Wilhelm Funcke und Zivilcourage

Hier sammeln wir kleine und große Taten von Zivilcourage und Privatinitiativen einzelner Menschen. Ein erstes Beispiel soll Wilhelm Funcke sein, der trotz Mordanschlägen die integrative Arbeit an seinem Gymnasium fortsetzte.

Das Bildchen stammt von dem Wahlgelsenkirchener Maler Felix Zdziuch (Ameisen treffen auf Monster)

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Heinz
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Wilhelm Funcke und Zivilcourage

Beitrag von Heinz »

Mordanschläge auf einen Schulleiter und seine Lebensgefährtin wegen seiner humanistischen Grundsätze.


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pito
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Beitrag von pito »

Ich bin in den 90er Jahren aufs Ricarda gegangen, habe 2000 Abitur gemacht.

Ich kann nur bestätigen, dass das Klima immer ausgesprochen gut und gemeinschaftlich war. Nicht trotz, sondern wegen des hohen Ausländeranteils. Und es waren nicht nur Türken, sondern Schüler aus vielen europäischen Ländern dort. Im Zuge des Balkan-Krieges kamen bosnische Flüchtlinge dazu. Ich weiß noch gut, wie einer von ihnen, Kemal, Besuch von seinen Eltern aus Bosnien bekam und er ihnen bei einem Schulfest das Ricarda zeigte.

Horrorgeschichten, wie man sie ständig in der Zeitung liest (Mobbing, Gewalt, Rassismus), gab es am Ricarda nicht. In keiner Weise. Top Schule.

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Verwaltung
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Beitrag von Verwaltung »

Jetzt spielen seine Kinder die Hauptrolle
Schulleiter Wilhelm Funcke verlässt nach über 20 Jahren das Ricarda-Huch-Gymnasium

Von Michael Muscheid, 5. Juni 2004

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Erster Schultag 1949 So richtig Zeit, über den Abschied nachzudenken, hat Wilhelm Funcke kaum: Wie immer steckt der Leiter des Ricarda-Huch-Gymnasiums über beide Ohren in Arbeit, nicht mal Zeit fürs Essen findet er: Das Käsebrötchen liegt unberührt neben all den Papieren auf seinem Schreibtisch.

Doch wenn er einmal Luft holt, gut einen Monat vor Beginn der Sommerferien, an die Zeit "danach" denkt, dann merkt man: Der Abschied von "seiner" Schule ist zwar kein leichter, doch richtig schwerfallen wird er ihm nicht. "In den vergangenen 20 Jahren ist hier viel gewachsen", bilanziert Funcke, "da kann ich bald zuversichtlich von Außen zuschauen." Wenn er denn Zeit dafür findet. Viel hat er vor, schließlich geht er nicht ohne Grund drei Jahre vor dem Rentenalter. Muße fürs Lesen will er wieder haben, gerne endlich mal Klassiker wie Dostojewski entdecken, auch wieder Zeitschriften abonnieren, reisen, na klar, und heimwerken. Und dann: Zeit haben für die Familie.

"Lange und intensiv" habe er sich um "anderer Leute Kinder" gekümmert, jetzt seien seine eigenen an der Reihe: Elf und neun Jahre alt sind Katharina und Michael, und mit ihnen will er sich beschäftigen, bevor sie auf eigenen Füßen stehen.

um 1980 Wilhelm Funcke weiß: "Die Zeit, in der die Kinder jung sind, geht schnell vorbei." Die Familie, die der gebürtige Münsterländer jetzt in den Vordergrund stellen will, hat er selbst so nie gehabt. Den Vater, im Krieg gefallen, hat Funcke nie gesehen, er musste sich deshalb durchkämpfen, erst recht in der Schule, bis zum Abitur 1962.

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Engagement für Migrantenkinder
"Das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen", also jenen zu helfen, die - wie einst er selbst - geringere Chancen auf eine geordnete Schullaufbahn haben, sei wohl auf seine Jugend zurückzuführen, meint der 61-Jährige. So ist es kaum verwunderlich, dass er sich als erstes jener Schüler annahm, als er 1983 am "Ricarda" den Schulleiter-Posten antrat, die es in Gelsenkirchen besonders schwer hatten: die Migrantenkinder und dabei besonders die türkischen. Nur die wenigsten von ihnen gingen seinerzeit aufs Gymnasium, und das wollte Funcke, der die ersten Weichen dafür bereits als Lehrer am Aufbau-Gymnasium in Buer und Anfang der 80er Jahre als stellvertretender Leiter am Grillo-Gymnasium stellte, ändern. Mit Erfolg: Er nahm sukzessive Migranten-Kinder auf, intelligent genug für ein Gymnasium, aber sprachlich (noch) nicht auf Augenhöhe mit den deutschen Kindern.

Das RHG-Kollegium 1988 Das änderte Funcke - nicht durch die üblichen Förderklassen, in denen Migrantenkinder unter sich waren - sondern durch ihre Integration in Regelklassen und die Stärkung ihrer Muttersprache, etwa die Einführung des Fachs Türkisch. Funckes Leitsatz: "so viel Integration wie möglich, aber auch Anerkennung der Kultur und Muttersprache." Erfolgreich wie das Konzept auch ist - 25% aller Schüler haben heute eine andere Muttersprache als Deutsch - allen gefiel es nicht. "Viele Kämpfe gab es auszufechten", erinnert sich Funcke an die Anfangsjahre und denkt dabei z.B. an Konflikte zwischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie Philologenverband, die sein Kurs heraufbeschworen hatte. Und erst recht gefiel es denen nicht, die Funcke und seine Familie Mitte der 80er Jahre massiv bedrohten. Die ersten Türken hatten gerade am Ricarda-Huch-Gymnasium ihr Abitur gebaut, das rief Neonazis auf den Plan. Funcke überlegt lange, wählt die Worte sorgfältig, erinnert sich schließlich nicht gerne an die vielen Monate der Angst, des Terrors. Da wurden hässliche Worte an die Fassade seines Hauses geschmiert, Fenster eingeschmissen, gab's Morddrohungen am Telefon, falsche Beschuldigungen einer Schülerin, sein Auto wurde nachts in Brand gesetzt. "Sehr heftig" sei die Zeit gewesen, berichtet Funcke, einmal tief durchatmend, und doch habe er "nie gezweifelt" an der Richtigkeit seines Konzepts, benachteiligten Migranten eine Chance zu geben.

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Solidarität
Foto mit freundlicher Genehmigung von Herrn Möller, WAZ, Gelsenkirchen Im Gegenteil: "eher bestärkt" in seinen Vorstellungen hätten ihn die Anfeindungen, und geholfen habe auch der große Zuspruch, die Welle der Solidarität. Auch Kollegen standen hinter ihm. Ohne sie, sagt Funcke, der in Münster, Michigan und Paris Englisch und Französisch studiert hat, hätte sich seine Schule nicht so weit entwickeln können: zum Gymnasium, das Integration groß schreibe, das vom kleinsten zum größten in Alt-Gelsenkirchen gewachsen sei, das dank des Engagements des Kollegiums etwa auch Instrumental-Klassen anbieten könne, Unesco-Schule sei. Im Gegenzug habe er Entscheidungen stets demokratisch gefällt, den Kollegen "viel Freiraum gelassen".

Wilhelm Funcke freut sich, wenn er noch einmal länger über den bevorstehenden Ruhestand nachdenkt, dann doch auf selbigen. "Man muss auch mal einen Schnitt machen können", sagt er. Fast schon so, als wolle er sich entschuldigen, klingt das. Dafür, dass er bald Zeit hat: für Bücher, fürs Reisen, für die Familie. Und das Käsebrötchen.

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Foto: Martin Möller

Quelle: http://www.rhg-ge.de/Archiv/Funcke.html

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