Richard Limpert

Schriftstellerei, Dichtung, Rezitation

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Heinz
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Richard Limpert

Beitrag von Heinz »

Das Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren schreibt:

Richard Limpert

Geboren am 8. August 1922 in Gelsenkirchen. Von 1929 bis 1937 Besuch der Volksschule. Lehre als Sattler und Polsterer. Dekorateur. Soldat. Von 1944 bis 1949 sowjetische Kriegsgefangenschaft. Von 1950 bis 1957 Polsterer. Ab 1957 Glashüttenarbeiter und Maschinist auf drei Zechen im Ruhrgebiet. Bildungsobmann der IG Bergbau und Energie. Dann wegen Zechenstillegungen im Ruhrgebiet im Frühruhestand. Seit Mitte der 1960er Jahre schriftstellerische Tätigkeit. Seit 1968 Mitarbeit in der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen und seit 1969 im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Er starb am 16. März 1991 in Essen.

Im Sinne eines ungebrochenen sozialistischen Realismus stellt L. die kapitalistische Entwicklung in der BR Deutschland und deren – negative – Auswirkungen auf das Bewußtsein und die Lebensrealität v.a. der Bergarbeiter dar. In der Prosa greift er Erfahrungen der Arbeitswelt auf und komprimiert sie zu kurzen, reportageartigen Texten, die in anschaulicher Alltagssprache der Bewußtseinsschärfung der Betroffenen dienen sollen. (Killy-Literaturlexikon)

Auszeichnungen: 1. Preis bei einem Reportagewettbewerb (1970) – Georg-Weerth-Literaturpreis (1978).

Selbständige Veröffentlichungen: Lotterie. Gedichte. Dordrecht/Niederlande: Stichting Produktiegroep o.J. [mit J. Büscher, K. Küther, W. de Vries] – Schichtenzettel. Oberhausen: Asso 1969 [mit J. Büscher, K. Küther] – Menschen seh ich, die mit Eifer ... Lyrik und Prosa. Hamburg: Neue Presse 1970 [Nachw. von E. Runge; Illustr. von D. Süverkrüp] – Gedichte des Sozialpartners. Mülheim/R.: Anrich 1971 [mit H. Berger und G. Hinz] – Über Erich 1933-1952. Bericht. Ebd. 1972 – Fragen, so nebenbei. Wuppertal: Hammer 1975 (= NRW literarisch 4) – Ein Tenor aus Steele hat Gold in der Kehle. Ein Lese-Lieder-Bilderbuch. Oberhausen: Asso 1978 [mit K. Fasia]. – Frauentag. Szenenfolge. Dortmund: Pläne 1978 – Wortmeldung & Zwischenrufe. Prosa und Gedichte. Oberhausen: Asso 1979 – Zeitgedichte. München: Damnitz 1982 – Erich Trepmils Geschichte. Oberhausen: Asso 1983 – Durchs Megafon geflüstert. Gedichte, Aktionstexte, Kurzprosa. Ebd. 1987.

Unselbständige Veröffentlichungen in: (Auswahl): 100 Jahre Bergarbeiter-Dichtung. Hg. von W. Köpping. Oberhausen 1982 – Agitprop. Hamburg 1969 – F.G. Kürbisch (Hg.): Anklage und Botschaft. Hannover 1969 – Beispiele Beispiele 1969 – J. Fuhrmann, K. Kuhnke (Hg.): Thema Arbeit. Hamburg 1969 – K.D. Bredthauer, H. Pachel (Hg.): Ein Baukran stürzt um. 1970 – 25 Jahre danach. 1970.

Tonträger: Kinderlied. Musik: Peter, Paul & Barmbeck. o.O.u.J. [LP] – Kumpels Erben. Tönnis Basement Band (Texte von Limpert) (LP) – Für eine andere Deutschstunde. Schulbuchtexte von Richard Limpert. Produktion des Müllenbacher Dichterstübchens 1987 [MC].

Videokassetten: (Slg. Fritz-Hüser-Inst. für dt. und ausländ. Arbeiterliteratur, Dortmund) Sichere Energie. Texte und Darstellung: Richard Limpert. Produktion: Rainer Komers (Oberhausener Kurzfilmtage) – Neues Leben blüht auf den Ruinen (ZDF; Mitwirkender Richard Limpert, 1980) – Interviews und Texte von Kurt Küther und Limpert (ZDF 1980) – „Fast ein Prolet ...“ Richard Limpert, ein Arbeiter erzählt von einem bewussten Leben (WDR 1983) – Richard Limpert. Zwei kleine Ausschnitte aus seiner jahrzehntelangen Mittäterschaft in der Friedensbewegung (Gelsenkirchen 1986. Kamera: Heinz und Bert Gossen).

Erwähnungen in: A. Klotzbücher (Hg.): Lit. Leben in Dortmund. Dortmund 1984, S. 205 – G. Stieg, B. Witte: Abriß einer Geschichte der Arbeiterliteratur 1973 – J. Reding: Menschen im Ruhrgebiet. Wuppertal 1974 – B. Röttger: Dialoge. 18 Porträts. Gelsenkirchen 1985.

Nachlaß, Handschriftliches: I. Bestände in westfälischen Archiven – – II. Weitere Handschriften in Westfalen: Archiv Gelsenkirchener Autoren – – III. Bestände und Handschriften außerhalb Westfalens: nicht bekannt.

Sammlungen: StLB Dortmund, Personenslg.: Zeitungsausschnittslg

Nachschlagewerke: Revier heute 1971 – Sie schreiben zwischen Moers und Hamm 1974 – Sie schreiben in Gelsenkirchen 1977 – Kürschner: Dt. Lit.-Kalender 1978 – Who’s Who in Literature? Bd. 1, 1978/79 – Kosch, 3. Aufl., Bd. 9, 1984 – Killy, Bd. 7, 1990 – Westf. Literaturführer 1992 – Munzinger Archiv 1999 – Dt. Bibliothek.


Lexikon

Heinz
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Werkkreis Literatur der Arbeitswelt

Beitrag von Heinz »

Nach jahrzehntelanger völliger Vergessenheit war mein erster Kontakt mit Richard Limpert bei und durch K.H.Rabas Ende 2006 im Stadtteilarchiv Rotthausen.
Er zeigte mir ein Foto von Richard Limpert auf Zeche Dahlbusch - Gasometer und Förderseilbahn als skurrile Kulisse im Hintergrund.
Und erzählte dazu über R. Ls letzte Tage, seinen Herzinfarkt im Zelt an seinen geliebten Ruhrwiesen, den er nur deshalb nicht überlebte, weil er allein war und zu spät gefunden wurde.

Im Gedränge der Regale des Archives fand ich dann Heftchen und Bücher von Richard Limpert und Erinnerungen kamen mir wieder.

Nein, gemocht habe ich seinen sozialistischen Realismus nie.
Aber ich hatte wunderbare Erinnerungen an seine Auftritte mitten aus dem Publikum bei einschläfernden und ausufernden Diskussionsversanstaltungen. In den 70zigern musste zu und über alles ein Teach-In, Speak-In, Quatsch-Rum gemacht werden, bei einer Kabarett-Veranstaltung konnte z.B. schon mal mitten in der Vorstellung aus dem Publikum heraus die Qualität einer Nummer ventiliert werden....

Richard war immer zur Stelle, wenn alles einschlief und sich fragte, was der ganze Scheiß soll.
Das hat er dann auf den Punkt gebracht, mit bellender Stimme, mal sehr laut, mal nur laut, immer kämpferisch, immer knackig und immer einleuchtend.

Also habe ich mir einige Tondokumente besorgt um Richard auch hier als "Gesamtkunstwerk" zu würdigen. Beim anhören stellte ich verblüfft fest, dass er ein Händchen für die damaligen Konflikte zwischen den Generationen hatte, Kinder und Jugendliche ernst nahm und auch deren Lebenswirklichkeit erfasste.

Hut ab.

Außerdem sehe ich ihn Rückblickend als Bindeglied zwischen der Kriegsgeneration und der 68ziger und 70ziger Jahre Generation.
Interessante deftige Einblicke gibt er auch über den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Hier also einige Hörbeispiele, mehr davon bekommt ihr beim Müllenbacher Dichterstübchen.


Bild
An meine jungen Freunde (1 Minute)

11:30 Gespräch in der Zeche Carl


Ein schöner, atmosphärisch dichter Einblick in die Themen der Zeit, etwas Agit-Prop muss natürlich sein.
Vielleicht auch ein letztes Dokument einer "Arbeiter- und Gewerkschaftsromantik", die heute ausgestorben ist.
Mir hat es gefallen das Echo aus einer fernen Zeit zu hören.

Tochterrebellion

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Detlef Aghte
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limpert

Beitrag von Detlef Aghte »

Bild
Wer durch des Argwohns Brille schaut,
sieht Raupen selbst im Sauerkraut
W. Busch

horstemscher
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Lesung mit Texten von Limpert im Nordsternstollen

Beitrag von horstemscher »

Lesung im Schein von Grubenlampen soll wieder Zuhörer begeistern

Bergbaustollen als Kulisse

Die dritte Lesung des Geschichtsforum Nordsternpark in Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis Nordstern findet am Freitag , den 21.09.07, um 16.00 Uhr , im Bergbaustollen des Nordsternpark, in Gelsenkirchen- Horst, statt.

Im Mittelpunkt derVeranstaltung lesen die Literaten Ilse Kibgis und Kürt Küther im Schein zahlreich aufgestellter Grubenlampen u.a. Texte des Gelsenkirchener Arbeiterdichters Richard Limpert, sowie aus eigenen Werken.

Auch die Geschichten, Anekdoten oder „Dönekes „ von Reinhold Adam ,Ernst – Peter Bechtloff und Willi Weiß werden sicher wieder in einer begeisterten Atmosphäre gefallen finden, sind die Initiatoren überzeugt. Dazu beitragen soll neben der besonderen Kulisse des Stollens auch die Klänge von Kalle Gajewski auf der Gittare, der die „Literaten“ mit Liedern vor und nach der Lesung, sowie zwischen den Texten begleiten wird, was eine gewisse Hinterhof Atmosphäre erzeugen wird. Reinhold Adam vom Geschichtsforum bemerkte , dass " unser Erfolg es ist, dass wir dort über Geschichte reden , wo Geschichte geschrieben wurde, von und für Menschen, die Geschichte mitgeschrieben haben“.

Die Veranstaltung ist kostenlos zu besuchen.

Reinhold Adam

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Verwaltung
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Beitrag von Verwaltung »

  • Richard Limpert



    Tagesschau

    Ich sehe
    einen gefolterten
    Vietnamesen
    kopfüber
    in einer Tonne.
    Er schluckt
    Jauchewasser.

    Gestern sah ich
    einen knienden
    Ledernacken
    kopfgeneigt
    gen Hochwürden.
    Er schluckte
    die Hostie.



    Sichere Energie

    Tief
    unter den Füßen
    liegt die Wahrheit.
    Wir kippen sie zu
    und lassen sie ersaufen.

    Hoch
    über den Köpfen
    erstrahlt die Lüge,
    lichtsuggestiv,
    das leuchtende Blendwerk
    RUHRKOHLE - SICHERE ENERGIE

    Wir
    kippen sie zu
    tief
    unter den Füßen
    und lassen sie
    hoch
    über den Köpfen
    ersaufen
    mit
    sicherer Energie



    An die Festredner

    Schluß
    mit den mythosschwangeren Phrasen
    von Arbeit, Stolz und Ehrenpflicht.
    Schluß
    mit dem Lugfanfanrenblasen:
    Das Recht zur Lüge habt ihr nicht!
    Was ihr uns predigt, ist nicht echt,
    auch wenn es ehern klingt.
    Wer selbst malocht, der sagt mit Recht:
    Schweiß duftet nicht, Schweiß stinkt!
Quelle: Beispiele, Hugo Ernst Käufer (Hrsg), 1969

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Beppone
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Beitrag von Beppone »

Richard Limpert war der Arbeitskollege meines Vaters auf Zeche Dahlbusch .
Wir als Kinder haben ihm viele viele schöne Stunden zu verdanken .Er hatte schon Ende der 50er Jahre ein " selbstgemachtes" Zelt an der Roten Mühle /Ruhr stehen . Damals noch kein richtiger Campingplatz mehr eine Kuhwiese , wo die Kuh tatsächlich morgens schon mal an der Zeltwand schnüffelte !
Meine Eltern und die Limperts haben sich quasi das Zelt " geteilt " und oft kam Richard am Wochenende auch und wir Kinder haben dann in einem kleinen Zelt daneben geschlafen . Er war immer ein hellwacher und überaus witziger Freund der auch ruckzuck in ein ernsthaftes Gespräch verfallen konnte.
Wir hatten bzw haben noch immer Bücher von ihm . Mitte der 80er hat er mir für meinen Sohn ein Bilderbuch geschenkt :
Große und kleine Tiere
Texte und Bilder für große und kleine Leute von Richard (Limpert )
und Ilse (Straeter
)
Er hieß bei uns zuhause und auf Dahlbusch ausschließlich Rilige . Seine eigene Erfindung für Richard Limpert Gelsenkirchen .
Mein Vater hat immer erzählt wie er in den Anfängen seiner schriftstellerischen Tätigkeit bei Nachtschicht ankam : Hömma ich hab da wat geschrieben , hört euch dat ma an !
Als ich jetzt hier seine Stimme wieder hörte mußt ich doch ein Ströphchen heulen .
Leider ist er wohl in Gelsenkirchen in Vergessenheit geraten , schade .
I am the Master of my Fate
I am the Käpt'n of my Soul

aus Invictus von William Ernest Henley

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klaus peter wolf
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Richard Limpert

Beitrag von klaus peter wolf »

Ich mochte Richard Limpert. Er war eine ehrliche Haut und stand im entscheidenden Moment immer auf der richtigen Seite. Erich Trepmils Geschichte war seine eigene. (erschienen in zwei Bänden im Asso Verlag) Trepmil heißt Limpert rückwärts gelesen. Richard wollte noch wirklich etwas. Für ihn war Kunst weder Selbstbefriedigung noch Broterwerb. Er glaubte an die bewußtseinsverändernde Wirkung von Texten.
Auf Flugblättern waren sie ihm lieber als im Poesiealbum. Er sprach laut und deutlich.
Er sagte nicht "freie Marktwirtschaft". Er sagte: "Kapitalismus".
Ich erinnere mich an eine gemeinsame Lesung auf einem Marktplatz. Ich glaube, es war in Marl. Max von der Grün war dabei und Josef Büscher natürlich. Ich war noch Schüler und konnte mir nicht vorstellen neben Fischverkäufern und einem Obststand eine Geschichte vorzulesen. Aber dann machte Richard den Anfang mit einem Megafon. Er las tatsächlich Gedichte vor und es blieben Leute stehen. Einige kauften später sogar Bücher. Max las ganz ruhig eine Geschichte. Fast zwanzig Minuten lang und eine große Menschentraube hörte zu. Dann kam ich dran mit zitternden Knien. Als ich fertig war klopfte Richard mir auf die Schulter. "Hasse toffte gemacht!" sagte er. "Willz noch n Pilz?" Ja, wollte ich und Max und Josef Büscher kamen auch mit. Ach ja, Josef Büscher. Gibt es in den Gelsenkirchener Geschichten noch nichts über ihn, oder finde ich nur die Seite nicht?
Er war sehr wichtig für die Stadt und seiner Schreibschule verdanken viele junge Autoren eine Menge.
Klaus Peter Wolf

salife
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Beitrag von salife »

Ein Bericht der Ruhr-Nachrichten vom 30. August 1987 über einen Empfang zu seinem 65. Geburtstag:
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