Ein etwas anderer Liebesbrief

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Heinz
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Ein etwas anderer Liebesbrief

Beitrag von Heinz »

Diesen Text von einem "weltkind" habe ich hier gefunden

weltkind hat geschrieben:die stadt, die beamten, das schloss, der geist und ein besucher aus russland: das gelsenkirchener schloss horst ist schoen und liegt in schilda.
gelsenkirchen ist wohl - mit verlaub - eine der haesslichsten und leider auch aermsten staedte im ruhrgebiet. extrem hoher krankenstand (der hoechste in ganz nordrhein-westfalen!), hohe arbeitslosigkeit und noch hoehere feinstaubbelastung, verdreckte und zugemuellte strassen, eine arrogante, an den beduerfnissen der buerger vorbei agierende und probleme wegmogelnde stadtverwaltung, zoff mit migranten an sozialen brennpunkten wie dem ueblen stadtteil bismarck, saeufer und junkies am heinrich-koenig-platz mitten in der city, neonazis am busbahnhof in buer und anderswo.

myriaden von "luftratten" vulgo tauben am bahnhof, 1 euro-shops in traditionsgeschaeften in bester lage, schlaegereien libanesischer grossclans im revierpark (der teilweise auch essen gehoert), ein marodes, skandalbehaftetes rathaus und eine fachhochschule, die derzeit deutsche kriminalgeschichte schreibt. und der kultverein schalke o4 ist nach dem unappetitlichen rauswurf von fussballikone rudi assauer auch nicht mehr das, was er mal war.

tristesse. hoffnungslosigkeit. verzweiflung. eigentlich will man hier, wenn man nicht gerade beinharter eingeborener oder ein freund des bizarren ist, nur weg.

da wirkt auch die an schilda gemahnende aktion der gelsenkirchener stadtverwaltung, saemtliche kneipiers, bistro- und restaurantbesitzer in der city gegen androhung eines saftigen bussgeldes per dekret zu zwingen, im aussenbereich bunte sonnenschirme mit werbeaufdruck durch "hochwertige" in einheitlicher naturfarbe, billige plastikstuehle und -tische durch ebenso "hochwertige" aus holz oder flechtwerk und plastikblumenpoette durch - ihr ahnt es - "hochwertige" aus terracotta oder "hochwertige" nachbildungen zu ersetzen, nur noch als letzter verzweiflungsakt staedtischer schnarchnasen, die an ihrer stadt leiden und in der toscana zu lange unter hochwertigen sonnensegeln vom mittelmeerflair einer gebeutelten stadt getraeumt haben.

ach so: sichtschutz, der doch so manche kneipe gerade im sommer erst gemuetlich macht, muss auch weg. der gelsenkirchen blog praesentiert die groteske genuesslich und ausfuehrlich.

und dann hat da die emscherstadt noch eine kleine feine perle der baugeschichte zu bieten, sozusagen ein ass im aermeel, das sie schoen schamhaft zu verstecken weiss. kaum jemand ausserhalb der stadt weiss von seiner existenz: das wunderschoene und behutsam und kenntnisreich sanierte, restaurierte und mit den anforderungen der moderne gekonnt harmonisierte schloss horst ganz im norden der stadt an der grenze zu essen-karnap. erbaut in der zweiten haelfte des 16. jahrhunderts, gilt es als das bedeutendste renaissance-schloss im nordwestdeutschen raum. niederlaendischer manierismus, lokale spielart. die informatiker der uni hamburg hatten da mal eine tagung und haben das schloss hier sehr schoen praesentiert.

optisch toll ist die glashalle (leider im sommer zu warm und ganzjaehrig zu laut). hier werden hochzeiten gefeiert, kunst gezeigt (selten) und musik gemacht (öfters). in mehreren "rittersaelen" finden tagungen statt, z.b. von vereinen und aktionaersversammlungen. das bringt geld in die leeren kassen. denn das schloss gehoert inzwischen der stadt, ein teil der verwaltung sowie das standesamt fuer ganz gelsenkirchen haben hier ihren sitz. ein restaurant ist auch vorhanden.

nur: besichtigen kann man das schloss nur nach langfristiger planung und mit hindernissen. dennoch heisst es auf der offiziellen seite der stadt im schoensten buerokratendeutsch: "das schloss ist anlaufpunkt fuer alle menschen, die sich von der arbeitsweise zeitgemaesser restaurierungen faszinieren lassen wollen".

faszinieren lassen wollte sich auch wladimir aus russland, der vater meiner freundin nadija. er ist architekt und kuenstler, und die kunde vom schoenen schloss im emscherbruch war zu ihm bis an die gestade der wolga geeilt. bei einem familienbesuch im ruhrgebiet machte sich der 65jaehrige mit bus und bahn vom fernen dortmund auf nach horst. und stand vor verschlossenen tueren. am sonntag vormittag. zu einer zeit, in der jeder normal denkende mensch ein oeffentliches schloss fuer geoeffnet haelt.

er ist dann zum wasserschloss
kemnade nach bochum gefahren. dort hat er nett gegessen und noch einen spaziergng ins nahe und liebliche hattingen gemacht.

in horst wollte er sein geld dann doch lieberr nicht lassen; da gefiel es ihm nicht: "saeufer auf der straße und rumhaengende jugendliche haben wir auch in russland. da brauche ich nicht extra nach deutschland zu kommen." sprachs mit dem dem russen eigenen zynischen humor und betrat nie wieder gelsenkirchener boden.

was wladimir nicht wusste: an jedem 1. donnerstag im monat gibt es eine kostenlose fuehrung fuer "faszinierte". wow! das nenn ich service. wann die losgeht, verraet die stadt gelsenkirchen leider nicht. ein schloss braucht schliesslich ein geheimnis. es muss ja nicht gleich ein gespenst sein.

ich verstehe, dass gelsenkirchen, auch aus finanziellen gruenden, das schoene und bedeutende schloss horst eifersuechtig huetet wie einen schatz. auch ein beamter haelt seinen bueroschlaf lieber in einem rittersaal als in einem popeligen rathaus. neugierige besucher stoeren da eher.......

anreise: schloss horst im gleichnamigen gelsenkirchener stadtteil ist von essen hbf aus gut zu erreichen: mit der u17 richtung gelsenkirchen bis endstation fahren, dann in die linie 301 umsteigen. sie haelt direkt vor dem schloss (bitte vorher anrufen, wann die fuehrung beginnt).

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Nun ja, was soll man sagen: ein Liebesbrief? Muß es ja nicht sein. WWW: Wo wohnt Weltkind? (Stadtteil?) 8)

In "Her mit den Visionen" heißt es:
Das Leben nicht nur in dieser Stadt ist ein Leben in und mit der Krise.
Kultur – wie der ganze Mensch lebt – darf nicht bei der Abbildung dieser Krise stehenbleiben. So bewegt sich nichts.
:?

Heinz
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Beitrag von Heinz »

rabe489 hat geschrieben:Kultur – wie der ganze Mensch lebt – darf nicht bei der Abbildung dieser Krise stehenbleiben. So bewegt sich nichts.
:?


Stimmt.
Aber sich selber schönreden hilft auch nicht. Bei den vielen Erfolgskampagnen, die zur Zeit so laufen, ist so ein kleiner Dämpfer ganz recht. :roll:

Ich lasse mir durch Zustandsbeschreibungen allerdings auch nix mieser machen, als es ist. :wink:

Josel
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Beitrag von Josel »

Ich kann so’n Mist einfach nicht mehr hören.

Das „Weltkind“ hat den Durchblick und suhlt sich in altbekannten Klischees. Die Stadtverwaltung in GE ist „arrogant“ und „agiert an den Bedürfnissen der Bürger vorbei“; warum das so ist, bleibt dem geneigten Leser in der Hetzschrift verschlossen. Vielleicht liegt der Grund darin, daß die Stadt (noch immer) eine der „häßlichsten“ ist und über „verdreckte und zugemüllte Straßen“ verfügt. Aber das kann auch nicht sein, denn wenn die Stadtverwaltung dagegen etwas unternehmen will, dann ist das eine an „Schilda gemahnende Aktion“ (das Weltkind meint wahrscheinlich „erinnernd“).

Aber ganz so kosmopolitisch ist das Weltkind dann doch nicht: Daß es Schloß Horst seit mehreren hundert Jahren gibt, war ihm neu. Doofe GE-Stadtverwaltung aber auch, die diese „Perle schamhaft zu verstecken“ wußte vor unserem Weltkind. Der Kosmopolit hat aber immerhin mitbekommen, daß das Schloß kein Museum ist, sondern zu den unterschiedlichsten Zwecken genutzt wird, u.a. für „Aktionärsversammlungen“, die man korrekt als „Hauptversammlungen“ bezeichnet. Schloß Horst ist also schon nach eigenem Bekunden des Weltkindes nicht öffentlich zugänglich. Deshalb hilft es auch nicht weiter, daß „jeder normal denkende Mensch ein öffentliches Schloß für geöffnet hält“ am Samstag.

Tja, und so mußte der russische Rentner angeekelt von den „Säufern auf der Straße“ (die er wahrscheinlich direkt von der Schloßpforte aus auf dem „Heinrich-König-Platz mitten in der City“ gesehen haben wird) weiter nach Bochum, wo die Welt noch heile ist. Und das, obschon er solche Säufer nach eigenem Bekunden aus der russischen Heimat nur allzu gut kennt. Tja und die Moral von der Geschichte: Die Horster müssen nun ohne das Geld auskommen, das der Russe mit dem „ihm eigenen zynischen Humor“ nun offenbar scheffelweise lieber in Bochum ausgab.

Bleibt noch anzumerken, daß das Töchterchen des Russen offenbar im Dortmund wohnt, von wo aus sich der Vater jedenfalls auf den Weg nach Horst machte. Das erklärt so manches. Ihm, dem Zyniker, bleibt zu wünschen, daß er dort von der Gehässigkeit verschont bleibt, die offenbar den gemeinen Dortmunder seit einiger Zeit befallen hat, wenn es um Gelsenkirchen geht. Es ist zum Kotzen.


J.
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Heinz
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Beitrag von Heinz »

Es ist schwer eine "Stadtverwaltung" zu differenzieren in die sich bemühenden und in die in sich selbstgenügend beharrenden.. :shock:

Aber Josel hat schon recht, alle pauschal als Nichtsnutze abzutun ist nicht hilfreich und entspricht auch nicht der Realität. :?

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Heinz schreibt:
Aber sich selber schönreden hilft auch nicht
Aber Schönheit heilt! :twisted: :twisted: :twisted:

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rabe489
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Aber Schönheit heilt

Beitrag von rabe489 »

Bild

Eine Dame zu posten fehlt mir die Erlaubnis... :lol:

Zyniker
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Beitrag von Zyniker »

Schöne Kapelle!

Schade, das man die in Horst nicht besichtigen kann!

:lol: :lol: :lol:

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Ja im Foto und im Internet! :P

Josel
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Beitrag von Josel »

Gerade lese ich im Gelsenkirchen Blog folgende Bemerkung zu Weltkinds Ausführungen:

"Und obwohl man nach der Lektüre des Textes verzweifelt nach Möglichkeiten der Differenzierung und Schmälerung der Argumente sucht, muss konstatiert werden: Unwahr sind die Aspekte des Textes nicht."

Das ist nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich so daneben, daß ich diesen Blog von meinem RSS-Reader genommen habe.

J.
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Heinz
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Beitrag von Heinz »

Dieses Weltkind Dings läuft auch unter Satire. :roll:
Jedenfalls wenn man im Blog auf "Satire" klickt, kommts. :wink:
Ob es eine Satire ist.. wer will das letztlich beurteilen? :?

Heinz
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Beitrag von Heinz »

Wer von der "Verwaltung" hat da den Stinkefinger gemacht? :shock:
Ich war es nicht 8)

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Fuchs
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Beitrag von Fuchs »

:pfeif:

Peter Lustich
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Beitrag von Peter Lustich »

Heinz hat geschrieben:Dieses Weltkind Dings läuft auch unter Satire. :roll:
Jedenfalls wenn man im Blog auf "Satire" klickt, kommts. :wink:
Ob es eine Satire ist.. wer will das letztlich beurteilen? :?

Wenn dur unsicher bist, ob es Satire ist oder nicht, habe ich einen Tip
für dich:
Wenn es lustig ist und Josel sich so richtig aufregt, ja geradezu
ereifert, dann ist das todsicher Satire.
Echt, kannse ein drauf lassen!

vgl. Kreisler

http://www.gelsenkirchener-geschichten. ... 1805c220fb :lol:

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JürgenB
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Beitrag von JürgenB »

Peter Lustich hat geschrieben:


Wenn es lustig ist und Josel sich so richtig aufregt, ja geradezu
ereifert, dann ist das todsicher Satire.
Echt, kannse ein drauf lassen!

vgl. Kreisler

http://www.gelsenkirchener-geschichten. ... 1805c220fb :lol:
Tjaja, wenn die Lokalpatrioten so richtich aufheulen, dann war es ein Volltreffer. Das war in GE schon immer so.
Geboren im Jahre der Meisterschaft - nicht wie ihr alle denkt, sondern 3 Jahre früher!

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