Katholisches Leben in GE nach dem großen Aufräumen

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Mechtenbergkraxler
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#liebegewinnt

Beitrag von Mechtenbergkraxler »

Es gibt ja immer noch das Häuflein Aufrechter, die an ihrer Kirche zwar stark zweifeln, aber noch nicht verzweifeln. Gestern gab es – auch bei uns – zahlreiche Aktionen in ganz Deutschland vor Kirchen gegen das jüngste Geschwurbel aus dem Vatikan bezüglich der Segnung homosexueller Beziehungen. Der Vatikan hatte noch mal klargestellt, dass zwar Dackel, Autos und Motorräder gesegnet werden dürfen, nicht aber zwei Leute, die füreinander da sind und nicht unbedingt Fortpflanzung als vornehmstes Ziel ihrer Beziehung ansehen. Nun sollte kein Mensch, nicht einmal ein Katholik, Äußerungen solcher Gremien ernster nehmen als Talkshow-Beiträge. Ärgerlich bleibt es aber trotzdem.

Hat jemand was mitgekriegt von Aktionen am Samstag oder Sonntag in Gelsenkirchen? Haben sich Geistliche positioniert, für oder gegen die Aktion? Oder war nichts los? Bei uns hier war fröhliche Stimmung, erstaunlich viele Leute waren gekommen, bunte Luftballons wurden verteilt (hoffentlich rückstandslos abbaubare :roll: ), der größte Teil des Kirchenpersonals war gekommen und nahm teil, kurze Statements wurden verlesen, und auch - sehr nachdenklich machend - Statements von Leuten, die wegen ihrer sexuellen Orientierung Probleme im Job bekommen haben bei kirchlichen Arbeitgebern. Nebenbei: Die Kirchen halten oft nicht mehr als 10 % Anteil an solchen Einrichtungen, bestimmen aber die Richtlinien der Personalpolitik. Es war jedenfalls lustig und angemessen.

MK
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remutus
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Re: Katholisches Leben in GE nach dem großen Aufräumen

Beitrag von remutus »

Hat eigentlich irgendeine Partei das Ziel der Abschaffung des Paragraphen 118, Absatz 2 des Betriebsverfassungsgesetzes im Programm, oder muss ich die erst gründen?

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Jochen
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Re: Katholisches Leben in GE nach dem großen Aufräumen

Beitrag von Jochen »

Es ist traurig, dass 2021 über solche Dinge überhaupt noch debattiert werden muss.

Mir ist es gleich, aber vielleicht bekommen wir Behinderten auch noch den Kirchenbann.

Jochen
Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens

Bernhard Roth
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Re: Katholisches Leben in GE nach dem großen Aufräumen

Beitrag von Bernhard Roth »

Basis dieses Paragrafen dürfte wohl noch immer das Konkordat aus der Nazizeit 1934 sein.

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Benzin-Depot
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Re: Katholisches Leben in GE nach dem großen Aufräumen

Beitrag von Benzin-Depot »

remutus hat geschrieben:
10.05.2021, 11:03
Hat eigentlich irgendeine Partei das Ziel der Abschaffung des Paragraphen 118, Absatz 2 des Betriebsverfassungsgesetzes im Programm, oder muss ich die erst gründen?
es gab wohl schon Versuch(e) den abzuschaffen, irgendwie schien sich allerdings das Interesse daran stark in Grenzen zu halten :o

https://www.openpetition.de/petition/on ... e-und-reli
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(Antoine de Saint-Exupéry / aus "Der kleine Prinz")

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Mechtenbergkraxler
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Großes Aufräumen und kein Ende

Beitrag von Mechtenbergkraxler »

Die katholische Kirche hält an dem überholten Modell fest, dass nur die klassische Pfarrei, mit Pfarrer, Zentralkirche, Pfarrbüro, Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat eine richtige Pfarrei ist. Reicht das Personal nicht mehr für die Bedienung der bisherigen Standorte und reicht das Geld nicht mehr für Gebäude und Personal, so wird halt fusioniert, auf Deubel (w,m,d) komm raus. Dass die Riesenpfarreien in Alt-Gelsenkirchen schon seit Jahren jede Art der persönlichen Beziehung zu den Kirchenmitgliedern unmöglich machen, hat das Bistum nicht gehindert, vor wenigen Tagen dem Ganzen noch eins oben drauf zu legen.

Die bisherige Großgemeinde St. Augustinus war schon das Produkt von zig Zusammenlegungen. Fast nur noch hier in den GG werden noch Erinnerungen gepflegt an längst untergegangene Gemeinden und Kirchen, wie St. Mariä-Himmelfahrt, Heilige Familie, Liebfrauen und mehr. Nun kommt zum 1.9.2021 noch eine Fusion mit St. Joseph dazu, einer Gemeinde, die auch schon das Produkt der Zusammenlegung von Heilige Dreifaltigkeit-Haverkamp (mit Filialkirche St. Franziskus in Bismarck), St. Antonius in Feldmark und St. Elisabeth in Heßler, sowie St. Anna, Schalke-Nord, war. Genau genommen handelt es sich aber um keine Fusion, sondern um eine "Anpfarrung", d.h. eine Integration ohne rechtlich-wirtschaftliche Änderung, denn die wäre teuer geworden, weil die St. Augustinus GmbH als Betreiber verschiedener Einrichtungen damit einen neuen Besitzer bekommen hätte, und das wäre steuerlich richtig ins Geld gegangen.

Ganz Alt-Gelsenkirchen südlich des Kanals besteht jetzt nur noch aus einer einzigen katholischen Kirchengemeinde. Man mag ja die Vielfalt der Freikirchen, speziell in den USA, belächeln und für unseriös halten, aber letztlich wird dort ein Modell gelebt, das seelsorgerische Betreuung lokal mit kurzen Wegen und nebenamtlich tätigem Personal sehr effektiv sicherstellt. In Detroit, in dem ich oft zu tun hatte, liegen oft nur 100 - 200 Meter zwischen einzelnen Kirchen / Kirchlein, die aber alle am Sonntag gut besucht sind. Das katholisch-hierarchische Pfarreidenken ist ein Anachronismus. Die evangelische Kirche macht es übrigens auch nicht wesentlich anders, nur noch nicht so extrem. Vielleicht kann ja mal ein betroffener Josephianer erzählen, wie das alles jetzt abgelaufen ist.

MK
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Pedder vonne Emscher
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Re: Katholisches Leben in GE nach dem großen Aufräumen

Beitrag von Pedder vonne Emscher »

Was Kraxler hier schreibt, kann ich auch nicht nachvollziehen. Ich bin zwar evangelisch, aber die Betreuung einer Großgemeinde (St. Augustinus) für einen großen Bereich der Stadt Gelsenkirchen wird nicht funktionieren. Die einzelnen Gemeinden in den Stadtteilen sind über Jahrzehnte gewachsen. Ich kenne das aus Beckhausen, wo ich aufgewachsen bin und noch gute Kontakte zu Freunden aus früheren Zeiten habe. Dort wurde die katholische Liebfrauen-Gemeinde vor einigen Jahren mit St. Hippolytus Horst fusioniert. In Beckhausen verschwand der Pfarrgemeinderat und wird jetzt von Horst aus geführt. Die Gemeindebüros verschwanden, die Chöre mußten fusionieren. Sowas wird in der katholischen Kirche von oben verordnet. Aber die Leidtragenden sind die Gemeindemitglieder.

Gewachsene Strukturen kann man nicht per Dekret neu aufstellen. In der Beziehung ist Gelsenkirchen aber kein Einzelfall.

Kaluschke
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Re: Großes Aufräumen und kein Ende

Beitrag von Kaluschke »

Mechtenbergkraxler hat geschrieben:
12.09.2021, 19:51


Ganz Alt-Gelsenkirchen südlich des Kanals besteht jetzt nur noch aus einer einzigen katholischen Kirchengemeinde.
Das ist so nicht richtig. Es gibt zwar nur eine Pfarrei, aber in dieser Pfarrei acht Gemeinden.
Mechtenbergkraxler hat geschrieben:
12.09.2021, 19:51


Vielleicht kann ja mal ein betroffener Josephianer erzählen, wie das alles jetzt abgelaufen ist.

MK

Hier fühle ich mich angesprochen. Ich werde mich heute Abend oder morgen mal hinsetzen und versuchen das zu erklären.

Gruß Heiner
Danke, dass Sie mir die Zeit genommen haben.

Kaluschke
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Re: Katholisches Leben in GE nach dem großen Aufräumen

Beitrag von Kaluschke »

Hallo zusammen,

Also: Ausgangssituation:

Die katholische Pfarrgemeinde St. Joseph Gelsenkirchen wurde am 15.August 2007
neu errichtet. Die Pfarrei erstreckt sich über die Stadtteile Bismarck, Heßler, Feldmark,
Schalke und Schalke-Nord. Die Pfarrei hat vier Gemeinden.

In 2015 hat Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck alle Pfarreien beauftragt, sich einem
Pfarreientwicklungsprozess zu stellen. Hintergrund sind die spürbaren Veränderungen innerhalb unserer Gesellschaft, die einen Rückgang der Zahl der Kirchenmitglieder und Hauptamtlichen
im pastoralen Dienst zur Folge haben.

Die Pfarreimitglieder wurden in zwei Pfarreiversammlungen im März/April 2015 über den bevorstehenden Prozess informiert.

Kirchenvorstand, Pfarrgemeinderat, Pastoralteam sowie mehrere Arbeitsgruppen, welche sich
nach den Pfarreiversammlungen gebildet haben, setzten sich mit dem Thema auseinander.
Die Ergebnisse wurden den Pfarreimitgliedern und der Öffentlichkeit im März 2017
im „stadtbauraum“ präsentiert.

Kernaussage des vorgelegten Votums ist:
In allen Stadtteilen unserer Pfarrei sind wir mir seelsorgerischen
Schwerpunkten liturgischer und/oder sozialer Art präsent.

Wirtschaftliches Konzept, Ausgangssituation:
Bei gleichbleibenden Zuweisungen und Erträgen, Rücklagenbildung für die Gebäude
und steigenden Personalkosten käme es ab 2025 zu einem jährlichen Defizit von
über 400.000,-€, ab 2030 sogar über 500.000,-€. Wenn man unverändert weiter
wirtschaften würde.

Personalplanung; lasse ich hier mal aus.

Planung der Pastoral genutzten Immobilien:

Die Kirchen Hl. Dreifaltigkeit (Bismarck(Haverkamp)) und St. Elisabeth (Heßler)
sollen bis 2030 weiter genutzt werden. Eine längere Standortzusage ist nicht möglich.
Rücklagen werden nicht gebildet.

Die Kirche St. Franziskus (Bismarck) wird in 2020 außer Dienst gestellt, Schließung.

Die Kirchen St. Antonius (Feldmark) und St. Joseph (Schalke) werden 2020 aus dem
Regelbetrieb genommen, Nutzung nur noch für besondere Anlässe. Spätestens 2025
bzw. 2030 werden diese beiden Kirchen vollständig außer Dienst gestellt.

Die Kapelle auf dem Friedhof am Stäfflingshof wird langfristig genutzt und ggf zu einem
pastoralen Zeitraum (Trauerpastoral) ausgebaut. Dort sollen auch regelmäßige
Gottesdienste stattfinden.

Als zukünftige Pfarrkirche wird hier schon die Kirche St. Augustinus genannt.

Das vorgelegt Votum wird von Bischof Overbeck genehmigt. Er betont hier besonders
den bemerkenswerten Realismus hinsichtlich der Gebäudenutzung und einer gemeinsamen
Zukunftsgestaltung der Pfarreien St. Augustinus und St. Joseph.

Insbesondere durch die Entwicklung der Zahl der Priester in der Pfarrei St. Joseph
hat sich der Prozess teilweise beschleunigt.
Ca. 2015 gab es in der Pfarrei noch acht Priester (einschl. Priester im Ruhestand)
2020 gab es noch einen Priester, ab Sommer 2021 hatte die Pfarrei keinen Priester mehr.

Die Pfarreigremien Kirchenvorstand, Pfarrgemeinderat, Pastoralteam der beiden Pfarreien
St. Augustinus und St. Joseph haben über einen möglichen Termin zum Zusammenschluss beraten.
Das Ergebniss war: Spätsommer/Herbst diesen Jahres. Hintergrund ist die anstehende
Neuwahl von Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat am 6/7 November 2021.
Die neue große Pfarrei bekommt damit auch zeitnah ihre neu gewählten Gremien.

Zum 01. September 2021 wurde St. Joseph der Pfarrei St. Augustinus zugepfarrt.

Ich hoffe ich konnte relativ kurzgefasst den Prozess erklären, und darstellen das die
Entscheidungen von den Pfarreien ausgegangen sind.

Tatsache ist, die Menschen kommen nicht mehr in die Gottesdienste.
Als die St. Franziskuskirche 1904 neu gebaut war, sind an einem Sonntag bis zu
5.000 Gläubige in den Gottesdiensten.
Im Jahr 2019, kurz vor der Schließung, waren es 25 !


Heiner
Danke, dass Sie mir die Zeit genommen haben.

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