Elisabeth Nettebeck (1896-1969), Kulturpolitikerin

Aus dem Buch - Von Hexen, Engeln und anderen Kaempferinnen
Das Lesebuch zur Frauengeschichte in Gelsenkirchen ist zum Preis von 5,00 Euro in im aGEnda 21-Büro, von Oven Str. erhältlich

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Elisabeth Nettebeck (1896-1969), Kulturpolitikerin

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Aus dem Buch "Von Hexen, Engeln und anderen Kämpferinnen". Das Lesebuch zur Frauengeschichte in Gelsenkirchen ist zum Preis von 9,90 Euro in allen Gelsenkirchener Buchhandlungen und im aGEnda 21-Büro erhältlich

Elisabeth Nettebeck
(1896-1969), Kulturpolitikerin

Die zur Christlich-Demokratischen Union gehörenden Elisabeth Nettebeck war eine von sieben Frauen, die 1946 in den Rat der Stadt Gelsenkirchen einzogen. Zwei Jahre später wurde ihr der Vorsitz des Kulturausschusses übertragen, von 1950 bis 1966 war sie Mitglied des Landtages.

Die Politikerin blieb ihr Leben lang eng mit der katholischen Kirche verbunden. Sie war stellvertretende Vorsitzende der Diözesangemeinschaft des Katholischen Deutschen Frauenbundes im Bistum Essen und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Erwachsenenbildungseinrichtungen in NRW.


Am 11. Oktober 1896 in geboren, war sie 50 Jahre alt, als sie die politische Bühne betrat. Die Politikerin stammte aus einer alteingesessenen bürgerlichen Familie in Schalke. Die Eltern führten eine Metzgerei und Gastwirtschaft an der ehemaligen Friedrichstraße, der heutigen Schalker Straße. Als älteste Tochter kümmerte sich Elisabeth Nettebeck um ihre fünf jüngeren Geschwister. Ihre pädagogischen und erzieherischen Ambitionen führten sie an das Oberlyzeum der städtischen Luisenschule in Essen. Am 9. März 1917 wurde der jungen Lehramtsanwärterin "Das Zeugnis der Lehrbefähigung für Lyzeen, Mittelschulen und Volksschulen“ durch die Königliche Prüfungskommission zu Essen ausgestellt. Nach einer kurzen Phase als Lehrerin wendete sie sich der katholischen Frauenbewegung zu.

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Elisabeth Nettebeck, 1959 (Quelle: privat)

Am 3. November 1903 wurde in Frankfurt am Main der Katholische Deutsche Frauenbund gegründet. Ihre Betätigungsfelder suchten die Mitglieder in den Bereichen der christlichen Mädchenerziehung und des Mädchenschutzes, der allgemeinen Fürsorge, der Gefangenenfürsorge und der Bahnhofsmission. Eine weitere wichtige Forderung und zugleich ein Betätigungsfeld war die politischer Bildung der christlichen Frau, und hier ganz besonders die Aus- und Weiterbildung der Hausfrau.


Nach der Konstituierung des Frauenbundes gründeten katholische Frauen in ganz Deutschland Zweigvereine. Bereits 1912 zählte der Frauenbund 50.000 Mitglieder in 112 Zweigvereinen. Die Botschaft des sozialen Handelns aus christlicher Nächstenliebe sprach auch im Ruhrgebiet Frauen aus dem Kreis des katholischen Bürgertums an. 1916 konstituierte sich der Zweigverein in Gelsenkirchen. Anfang der 20er Jahre gehörte Elisabeth Nettebeck dem Katholischen Deutschen Frauenbund an, ab 1923 arbeitete sie als Sekretärin im Zweigverein Gelsenkirchen.



Nach dem der Frauenbund unter dem Nationalsozialismus verboten worden war, konstituierte er sich 1945 in Gelsenkirchen neu. In den ersten Jahren hielten die Frauen ihre Sitzungen in Privatwohnungen ab. Im Jahre 1955 übernahm Elisabeth Nettebeck den Vorsitz und am 9. Februar konnten die Vorstandsmitglieder die erste Sitzung in dem eigenen Büro in der Sparkassenstraße Nr. 6 einberufen. Der Vorstand der Kreisgeschäftsstelle der Christlich-Demokratischen Union hatte den Mitgliedern des Katholischen Deutschen Frauenbundes einen eigenen Raum zur Verfügung gestellt. Im Mittelpunkt der bildungspolitischen Ziele stand die aktive Beteiligung der Frauen am politischen Leben, und hier vor allem die Kontaktaufnahme zu den Mandatsträgerinnen der Kommunalpolitik.



Im Rahmen der Arbeit des Katholischen Deutschen Frauenbundes galt Elisabeth Nettebecks Hauptinteresse auch hier der Erwachsenenbildung und der Vermittlung von Kunst und Kultur. Aus der Arbeit des Katholischen Frauenbundes ging sie in die Kommunalpolitik und setzte sich vehement für den Neubau eines eigenen Theaters in Gelsenkirchen ein. Sie vertrat die Auffassung, dass die schnell wachsenden Städte des Rheinisch-Westfälischen Industriegebietes in kultureller Hinsicht außerordentlich benachteiligt worden seien. Als Vorsitzende des Kulturausschusses kämpfte sie für ein eigenes Theater und erklärte die "Unterstützung des hiesigen Theaters zur christlichen Kulturaufgabe".

Nach langwierigen Beratungen und Diskussionen, bei denen ihre Stimme immer der entscheidende Motor für die Weiterführung des Projektes blieb, stimmte der Rat der Stadt 1953 grundsätzlich dem Bau eines modernen Theaters in Gelsenkirchen zu. Ein Jahr später wurde die Ausschreibung eines Wettbewerbs für den Theaterneubau beschlossen. Unter den 52 eingereichten Arbeiten erhielt das Projekt des Münsteraner Architektenteams H. Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau den ersten Preis. Elisabeth Nettebeck favorisierte den Entwurf als "Ausdruck neuzeitlichen Gestaltungswillens" und setzte sich bis zur Fertigstellung des Hauses für die künstlerische Freiheit der Architekten, Bildhauer und Maler ein. Am 22. Juni 1956 wurde der Grundstein für das neue Theater gelegt und am 15. Dezember 1959 wurde das neue Musiktheater Gelsenkirchen am Kennedyplatz eröffnet.


Die Idee für die Konstruktion war es seinerzeit, den Stadtraum in den architektonischen Raum einzubeziehen. Für den federführenden Architekten Werner Ruhnau kam es wesentlich darauf an, Maler und Bildhauer von Anfang an in den Planungs- und Realisierungsprozess einzubeziehen. Für ihn und die Fachwelt waren die Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst-am-Bau-Praxis überholt. Das neue Ziel hieß Baukunst. Die "Blauen Schwämme" des Künstlers Yves Klein wurden weltweit bekannt.



Im Jahre 1964 legte Elisabeth Nettebeck ihr Amt als Ratsfrau nieder. Am 5. Dezember 1964 wurde die engagierte Kulturpolitikerin mit dem päpstlichen Orden "Pro ecclesia et pontifice" (für Kirche und Papst) ausgezeichnet. Domkapitular Prälat Lütteken prägte in seiner Festanspruche das Wort von der "männlichen Kämpferin". Sie habe sich als Frau im öffentlichen Leben eingesetzt und ihre Pflicht getan, aber bei "ihrem Kämpfertum nie vergessen, zu dienen - der Gemeinschaft, der Kirche." Dem Zeitgeist verpflichtet, sah auch die Lokalpresse in der Kulturpolitikerin die Vertreterin eines "politischen Frauentyps", der bei aller Resolutheit und Energie nie den „Rahmen des Frauenlebens“ gesprengt habe. Elisabeth Nettebeck selbst beschrieb ihr Weiblichkeitsideal wie folgt: "Trotz aller Gleichberechtigung dürfen wir Frauen keine lächerlichen Forderungen stellen, wir müssen maßhalten auch in der freien Persönlichkeitsentfaltung."



Elisabeth Nettebeck starb in den Morgenstunden ihres 73. Geburtstages am 11. Oktober 1969 in ihrer Wohnung in der Schalker Straße. Ihr Grab befindet sich auf dem Altstadtfriedhof. Dem Andenken von Elisabeth Nettebeck hat die CDU Gelsenkirchen eine Bronzetafel gewidmet. Sie ist von dem Bildhauer Wolfgang Liesen gestaltet und hat seit dem 20. Oktober 1997 ihren Platz im Foyer des Musiktheaters gefunden.

Marlies Mrotzek

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