Fraueninitiative Gelsenkirchen gegen Atom- & Gentechnolo

Aus dem Buch - Von Hexen, Engeln und anderen Kaempferinnen
Das Lesebuch zur Frauengeschichte in Gelsenkirchen ist zum Preis von 5,00 Euro in im aGEnda 21-Büro, von Oven Str. erhältlich

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Fraueninitiative Gelsenkirchen gegen Atom- & Gentechnolo

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Aus dem Buch "Von Hexen, Engeln und anderen Kämpferinnen". Das Lesebuch zur Frauengeschichte in Gelsenkirchen ist zum Preis von 9,90 Euro in allen Gelsenkirchener Buchhandlungen und im aGEnda 21-Büro erhältlich

Die "Fraueninitiative Gelsenkirchen gegen Atom- und Gentechnologie"



Hans-Sachs-Haus, Ebertstraße



In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 war zweitausend Kilometer von uns entfernt in Tschernobyl der "größte anzunehmende Unfall", der von Atomgegnern und -gegnerinnen befürchtete Super-Gau, eingetreten. Im Laufe der folgenden Woche hatte die radioaktive Wolke aus der Ukraine auch Deutschland erreicht. In vielen Städten und Gemeinden wurden beunruhigend hohe radioaktive Werte gemessen, auf die niemand vorbereitet war. Dennoch versuchten Wissenschaftler die Bevölkerung zu beschwichtigen und Bundeskanzler Kohl trank mit seiner Frau in einer TV-Sendung demonstrativ Milch, um damit zu signalisieren, dass wir hier in Deutschland keinerlei Strahlenschäden zu befürchten hätten.



Am 1. Mai 1986 war ein besonders schöner und sonniger Tag. Nichts schien sich in der natur und Umwelt verändert zu haben. Keine Blume verdorrte sofort, kein Gestand verpestete die Luft und die Milch schmeckte wie vor der Katastrophe. Ich saß betroffen und hilflos in unserem Garten und erinnerte mich an die vielen Demonstrationen gegen die unbekümmerte Nutzung der Kernenergie, an denen ich mit Freundinnen und Freunden teilgenommen hatte. Jetzt wurden wir auch in Gelsenkirchen mit dem sogenannten Restrisiko konfrontiert, das so viele Menschen nicht wahrhaben wollten. Fragen über Fragen türmten sich auf: Was ist Cäsium 137, Becquerel, Ruthenium 103, Strontium, was war unter Halbwertzeiten zu verstehen? In welchem Maße waren unsere Kinder, die Böden, der Sand, in dem die Kinder spielten, das Wasser, überhaupt die Natur und die Umwelt radioaktiv verseucht? Was konnten wir noch essen? Wie sollten wir weiterleben in Gelsenkirchen? Niemand konnte uns auf alle diese Fragen gesicherte Antworten geben. Am Muttertag, dem 11. Mai, wurde mir besonders deutlich, wie sehr vor allem Frauen und Mütter von den Folgen der Katastrophe betroffen waren. Das Einkaufen und damit die Suche nach radioaktiv unverseuchten Lebensmitteln war in erster Linie die Aufgabe von Frauen und Müttern.


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Die Plakatwände der "Gelsenkirchener Fraueninitiative gegen Atom- und Gentechnologie" (Quelle: privat)

Die "Grünen" und die Initiative "Aktion gegen Krieg" riefen am 15. Mai zu einer Protestdemonstration in Gelsenkirchen auf. Etwa vierzig Frauen und Männer kamen mit ihren Kindern. Auf den selbstbeschrifteten Plakaten war zu lesen: "Was sagen Sie Ihren Kindern, wenn sie später fragen: Was hast du dagegen unternommen?", "Hamm-Uentrop - nur 60 Kilometer von Gelsenkirchen entfernt!", "Atomstrom: sofort abschalten!!!". Von der Weberstraße bewegte sich der Zug der Demonstranten am Hans-Sachs-Haus vorbei zum Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE), dem Atomstromanbieter in unserer Stadt. Wie in anderen Städten und Gemeinden besaß auch die Stadt Gelsenkirchen ein Mitspracherecht bei dem Werk. Oberstadtdirektor Linde (SPD) und Oberbürgermeister Kuhlmann (SPD) saßen im Aufsichtsrat des Unternehmens. Am Haupteingang des RWE klebten wir Plakate gegen die Verwendung von Atomstrom. Die Kinder schütteten vor den Eingang Sand aus den Sandkästen. Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie verstrahlt er war. Während der Demonstration sprach ich einige Teilnehmerinnen an und erzählte ihnen von meinem Plan, eine Fraueninitiative zu gründen, die sich zum Ziel setzen sollte, von den politischen verantwortlichen der Stadt aktuelle Messdaten einzufordern. Da ich mich schon seit Jahren mit der Thematik der Kernenergie und Gentechnologie beschäftig hatte, sollte die Initiative "Gelsenkirchener Initiative gegen Atom- und Gentechnologie" heißen.



Am 10. Juni fand die erste Informationsveranstaltung statt. Die Resonanz war überwältigend. Cirka 80 Frauen und einige Männer waren gekommen. Ich stellte die Ziele der Initiative vor und die Fragen an die Stadt Gelsenkirchen. Den Fragen- und Forderungskatalog übergaben wir dem zuständigen Dezernenten. Der wies darauf hin, dass wir unser Anliegen als Bürgerantrag einreichen müssen. Da keine Reaktion von Seiten der Stadt erfolgte, beschlossen wir, unser Anliegen auf der letzten Ratssitzung vor den Ferien den VertreterInnen der Stadt persönlich vorzutragen und die bis dahin gesammelten siebenhundert Unterschriften zu übergeben. Vierzig Frauen und dreißig Kleinkinder versammelten sich vor der Rathaustür am Hans-Sachs-Haus. Wir wurden jedoch nicht angehört. Es wurde mit der Polizei gedroht. Zwei Monate später wurde uns schriftlich mitgeteilt, dass die Stadt Gelsenkirchen gegen mangelnder Zuständigkeit nicht die geforderten Messungen durchführen kann. Warum hatte man uns das nicht sofort gesagt? Trotzdem hatte man Messungen gemacht und sie dem Anschreiben beigefügt. In der Oktober-Ratssitzung wurde unser Antrag abgelehnt.



Obwohl sich die Fraueninitiative weiter traf, zeigten die Frauen wenig Interesse an einer grundsätzlichen Diskussion über Atom- und Gentechnologie. Inzwischen hatte sich die "Müttergruppe gegen Atom" gegründet, die ihre eigenen Interessen verfolgte. Im Dezember konnten wir zwei Werbeflächen anmieten und pinselten in eisiger Kälte mit Pinsel und Farbe unsere Aufrufe. Im gleichen Monat wurden wir zu der Radio-Sendung "Hallo-Ü-Wagen" eingeladen. Vor großem Publikum konnten wir unsere Vorstellungen und Forderungen vortragen. Unsere vorletzte Aktion bestand in einem Anschreiben an Frauen in Parteien und Verbänden um sie zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Die Antworten blieben größtenteils aus. Ein Jahr nach dem Reaktorunfall trafen sich die Frauen der Initiative noch einmal zu einer Demonstration vor dem RWE. Danach kamen wir nur noch privat zusammen.



Heute produzieren immer noch Kernkraftwerke in aller Welt Atomstrom. In Deutschland dürfen keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut werden. Eine grundsätzliche Wende liegt aber noch in weiter Ferne.



Lucia Holstein

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