Marlies Niehues: Kötter werden Kumpels

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Marlies Niehues: Kötter werden Kumpels

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Eine Familiengeschichte aufgeschrieben von Marlies Niehues

1: Kötter werden Kumpels
1870, Die Niehues-Brüder kommen nach Gelsenkirchen

Heinrich I Niehues (ca *1840) stammte aus Werne / Lippe im Münsterland. Er und seine 3 Geschwister verloren sehr früh ihre Eltern, die als Kötter dort gelebt und gearbeitet hatten. Die Kinder wurden in alle Winde zerstreut: als erster der Familie verließ Heinrich I, wegen seiner roten Haare der "raue Hinnik" genannt, das Dorf Werne, wo er als Knecht gearbeitet hatte. Er war sehr jähzornig und hatte seinen Bauern mit einer Sense tätlich bedroht und attackiert. Zu Fuß wanderte er bis Hamm, dann bis Wanne und später nach GE, um im Bergbau Arbeit zu finden. Er fing bei der Zeche Pluto (Schacht Wilhelm) als Bergmann an.

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Das Kirchhelle-Haus an der Erdbrüggenstraße

1871 erwarb Heinrich Niehues das Grundstück Erdbrüggenstr. 86-88 und das Haus, das damals schon darauf stand, das jetzige Kirchhelle-Haus (Foto). Dieses Haus, erbaut wahrscheinlich 1868, war nur 3/4 so groß wie das heutige Vorderhaus, es war nur der östliche Teil des heutigen Gebäudes. H. kaufte es von einem jüdischen Makler, der damals in der Hüller Mühle ganz in der Nähe wohnte. Die Straße hieß 1895 "Horster Straße". Der Stadtteil "Auf der Horst" grenzte am heutigen Marienhof an die "Braubauerschaft", den heutigen Haverkamp. Ab 1903 hieß die Straße "Marienstraße", ab 1937 "Erdbrüggenstraße".

Das Foto zeigt Hinniks Haus #88 im Jahre 1918, auf der Haustreppe sein Sohn Hermann und dessen Frau Emma, umgeben von Hausbewohnern und Nachbarn. Das Schaufenster ist für den kleinen Laden, der eine Zeitlang dort war. Auf dem Gehsteig vor Hinniks Haus ist ein überdachter Brunnen gebaut mit einer Welle, an der man an einer Kette den Wassereimer hinunterlassen konnte. Daneben stehen hohe Ulmen. Im Hintergrund sieht man den Stall des Nebenhauses und den Giebel des Hauses, in dem seit etwa 1908 Kleine Omas Familie, die Smoczyk-Familie wohnte (davon wird später noch gesprochen werden.), dahinter Engels Haus.

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Das Grundstück vom rauen Hinnik erwies sich als zu groß und sicher auch zu kostspielig für ihn. Sein Bruder Johann I Niehues (ca *1845) war verheiratet mit Elisabeth Schwert. Heinrich überredete ihn, aus Werne nach GE zu kommen, und verkaufte ihm das Grundstück Erbrüggenstr. 86. Das Ehepaar kam wahrscheinlich mit Sack und Pack in GE an und mit der Aussteuertruhe auf einem Pferdefuhrwerk.

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Elisabeth Schwerts Aussteuertruhe

Wilhelm und ich haben sie gemeinsam restauriert, eine Runddeckel-Truhe aus Eichenholz. Die Eckverbindungen sind ohne Leim, Schrauben oder Nägel gezinkt, sodass man das hübsche Schwalbenschwanz-Muster sieht. Die 4 Bretter des Deckels sind mit Holzstiften auf dem Rahmen befestigt. Der Deckel bietet in seiner Wölbung zusätzlichen Stauraum, vielleicht für plusterige Federbetten?
Gebeizt ist die Truhe in 2 Brauntönen, in einer einfachen, aber wirkungsvollen hell-dunkel Farbigkeit. Aus dem Holz der Vorderseite sind in Flachrelief Ornamente ausgehoben. Besonders beeindrucken mich die zwei großen Augen, die wahrscheinlich über die Dinge in der Truhe wachen und Diebe abschrecken sollen.

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Hier sieht man den Brunnen vor dem Haus des "Rauen Hinnik" irgendwann in den Jahren vor Kriegsbeginn 1939. Ida Kirchhelle, eine Enkelin von Hinnik, holt gerade Wasser. Die Stämme der Ulmen sind deutlich dicker geworden, sie wurden einige Zeit später gefällt. Auf der anderen Straßenseite stehen Haus und Stallungen des Kötters Meier, die inzwischen längst verschwunden sind. Im 2. Weltkrieg bot hier ein "Splittergraben" den Anwohnern ein bisschen Schutz vor Bombensplittern.

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Eine Tafel am Haus des "Rauen Hinnik" erzählt uns ...

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2: Zwei Brüder, zwei Häuser

Auch Hinniks Bruder Johann I fing auf Schacht Wilhelm als Bergmann an und wohnte zunächst im Haus seines Bruders. Er begann, dicht dabei ein eigenes Haus zu bauen und arbeitete 1874-76 an dem Hausbau auf dem Grundstück #86. Es entstand ein Fachwerkhaus, wie es heute (2001) noch da steht. Das Grundstück #86 war damals größer, es gehörte noch der Streifen Land bis etwa Hinniks Hauseingang dazu.

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Der tägliche Weg zur Zeche

Schon bevor das neue Haus fertig war, wurde Johanns und Elisabeths erster Sohn Heinrich II geboren, und zwar in Hinniks Haus, das andere war noch im Bau. Später kam noch ein 2. Sohn dazu: Johann, genannt Jänsken, der Friseur wurde und einen Friseurladen gegenüber der heutigen Haverkamp-Apotheke hatte. Dieser Jänsken änderte die Schreibung seines Familiennamens. Er machte aus "Niehues" den Namen "Niehus" und tilgte damit das typisch westfälische Dehnungs-e hinter dem u, wie es auch in Namen wie Soest, Flaesheim, Oer-Erkenschwick, Coesfeld und Buer vorkommt. (Von ihm stammt Wilhelms Dielenkommode.)

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Notgeld der Stadt Düren aus dem Jahr 1919

Möglicherweise bezieht sich der Bergmann auf die gesamtpolitische Lage: 1919 begann der Ruhrkampf und damit gab es viele Streiks auch bei den Bergarbeitern. Um der Wirtschaft aufzuhelfen und da Kohle zu den Reparationsleistungen zählte, sollte der Bergmann Kohle fördern. Dies wurde von den Bergarbeiterverbänden und vom Staat unterstützt. (Dank an Helga Dill, Ontario, Canada)

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Johanns Haus, Marienstraße 86

Johanns I Haus ( Nr 86 ) wurde 1876 fertig, Es war erheblich höher und größer geraten als Heinrichs I ( Nr 88 ). Also kaufte der raue Hinnik von seinem Bruder den schon erwähnten Streifen Landes wieder zurück und erbaute darauf eine Erweiterung seines Hauses, dass nur noch die Gasse die beiden Häuser trennte, wie es auch heute ist (Foto oben). Der Garten des neuen Hauses hat aber weiterhin heute dieselbe Breite wie damals: er beginnt gleich an der Rückseite der westlichen Hälfte von Hinniks Haus. Nach und nach kamen bei beiden Häusern weitere Anbauten, Ställe, Scheunen (Schoppen) dazu.

Ein sehr schönes Foto rechts vom Haus Marienstraße 86 mit den alten Ulmen und dem Herz-Ornament über der Haustür, etwa 1915. Einige Kinder von Heinrich II Niehues/Anna Gertz stehen an der Treppe, u.a. Hennes (Wilhelms Vater) mit Heini (Mitte), wo auf dem Foto daneben im April 1940 der kleine Wilhelm seine Schultüte zeigt.

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Um neben Johanns Lohn von der Zeche zusätzliche Einkünfte zu haben, vermieteten die beiden Eheleute später den Dachboden an sog. Kostgänger. Das waren Bergleute, die unter primitiven Verhältnissen dort hausten und von Elisabeth beköstigt wurden. Elisabeth hatte als junge Frau einen Unfall, als sie beim Putzen des Fensters über der Haustüre rücklings auf die steinerne Treppe vor dem Haus stürzte und sich die Wirbelsäule verletzte. Ohne medizinische Behandlung brachte ihr das einen verkrümmten Rücken ein.

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Kostgänger-Zimmer unterm Dach, irgendwo im Ruhrgebiet

Die Fugen zwischen den Dachpfannen sind mit Mörtel verputzt, nicht nur mit Stroh abgedichtet, wie meistens üblich. So beißen Wind und die Kälte nicht gar so sehr.

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Anfangs gehörte der heutige Haverkamp zur Gemeinde St. Franziskus Bismarck. 1923 wurde er eine eigene Gemeinde: Heilige Dreifaltigkeit. 1926 konnte die neue Pfarrkirche eingeweiht werden, die der bekannte Architekt Franke entworfen hatte, der auch Heilig-Kreuz in Ückendorf baute.

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Portal Heilige Dreifaltigkeit

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Haverkämper Kirchgänger in den 50er Jahren, links Opa Smoczyk

Viele Haverkämper haben am Bau der Kirche mitgearbeitet .
2001 nun wurden Franziskus und Dreifaltigkeit wieder wie einst zusammengefasst. E i n Pastor ist der Pfarrer für beide Gemeinden.

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früher Marienstra0e, heute Erdbrüggenstraße 86

Kleine Omas Haus im Jahr 1993.
"Erdbrüggen" hieß ein mit Erde aufgefüllter Knüppeldamm im Tal des Emscherbruchs über den Kinnbach. An der Häuserzeile der gegenüber liegenden Straßenseite senkte sich das Gelände in ein Sumpfgebiet Richtung Deichstraße ab. Im Sommer wuchsen hier Gras und Binsen, im Herbst/Winter wurde es sumpfig, und bei Frost und Schnee kamen die Kinder gern zum Rodeln und Eislaufen hierher.

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3: Spiele im Sommer, im Winter

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Blick von Kleine Omas Haus in die Marienstraße in Richtung auf den Turm der Dreifaltigkeits-Kirche. Links das Haus vom Anstreichergeschäft Gertz an der heutigen Erdbrüggenstraße, rechts geht es in die Grünstraße, dazwischen liegt das Haus von Kaspar Schmitz. Der rief nicht selten durch die nächtliche Stille: "Lisbeth, mak op! Hier is Kasper, din Schätzken!", wenn er sternhagelvoll vor seinem verschlossenen Haus stand.

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Viele Kinder, aufgereiht vor dem Scheunentor an der Gasse, im Innenhof des Kirchhelle-Hauses, gegenüber Kleine Omas Pumpenhof. 3 Niehues-Kinder von Anna Gertz-Heinrich Niehues sind dabei: 3. v. links Mariechen, vor ihr Fine, ganz rechts vorne Heini.

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Schlittschuhlaufen auf der zugefrorenen Wiese am Kinnbach. Das Gelände lag hinter der Häuserzeile, wo heute Stefans Haus steht. Es senkte sich in Richtung Deichstraße ab, im Sommer eine Wiese mit Binsen, Gras und Schilf, im Herbst sumpfig. bei Frost eine Eisfläche. Rechts Pullemann, dann Heini Gossling, das kleine Mädchen vorne ist Hermine, Schwester von Heinrich Kirchhelle.

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4: Das Darlehen

Wahrscheinlich um seine Erweiterungsbauten zu finanzieren, musste Johann Niehues aus Werne sich später Geld leihen. Aus dem Jahr 1891 gibt es dieses handschriftliche Dokument über ein

  • Darlehen an den Bergmann Johann Niehues,
    gewährt von dem Landwirt Theodor Hahlheger

    Eine Mark kassiert - Gelsenkirchen den 17 Januar 1891
    Unterschrift und Stempel unleserlich

    Ich, der unterzeichnete Bergmann Johann Niehues (hier ist der Name Niehues zuerst falsch ohne e nach dem u geschrieben, dann verbessert) in Braubauerschaft wohnhaft, bekenne hiermit, von dem Landwirte Theodor Hahlheger in Braubauerschaft, ein baares Darlehen von Eintausendzweihundert Mark erhalten zu haben.

    Ich verpflichte mich, dieses Darlehen vom 1. Januar dJs. ab mit 4% jährlich zu verzinsen, die Zinsen in halbjährlichen Raten am 1. Juli und 1. Januar jeden Jahres zu entrichten, das Kapital auch nach einer beiderseits jederzeit freistehenden sechsmonatlichen Kündigung zurückzuzahlen.

    Gelsenkirchen, den 17. Januar 1891
    Johann Niehues
----------------------------------------------------------------------------------------------------
  • Herr Johann Niehues
    zahlte am 17 Januar 1900 das Kapital von Eintausendzweihundert Mark nebst Zinsen zurück.
    Th. Hahlheger
    Braubauerschaft den 17/ 1. 1900

    Königliche Gerichtskasse

    Am 14. September 1892 ist der Kostenbetrag von 4 Mark für die Löschung im Grundbuch Geschäftsnummer Bd III A 4 " heute richtig gezahlt worden".
--------------------------------------------------------------------------------------.
  • Quittung
    Kosten der Löschungsquittung Niehues-Niehues vom heutigen Tage mit 10,30 Mk geschrieben.
    Zehn Mark 30 Pfg habe ich heute erhalten, worüber ich hiermit quittiere.
    Gelsenkirchen, den 13. Mai 1905
    für Justizrat Greve Verkamp o. ä.

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5: Hochzeitfotos

Der "raue Hinnik", Heinrich I aus Werne/ Lippe hatte das Haus #88 1871 gekauft, und Johann I Niehues baute dann #86 später (1874-1876) daneben.

Die Brautbilder zeigen ihre Söhne, die Vettern Hermann (Sohn vom rauen Hinnik) und Heinrich II Niehues (Sohn von Johann), beide geboren in Hinniks Haus, das zuerst fertig war.

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In #88 wohnten später Hermann Niehues mit seiner Frau Emma Merten (die ängstlich blickende Braut scheint zu denken: "Ich muss hier weg!!!")


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und in #86 Heinrich II Niehues mit Anna Gertz ("der Megaschleier"). Sie sind Wilhelms Großeltern väterlicherseits.

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Emma und Hermann heirateten am 26. Oktober 1887

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6: Das Gertzhaus

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Die Eltern von Anna Gertz, Ehefrau von Heinrich II Niehues, waren Bauern, ihr Fachwerkhaus stand am Knick der Erdbrüggenstrasse, rechts, wo es in den heute türkischen Teil der Straße geht, inmitten von Wiesen und Feldern, die an das Zechengelände von der Zeche Consol grenzten. Dort war der "Busch", in den die Hühner spazierten und dann allabendlich zurückgeholt werden mussten.

Anna und Heinrich besuchten von der Erdbrüggenstrasse 86 aus mit ihren Kindern (u.a. Johann, Heinrich III, Fine) gern die Großeltern Gertz, wo es dann oft Mehlpfannkuchen gab, die der kleine Johann III besonders mochte. Ungeduldig tapste er in der Küche herum, bis sein Großvater (Foto rechts) ausrief: "Seht ihn da, den dicken Amtmann!" -

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Der Bauer oder Kötter WilhelmGertz, Vater von Anna Gertz

Nachkommen von Wilhelm Gertz

1 Wilhelm Gertz * 9 Januar 1844 in Herten
oo Gertrud Siebert + 9 September 1880 in GE

......2 Anna Gertz - + 1919 in Gelsenkirchen
.........oo Heinrich II Niehues * 10 Mai 1874 in Gelsenkirchen + 3 Mai 1946 in Gelsenkirchen

.........3 Johann II Niehues 1902 - 1972 in Gelsenkirchen
............ooMaria Smoczyk *20 März 1902 in Bottrop + 5 Januar 1995 in Gelsenkirchen

...................4 Wilhelm Niehues 1934 - b: 7 April 1934 in GE- Haverkamp
......................ooMarlies Marnach 1936 - b: 17 April 1936 in GE-Schalke

Wilhelm Gertz verkaufte seinen Grundbesitz später an die Zeche Consolidation. 1907 entstanden beiderseits der Erdbrüggenstraße je 6 Häuser für 6 Mietparteien, damals Bergarbeiter aus Ostpreußen, heute überwiegend türkische Familien.

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Beitrag von Verwaltung »

7: In der Marienstrasse

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Die Marienstraße in den 20er Jahren, seit 1937 Erdbrüggenstraße

Auf der Postkarte sieht man die Marienstraße in Gelsenkirchen, ab 1937 Erdbrüggenstraße, in den 20ern. Rechts steht das Fachwerkhaus von Feitel, davor geht der Weg zur Sandkuhle, später Tangastraße. Hinter dem Feitel-Haus halb verdeckt steht Kleine Omas Haus (war das früher weiß gestrichen? ist wohl retuschiert?), also das Haus das Johann I 1874-76 erbaute, dahinter verdeckt und niedriger das dunkle Kirchhelle-Haus, das Haus, das der raue Hinnik 1871 kaufte. Und dahinter, nicht mehr sichtbar, steht das Haus, in dem Opa&Oma Smoczyk samt Kindern wohnten, das Engels gehörte. Die Smoczyks waren die Eltern der Kleinen Oma. Sie waren aus Westpreußen, aus der Gegend von Posen, ins Ruhrgebiet eingewandert.

Links, wo später die Grünstraße anfing, stehen die Häuser von Piechkamp und Jänsken Niehus, dem Friseur ohne e im Familiennamen.

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Eine Kommode aus Jänskens Frisiersalon!

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Das Foto zeigt dieses Haus, unsere Kleine Oma steht ganz links bei der "Gang" davor, ihre Stiefmutter Katharina Ladrowski in weißer Schürze auf der Treppe.

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Seine rosigsauberen Schweine schliefen stets in einer Ecke des Stalls und benutzten die andere Ecke als Klo ! Ihren "Schweinepott" kochte Opa Franz so appetitlich, dass seine Enkelkinder darauf lauerten, wenn er alles zum Abkühlen draußen in den Hof stellte. Dann stibitzten sie sich die kleinen heißen Pellkartoffeln heraus und verschmausten sie.

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Die echt hübsche, lustige Smoczyk-Family, Kleine Oma wieder ganz links, rechts von ihr Sofie und Käthe, davor Josef (links) und Vinzenz, ganz hinten v. l. n. r. Johann, Franz und Opa Smozcyk, der Vater von Kleine Oma.

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Beitrag von Verwaltung »

8: Die kleine Oma

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Sophies Erstkommunion, Kleine Oma ganz links, mit ihren Geschwistern und Halbgeschwistern, dahinter die Eltern Käthe Ladrowski und Franz Smoczyk

Die Familie unserer Kleinen Oma war aus der Gegend von Posen in Westpreußen ins Ruhrgebiet eingewandert, weil ihr Vater hier im Bergbau Arbeit fand. Der Name "Smoczyk" (polnisch) bedeutet etwas Ähnliches wie "Schnuller". Echt lieb und passend für die "Kleine Oma". Sie wurde in Bottrop geboren und wuchs auf in der Marienstraße in Gelsenkirchen.

Schon als kleines Mädchen verlor sie ihre Mutter Antonie. Bei der Einschulung ging niemand mit ihr zur Schule, sie musste sich allein beim Rektor anmelden. Sie hatte keine Kindheit, sondern musste arbeiten ohne Zeit zum Spielen. Ihre Stiefmutter Käthe Ladrowski verbrannte Marias Spielsachen im Ofen, damit nichts sie von der Arbeit ablenkte.

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Nach dem 1. Weltkrieg, zur Zeit der Inflation (um 1920), arbeitete sie in Baarn, in den Niederlanden.

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Dort lernte sie Eberhardt kennen, von dem sie noch im Alter einen goldenen Siegelring mit dem Initial E trug. "Ich hätte besser ihn heiraten sollen..." sagte sie manchmal zu mir.

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Glückseliges Christfest
wünscht diese Weihnachts-Karte,
ein Souvenir Marias an die Christmette 1925
in der Kathedrale von Haarlem bei Amsterdam.


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Sie war der heiterste, ehrlichste Mensch, den man sich denken kann, mit einer nüchternen, realistischen Weltsicht. Und anspruchslos und tüchtig war sie! Sie schaffte es mit Sparsamkeit und Fleiß, alle Schulden zu tilgen, die auf dem Haus lasteten. Und ihr Kartoffelsalat und ihre Klöpse (Frikadellen) sind unerreicht in die Geschichte eingegangen. Sie war mir die liebste Schwiegermutter der Welt.

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Maria Smoczyk, unsere Kleine Oma, und Johann III (Hennes) Niehues heirateten im Jahr 1927. Sie bekamen 3 Kinder: Rosemarie, Wilhelm und Annegret und später 9 Enkel.

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Wilhelm behauptet, sie sei ihren Kindern zuweilen eine strenge Mutter gewesen. Ich weiß es nicht, sicher war sie mit schwerer Arbeit und vielen Problemen belastet. Und ihr Verhältnis zu den Enkeln? Sie war immer geduldig und verständnisvoll zu ihnen. Jetzt, wo die unmittelbare Verantwortung von ihr genommen war, amüsierte sie sich über die kleinen Streiche der Enkelkinder. Wilhelm sagte gern: "Stefan kann mitten auf den Tisch kacken. Die Kleine Oma wird dabei stehen und Beifall klatschen:"

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Kleine Oma und 2 ihrer Enkel: Stefan mit Kaugummi und Christian

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Ein paar von Omas Sprüchen:

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(Zu Wilhelm, wenn er mit Handwerkszeug hantierte) "Willi, tu dich nich verkröppen!" -

(zu ihren Enkeln) "Ihr seid noch jung, ihr müsst noch kämpfen! hi hi!" -

(Beim Lesen einer Todesanzeige, als sie selbst über 80 war) "So alt war der schon, 72? Wurde auch Zeit, dass er wegkam!"

Wenn ihre Töchter sie zu einer Autofahrt überreden wollten, sie aber deren Fahrkünsten nicht traute: "Dann warte, ich will mir eben noch saubere Wäsche anziehen!" Damit sie nach einem evtl. Unfall ordentlich aussah im Krankenhaus oder ... in der Leichenhalle.

Ihre Enkel gaben ihr übrigens den Ehrennamen "Maria Capone" - und bewunderten sie, weil sie so kaltblütig und "cool" war.

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Beitrag von Verwaltung »

8: Stefans Haus

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Auf dem Foto sieht man v.r.n.l. Heini, Vater Müller, Hermann Müller und
Wilhelm (im unfertigen Fenster hockend).


Noch vor der Währungsreform (1948) erwarb Heini von der Stadt GE das Grundstück #93 günstig in Erbpacht. Der Architekt Wahle plante das Haus streng quadratisch, d.h. er viertelte die Grundfläche für Treppenhaus und die 3 Zimmer. Eine Baugrube musste man nicht ausheben, weil das Gelände zum Kinnbach hin abfiel, nur die Bankette mussten geschachtet werden. Danach begannen die Maurerarbeiten. Das ging nur in kleinen Schritten, weil das Material aus Bauruinen herangeholt werden musste. Pro geputzten Ziegelstein zahlte Heini 3-4 Pfennige. Die Buntheit der verschiedenen Steinsorten sieht man gut auf dem Foto. 2-3 Jahre lang lag der Rohbau still, ein beliebter Abenteuerspielplatz für Kinder, auch für Wilhelm, damals 14 Jahre alt. Im Mai 1951, als Heini Else Brinkmann heiratete, war der Bau bis auf den Außenputz fertig. Im selben Jahr noch wurde das Haus verputzt. Heini füllte dann den abfallenden Garten mit Schutt auf und kippte obendrauf Mutterboden. Leider wurde später der größte Teil des Gartens betoniert, um dadurch 3 Auto-Stellplätze zu erzielen.

Heute wohnen hier unser ältester Sohn Stefan und seine Frau Isa mit ihren Kindern, unseren Enkeln Anneke, Johann, Paul.

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Heinis Haus in den 50ern

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Beitrag von Verwaltung »

<table><tr><td>Bild</td><td>Um das Jahr 1890 arbeitete am gleichen Ort Stefans Urgroßvater, der Ingenieur Heinrich Marnach, ein Spezialist für Eisenhüttenwesen und Gießereitechnik, für die

[center]Gelsenkirchener Gussstahl u Eisenwerke
vormals Munscheid u Co Gelsenkirchen[/center]

So steht es auf dem Sockel dieser Figuren von Gießerei-Arbeitern. Vermutlich ein Werksgeschenk an Heinrich Marnach. (Die Rechtschreibreform ist also doch nicht nagelneu? Gussstahl?)
</td>
<td>
Bild
</td>
</tr>
</table>

Bild
Das Stahlwerk an der Munscheidstraße. Diese Luftaufnahme von der Bochumer Straße aus stammt aus dem Jahre 1930.
Foto: "Wissenschaftspark Gelsenkirchen", http://www.wipage.de

Heinrichs ältester Sohn Max erzählt in seinen Erinnerungen:
"Seinen Aufschwung verdankte das Werk dem Bergbau und der damals erst im Entstehen begriffenen Köln-Mindener-Eisenbahn, die im Mai 1847 den Bahnhof Gelsenkirchen in Betrieb nahm. Neue technische Verfahren wurden entwickelt, so benutzte man z.B. zur Ausmauerung der Schächte bisher Mauerwerk, das nunmehr durch Tübbings (Bergmannssprache für gusseiserne Schachtringe) ersetzt wurde, die erstmals bei Munscheid gegossen wurden. ... Hier im Herzen der Eisenhütten-Industrie und des Kohlebergbaus erhielt der Ingenieur Heinrich Marnach erste Anregungen für sein späteres Spezialgebiet, die Gießereitechnik im Dienste des Ruhrkohlebergbaus."

<hr>
??? Was bedeutet

Tübbings - Tunnelring, Schachtring (Bergmannssprache, vergl.engl. tube für Röhre und U-Bahn)

Kaue - verwandt mit Koje und Käfig, entlehnt vom Lat. cavea = eingefriedigt - bedeutet in der Bergmannssprache Gebäude über dem Schacht, insbesondere der Wasch- und Umkleideraum für den

Kumpel
- verwandt mit Kumpan aus Lat. cum pane 'Brotgenosse' - gemütliche Anrede (engl.-am. pal, buddy) für Bergleute, Kollegen, Freunde aus dem

Pütt - Bergwerk, (rhein. und westfälisch, vergl. engl. pit für Grube).

Kötter
- Bewohner eines Kotten (vergl. engl. cottage), einer Kate = kleinen Hauses

Quelle: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache

<hr>
In der Rheinelbestraße

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Springbrunnen von Wilm T. Klaas

Die Familie Marnach mit ihren Kindern bewohnte von 1890 bis 1893 das Haus Rheinelbestraße 16. Max, der Älteste, erzählt darüber, mehr als 7 Jahrzehnte später:

" ... es war ein Einfamilienhaus im Landhausstil, mit Garten und großem Springbrunnen, auf dessen Eisfläche im Winter die älteren Marnach-Kinder ihre ersten Versuche im Schlittschuhlaufen unternahmen. ...

Besonders ein Ereignis machte auf mich als Kind tiefen Eindruck. Durch einen Rohrbruch in der Hauptversorgungsleitung des Werkes in der Rheinelbestraße war die ganze Gegend überschwemmt, die Keller unter Wasser gesetzt und die 5 Stufen der steinernen Treppe vor unserem Haus überflutet, so dass der Verkehr nur mit eilig herbeigeschafften Kähnen aufrecht erhalten werden konnte. ...

An der Rückseite des Hauses zum Garten hin lag ein geräumiger buntverglaster Wintergarten. Ihm gegenüber, durch einen Gang getrennt, die Toiletten in Holz, 'mit Deckel, Plumps und Rückantwort'. Für uns Kinder gab es ein besonders kleines, niedriges Klosett, das unser Bruder Paul bei einem Weihnachtsfest dazu benutzte, seine Geschenke, wie Bälle und Spielsachen, hineinzuwerfen, ... 'weil es so schön geplumpst hat!' "

......

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Der Deckel von Heinrichs Bierkrug, aus dem er damals im Kegelclub "Kranz" sein Bier zu trinken pflegte, in "der guten alten Zeit", im Jahr 1890, als die Marnachs in der Rheinelbestraße in Gelsenkirchen wohnten.

In der Rheinelbestraße ist 1892 Stefans Großvater Heinz geboren. Später verzog die Familie nach Dortmund, dann nach Aplerbeck, in der Blütezeit der "Aplerbecker Hütte". Nachzulesen in "Kindheit am Apfelbaumbach".

<hr>
<hr>
Diese Gelsenkirchener Geschichte stammt aus: Quelle: http://www.marnach.info/koetter/index.html
Übernommen mit freundlicher Genehmigung von Marlies Niehues.

andrax51
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Beitrag von andrax51 »

Hallo Verwaltung.

Betr. 3. Spiele im Sommer, imWinter. Das erste Gruppenfoto zeigt meinen Opa.
Er steht ganz links mit der Piepe im Mund, daneben Herr Gossling aus
dem Marienhof, wo dieses Foto auch gemacht wurde.
Vielen, vielen Dank für das Foto, jetzt ist mir ganz wässerig in den Augen.
Bin selber alter Haverkämper und die Fotos haben Erinnerrungen wach
gerufen, die schon lange in vergessenheit geraten sind.
Deshalb freut es mich das es die Ge- Ge`schichten gibt, macht weiter so.

Mfg Artur
Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht
Macht das beste draus

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brucki
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Beitrag von brucki »

andrax51 hat geschrieben:Hallo Verwaltung.

Betr. 3. Spiele im Sommer, imWinter. Das erste Gruppenfoto zeigt meinen Opa.
Er steht ganz links mit der Piepe im Mund, daneben Herr Gossling aus
dem Marienhof, wo dieses Foto auch gemacht wurde.
Vielen, vielen Dank für das Foto, jetzt ist mir ganz wässerig in den Augen.
Bin selber alter Haverkämper und die Fotos haben Erinnerrungen wach
gerufen, die schon lange in vergessenheit geraten sind.
Deshalb freut es mich das es die Ge- Ge`schichten gibt, macht weiter so.

Mfg Artur
Ich denke, daß der Dank in erster Linie der Autorin Marlies Niehues gebührt.

Marlies Niehues ist leider am 23.09.2008 im Alter von 72 Jahren verstorben.

Ich habe erst heute diese spannende Familiengeschichte bei den GGs entdeckt. Da ich weiß, wieviel Mühe es schon machen kann, bei der Ahnenforschung nur schnöde Daten zusammenzutragen, kann ich mir erst recht vorstellen, wieviel Arbeit es war, diese interessanten Informationen über die damaligen Lebensumstände zusammenzutragen. Respekt!

Heinz
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Beitrag von Heinz »

brucki hat geschrieben:Ich denke, daß der Dank in erster Linie der Autorin Marlies Niehues gebührt. Marlies Niehues ist leider am 23.09.2008 im Alter von 72 Jahren verstorben.
Wir sind froh, dass wir ihre Aufzeichnungen hier haben übernehmen dürfen.

andrax51
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Beitrag von andrax51 »

Hallo Brucki, werde mich persönlich bei den Familienangehörigen bedanken.

Mfg Artur
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Macht das beste draus

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