Dr. Lutz Heidemann: ehem. Warenhaus Gebr. Kaufmann /A+B Haus

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Dr. Lutz Heidemann: ehem. Warenhaus Gebr. Kaufmann /A+B Haus

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Zu diesem Gebäude siehe auch:
http://www.gelsenkirchener-geschichten. ... php?t=3930



Das ehemalige Kaufhaus Kaufmann an der Bahnhofstraße, Ecke Beskenstraße (früher Kampstraße) gehört zu den Klassikern der Warenhauskultur an Gelsenkirchens großer Einkaufsstraße. Lange war es hinter graubraunem Blech versteckt, erst 2010 wurde seine Fassade wieder freigestellt und restauriert. Dr. Lutz Heidemann, seines Zeichens Stadthistoriker, hat zu diesem Gebäude geforscht und einiges über seine Baugeschichte zutage gefördert. Seine Arbeitsergebnisse präsentierte er erstmals bei einem Termin in der BlueBox, und nun auch hier in den GGs! Wir danken! :-)

Ich übergebe das Wort:

  • [center]Gebäude erzählen
    von Menschen und der Geschichte der Stadt


    Lutz Heidemann:

    Das ehemalige Warenhaus Gebr. Kaufmann
    Bahnhofstraße 49 / Ecke Beskenstraße

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    1. Ein Traditionsbegriff - oder ein vergessener Name?[/center]


    Vorgängerbebauung:

    Angaben über die Erstbebauung des Eckgrundstückes Bahnhofstraße 49/ Ecke Beskenstraße (früher Kampstraße) fehlen, sie ist für die Jahre zwischen 1860 und 1870 anzunehmen. 1875 lebten in der Gemeinde Gelsenkirchen, gerade zur Stadt erklärt, 11.282 Einwohner, im gesamten Gebiet der heutigen Stadt etwa 40.000. Für eine frühe Datierung spricht auch der von der Straße zurückgesetzter Baukörper.

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    2. Lageplanskizze, Baugesuch von 1878


    Bei dem ältesten erhaltenen baurechtlichen Nachweis zu dem Gebäude, ausgestellt am 7. 9. 1878, ging es nur um die Genehmigung für den Einbau einer Haustüre als Änderung eines bestehenden einfachen zweigeschossigen Wohn- und Geschäftshauses, das sich damals im Besitz des (jüdischen) Kaufmannes Lehmann Wolff befand. Es gab zu der Zeit schon Straßennamen, aber noch nicht das stringente Ordnungssystem von Straße und Hausnummer; das Haus trug damals die Nr. 667. Lehmann Wolff gehörten auch weitere Grundstücke an der Bahnhofstraße. <sup>1</sup>

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    3. Eine neue Haustüre für ein bescheidenes Haus, Baugesuch von 1878


    Mit der „Stadtwerdung“ von Gelsenkirchen im Jahr 1875 setzte auch eine intensivere Verwaltungsdichte ein. Bald nach seinem Amtsantritt veranlasste Bürgermeister Vattmann eine Neuvermessung des Stadtgebietes, die 1882 abgeschlossen war. Auf der Übersichtskarte kann man gut das kleine freistehende Eckgebäude erkennen.

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    4. Ausschnitt aus der Übersichtskarte von 1882


    Ein Erbe der Urbanisierungszeit - und bis heute eine Herausforderung für Architekten - ist die Parzellenstruktur entlang der Bahnhofstraße. Die Grundstücke an der Ostseite sind in der Regel auf die Weberstraße, die frühere Vereinstraße, ausgerichtet. Die Parzellen an der Westseite gehen dagegen im rechten Winkel von der um 1855 angelegten Verbindung vom Dorfkern zum Bahnhof aus. Wenn später größere Gebäude errichtet werden sollten, war eine Parzellenzusammenlegung unausweichlich; deutlich zu erkennen ist das bei dem WEKA- und dem Kaufhof-Areal.

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    5. Die Parzellengliederung an der Bahnhofstraße als historisches Erbe, Ausschnitt aus einem Lageplan von 1986 <sup>2</sup>


    Der nächste dokumentierte Vorgang vom Oktober 1880 betraf ein „Conzessionsgesuch“ des Bäckermeisters Theodor Holtwick, der als Pächter von Wolff hinten an dem Gebäude eine Backstube und einen Backofen errichten wollte, was er, ohne die Erlaubnis abzuwarten, durchführte. Es wurde der Architekt Theodor Drüll hinzugezogen; es kam im Febr. 1881 zu einer Genehmigung unter dem Vorbehalt, daß die Nachbarschaft sich nicht belästigt fühlte.


    1 = Die Angaben der Hausnummern sind in dieser frühen Phase der Stadtentwicklung noch sehr schwankend. Im Adreßbuch von 1888 ist Lehmann-Wolff nicht mehr genannt, aber im Adreßbuch von 1896 wird er noch als Eigentümer des Nachbargrundstückes, damals als Bahnhofstr. 39 bezeichnet, geführt, als Eigentümer von Nr. 37 werden C. Freund & L. Eichwald bezeichnet.

    2 = Ausschnitt aus der Übersichtskarte der 1882/84 vorgenommenen Neuvermessung der Gemeinde GE, Original beim Vermessungsamt.

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  • Die Anfänge des Warenhauses Gebr. Kaufmann

    Im Februar 1889 wurde die Genehmigung für ein größeres Wohn- und Geschäftshaus beantragt. Die Stadtgemeinde Gelsenkirchen war inzwischen auf etwa 25.000 Einwohner angewachsen. Die Parzelle an der Bahnhofstraße war mit zwei Parzellen an der Beskenstraße zusammengelegt worden. Dieses große Grundstück befand sich nun im Eigentum der Firma Gebrüder Kaufmann, bzw. deren örtlichen Repräsentanten, den Geschäftsführern Louis Eichwald und Carl Freund. Für den Neubau wurde das gesamte Eckgrundstück einschließlich der Teile an der Beskenstraße überbaut.

    Die Grundstruktur des damals errichteten Gebäudes hat sich bis heute erhalten und kann im statischen Gefüge abgelesen werden. Die eingereichten Zeichnungen tragen auf der Entwurfsseite eine Unterschrift, die als „Bunzel“ gelesen werden kann; es würde sich dann um den damaligen Gelsenkirchener Stadtbaumeister handeln. <sup>3</sup> Die Bauausführung erfolgte durch den Gelsenkirchener Unternehmer Wilhelm Zimmermann, der seinen Firmensitz in der Ahstraße 26 hatte, ungefähr dort, wo jetzt die Gertrud-Bäumer-Realschule steht. Zimmermann war ein vielbeschäftigter Unternehmer, oft in der Doppelrolle als Bauherr und Bauausführender und agierte häufig ohne Hinzuziehung von Architekten. <sup>4</sup> Der Rohbau war im September 1889 fertig; Angaben über die Eröffnung des Warenhauses fehlen.

    Vorausgegangen war, wie das Adreßbuch von 1888 dokumentiert, ein Laden der Firma Gebr. Kaufmann in Gelsenkirchen im Haus Bahnhofstraße 88, der auch schon einige Jahre existiert haben kann, aber er scheint nicht aus einer ansässigen jüdischen Familie hervorgegangen zu sein, denn es lässt sich in (Alt-) Gelsenkirchen keine im Handel tätige Familie Kaufmann nachweisen. <sup>5</sup> Die beiden Geschäftsführer Eichwald und Freund werden damals im Haus gewohnt haben; sie waren „Zuzügler“.

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    6. Unterschriften der Bauherren auf einem Baugesuch von 1889


    Der 1859 geborene Louis Eichwald stammte aus Westhofen, das seit 1972 ein Stadtteil von Schwerte ist. Westhofen war eine bis ins 14. Jahrhundert zurückgehende „Freiheit“ mit Stadtrechten, wo es durchaus seit der Zeit eine jüdische Bevölkerungsgruppe gegeben haben kann. Louis Eichwald war 1894 als Kaufmann Kirchstraße 10 gemeldet. Auf dem Friedhof Wanner Straße gibt es das Grab der 1915 gestorbenen Lisette Eichwald, nach der Meldedatei 1818 in Hohenlimburg geboren. Demnach handelte es sich um die 97 Jahre alt gewordenen Mutter von Louis Eichwald, die bis zum Tod immer noch in der Bahnhofstraße [Nr.43] wohnte. <sup>6</sup>

    Woher Carl Freund stammt, ließ sich bis jetzt noch nicht feststellen. Aus den Angaben über die Stimmberechtigten bei der Wahl der Repräsentanten der Synagogengemeinde Gelsenkirchen geht - ohne direkte Angabe des Geburtsjahres – hervor, dass Freund ein Jahr älter als Eichwald war, also etwa 1858 geboren war. Im Adreßbuch von 1888 wurde er als Kaufmann bezeichnet und als in dem Haus Bahnhofstr. 88 wohnend aufgelistet; dort befand sich das Geschäft der „Gebrüder Kaufmann“. Aber spätestens 1893 war Carl Freund in das Haus Bahnhofstr. 53 umgezogen; er war aber nicht Eigentümer dieses Gebäudes, das wenig später für das neue große Alsberg-Kaufhaus gebraucht wurde. Carl Freund gehörte von 1900 bis 1906 zum Vorstand der Gelsenkirchener Synagogengemeinde. <sup>7</sup> Nach seiner Unterschrift zu schließen, scheint er eine „flamboyante“ Persönlichkeit gewesen zu sein.

    1907 wird nicht mehr im Adreßbuch genannt; er hatte wohl die Stadt verlassen, denn im April 1907 wurden das Grundstück und das Geschäft an die aus Berlin zugezogenen Kaufleute Johannes Hagenow und Karl Ebel verkauft. Seit 1909 war Karl Ebel Alleinbesitzer. <sup>8</sup> Die neue Generation von Geschäftsführern wohnte nicht mehr im Gebäudekomplex. Beide waren keine Juden; der offensichtlich gut eingeführte Name blieb.


    3 = Der Stadtbaumeister Bunzel entwarf u.a. 1887 das (inzwischen wieder abgebrochene) Landratsamt an der heutigen Kurt-Schumacher-Straße 4. Er baute 1889 für sich das Wohnhaus Luitpoldstr. 3 und ist vor 1893 gestorben; seine Witwe heiratete den Architekten Lambert von Fisenne.

    4 = Wilhelm Zimmermann besaß auch umfangreichen Grundbesitz; er starb vor 1896.

    5 = Die Synagogengemeinde Gelsenkirchen beschäftigte spätestens ab 1886 Max Abraham gnt. Kaufmann als „Lehrer“ (Rabbi), er wohnte Friedrichstr. 22. Aus Horst stammte ein Rechtsanwalt Kaufmann.

    6 = Die Angaben sind widersprüchlich; im Adreßbuch von 1910 wird als ihre Anschrift Bismarckstr. 144 genannt. Louis Eichwald scheint aber inzwischen Gelsenkirchen verlassen zu haben.

    7 = Angabe aus Adreßbuch

    8 = Der Kaufmann Johann Hagenow, geboren am 3.12. 1875 in Wesenberg, war evangelisch und mit Johanna Köhler, geb. 18xx verheiratet; zusammen mit zwei in (Berlin-) Schöneberg geborenen Kindern kam die Familie 1909 nach Gelsenkirchen und zog später nach Leipzig.
    Der Kaufmann Karl Ebel, geboren am 3.5.1874 in Eutin, war evangelisch und mit Paula Geißler, geboren 1882 in Oldenburg, verheiratet. Das Paar zog 1907 von Berlin nach Gelsenkirchen und bekam hier zwei Kinder.

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  • „Kaufhaus Gebrüder Kaufmann“ – ein frühes Beispiel für Marketing und Zusammenarbeit unter Juden

    Außer in Gelsenkirchen gab es um 1890 noch in mehreren anderen westdeutschen Städten Textilgeschäfte mit Namen „Kaufhaus Gebrüder Kaufmann“, so in Bochum, Dortmund, Essen und Duisburg. 1894 wurde ein Kaufhaus dieses Namens in (Wuppertal-) Elberfeld eröffnet. Später gab es weitere große Geschäfte dieses Namens in (Wanne-) Eickel an der Herzogstraße <sup>9</sup>, in Castrop-Rauxel am Altstadtmarkt, in Remscheid und wahrscheinlich auch in Solingen.

    In Buer gab es mindestens ab 1910 an der Essener Straße 16 (heute Horster Straße/ Ecke Maelostraße) ein Geschäft „Gebr. Kaufmann“. Im Adreßbuch der Gemeinde Buer aus diesem Jahr wird Hugo Kaufmann als Inhaber bezeichnet, doch gehörte nach der gleichen Quelle das Gebäude Heinrich Bruns; als Geschäftsführer wird der Kaufmann Emil Wolff genannt. <sup>10</sup> Bei der Internet- Recherche fand sich der Hinweis, daß in Hechingen von 1885 bis zum Ersten Weltkrieg eine „Trikotwaren-Agentur Gebrüder Kaufmann“ existiert habe. <sup>11</sup>

    Ob die im Firmennamen angesprochenen Brüder Kaufmann identisch sind mit zwei Brüdern Kaufmann aus Hüls bei Krefeld, die 1900 in (Essen-)Borbeck an der Ecke Hülsmannstraße/ Dionysiuskirchplatz das Modegeschäft "Gebrüder Kaufmann" gründeten, muß angesichts der Häufigkeit des Namens Kaufmann offenbleiben. Das dortige Textilgeschäft wurde später von der Schwester Helene Kaufmann und ihrem Mann, Lazarus Schieren, weiterbetrieben und machte 1930 Konkurs. <sup>12</sup> Ziemlich sicher ist, daß es zu einer Familie Kaufmann mit Wurzeln in Langerwehe und Weisweiler, die 1880 nach Eschweiler zog und dort in der Neugrabenstraße 31, der heutigen Grabenstraße, ein Herrenbekleidungsgeschäft mit Namen „Gebrüder Kaufmann“ gründete, nach den detailreichen Erinnerungen des Sohnes Julius Kaufmann keine familiären Beziehungen gegeben hat. <sup>13</sup>

    Den entscheidenden Hinweis für den Ursprung und die Struktur der Textilkaufhäuser „Gebrüder Kaufmann“ verdanke ich einem ausführlichen, um 1980 verfaßten Bericht von Hilda Rohl&#279;n-Wohlgemuth, einer Tochter von Bernhard Heimann, dem Gründer und Eigentümer des „Kaufhaus Gebrüder Kaufmann“ in (Wuppertal-) Elberfeld. <sup>14</sup> Da wird beispielhaft das Wirtschafts- und Familiengeflecht jüdischer Geschäftsleute um 1900 sichtbar. Denn bei der Benennung gab einen Bezug einem Bruderpaar Kaufmann, aber der Name besaß auch viele Elemente, ihn generell als seriöses Warenzeichen für Zweitgeschäfte in einem Nachbarort oder beim Aufbau eines Handelsverbundes zu nutzen:

    Im Jahr 1894 hatte nämlich Bernhard Heimann zusammen mit seinem Bruder Moritz Heimann von den Inhabern eines Bochumer Kaufhauses, den Brüdern Simon und Benjamin Kaufmann, eine Anleihe für die Gründung eines Geschäftes in Elberfeld aufgenommen und dafür diese Brüder zu Teilhabern gemacht und ihren Firmennamen aufgegriffen. Schon nach einem Jahr konnte das Darlehen abgelöst werden. Inzwischen hatten die Brüder Kaufmann ihr Geschäft in Bochum aufgegeben und waren nach Hannover gezogen. Die Brüder Heimann firmierten bald ihr Geschäft als „Kaufhaus“, um sich als seriöses Qualitätsgeschäft von den Warenhäusern mit ihrem sehr viel breiteren Angeboten – und vielleicht auch anderen Vermarktungsstrategien - abzugrenzen.

    Bernhard und Moritz waren Söhne des Lehrers Joseph Heimann aus Hörde, der wiederum aus dem rheinischen Lechenich stammte. Sie hatten die charakteristische Ausbildung als Kaufmannsgehilfen und Reisende durchlaufen und dabei auch die Brüder Kaufmann kennengelernt. Es ist zu vermuten, daß die Entstehung des Gelsenkirchener Geschäftes ähnlich abgelaufen ist. Man kann das Prinzip als eine Art „Franchising“ und einen Verbund aus Einlagen und Bürgschaften von mehreren selbständig agierenden Geschäften ansehen. Diese konnten sich dadurch als eher mittelgroße Häuser gegen „Flaggschiff-Firmen“ wie Wertheim oder Alsberg behaupten. Ihre Stärke lag im gemeinsamem Wareneinkauf und einer regional wirksamen Werbung.


    9 = Zitat aus www.cranger-tor.de: „Am 16. September 1897 wurde in Eickel an der Herzogstraße das Kaufhaus der Firma Gebrüder Kaufmann, Textil- und Kurzwaren, von Arthur Kronheim mit fünf Angestellten eröffnet. Das Geschäftshaus wurde mehrfach erweitert, und die Anzahl der Schaufenster stieg von anfangs 8 auf 19. In alten Anzeigen wurden sogar die 31 Schaufenster als "größte Sehenswürdigkeit von Eickel-Wanne" [sic] geschildert. Dieses trug dem Kaufhaus im Volksmund den Namen „der Glaskasten" ein. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zerstörten Bomben das Gebäude.“

    10 = Im Adreßbuch von 1925 wird für Nr. 12 ein Konfektionswaren-Geschäft der Geschwister Kaufmann genannt und „Kaufmann“ auch als Hauseigentümer bezeichnet; Geschäftsführer war der Kaufmann David Leyser; im Haus lebte auch Rosa Kaufmann, bezeichnet als Geschäftsteilhaberin. Auch 1934 hat das Geschäft noch existiert; im Einwohnerverzeichnis werden als dort wohnend u.a. Adolf Rosenthal, Max Goldenbaum und die Witwe Auguste Bär genannt. In Nr. 12a gab es das Kurzwarengeschäft von David Löwenstein. 1938 gehörte das Haus dem Apotheker Dr. Theodor Biesenbach.
    David Leyser, geb. 21.7.1864 in Anholt, Kreis Borken, zog 1901 von Ruhrort nach Buer; seine erste Frau Bertha, geb. 1868 in Bernkastel starb 1923, seine zweite Frau Selma, geb. Falkenheim, geb. 1883 starb 1928. David Leyser starb am 9.6.1929; die Familie wohnte zuletzt in dem Haus Goldbergstraße 66.

    11 = Hinweis aus: Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938, von Jacob Toury, Eva Ch. Toury und Peter Zimmermann, Tübingen 1984, Schriftenreihe des Leo Baeck Instituts

    12 = Quelle: Hinweis im Internet über einen dort angebrachten „Stolperstein“ für die Kaufleute Julius Ilkenberg (1868-1942) und Siegfried Eichmann (1868-1942), Inhaber des „Konfektionskaufhauses Gebr. Kaufmann“ in der Alleestraße 7 in Essen-Borbeck.

    13 = Angaben zur Familie Kaufmann aus Eschweiler in der Biographie „Vom Rheinland ins Heilige Land - Erinnerungen von Julius Kaufmann-Kadmon aus Eschweiler 1887-1955" auf, hg. 2004 vom Eschweiler Geschichtsverein. Es handelt sich um die Erinnerungen des 1887 geborenen Julius Kaufmann. Dessen Familie hatte ihre Wurzeln in Langerwehe und Weisweiler, zog 1880 nach Eschweiler und gründete in der Neugrabenstraße 31, der heutigen Grabenstraße, ein Herrenbekleidungsgeschäft.

    14 = Hilde Rohlen-Wohlgemuth, Gebrüder Kaufmann Elberfeld - Die Geschichte eines jüdischen Kaufhauses 1894 - 1936“ in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins, Jahrgang 1982, S. 84-113

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  • Die Entwicklung in Gelsenkirchen

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    7. Grundstückssituation an der Ecke Bahnhofstraße/ Ecke Beskenstraße, damals Kampstraße. Man erkennt am rechten Rand das noch heute so bestehende Grundstück, Lageplan aus der Hausakte für Bahnhofstr. 43 von 1893.


    Die Planungs- und Veränderungsgeschichte der Gelsenkirchener Niederlassung der Gebr. Kaufmann ist über den konkreten Einzelfall von Interesse, denn bei der Bauaufgabe Textilwarenhaus gab es mehrere generelle Probleme, die, wie hier beispielhaft gezeigt werden kann, eine angemessene architektonische Lösung verlangten:
    • - Es ging bei diesem Geschäftsmodell nicht um Präsentation weniger exquisiter Stücke; vielmehr sollten die Kundinnen und Kunden von dem breiten Warenangebot angezogen werden. Deshalb lagen mehrgeschossige Lösungen nahe.

      - Doch wie konnte der Weg in die Obergeschosse attraktiv gemacht werden? Deshalb wurden aus dem Schloßbau entlehnt mehrläufige geschwungene Treppen eingebaut. Erst später kamen Aufzüge hinzu.

      - Wie konnten die Geschäftsräume ausreichend hell gemacht werden, damit die Waren zur Wirkung kamen? Es gab zwar Petroleumlampen oder Gaslicht, aber für Tageslicht gab es lange keine Alternative. <sup>15</sup>

      - Es war praktisch, wenn die Waren in Verkaufsnähe aufbewahrt werden konnten; aber Regale und Schränke verlangten Wandflächen; das konkurrierte mit dem Bedürfnis nach Fenstern. So waren Oberlicht- Konstruktionen oft ein Ausweg.
    Als in den späten 20er Jahren - und erst recht in der Nachkriegszeit - ausreichend helles Licht durch elektrische Glühlampen bereitgestellt werden konnte, war bei Läden der Bedarf an großen Wand- oder Deckenöffnungen überholt und die gründerzeitlichen Kaufpaläste mit ihren eleganten Treppen, Lichthöfen, Emporen und Oberlichtern verschwanden fast völlig. An ihre Stelle traten abgeschottete und einem häufigen Dekorationswechsel unterworfene Kunstlichträume.

    Zurück nach Gelsenkirchen: Das Raumkonzept von 1889 kannte drei Teile: den Kopfbau zur Bahnhofstraße (in der Akte auch Vorderhaus oder Vorderbau genannt), den anschließenden Emporenteil (Mittelbau) und das Geschäftsführerwohnhaus an der Beskenstraße. Leider hat sich kein Grundrißplan von 1889 erhalten, deshalb kann die ursprüngliche Nutzung nur an den Schnitten und Fassadenzeichnungen nachvollzogen werden. Die Schaufensterfront zur Bahnhofstraße ging über zwei Geschosse. Der Eingang lag etwas zurückgesetzt.

    Wenn man weiter in das Geschäft hineinging, kam man zu einem zweigeschossigen „Gelenkteil“ mit einer Treppe, die Licht von oben erhielt. Dann folgte ein um einen Emporenhof ausgerichteter dreigeschossiger Verkaufsraum. Auch hier kam das Licht von einer verglasten Dachfläche. Die Stützen, die die Emporen trugen, waren aus Gußeisen; die Geschoßdecken hatten eine Holzbalkenkonstruktion. (Beton kam erst deutlich später als Baumaterial auf.)

    Der Ladenteil stand in enger räumlicher Verbindung mit einem konventionell gemauerten Gebäude an der Beskenstraße, das für Wohn- und Verwaltungszwecke diente. Dort gab es ein weiteres großes Treppenhaus. Für die Schmuckdetails, z.B. die Umrahmungen der Fenster, die Gliederung der Pfeiler, die Giebel und Dachgauben und das tütenförmige, kleine Dach an der Ecke und auch für die Ornamente auf den gußeisernen Stützen griff man auf die Schmuckformen des 16. und 17. Jahrhunderts zurück. Die Gußeisenteile könnten in Bulmke oder Ückendorf produziert worden sein.

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    8. Warenhaus Gebr. Kaufmann, Fassade zur Bahnhofstraße; Ausschnitt aus dem Baugesuch von 1888


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    9. Warenhaus Kaufmann, Längsschnitt durch den „Gelenkteil“ und den hinteren dreigeschossigen Teil der Verkaufsräume; Ausschnitt aus dem Baugesuch von 1889


    Die unterschiedlichen Funktionen der Gebäudegruppe konnten auch an der Fassade zur Beskenstraße abgelesen werden. Auffällig waren die großen geschlossenen, nur durch Putzfelder gegliederten Wandflächen. Geschäftslokale dieser aufwendigen Gestaltung waren für Gelsenkirchen etwas Besonderes; aber es gab mehrere, z.B. zeigte das erste Kaufhaus Sinn ähnliche Details. <sup>16</sup> Doch keiner dieser frühen gründerzeitlichen „Kauftempel“ blieb erhalten; ihre genaue Zahl ließe sich auch erst nach Auswertung weiterer Bauakten angeben.

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    10. Fassadenabwicklung zur Kampstraße, später Beskenstraße; Zustand 1889 bis 1896


    15 = So hielt es die Firma Gustav Carsch, Bahnhofstr. 56, in einer Anzeige im Adreßbuch von 1893 für erwähnenswert, daß sie über elektrische Beleuchtung verfüge.

    16 = Heidemann, unveröffentlichtes Manuskript

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  • Der Neubau von 1896

    Im April 1896 wurde ein neuer Bauantrag gestellt. In den Unterlagen wird kurz erwähnt, daß es kurz zuvor einen Brand gegeben hat; es wird aber nichts über Ursache und Umfang gesagt. Die Regulierung des Schadens erfolgte über die Westfälische Provinzial-Feuer-Sozietät Münster. Sie bat die Baugenehmigungsbehörde „...zur Erleichterung der voraussichtlich sehr verwickelten Schadensabschätzung um Zusendung der Bauconzessionszeichnungen... Unser Techniker hat zwar einzelne Zeichnungen erhalten, dieselben sind jedoch sehr schadhaft und sollen auch vielfach mit der wirklichen Ausführung nicht übereinstimmen“.

    Der Plan für den Neubau stammte von dem Dortmunder Architekten Heinrich Markmann. <sup>17</sup> In der vorgeschriebenen Baubeschreibung heißt es u.a.: „..Wir beabsichtigen in Folge Brandschadens [des] zum Abbruch gelangten Hauses ... ein neues Warenhaus mit angebautem Wohnhaus zu errichten“. Es wird um schnelle Erledigung gebeten. Von Seiten der Baupolizei wird gestattet, schon die Mauern bis zum Sockel zu errichten. Allerdings waren die Unterlagen unvollständig.

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    11. Blick in die Bahnhofstraße in Richtung Süden; links am Bildrand das gründerzeitliche Kaufhaus Sinn. In der Bildmitte das Eckhaus der Gebrüder Kaufmann mit neubarocken Schmuckformen; beim ersten Bauabschnitt vom Kaufhaus Alsberg fällt deutlich das aus bauordnungsrechtlichen Gründen zurückgesetzte 4. Geschoß auf. Foto von ca. 1910 <sup>18</sup>

    Dieser Mangel wurde offensichtlich bald erledigt; schon im September 1896 hatte der Bezirksschornsteinfeger an dem Wohnhaus nichts zu beanstanden gefunden. Es war nämlich zur Beheizung des ganzen Komplexes im Hof ein Kesselhaus mit einem freistehenden 23 Meter hohen Kamin errichtet worden.
    Der Bau von 1896 besaß zwar auch noch gußeiserne Stützen und metallene Brüstungsgitter bei dem Lichthofteil, aber nun waren die Decken deutlich besser brandgeschützt aus flachen Ziegelgewölben zwischen H- Eisenträgern, sog. Peinern, ausgeführt worden. Die Geschoßhöhen waren sehr unterschiedlich: Sie betrugen (jeweils einschl. Deckenkonstruktion) im Erdgeschoß 5,20, im 1. OG 4,00, im 2. OG 3,80 und im Dachgeschoß 3,60 m. Die Raumdisposition hatte sich auch geändert: die große, alle Geschosse verbindende mehrläufige Treppe wurde in die Mittelachse des Lichthofteils gelegt. Nun wurde auch der Mittelteil unterkellert; dort wurden die Waren gelagert. In dem Geschäftsführerhaus Beskenstraße fällt der große Tresorraum auf, der einen Zugang unterhalb des Treppenpodestes hatte. Über diesem fensterlosen Raum begann ein Lichtschacht, der noch heute existiert. Im Jahr 1913 wurden zur Beskenstraße anstelle der Wandflächen zwei Fenster eingebaut.

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    12. Grundriß des Kopfteils nach dem Neubau von 1896; durch Eisenträger, die in die Geschoßdecken eingelassen waren, konnte ein großer stützenfreier Verkaufsraum erzeugt werden.

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    13. Grundriß Erdgeschoß, Baugesuch von 1896


    Das Kaufhaus Kaufmann war um 1900 für Gelsenkirchen und die Bahnhofstraße ein sehr attraktives Gebäude, entsprechend häufig war es ein Motiv auf Ansichtskarten zwischen 1900 und 1914.

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    14. Die Bahnhofstraße um 1910, Blick nach Süden mit Kaufhaus Sinn und der markanten abgerundeten Ecke vom Kaufhaus Kaufmann

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    15. Bahnhofstraße um 1910, kolorierte Postkarte mit den Kaufhäusern Sinn und Kaufmann


    Die neue Fassade war im Vergleich zu dem Vorgängerbau gestraffter und großzügiger. Gestalterisch orientierte sich Markmann an Barockformen, wie sie zu der Zeit in Berlin in Mode waren. Am deutlichsten wird das an dem gerundeten Dach und der Eckkuppel mit Laterne. <sup>19</sup> Letztlich gingen solche Formen auf Pariser Bauten des Zweiten Kaiserreiches zurück. Die Stadtgemeinde Gelsenkirchen, also die heutige Alt- und Neustadt, hatte 1896 ca. 32.000 Einwohner; das war fast die jemals erreichte Höchstzahl. Es war kurz vor der Großstadtbildung; das erneuerte Kaufhaus paßt gut zu dem erwarteten größeren kommunalen Rahmen. 1906 wurde das Geschäftshaus an das damals begonnene städtische Abwassernetz angeschlossen.


    17 = Der Architekt Heinrich Markmann, später Mitglied des BDA, hatte u.a. 1905/07 in Dortmund das evangelische Gemeindehaus an der Schwanenstraße/ Ecke Klosterstraße, das sog. Reinoldinum, entworfen.

    18 = Foto aus: Heinz-Jürgen Priamus (Hg.) „Ein Rundgang durch das alte Gelsenkirchen“, Wartberg-Verlag Gudensberg-Gleichen 1999

    19 = Beispielhaft wird verwiesen auf Ernst von Ihne (1848-1917), den Hofarchitekten Wilhelm II.; eines seiner bekanntesten Werke mit einer Eckkuppel ist das von 1897 bis 1903 errichtete Kaiser-Wilhelm-Museum (heute Bode-Museum) auf der Museumsinsel in Berlin.

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  • Dritte Phase: der Umbau von 1926/28

    Bergschäden waren der Auslöser für einen erneuten Umbau, der auch das Erscheinungsbild des Äußeren stark veränderte. Es war u.a. zu einer „Schiefstellung der Frontstützpfeiler“ gekommen. <sup>20</sup> Bei der Durchführung der Maßnahmen, die von der Bergwerksgesellschaft selbst bzw. in ihrem Namen von der Baufirma W. Freienstein durchgeführt wurden, stellte es sich als notwendig heraus, „...den Abbruch des schiefergedeckten Kuppelbaus über der Ecke Bahnhof- und Kampstraße aus konstruktiven Gründen und mit Rücksicht auf die Standsicherheit vorzunehmen. Wir beabsichtigen anstelle dieser Kuppel einen etwas leichteren turmartigen Aufsatz in Holz und Tektonleichtdielenverschalung 2,5 cm stark mit Ceresit- Zementputzauftrag und Ruberoidabdeckung auszuführen. Gleichzeitig wird durch die Firma Gebr. Kaufmann eine Um- und teilweise Neueindeckung des Daches vorgenommen. Bei dieser Gelegenheit sollen die vorhandenen in Zinkblech ausgeführten Dachaufbauten, Verzierungen und Gesimse abgenommen werden...“

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    16. Horizontalschnitt durch die Eckkuppel im Dachgeschoß, Zustand nach 1927


    Die Entwurfszeichnungen für den Umbau lieferte der Herner Architekt Menkel (?, Unterschrift schwer lesbar), vielleicht war er Angestellter in der Bauabteilung der Hibernia. Jedenfalls orientierte sich der Entwurf an dem „klassischen“ Fassadenschema der Kaufhäuser vor und nach dem Ersten Weltkrieg wie es in (Alt-)Gelsenkirchen z.B. bei Alsberg-WEKA und Overbeck & Weller oder in Buer bei Alsberg- Weiser oder Althoff-Karstadt zur Anwendung kam. Die Fassaden erhielten die Struktur eines Gerüstes, bei dem abzulesen war, welche Teile tragende und welche nur füllende Funktionen hatten. Gestalterisch wurde dabei ein Ausgleich von horizontalen und vertikalen Ausrichtungen angestrebt.


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    17. Bahnhofstraße, Blick nach Norden auf die beiden Eckhäuser zur Beskenstraße, damals Kaufhaus Sinn; rechts das Warenhaus der Fa. Gebrüder Kaufmann nun mit einer im Zeitgeschmack modernisierten Fassade, Aufnahme von 1927/28 <sup>21</sup>


    Die baulichen Modernisierungsmaßnahmen der späten 20er Jahre waren sehr weitgehend. Sie geschahen aus einer defensiven Situation: Es kamen auch in Gelsenkirchen die ersten Einheitspreisgeschäfte wie Woolworth oder Ehape <sup>22</sup> auf. Das Textilhaus Kaufmann stand in Konkurrenz zum gegenüberliegenden, gerade wiedereröffneten und architektonisch attraktiven Kaufhaus Sinn, aber die größere Konkurrenz war Alsberg. <sup>23</sup> Diese Schwierigkeiten wollte möglicherweise der Eigentümer Karl Ebel, der inzwischen nach Dresden gezogen war, nicht mehr allein „stemmen“. So wird im März 1929 eine „Gebrüder Kaufmann GmbH Gelsenkirchen-Buer“ gegründet. <sup>24</sup> Die Firma war wahrscheinlich - trotz ihres lokal klingenden Namens - nur eine Trägergesellschaft. Bauanträge wurden aus der Ferne, z.B. für eine Lichtreklame von dem Büro Adolf Salomon, Berlin, gestellt.

    Im Oktober 1928 wurde um die Erlaubnis gebeten, auch die Fassade zur Kampstraße, der jetzigen Beskenstraße, nach dem selben Fassadenschema wie an der Bahnhofstraße umzugestalten. „In die 24 m lange fensterlose Wand sollen in ausgebrochenen Mauerschlitzen, die durch alle Geschosse reichen, Eisenstützen aufgestellt werden. Es sollen jeweils drei Stützen übereinander gestellt werden: für Keller und Erdgeschoß, für das 1. Obergeschoß und für das 2. und 3. Obergeschoß. Wenn das Eisengerüst steht, sollen die Stützen im Keller vermauert werden. Das Mauerwerk wird im Erdgeschoß und im 1. und 2. Obergeschoß restlos abgebrochen und in der Pfeilerteilung des Eckbaus neu aufgemauert. Die Fassade wird in Terranova-Kammputz ausgeführt. Das 3. Obergeschoß wird vorläufig als freistehende Wand ausgeführt, jedoch für einen späteren Ausbau des 3. Obergeschosses berechnet.“ Der Zementputz war gelblich gestrichen oder eingefärbt. Er wies die Struktur einer „scharierten“ Oberfläche auf; das meint der Begriff „Kammputz“. So wies nun auch die Fassade zur Beskenstraße durchgehend Fenster auf. Abends beleuchtet dürfte das ein großer Effekt gewesen sein.

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    18. Die Eingangslösung von 1928


    Die Podeste der neuen Treppe grenzten an eine Nische, die als besonderen Effekt ihr Licht von oben aus dem Lichtschacht des Geschäftsführerhauses erhielt. Zu dem Modernisierungskonzept gehörte auch eine veränderte Warenpräsentation. Der Eingang wurde weit nach hinten verlegt und im Erdgeschoß das ganze „Vorderhaus“ in Vitrinen umgewandelt, die die Passanten auch nach Ladenschluß betrachten konnten. Diese Umbaumaßnahmen waren im Sept. 1930 abgeschlossen. Dann brach die „Weltwirtschaftskrise“ herein. Der „schwarze Donnerstag" war am 24. Oktober 1929 in New York geschehen, aber bald hatte die Krise auch Gelsenkirchen eingeholt. Die Zahlen der Arbeitslosen und der Sozialhilfeempfänger waren riesig. Das hatte Folgen für die Kaufkraft. Dazu kam die immer aggressivere antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten. Schon bei der Neueröffnung des Kaufhauses Sinn im Jahr 1928 hatte der Geschäftsführer des „arischen“ Nachbarhauses entsprechende Bemerkungen geäußert.

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    19. Fassade zur Beskenstraße nach 1928


    Vom März 1933 gibt es in der Bauakte ein Schreiben, bei dem es im Briefkopf beim Firmennamen „Gebrüder Kaufmann GmbH – Spezialhaus für Damenkonfektion“ einen Zusatz „i. L.“ gibt; das deutet auf „Liquidation“ hin. Als Postadresse wird „Fa. Seeler & Cohn, Berlin, Kronenstr. 50/52“ angegeben. Was dann genau geschah und welche Rolle wer gespielt hat, lässt sich mit den öffentlich zugänglichen Quellen nicht nachvollziehen. Über kurze Zeit firmierte das Kaufhaus unter dem Namen des 1882 in Aachen gegründeten - und bis heute als Name präsenten Unternehmens Appelrath & Cüpper. <sup>25</sup> Das hinderte aber die Verfasser des bösartigen Flugblattes „Die Juden sind unser Unglück“ nicht, den neuen Namen auf die Liste der Geschäfte für einen Kaufboykott zu setzen.

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    20. Die Bahnhofstraße mit den übergroßen Namensschildern der drei Kaufhäuser Sinn, Kaufmann und Alsberg in den späten 20er Jahren


    Im Juni 1938 konnten der Geschäftsführer Dr. Johann Strauß (geb. 1902 in Kaiserslautern), der zusammen mit seiner Frau Ilse (geb. 1907 in Oldenburg) in dem Gründerhausteil an der Beskenstraße wohnte, in die USA ausreisen. Das könnte der Anlass gewesen sein für einen Beitrag, der unter dem Datum 8. September 1938 in der sog. Stadtchronik festgehalten wurde und den zu zitieren, einem schwerfällt, der aber die ganze Bösartigkeit der NS-Zeit verdeutlicht und deshalb nicht verschwiegen werden soll:
    • „Die jüdische Firma Appelrath und Cüpper in der Bahnhofstraße wird nun auch bald endgültig verschwinden. Die „Nationalzeitung“ teilte diese erfreuliche Tatsache unter der Überschrift „Wieder einer weniger – ein Judenladen macht seine Pfortendicht“ mit und knüpft daran folgende Bemerkungen: „Unbemerkt in der allgemeinen Aufregung des Winterschlußverkaufs vollzieht sich hinter den verhängten Fenstern des Judenladens Appelrath auf der Bahnhofstraße der Schlußakt für dieses Unternehmen. Aber dieser Schlußakt spielt sich augenblicklich noch in ziemlich dramatischen Formen ab, bei denen das Publikum die tragenden Rollen mimt. Jeder glaubt, daß der Judenladen jetzt seinen Überschuß mit freundlicher Geste ins Volk schmeißt, als Gewinnbeteiligung für treue Kundschaft.
      Wieder einer weniger! Es scheint ein frischer wind durch die Bahnhofstraße zu wehen, der alle die schmierigen Eindringlinge einer gelobten Zeit in ein noch gelobteres Land zurückbläst. Wir sind gar nicht unfreundlich und wünschen denen, die wir nicht gerufen haben, eine gute Reise. Möge bald der Letzte ziehen und aus der Bahnhofstraße, die der Volksmund früher einmal „Jerusalemer Straße“ nannte, das letzte jüdische Firmenschild verschwinden.“
    Das war wenige Wochen vor der Reichskristallnacht. Die Berichterstattung über den inszenierten Volkszorn, bei dem die Gelsenkirchener Synagoge von SS-Männern angezündet wurde, war ziemlich knapp: „Hier wurden Schaufenster zerstört und Läden geschlossen.“ Namen wurden nicht genannt.


    20 = Zitiert aus einem Schreiben der Hibernia an die Baupolizei vom 4.10. 1926

    21 = Nicht datiertes Foto aus dem Firmenarchiv Sinn-Leffers GE; einen zeitlichen Hinweis gibt der Zustand des Gebäudes Bahnhofstraße 49, das hier bereits eine neohistoristische Fassade aufweist.

    22 = Ehape war eine Untergesellschaft der Leonhard Tietz AG; sie betrieb sog. „Einheitspreisgeschäfte“ und war damit Vorläufer der späteren Kette „Kaufhalle“.

    23 = Alsberg machte 1930 einen Umsatz von 11,4 Mio Mark, Sinn brachte es auf 1,7 Mio. Mark; 1932 war bei Alsberg der Umsatz auf 7,3 Mio. zurückgegangen; der Rückgang bei Sinn war mit 1,4 Mio. deutlich geringer. Quelle: Änne Rolf: Die Entwicklung des Einzelhandels in Gelsenkirchen von 1914 -1933.

    24 = Kurz zuvor war es zu dem Zusammenschluß von Gelsenkirchen und Buer gekommen; die neue Stadt trug jedoch nur bis 1930 diesen Doppelnamen.

    25 = Das erste Geschäft wurde laut Internet- Selbstdarstellung 1882 in Aachen von Reiner Appelrath und seiner Frau Nettchen, geborene Cüpper gegründet. Die noch bestehende Firma mit gegenwärtig 15 Moderhäusern, u.a. in Essen und Dortmund, hat ihre Zentrale in Köln und gehört zur Douglas-Holding in Hagen. Im Adreßbuch von 1934 wurde die Appelrath & Cüpper GmbH nur als Pächter von Bahnhofstr. 49 genannt.

pito
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  • Neue Namen

    Noch vor 1940 sind Haus und Grundstück in das Eigentum der Fa. Arand & Bedenbecker übergegangen. Deren Firmenslogan lautete: „A und B kleidet alle“. Den Krieg scheint das Gebäude vergleichsweise gut überstanden zu haben. Das Warenangebot war aber nicht groß, so konnten die Inhaber, die zu der Zeit in Hamburg lebten, ergänzend zu den eigenen stark verkleinerten Verkaufsräumen mehreren anderen Firmen Geschäftsräume anbieten.
    Das waren:
    • im Erdg. Lebensmittel Röwe,
      im 1. OG Fa. Fahrzeughandel West,
      im 2. OG Fa. Brücke,
      im 3. OG Textilfabrik Hennig & Eckert.
    In dem Zusammenhang wurden im Erdgeschoß an der Fassade zur Beskenstraße weitere Pfeiler eingezogen. Um 1950 dürfte die Zeit der Provisorien zu Ende gegangen sein.

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    21. Briefkopf aus den Jahren 1935/55: Das von der Fa. Gebr. Kaufmann übernommene gezackte Krönchen auf dem Dach wurde zum Kennzeichen der neuen Firma.

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    22. Die Bahnhofstraße mit Kaufhaus Sinn und dahinter das Geschäft von A & B in den frühen 50er Jahren

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    23. Das Geschäft von A & B in einer Anzeige im Adreßbuch von 1956


    1958 kam es zum nächsten größeren Umbau. Eigentümerin war zu der Zeit weiterhin die Fa. Arand & Bedenbecker; die Planungen erfolgten durch das Büro Riesenbeck und Filthaus, Gelsenkirchen. Der größte Teil des Erdgeschosses wurde in vitrinenartige Schaufenster verwandelt und der Eingang in das mehrgeschossige Kaufhaus zurückgesetzt. Zugleich erfolgte der Einbau eines Aufzuges und der Abbruch der alten rückwärtigen, über alle Geschosse reichenden großen dreiläufigen Treppe zugunsten einer geknickten seitlichen und in den Obergeschossen zweiläufig ausgebildeten Treppe. Es kam dabei zur Schließung der offenen über mehrere Geschosse reichenden Räume. Stattdessen erfolgte ein konventionelles durch Treppen verbundenes Übereinanderstapeln von Verkaufsflächen. Aus Feuerschutzgründen geschah der Einbau einer weiteren Treppe.

    Auch die Fassade wurde völlig verändert; sie wurde zur Bahnhofstraße und im ersten Teil der Beskenstraße mit glatten Platten verkleidet. Die übrigen Fenster an der Beskenstraße erhielten Glasbausteine. Lieblos war auch die Gestaltung der Erdgeschoßzone an der Beskenstraße.

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    24. Die erste Stufe der Fassadenverkleidung, Situation um 1965/70

    Um 1975 scheint es bei Arand und Bedenbecker zur Aufspaltung zwischen Grundeigentümern und Betreibern gekommen zu sein, was für Außenstehende schwierig zu erkennen war, denn der bekannte - oder durch Werbung bekannt gemachte - Name wurde häufig mit der Immobilie gleichgesetzt. Für das Textilhaus Mensing <sup>27</sup> als Pächter der Immobilie erfolgte 1975/76 ein Umbau des Erdgeschosses; frühere Schaufenster wurden der Verkaufsfläche zugeschlagen. Der eingeschaltete Architekt war Theo Ganz aus Bottrop. In dem Zusammenhang erfolgte eine veränderte Verkleidung der Fassaden des 1. bis 3. OG, nun mit Metall-Lamellen.

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    25. Bahnhofstraße mit Kaufhaus Sinn und Kaufhaus A + B, Situation um 1965/70

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    26. Ein in der Zeit zwischen 1940 und 1955 verwendetes Signet der Firma Arand & Bedenbecker

    Über die Fassadenverkleidungen gibt es keine Angaben in den Bauakten; das war kein baurechtliches Thema, solange nicht Feuerschutzgründe dagegen sprachen. Man soll die Verantwortlichen, die diese Verkleidungen des Kaufhauses veranlaßten, nicht zu sehr verurteilen. Textilgeschäfte stehen unter einem starken Erneuerungsdruck. Die „Ganzkörperverhüllung“ oberhalb der Schaufensterfronten war in den 1960er Jahren eine architektonische Mode – oder Modernisierungsstrategie, die z.B. die Kaufhausgruppe Horten mit Beistand des Architekten Egon Eiermann in der ganzen Republik umsetzte.

    Nachdem sich etwa um die Mitte der 1980er Jahre die Firma Mensing zurückgezogen hatte, firmierte das Geschäft unter dem Begriff „Kaufhaus Präsidium“. Im Winter 1986/87 wurde das Vordach geändert und eine neue Innentreppe gebaut. Bauherr war zu der Zeit die Fa. Präsidium Schmidt u. Görges GmbH u. Co Vertriebs KG, Essen. Dabei wurde an der Blechverkleidung der Fassade über dem Eingang eine kleine abgetreppte Aussparung gemacht, die die frühere Fassadengestaltung sichtbar werden ließ.

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    27. Grundriß von 1986 des 1. Obergeschosses mit Darstellung der schon früher vorgenommener Änderungen.


    Etwa seit der Mitte der 1990er Jahre kamen Grundstück und Haus in den Besitz der Sepia- Immobiliengesellschaft, Reinbek. Im Jahr 1998 wurde der Einbau einer Rolltreppe im vorderen Treppenhaus, das eine leichtere Verbindung der Verkaufsräume vom Erdgeschoß bis zum 2. Obergeschoß herstellen sollte, beantragt, aber nicht verwirklicht. Seit dem Frühjahr 2008 bahnte sich für das traditionsreiche Geschäftshaus eine „Renaissance“ an. Die Sepia hatte als Projektentwickler und Investoren die Unimo Group gewonnen, die bundesweit Renovierungen und Vermietung betreibt. Ihnen war klar, dass neue attraktivere Nutzer für die Ladenräume nur gewonnen werden können, wenn wieder in das Erscheinungsbild des Gebäudes investiert wird. Als Pächter war frühzeitig die in der Schweiz beheimatete Modegruppe Charles Vögele vorgesehen.

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    28. Zustand vom Sommer 2008


    Die Unimo investierte in die Kernsanierung etwa 2,5 Mio. Euro. <sup>28</sup> Dass Investitionen in Handelsimmobilien in Gelsenkirchen problematisch sein können, zeigte sich 2009 beim benachbarten Sinn-Textilhaus. Um so erfreulicher, dass hier die Arbeiten weitergeführt wurden. Im April 2010 war die Außenrenovierung abgeschlossen. Die Eröffnung der Vögele-Filiale geschah im Sommer 2010.

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    29. Die erste Stufe der Wiederherstellung, Situation von April 2010

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    28 = Bericht in WAZ vom 7.4. 2010

    Anmerkungen und Quellen:
    Die meisten Angaben zur Baugeschichte konnten der Bauakte beim Referat für Stadtplanung und Bauordnung entnommen werden. Einzelne personenbezogene Daten beruhen auf Angaben der beim ISG aufbewahrten Einwohnermeldekarten.

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