Elisabeth Käsemann

Menschen die Eindruck in Gelsenkirchen hinterlassen

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Quiqueg
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Späte Nachricht, freue mich aber auf jede/n der/die kommt

Beitrag von Quiqueg »

Elisabeth Käsemann zum Gedächtnis
Am 24. Mai 1977 wurde sie von Organen der argentinischen Militärregierung ermordet. Zur Erinnerung an ihren Tod „für Freiheit und mehr Gerechtigkeit in einem von ihr geliebten Lande“ – so schrieben ihre Eltern Ernst und Margrit Käsemann aus Anlass ihrer Beerdigung im Juni 1977 – möchte ich, wie auch in den Vorjahren - am morgigen
Donnerstag, dem 24. Mai, 18 Uhr auf dem Ernst-Käsemann-Platz in Rotthausen
mit Blumen und ein paar Worten öffentlich an sie erinnern. Ich beziehe mich in diesem Jahr besonders auf eine Rede Frank-Walter Steinmeiers, damals Bundesaußenminister, vom 26. April 2016
www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/ ... Reden/2016
zur „Colonia Dignidad“ in Chile.
„Wer redet schon gern über die dunklen Seiten der eigenen Geschichte“ - so Steinmeier damals.
„In den frühen 1960er Jahren wurde ein idyllisches Andental zur Heimat einer Gruppe von Deutschen aus einer freikirchlichen Gemeinde. Die Sekte wurde von Paul Schäfer geleitet, der in Deutschland wegen Kindesmissbrauchs gesucht wurde. Früh wurden, auch nach seiner Übersiedlung nach Chile, Vorwürfe wie Freiheitsberaubung, sexueller Missbrauch und medizinische Zwangsbehandlungen laut.
Der Aufschwung für die Kolonie kam 1973 mit der chilenischen Militärdiktatur unter General Pinochet. Die Colonia Dignidad genoss die Gunst des Regimes, sie besorgte ihm Waffen und ließ den Geheimdienst DINA ein Folterlager errichten. So kam es, dass der deutsche Botschafter Strätling öffentliche Ehrenerklärungen für die Kolonie formulierte, während es gleichzeitig Berichte gab, nach denen Minderjährige, die aus der Kolonie flohen und in der Botschaft in Santiago Schutz suchten, unter Verweis auf das Sorgerecht zurückgeschickt wurden.
Nur sehr langsam hat das Auswärtige Amt die Dimension des Problems Colonia Dignidad verstanden. Dass das überhaupt passierte, lag weniger an einem politischen Kurswechsel in Bonn, als an Einzelpersonen wie Dieter Haller, der hier vorne sitzt. Er war als junger Mann in den 80ern in Chile auf Posten. Die in der Colonia Dignidad lebenden deutschen Staatsangehörigen seien vermutlich „Opfer fortgesetzter Freiheitsberaubung“, schrieb er 1987. Nach einem Besuch in der Kolonie schrieb er sein Erschrecken mit den Worten nieder: „So muss Theresienstadt gewesen sein.“
Der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt, auch nicht in der Geschichte des Auswärtigen Amtes. Wir haben heute eine Gruppe von Menschen versammelt. (…) Wolfgang Kneese hat es geschafft, als einer der ersten im dritten Anlauf aus der Colonia zu fliehen und kämpft seither mit seine Frau um Aufklärung, an der Seite von Hernan Fernandez, Menschenrechtsanwalt aus Santiago, den ich auch als unseren Gast begrüße. Dieter Maier hat 1977 für amnesty international einen aufsehenerregenden Bericht über die Kolonie veröffentlicht. Frau Schnellenkamp, Herr Kneese, danke, dass sie bereit waren, öffentlich über Ihr Schicksal zu sprechen. Ich verneige mich vor den Opfern des Zwangssystems Colonia Dignidad

Vergleichbares darf jetzt auch für die deutschen und die deutschstämmig-jüdischen Opfer der Diktatur von Militär und Wirtschaftseliten erwartet werden, die von 1976 bis 1983 in Argentinien gewütet hat.
Dazu Wolfgang Kaleck, an den Prozessen gegen die argentinischen Täter beteiligter Menschenrechtsanwalt in: Kampf gegen die Straflosigkeit – Argentiniens Militärs vor Gericht (Wagenbachs Taschenbuch 2010)
„Aus heutiger Sicht scheint die Beweisführung gegen das Auswärtige Amt und einige Botschaftsangehörige zwingend. In den mittlerweile einsehbaren Aktenbeständen finden sich verheerende politische Einschätzungen, eine manchmal offene, manchmal heimliche Sympathie mit Junta-Chef Videla und seinen Mitputschisten.“
Und weiter:
Wenn man heute die Veröffentlichungen der Solidaritätsbewegung betrachtet, kann man feststellen, dass sich viele der (von ihr) publizierten Fakten und Hypothesen über die Militärdiktatur bis heute als gültig erweisen – ein angesichts der grotesken, ja fast verbrecherischen Fehleinschätzungen anderer Akteure nicht gering einzuschätzendes Verdienst.
Einer dieser anderen Akteure dürfte der damalige Bundesaußenminister Genscher gewesen sein. Dafür sprechen gewichtige Gründe. Viel spricht auch dafür, dass er – Genscher – einige Male Bundeskanzler Helmut Schmidt durch manipulierte Informationen getäuscht hat. Das würde Helmut Schmidt nicht von seiner politischen Verantwortung entbinden, den entsprechenden Hinweisen sollte aber nachgegangen werden. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages scheint deshalb unverzichtbar. Für einen Antrag auf seine Einsetzung müsste ein Viertel seiner Mitglieder gewonnen werden. Daran will ich mittels einer Petition arbeiten.

Quiqueg
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Untergang der Gerechtigkeitssonne ?

Beitrag von Quiqueg »

Vorweg diese Erläuterungen:

Ernst Käsemann berichtet: Sonne der Gerechtigkeit sei als Kind das Lieblingslied seiner Tochter Elisabeth gewesen.

„Cucha“: Hundekäfig, hießen die Zellen der Gefangenen in den Folterlagern der Argentinischen Diktatur (März 1976 bis September 1983).

Capucha waren die Kapuzen, die den Gefangenen übergezogen wurde. Sie konnten dann so gut wie nichts sehen, meist nur die Stiefel der Militärs.

Namen hatten die Gefangenen in den Lagern nicht mehr. Nur noch Nummern.

„Verlegen“ war ein Codewort für „Umbringen“ (ähnlich dem verschleiernden Sprachgebrauch der Nazis: Sonderbehandlung. Evakuierung nach dem Osten. Den Gnadentod gewähren. usw.)

Aus einem Bericht der argentinischen Zeitung pagina12 vom 9. Februar 2011 über den Prozess gegen einige Verantwortliche aus dem Folterlager El Vesubio (Buenos Aires), ergänzt um Notizen nach dem WDR/ARD-Film … und dass du zwei Tage schweigst unter der Folter von Frieder Wagner / Elvira Ochoa (1991).

Elena Alfaro ist eine der wenigen Überlebenden des Vesubio aus 1977:

„Eine der schlimmsten Erfahrungen war, dass wir nackt – aber mit capucha – vor der Dusche Schlange stehen mussten und die Militärs uns betatschten, und obszöne Bemerkungen über unsere Körper machten. Da merkten wir, es ging darum, unsere Würde vollkommen zu zerstören. Und ich erinnere mich, einmal war auch Elisabeth dabei.“

„Am späten Abend des 23. Mai (1977) wurden wir – 16 Gefangene, darunter mein Mann, Luis Alberto Fabbri, Elisabeth und ich auf den Hof des Lagers beordert. Wir waren völlig unvorbereitet. Es hieß, wir würden jetzt „verlegt“. Plötzlich öffnet sich die Tür und irgendjemand brüllt: '08 zurück in die cuchas'. Darauf fesselten sie mich und brachten mich zurück in meine cucha. Mir war schon alles egal,ich habe nur noch geheult und geschrien.

Darauf schaffte es Violeta (Irma Beatriz Sayago), sich aus ihren Handfesseln zu befreien, sie nahm das ungeheure Risiko auf sich, kam zu mir rüber, schüttelte mich und sagte:
'Elena, sei dir darüber klar, du bist die einzige, die hiervon erzählen kann'.

Und das war wie ein Frieden für mich und das sind die Worte, die ich behalten habe, um zu widerstehen, um zu überleben.
Diese sechzehn Gefangenen waren die Opfer des Massakers von Monte Grande. Elena gehörte nicht dazu, sie war die einzige Schwangere in der Gruppe. “

Ich habe in den vergangenen Jahren an jedem 24. Mai per Pressemitteilung zu einem gemeinsamen Gedenken auf dem Ernst-Käsemann Platz eingeladen, ein paar Sätze gesprochen und Blumen (mit argentinischer und deutscher Nationalflagge) niedergelegt. Groß war der Zulauf nicht, aber ein paar Unentwegte sind stets gekommen.

Nicht so im vergangenen Jahr, da war ich allein. Deshalb mache ich am heutigen 24. Mai nichts. Ich hoffe, die vorstehenden Zeilen werden als stiller Protest verstanden. Als Appell, Elisabeth Käsemann nicht ganz und gar zu vergessen. Ich bin jetzt 82. Aufgeben möchte ich nicht. Nächstes Jahr versuche ich es mit Telefonieren, Klinkenputzen (keine Angst: nicht bei der Elisabeth-Käsemann-Familienbildungsstätte des Kirchenkreises und eher zurückhaltend bei der Evangelischen Gemeinde Rotthausen).

„Elisabeth Käsemanns menschenrechtliches Vermächtnis“ - ich möchte es nach besten Kräften bewahren. Oder vielleicht besser: Ihr politisches Vermächtnis. Den Kampf gegen neoliberale Politik, die sich in Lateinamerika – siehe jetzt Brasilien - nur mit brutalstem Terror durchsetzen lässt.

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