitskräften gefallen“?

Dazu der Filmemacher Frieder Wagner: „ Bei der Recherche schrieben wir auch Frau Hildegard Hamm-Brücher an, die ehemalige Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, die im Oktober 1977 im Bundestag den Abgeordneten zu diesem Fall Rede und Antwort stand und gut mit der Problematik vertraut war. Ich erwartete mir gerade von ihr, der großen Liberalen, Unterstützung und nach so vielen Jahren – sie war ja inzwischen schon in Pension – ein offenes Wort. Am 26. Februar schickte sie mir folgendes Fax: Leider kann ich Ihnen in Sachen Elisabeth Käsemann nicht weiterhelfen. Ich verfüge ‚im Ruhestand‘ über keinerlei Unterlagen mehr. Ich tat damals alles in meinen Kräften stehende. Für Stellungnahmen kann ich deshalb nicht zur Verfügung stehen.


Frage 19: Trifft es zu – Ja oder Nein - dass Botschafter Jörg Kastl im Sommer 1976 einen Geheimerlass bekommen hat, von Genscher unterschrieben: „Wir wissen, er (Klaus Zieschank) ist tot, und diese Nachricht haben Sie bei sich zu behalten, auch unter Androhung Ihrer sofortigen Abberufung.“ - Die Antwort der Bundesregierung - ein entsprechendes Schriftstück habe sich nicht gefunden - reicht nicht. Dass Botschafter Kastl sich seine Angabe aus den Fingern gesogen hat, ist nicht eben wahrscheinlich. Der damalige Außenminister steht als Zeuge zur Verfügung.

Nachbemerkungen des Petenten
(1) „Wenn ich damals mit den oft über 80-jährigen deutschen Müttern gesprochen habe, die in dieser grausamen Diktatur ihre Söhne und Töchter verloren haben und sie fragte: Haben Ihrer Meinung nach die Diplomaten damals wirklich ‚alles Menschenmögliche‘ getan? Dann lächelten mich diese alten Frauen ein wenig müde an, schüttelten den Kopf und sagten: “Ach hören Sie doch auf, die haben gar nichts getan, jedenfalls nicht, als unsere Kinder noch lebten – als man sie noch hätte retten können. - Welcher Untersuchungsausschuss wird sich mit diesem Tatbestand beschäftigen? Welche Politiker wären bereit, endlich ihr Schweigen zu brechen und ihr Gewissen zu erleichtern?“ (Frieder Wagner)

Persönliches Wort des Petenten: Ich fühle mich nicht berufen, Anderen ins Gewissen zu reden. Als ich allerdings im Juni vergangenen Jahres Erik Friedlers „Das Mädchen“ sah, war mein Eindruck: Dohnanyi und Hamm-Brücher sagen achselzuckend: „Ich war’s nicht, Genscher war’s.“ - Genscher sagt: „Ich sage nichts“.- Die Bundesregierung erklärt sich für unzuständig; zuständig sei die historische Wissenschaft. – Bliebe noch Helmut Schmidt. Diesem gebührt, wenn ich mir diese Einschätzung erlauben darf, hoher Respekt. Eben deshalb wünsche ich mir von ihm ein „verantwortungsethisches Wort“

gelsenjung
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Beitrag von gelsenjung »

Toller Beitrag, aber Fragen über Fragen...........
Genießen Sie Shakesbier? Ja Klar, wenn nix anderes da ist!

Quiqueg
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Sonnenaufgang?

Beitrag von Quiqueg »

Gestern erhielt ich zu meiner großen Freude folgende Mail:

"Ich schreibe Ihnen im Namen von Wolfgang Kaleck in Bezug auf Ihren Brief und Ihre geplante Petition an den Bundestag in der Sache der Ermordung von Elisabeth Käsemann.
Vielen herzlichen Dank für Ihre Initiative und den Entwurf. Herr Kaleck kann sich eine Unterstützung Ihrer Petition sehr gut vorstellen.
Allerdings erscheint die Petition ihm an einer entscheidenden Stelle unvollständig: Die größte Verantwortung der damaligen Bundesregierung im Zusammenhang mit deren Nicht-Handeln in der Zeit zwischen Elisabeths Käsemanns Verhaftung und deren Ermordung, und dieser Komplex sollte in der Petition auf jeden Fall erwähnt werden. In diesem Zusammenhang sind das Buch „Menschenrechte und Außenpolitik. Bundesrepublik Deutschland – Argentinien 1976 – 1983 von Konstantin Thun (Hg.) Horlemann Verlag, Bad Honnef, 2006 und die Filme „Todesursache Schweigen“ von Frieder Wagner und Elvira Ochoa-Wagner (BRD 2003) sowie „Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?“ von Eric Friedler (BRD 2014) sehr aussagekräftig. Mit freundlichen Grüßen Simon Rau Assistant to the Secretary General oft he ECCHR (kaleck@ecchr.eu) Zossener Straße 55-58 D-10961 Berlin"

Ich habe diese Mail an einen spontan zusammengestellten Verteiler, in dem auch der OB nicht fehlt, mit folgendem Kommentar weitergeleitet:
Liebe Kirche, liebes Gelsenkirchen, Sonnenaufgang? Ich freue mich sehr über die zustimmende Äußerung von RA Kaleck und die von ihm in Aussicht gestellte Unterstützung. Wegen der „entscheidenden Stelle“ möchte ich nacharbeiten. Allerdings: Unter „Frage 14“ ist dieser Punkt bereits berührt. Meine vorläufige Einschätzung: Dass im Argumentativen sauber und vollständig gearbeitet wird, ist wichtig, und dem will ich Rechnung tragen. Nicht minder wichtig ist aber, dass hier vor Ort Bewegung entsteht, die auch in Berlin und anderswo wahrgenommen wird. Dass also nicht nur Kaleck unterstützt, sondern Gelsenkirchen, Kirche voran, Bündnisgrüne, LINKE, Volksparteien usw. „Von der Pastorat- zur Elisabeth-Käsemann-Straße“, davon bin ich mehr denn je überzeugt. Sicher kann auch ich mir einen idyllischeren Ort vorstellen, aber geht es darum?

Ich möchte jetzt vom Einseifen zum Rasieren übergehen, sprich: Die Petition in absehbarer Zeit herausgeben. Freilich nicht überstürzt. Mit Pfarrer Neuhaus waren wir schon darüber einig, dass ein Vortrag (mit Ausschnitten aus dem Film „Zwei Tage“ stelle ich mir vor, keine schlechte Sache wäre. Konstantin Thun (und einiges weitere) wollte ich längst gelesen haben, aber das soll nicht hindern, die Petitionsmaschine vorher anzuwerfen. Ich hatte mich auch um Kontakt zu den hiesigen Bündnisgrünen bemüht, die haben sich zustimmend bei mir gemeldet. Stellvertretender Bezirksbürgermeister Klein war am 24. Mai auf dem Ernst-Käsemann-Platz mit dabei, erkennbar von der Person Elisabeth Käsemann sehr berührt.

Ich bitte um Verständnis: Nicht alles obige ist bereits aus sich heraus verständlich. Ich habe eine Vielzahl von Gesprächen geführt, darauf nimmt meine Mail teilweise Bezug, unter anderem auf meinen - noch nicht auf großen Zuspruch gestoßenen - Vorschlag, die Pastorat- in Elisabeth-Käsemann-Straße umzubenennen.

Es gibt eine Menge zu berücksichtigen und zu bedenken: Gezerre und Hickhack vor Ort - aber auch vieles was mit Elisabeth Käsemanns Einsatz für die Benachteiligten zu tun hat. Ich habe mir vorgenommen, mich zu den vielfältigen und komplexen Fragen rund um die Petition in den folgenden Tagen an dieser Stelle gleichsam häppchenweise zu äußern. Ich bin zuversichtlich, dass dies interessiert und dass es die entscheidend wichtige Bewegung vor Ort auslöst. Einiger Zuspruch ist ja bereits zu spüren, freundschaftliche Kritik bleibt hochwillkommen. Ideen, Vorschläge .... alles.

Quiqueg
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Wasserstandsmeldung

Beitrag von Quiqueg »

An der Petition „Untersuchungsausschuss“ möchte ich feilen, auch wegen der Hinweise von Rechtsanwalt Kaleck, aber nicht nur ihretwegen.

Wen soll der Ausschuss genau wozu befragen? Warum ist das wichtig? Entscheidend sei – so Kalecks einleuchtender Hinweis – die Phase, in der Elisabeth Käsemann noch hätte gerettet werden können. Das ist am ehesten der Zeitpunkt, als ihre Freundin Diana Houston, aus dem Folterlager Campo Palermo entlassen, in New York angekommen war: Ende März 1977. Da konnte sie erzählen und sie hat erzählt. Aber Auswärtiges Amt und Regierung haben nicht zugehört, sie haben Elisabeth Käsemanns furchtbarem Schicksal seinen Lauf gelassen.

Ein zweites, zum Fall Klaus Zieschank: Die Notiz Genschers an Botschafter Kastl: „Wir wissen, Zieschank ist tot, das haben Sie für sich zu behalten, sonst werden Sie abberufen.“ Die ist nicht bei den Akten, sagt jetzt die Bundesregierung. Also: Entweder Kastl hat das erfunden – extrem unwahrscheinlich. Oder: Das Schriftstück ist verschütt gegangen – mehr als bedenklich. Oder: Im Auswärtigen Amt wurde geschreddert – ich wage es nicht zu denken, aber die Berichte der diversen NSU-Untersuchungsausschüsse lassen inzwischen auch das Undenkbare möglich erscheinen.

Quiqueg
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Henkern und Militärs nicht das letzte Wort lassen

Beitrag von Quiqueg »

„Die war doch gar keine Gelsenkirchenerin“, ist gelegentlich noch zu hören, mit einem Unterton von „Was haben wir mit der zu tun?“ Darauf antwortet bereits die Geschichte der Familienbildungsstätte, von alledem war hier ja schon die Rede, und die nötigen Links sind hier auch zu finden.

Zweifellos gebührt Elisabeths Eltern, Margrit und Ernst, ein Platz in der kollektiven Erinnerung der Stadt. Und die kann nicht zwischen Elisabeth und ihrer Familie trennen. Sonst gäbe sie sich den argentinischen Militärs nachträglich geschlagen. Die wollten die Familien treffen, sie ganz besonders. Dies war der Sinn des Verschwindenlassens. Elisabeths Eltern haben darauf geantwortet, als sie im Juni 1977 die Beerdigung ihrer Tochter anzeigten: „Ermordet von Organen der argentinischen Militärdiktatur gab sie ihr Leben für Freiheit und mehr Gerechtigkeit in einem von ihr geliebten Lande. Ungebrochen im Wollen mit ihr einig, tragen wir unseren Schmerz aus der Kraft Christi.“

Ernst Käsemann später (1985): „Und so definiere ich heute die Kirche Jesu Christi als die Widerstandsbewegung des erhöhten Herrn auf dieser Erde gegen seine Gegner. Dazu gehören für mich nicht nur Helmut Kohl und früher Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher, sondern gehören auch die argentinischen Politiker und gehört auch Ronald Reagan. Sie sind für mich die Repräsentanten der Gegner Jesu Christi auf Erden, denen wir auf Erden zu widerstehen haben.“

Und an anderer Stelle: „Mir geht es nicht um Rache für die Ermordung meiner Tochter. Ich will sie nicht als Märtyrerin sehen und verteidigen. Ich möchte jedoch dass ihr Tod die Augen für die Realitäten in diesem zauberhaften Land öffnet, das zugleich ein Inferno beherbergt. Ich möchte Henkern und Militärs nicht das letzte Wort lassen.“

„Nicht die Asche aufbewahren, die Flamme am brennen halten“ hat Gustav Heinemann gesagt. Auch in Gelsenkirchen. Und zwar als Mitmachveranstaltung. So verstehe ich Elisabeth Käsemanns Vermächtnis.

Quiqueg
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Frage 14 - Niemals wieder eine solche Antwort!

Beitrag von Quiqueg »

Hier eine Art Werkstattbericht, ich arbeite weiter an der Petition, warte auf Äußerungen dazu, welcher Art auch immer, und setze auf Bewegung in unserer GE Gesellschaft.

Frage 14 lautet: Wie erklärt das Auswärtige Amt, dass die Zeugin Diana Austin (richtig wohl: „Houston“, gesprochen „Hausten“) für unglaubwürdig erklärt wurde ohne von der Botschaft persönlich vernommen worden zu sein?

Dazu die Bundesregierung verantwortet durch Bundesaußenminister Steinmeier:
„Nach Aktenlage hat Diana Houston Austin (sic!) Argentinien nach ihrer Haftentlassung verlassen. Durch Vermittlung der evangelischen Kirche erhielt das Auswärtige Amt Aussagen der Zeugin in schriftlicher Form zur Kenntnis. Aufgrund eines (später erkannten) Übermittlungsfehlers entstanden Scheinwidersprüche in den Aussagen der Zeugin, die Anlass zu Zweifeln an der Zuverlässigkeit der Zeugin gaben.“

Ob dieser Antwort fällt es schwer die Fassung zu bewahren. Als ginge es um eine belanglose Kleinigkeit! Darf ein Parlament so mit sich umspringen lassen? Müssen sich die Fragesteller nicht verhöhnt vorkommen? Was immer zu dem Übermittlungsfehler geführt und worin immer die Scheinwidersprüche bestanden haben mögen, die amtlichen Fehlgriffe von damals sind heute nicht mehr zu reparieren. Jetzt kann es nur noch darum gehen, das menschenrechtliche Vermächtnis Elisabeth Käsemanns zu bewahren. Nunca más – Nie wieder! So lautet der Wahlspruch der Gesellschaften Lateinamerikas. Er richtet sich auch an unser Land, meinen nicht nur viele Gelsenkirchener.

Wie und von wem wurde Frau Houstons Darstellung nach ihrer Ankunft in New York erfasst und festgehalten? Durch wen und auf welchem Wege wurde sie dem Amt übermittelt? Was hat dessen Bedienstete davon abgehalten, sich persönlich mit Frau Houston zu unterhalten? Ich darf nachdrücklich anregen, zu alledem Ex- Außenminister Hans-Dietrich Genscher zu befragen, außerdem diejenigen Angehörigen seines Amtes, die mit dem Fall Käsemann befasst waren.

Hier noch Frau Houstons Bericht in Frieder Wagners „Zwei Tage“, von mir – der lebendigen Unmittelbarkeit wegen – teilweise in einem Gemisch aus dem englischen Originaltext und der dazu gesprochenen Übersetzung wiedergegeben:

"Als der Putsch kam, wollte ich politisch nichts mehr mit irgendeiner Organisation zu tun haben. Aber ich war bereit, für die gerechte Sache zu arbeiten, um Leute herauszubringen, deren Leben in Gefahr war. Um das zu erreichen, arbeiteten wir zusammen, besorgten Dokumente, die gefälscht werden konnten, um Leute aus dem Land zu bringen. Am 7. März 1977 waren wir bei mir zu Hause. Wir wussten beide, dass etwas schiefgehen konnte, that things were pretty tight. Natürlich hatten wir auch immer noch diese Unbekümmertheit, die einem sagt, Nein, mir wird schon nichts passieren. Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen um 8 zum Frühstück. Aber sie just didn’t turn up.

Houston beschließt, in ihrer Wohnung auszuharren, Flucht wäre zwecklos – und da kommen sie auch, öffnen sofort gewaltsam die Tür.

"Die Absicht einer solchen Aktion ist die völlige Einschüchterung, und das erste was sie taten war mich auf den Boden zu werfen und mir eine elastische Binde über meine Augen und Ohren zu ziehen. Und sie begannen mich zu treten und mir auf dem Kopf herumzuschlagen und sie brüllten Fragen. Es waren ungefähr 15 bis 20 Leute. Sie zerstörten alles, meine persönlichen Sachen, meine Schallplatten, mein ganzes Leben löschten sie innerhalb einer Stunde aus."

Sie bringen Diana Houston zum Kommissariat des 1. Armeekorps, aus dem sie am folgenden Tage entlassen wird mit der Auflage, das Land zu verlassen und dem Befehl zu schweigen, der Geheimdienst werde sie überall zu finden wissen. „Sie schleppten mich die Stufen herunter, es war eine Art Kellergeschoss. Ich hörte Elisabeths Schreie aus einem anderen Zimmer, sie wurde mehr misshandelt als ich, mit Elektroschocks, Schlägen and I don’t know what. Ich war überwältigt von diesem Geruch von verbranntem Fleisch und von diesen Schreien. Ein Mensch kann viel vergessen, aber Töne und Gerüche bleiben im Gedächtnis. Später in New York konnte ich zwei Jahre nicht mit der UBahn fahren. Etwas in der Luft erinnerte mich an diesen Geruch. Ich weiß nicht, was es war, mir drehte sich einfach der Magen um.

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Minchen
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Beitrag von Minchen »

Fernseher an!
"Das Mädchen" jetzt auf 3Sat.
Kassandra war doch eine furchtbare Populistin.

Das ist die Seuche unserer Zeit: Verrückte führen Blinde.
(Shakespeare, König Lear)

Erler Mädel
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Beitrag von Erler Mädel »

wiederlich!
man hätte sollte aber.... verlogene und feige Politiker damals wie heute. DFB und FIFA ducken sich lieber statt zu protestieren. was zählt schon der Mensch wenn
es ums Geschäft geht.
In aller Welt wird berichtet was in Katar abgeht aber sie reagieren wieder nicht.
Der damalige Botschafter ist die Krönung.

Quiqueg
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Zurück aus Buenos Aires

Beitrag von Quiqueg »

Dort war ich für drei Wochen, seit dem 15.10. bin ich wieder hier. Gesprochen habe ich unter anderem mit dem Menschenrechtsbeauftragten der Deutschen Botschaft, mit Frau Luisa Wettengel, der Schwester eines Verschwundenen Deutschen, habe einiges an Literatur erworben (unter anderem über die Geschichte der Madres die ich natürlich auch aufgesucht habe. Elisabeth Käsemanns letzte Wohnung war, wenn ich das nicht falsch verstanden habe, Piedras 1763 gewesen, fußläufig von meinem Hotel zu erreichen, die Menge an Material zum argentinischen Staatsterror ist ungeheuer (530 Stunden Videoaufzeichnungen aus einem Prozess sind nur ein kleiner Ausschnitt.

Für mich geht's jetzt um's Weglassen, bzw. um Auswahl dessen, was wirklich relevant ist. Ich habe das Gefühl, ich komme damit recht gut voran.

Quiqueg
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Recht ist keine Geheimwissenschaft

Beitrag von Quiqueg »

Die Bundesregierung möge ihr eigenes (Fehl-) verhalten, ihr Nichtstun in den Fällen der Deutschen aufarbeiten, welche die argentinische Militärdiktatur hatte „verschwinden lassen“. Sie möge sich nach nahezu vierzig Jahren nun endlich dafür entschuldigen. Dies fordern viele, die Linke, Bündnisgrünen in ihren Kleinen Anfragen an die Bundesregierung, auch die Gelsenkirchener Familienbildungsstätte fordert dies seit jeher. Die Bundesregierung entzieht sich:" Wir haben uns nachhaltig bei der Verfolgung der argentinischen Täter engagiert. Das muss reichen.“

Halten wir zunächst fest, dass sie tatsächlich an dieser Stelle gute, geradezu vorbildliche Arbeit geleistet hat und weiterhin leistet.

Wolfgang Kaleck: „Man muss auch sagen, wer von Anfang an diese Fälle ganz stark unterstützt hat, war das Bundesjustizministerium, erst unter der FDP, und dann vor allem unter der Ägide von Herta Däubler-Gmelin. Das Auswärtige Amt verhielt sich von Anfang an abwartend, weil sie dort das Gefühl hatten, sie stünden ein Stück weit selbst unter Anklage. Das hat sich mittlerweile geändert und sie sind sehr aktiv in den heutigen Verfahren.“

Aber reicht das? Kann man sich mit der gebetsmühlenartig wiederholten Erklärung beruhigen, die da lautet: Das Verhalten der Regierung Schmidt-Genscher zu bewerten, sich gar dafür zu entschuldigen oder diese Dinge auch nur aufzuklären, sei Sache der historischen und der politischen Wissenschaft, sowie der Publizistik. Die Akten des Amtes stünden dazu nach Maßgabe des Archivgesetzes zur Verfügung, und von dieser Möglichkeit sei auch vielfach Gebrauch gemacht worden.

Bliebe es dabei, würde man sich weiter im Kreis drehen. Ich persönlich halte das Ausweichen der jetzigen Bundesregierung (Merkel-Steinmeier) nicht für legitim. Aber hat es Sinn, immer wieder dieselbe Auseinandersetzung zu führen? Oder gibt es einen Ausweg? Ich meine, es gibt ihn. Er wird gewiesen
durch den Untersuchungsbericht des Geheimdienstausschusses des US-Senats über das Internierungs- und Verhörprogramm der CIA

(nach September 2011) unter dem Vorsitz von Senatorin Dianne Feinstein erarbeitet und im Januar dieses Jahres in Deutschland als Buch veröffentlicht unter dem Titel „Der CIA Folterreport“

Und zwar, halten wir dies fest, unter der Regierung Obama. Wenn die das Verhalten der Regierung George W. Bush untersuchen kann, was hindert dann einen Ausschuss des Deutschen Bundestages, hier und jetzt – zu Zeiten der Regierung Merkel-Steinmeier – das Verhalten der Regierung Schmidt-Genscher zu untersuchen?
Der Aufwand wäre nicht gering, aber er wäre überschaubar. Denn in den Fällen der deutschen Verschwundenen haben die argentinische Justiz, die hiesige Koalition gegen Straflosigkeit und andere Nichtregierungsorganisationen, mittlerweile auch mit Unterstützung der europäischen Union, vorgearbeitet, besser gesagt, sie alle haben bereits gewaltige Arbeit geleistet.

Vielleicht kommt ein mit rechtlichen und politischen Mitteln (und so breiter und kompetenter Unterstützung wie irgend möglich) angestrebter Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages im Falle der deutschen Opfer des argentinischen Staatsterrors zu einem ähnlichen Ergebnis wie der Untersuchungsausschuss des US-Senats bei den Folterungen in Guantánamo. Abu Ghraib und anderswo. Sie „richteten für das Ansehen der USA unermesslichen Schaden an“, so Senatorin Feinstein (aber der wäre noch größer, würden diese Dinge weiter unter der Decke gehalten).

Vielleicht lässt ein deutscher Untersuchungsausschuss zu Deutschland-Argentinien 1976-1982 aber auch nur die Tatsachen sprechen. Wichtig wäre, die Sachverhalte zu klären: Ex-Bundeskanzler Schmidt zu befragen und vor allem Ex-Außenminister Genscher, Ex Staatssekretärin Hamm-Brücher, Ex Staatssekretär v. Dohnanyi, um so der unwürdigen Posse einer organisierten Verantwortungslosigkeit ein Ende zu machen: Dem „Wir waren’s nicht, Genscher war’s“ der Staatssekretäre und dem „Ich sag nichts“ Genschers.

So viel für den Anfang. Ich möchte demnächst für alle, die dies interessieren sollte, weiter berichten: Über die Mütter von der Plaza de Mayo in Buenos Aires, über weitere Erinnerungsarbeit in Argentinien, die sich in letzter Zeit (mit Unterstützung der Europäischen Union) auch sehr mit den Verbrechen an Frauen befasst. Schreckensgeschichten, so grausig, dass man zögert, sie wiederzugeben. Aber es muss wohl sein. Demnächst also Näheres.

Für jetzt nur noch eine „Hommage“ an die 2003 verstorbene Dorothee Sölle, eine seelische Stütze der Familie Käsemann in einer Zeit, die man sich nicht schwer genug vorstellen kann.

Quiqueg
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Maternidad Clandestina

Beitrag von Quiqueg »

heißen die Entbindungen in der ESMA – dem Folterzentrum Escuela Mecanica de la Armada in Buenos Aires. Ich übersetze (holprig, aber wohl verständlich) aus dem Prozessbericht vom 10-12-2013 in CELS Blogs = http://www.cels.org.ar/blogs/
Ausgesagt haben Victoria Donda (und drei weitere Zeugen) alle geboren während der Gefangenschaft ihrer Mütter, welche verschwunden bleiben.
Der Schwangerenraum, so nannte sich die Abteilung, wo die Entbindungen stattfanden, befand sich im dritten Stockwerk des Offizierskasinos. Die ESMA verfügte über ein Team von Ärzten und Pflegepersonal, die bei den Entführten gynäkologische Untersuchungen durchführten und später Geburtshilfe leisteten. Die Ärzte waren beispielsweise Jorge Luis Magnacco, Carlos Octavio Capdevilla und Rogelio José Martinez Pizarro. Bevor die Neugeborenen von ihren Müttern getrennt wurden, stellte man Babyausstattungen zusammen und man ließ die Mütter Briefe schreiben, die angeblich den Kindern zu den Familien mitgegeben werden sollten, aus denen sie stammten. Aber der Bestimmungsort der Babys war ein anderer, denn nach wenigen Tagen wurden die Mütter „verlegt“ (Umschreibung für „umgebracht“).und die Neugeborenen wurden familienfremden Personen übergeben.
Bis jetzt haben 109 der annähernd 500 angeeigneten Enkelkinder ihre Identität zurückerlangt dank der unermüdlichen Arbeit der Gesellschaft der Großmütter der Plaza de Mayo, welche in die von der CELS angeführte Klage eingeflossen ist. Hunderte Familien kennen bis heute nicht die Schicksale ihrer in der Gefangenschaft geborenen Kinder, Enkel, Schwiegerkinder oder Geschwister.
Maria Hilda Perez de Donda, genannt „Cori“ war Kämpferin („militante“) in der peronistischen Jugend und den Montoneros. Am 28. März 1977, als sie im fünften Monat schwanger war, wurde sie von Personen der Luftwaffe entführt, die sie zunächst zum Kommissariat Castelar und dann zur ESMA verschleppten, wo sie zwischen Juli und August Victoria Donda Perez zur Welt brachte. Nach etwa zwei Wochen wurde Maria Hilda durch das Personal der Luftwaffe „verlegt“ und drei Tage später wurde ihre Tochter aus der ESMA gebracht.
Victoria, geboren in der Schwangerenabteilung und als leibliches Kind der Eheleute Juan Antonio Azic und Noemí Ester Abtego unter dem Namen Claudia Amalia Leonora Azic registriert, erlangte ihre wahre Identität 2004 zurück, als sie erfuhr, dass sie die Tochter von Maria Hilda und José Donda (letzterer ebenfalls ein Verschwundener) ist. In der Verhandlung vom 4. November .berichtete sie, eine andere Entführte, Lidia Vieyra , habe ihr erzählt, sie habe bei der Geburt assistiert, dass die Geburt glatt verlief, obwohl sie viel geschrien habe und dass sie drei Tage bei ihrer Mutter geblieben sei. Sie erfuhr auch dass ihre Mutter ihr die Brust gegeben habe, bis Hector Febres sie aufforderte, einige Briefe zu schreiben, die sie angeblich ihrer Großmutter bringen wollten und dass Febres ihr Babykleidung brachte, die er für sie gekauft hatte.
Victoria, als sie davon erfuhr: „Zuerst wollte ich keine DNA machen, vielmehr Ja, ich wollte schon, aber es war schwer, sich dafür zu entscheiden. Ich begann Bücher der Großmütter der Plaza de Mayo durchzusehen und Gesichter der Schwangeren zu betrachten und als ich das Foto meiner Mama sah, war mir klar, dass ich ihre Tochter war.“ Schließlich, nachdem der DNA-Test gemacht worden war, erhielt sie am 8. Oktober 2004 das Resultat, den Tag ihrer Geburt erfuhr sie nicht. „Ich bin dankbar, dass ich das Wort für die ergreifen kann, die sich nicht verteidigen konnten.“

Ich füge hinzu:
Victoria Donda ist Mitglied des Parlaments der Argentinischen Republik, sie hat auch bei der jetzigen Wahl kandidiert. Ich habe von ihrem Infostand einen Flyer mit nach Hause genommen.
Mit dem Schicksal Elisabeth Käsemanns hat dies nichts zu tun, sie und Victorias Mutter sind sich nicht begegnet, Elisabeth war nicht in der ESMA, sondern ab dem 8. März zunächst im Folterkeller der Militärstation Campo Palermo, der Hölle, wie es allgemein hieß (Ecke Avenida Santa Fé und Bulrich falls jemand auf Google Earth nachsehen möchte) und dann im nicht weniger schrecklichen Vesubio. „Erinnerung an die Hölle“ heißt ein Buch des Gewerkschafters Federico Watts, der 1978 dort gefoltert und nach einigen Monaten – auch dies kam vor – entlassen wurde.
Die heimlichen Geburten, der Raub der Kinder und die Ermordung ihrer Mütter – das wird Niemanden kalt lassen, Leser nicht, Leserinnen schon gar nicht. Wer sich für das menschenrechtliche Vermächtnis Elisabeth Käsemanns einsetzen will – und ich setze natürlich auf Zuspruch aus Gelsenkirchen, wird auch durch diese (500) Schicksale bewegt werden, anders ist es nicht vorstellbar, da bin ich sicher

Quiqueg
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Vive la France

Beitrag von Quiqueg »

Auf die Gefahr hin, mir eine Rüge wegen Missbrauch von Freds einzufangen, aber in der Gewissheit darüber, wie unsere User- und Lesergemeinde heute fühlt und denkt, möchte ich empfehlen:

Youtube am 19. Januar 2015: In der Nationalversammlung der Französischen Republik Gedenkminute an die Opfer des Terrors gegen Charlie Hebdo, danach spontan die Marseillaise.

Wer sich noch einmal die bekannte Szene aus Casablanca ansieht, macht, glaube ich, ebenfalls nichts falsch. Auch nicht bei verschiedenen Filmen von und über Edith Piaf, erst recht nicht, wenn beim Suchwort außer "Piaf" und "Marseillaise" noch "la Mome" eingegeben wird.

Die Europahymne gibt es bei Youtube in zahlreichen Versionen. "Flashmob Nürnberg 2014" ist für mich die schönste

Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit! – Es lebe Frankreich! – Es lebe Europa!

Zum Kampf gegen den Terror, hier den Regierungsterror noch dies über Argentinien 1976 – 1982:
Neben den hunderten Stunden Videoaufzeichnungen der Prozesse gegen Videla und andere gibt es auf www.espaciomemoria.ar Ausschnitte mit Schlüsselszenen (die zu Beginn der Verhandlung in den Gerichtsaal einziehenden Zeuginnen und Zeugen - Überlebende, Angehörige - Schilderungen aus (beispielsweise) El Vesubio (der Zeuge Watts), der Schlussvortrag des Staatsanwalts und der darauf einsetzende Beifallsorkan: der Schrei nach Gerechtigkeit.

Ähnlich wird es 1947 im Landgericht Essen zugegangen sein:
„Größere Aufmerksamkeit erregte die Verhandlung gegen die „rechte Hand“ des Gestapoleiters Tenholt, den (Gelsenkirchener) Kriminalbeamten Gustav Gorray. Am letzten Verhandlungstag kam es zu Tumulten mit den anwesenden Frauen der hingerichteten Opfer..." (Historische Spuren vor Ort, Gelsenkirchen im Nationalsozialismus, ISG Schriftenreihe Bd. 3, S. 30).

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