Diskussion über politische Bewegung 67-85

Erste Anfänge der APO in Gelsenkirchen (1967 -1969)

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JuergenSchroeder
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zu JuergenB: Fischige Undinger in unseren Köppen

Beitrag von JuergenSchroeder »

Ahoi!

Ich begrüsse es, dass eine Debatte geführt wird um die Art, wie Geschichtsschreibung von unten zu erfolgen hat.

Der Beitrag des Kollegen JuergenB provoziert natürlich, vor allem dazu, sich in eine gelassen gespannte Erwartungshaltung zu versetzen <Tüte Popcorn in die Hand nehm'>, welch genauere Dokumentenauswertung JuergenB demnächst zu von Dietmar Kesten bisher sträflich vernachlässigten Aspekten der Gelsenkirchener Geschichte vorlegen wird.

Ob es besser ist, allein von persönlichen Lebensläufen, die einen mal hier, mal da hin verschlagen, zu berichten und dann felsenfeste Behauptungen aufzustellen, - obwohl die Trefflichkeit der Erinnerung manchem und mancher durchaus zweifelhaft erscheinen mag - oder ob es besser ist, anhand einer - wie auch immer rudimentären und lückenhaften Dokumentenauswertung Stück für Stück Wissen zu erschliessen, das ist für mich kaum eine Frage. Ich beteilige mich nicht umsonst seit 1971 am Mao-Projekt bzw. dessen Vorläufern. :roll:

Wissenschaftliches Vorgehen, wie es evtl. gar an der Uni Göttingen gebührend oder wohlfeil erwerblich, gebietet es allerdings auch bei Prozessen, an denen die Subjekte selbst mehr oder minder initiativ beteiligt waren, ein 'vermutlich' oder 'offenbar' etc. einzufügen --> denn wer will schon tatsächlich von sich behaupten, stets und immer den totalen Durchblick gehabt, die Motivationen aller anderen Beteiligten gekannt und deren Handlungen völlig verstanden zu haben? :wink:

Ich möchte nun einmal ein bisserl ausm Nähkästchen plaudern, weil der Gelsenkirchener Didi bei uns im Mao-Projekt intern ab und an Haue :twisted: bezieht, weil er nämlich gerade eher die Tendenz zum große Geschichte schreiben hat, anstatt sich bedächtig und bescheiden allein aufgrund der bereits erhobenen Daten zu äußern.

Ich finde diese Haltung nämlich falsch. Ich z.B. schreibe fast nur über Sachen, von denen ich gar nichts persönlich weiss, außer meinem arg begrenztem Hintergrundwissen über Gott, die Welt, die Erdscheibe und Gelsenkirchen-Bulmke.

Auch bei den dargestellten, 'abgepinnten' - welch verächtliche Wortwahl und gleichzeitig Geschmack auf zukünftige, wissenschaftlich wegweisende 'irgendwelche' Äußerungen des Autoren machende Vokabel - Daten, handelt es sich oft um Fragwürdiges. Meist waren die Autoren tatsächlich entweder nicht beteiligt oder nicht völlig dessen gewahr, was andere Beteiligte dachten oder später festhielten. Unser Ansatz beruht gerade auf dem Gegenüberstellen von Quellen, und deren vorsichtigen Gewichtung. Nicht immer gibt es aber viele Quellen zu einem Ereignis. Deshalb sind ja milde Datengaben stets willkommen... :D

Überdies versagt bei allein persönlichen, bauchzentrierten Erinnerungen quer durch die Republik auch ganz einfach das Gedächtnis ohne gründliches Dokumentenstudium. Ich möchte die Person sehen, welche alle besuchten Demonstrationen noch zweifelsfrei einem Jahr zuordnen kann....

Ich muß zu den Daten noch einmal festhalten, dass wir in unserer Datenbank wohl an die 3 000 Ordner Dokumente ausgewertet haben, darunter ca. 150 Ordner DKP-Zeitungen, die meist aus zentralen Vorlagen zusammengeklebt wurden. Wenn eine DKP-Zeitung nur zentrale Artikel enthält, dann wird bei uns meist nur deren Erscheinen erwähnt --> selbst wenn sie zufällig in Gelsenkirchen erschien. Leider musste bei der Auswertung nämlich eine gewisse Auswahl hinsichtlich Relevanz getroffen werden. Unvollständig und verbesserungswürdig bleibt das auf ewig.

Da die oppositionelle Bewegung sowie der stetige Fluß der Anpassung administrativer Angelegenheiten an die sich kontinuierlich ändernden Gegebenheiten der Kapitalverwertung aber äußerst vielfältig schillernd sich darstellt, vermag ein Beitrag wie der von Dietmar doch immerhin einen Anlass zur Diskussion sowie eine gewisse Erschliessung von Quellen zu bieten. Wer besseres weiss, ist ja jederzeit willkommen, sich schriftlich zu äußern.... :!: <jodel>

JuergenB ist deshalb dahingehend zu danken, dass er einige Aspekte der Geschichte des KB bzw. des Jugendzentrums Komic zu beleuchten vermochte. Weiterer, auf detaillliertem Dokumentenstudium fussender Beiträge harre ich gespannt.

Ob es allerdings der Insuinationen wie Fischköppe gegen die Gelsenkirchener Freunde des KB bedarf weiss ich nicht....

Glückauf!

Jürgen Schröder

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Ich habe mir das alles nur diagonal angesehen, denn ich habe nicht die Zeit, das alles zu lesen. Aber Respekt vor Dietmars Arbeit. Was nun die K-Gruppen überhaupt angeht, so ist das alles bloß ausgelutschte "politische Bewegung". Das Bekenntnis dieser "Marxisten-Leninisten" zum Materialismus sagt doch alles. Es ist der offene oder verdeckte Materialismus im Denken und Handeln der Menschen, der sie in die Krise führt. Welcher Art diese Krise ist, werde ich noch zu gegebener Zeit in die Diskussion werfen, falls das notwendig ist.
Die ausserparlamentarische Opposition (APO) der 68er Zeit, der ich angehörte, werde ich demnächst am Beispiel des Gelsenkirchener Republikanischen Clubs (RC) und des "Sozialistischen Arbeitskreises der Jugend für politische Bildung (SAJB)" in einigen Dokumenten präsentieren. Hier war die Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung aufgehoben und hier können wir noch lernen und erben.

P.S.Mit den K-Gruppen habe ich Mitte der 70er Jahre Bekanntschaft geschlossen. Mann, war das verklemmt und fundamentalistisch.

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Dietmar
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Beitrag von Dietmar »

Jürgen Kramer hat die richtigen Worte getroffen. Mein Interesse an der K-Gruppen Bewegung ist ein rein wissenschaftliches. So, wie es hier dargestellt wurde. Ich freue mich, dass Jürgen sachlich und fair über meine bescheidenen Anmerkungen referiert.

Toll würde ich es finden, wenn er alte Dokumente aus dem RC hätte. Und diese dem interessierten Leser zur Verfügung stellen könnte.

Jürgen, wir hatten seinerzeit den Film "Die Grünen Teufel" massiv gestört, der im alten Bali-Kino (Hauptbahnhof) lief. Und den Film fast zur Absetzung gebracht. Und ich glaube auch, dazu ein Flugblatt verfasst.

Später gab es Flugblätter zum "Konsumterror" und zu den Bundestagswahlen 1969. Sitzungen des RC fanden u. a. in der alten Bodega und in Horst statt.

Grüsse

Dietmar Kesten

Heinz
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Beitrag von Heinz »

Lieber JürgenB,
da sitze ich hier nun habe so gar keine Lust, dir zu antworten.
Ich verstehe deine Verärgerung nicht. Glaubst du, dass durch Dietmars Arbeit rückwirkend eine Gruppierung aufgewertet oder überhöht wird?
Glaubst du, dass dadurch Geschichtsfälschung betrieben wird?
Glaubst du, dass durch die Veröffentlichung andere Strömungen, Bewegungen, Gedanken, Ideen, Prozesse noch nachträglich ins Niemandsland gedrängt werden?
Die Relevanz von irgendwelchen Veranstaltungen von obskuren K-Gruppenzirkeln ist nicht mal so hoch wie die des sprichwörtlichen Fahrrads in Peking. Manche von uns wissen ja noch, wie diese K-Zirkel selbstreferentiell gearbeitet haben. Schönstes Beispiel dafür ist die Erwähnung des Buchladens "Volk und Wissen" (war der nicht auf der Wanner Straße oder so?) Ich kann mich jedenfalls an den Laden noch gut erinnern. Gegen den zeigt das an anderer Stelle hier im Forum präsentierte Nachtfoto von der Bahnhofstr. noch pulsierendes Nachtleben.
Ich wage dir zu widersprechen. Die Relevanz bestand ja nicht in der politischen Bedeutung als bewegende oder verändernde Kraft, sondern in dem Wagnis, das damals undenkbare und ungehörige auch zu denken. Kommunismus, jenseits der DDR ... ein anderer gesellschaftlicher Entwurf als nur Kapitalismus - auch heute noch oder wieder ein übles Wort.
Mir geht es nicht darum, die Irrungen, Wirrungen, Exzesse all dieser Gruppierungen rückblickend zu geißeln, sondern sie in einen geschichtlichen Bezug zu bringen.
Ich muss heute nicht mehr über dass verachtende Menschenbild einiger dieser Gruppierungen reden.
Ich könnte aber darüber reden, dass dieses Sackgassenrennen ein wahrscheinlich notwendiger pubertärer Prozess in der "Erwachsenwerdung" BRD war.

Im Gegensatz zu dir kann ich weder auf ein Tagebuch aus dieser Zeit zurückgreifen, noch auf den Emscherboten, sodass ich deinen Schlachtenschilderungen und strategischen oder taktischen Hinweisen auf die "besseren" oder "schlechteren" Anti-AKW Kämpfer nichts zufügen oder entgegen setzen kann.
Muss ich doch aber auch nicht.
Oder?

Geschichtsschreibung.. wie soll das geschehen?
So wie es Dietmar und Jürgen Schröder versuchen?
Empirisch - wissenschaftlich?
Klar.
So wie es Menne versucht?
Mich wuchtigen Wortassoziationen?
Klar.
So wie es pito versucht?
Mit Prozessdarstellung durch "eingefrorene" Momente?
Klar.
So wie es rabe / rolke versuchen?
Durch Stimmungsfixierung auf Papier oder in Stein?
Klar.

Es gibt keine Geschichtsschreibung jenseits von Fakten und Fiktionen
Es gibt keine Geschichtsschreibung jenseits von Realität und Traum

Lasst uns hier bitte nicht in den käsigen Krampf-Kampf der Seilschaftgebundenen Interessenfixierten verfallen.


Nach-Gedanken ohne Tagebuch.

Wenn ich es recht erinnere, war Jürgen der erste, der beharrlich den Kampf der Whyler (richtig geschrieben?) in Gelsenkirchen auch gegen das demonstrative Desinteresse aller publik gemacht hat.
Stimmst, Jürgen?

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Dietmar
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Beitrag von Dietmar »

Ich kenne kaum eine Arbeit aus Gelsenkirchen, die sich mit den genannten Daten, Fakten und Hintergründen beschäftigt. Vielleicht liegt es an der "Exotik" der Thematik? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sehr viele Menschen nicht wahrhaben wollen, woher sie gekommen sind?

Immerhin sind einige Zehntausend Menschen durch die K-Gruppen gegangen. Diese Prozesse zu erhellen, die da stattgefunden haben, möchten wir. Mit all den Schwächen, die eine solche Jahrhundertarbeit mit sich bringt.

In Erinnerung bringen möchte ich den "Roten Punkt" in Dortmund.Wir hätten ihn nicht aus dem hohlen Bauch heraus schreiben können, obwohl ich seinerzeit als Aktivist aus Gelsenkirchen dort an Schienenbesetzungen teilgenommen habe. Erst durch massive Recherchen, Gespräche mit einem der "Rädelsführer", war es möglich, den bescheidenen Artikel vorzulegen.

"Soziale Bewegung" über die wir forschen, hat sehr viel mit erhobenen Daten zu tun. Deshalb die Datenbank, die Zuträger für die einzelnen Artikel ist. Emotionen können wir hier nicht untersuchen. Aber die Fakten und die Hintergründe erhellen, das ist möglich.

Alle modernen sozialen Bewegungen in der Geschichte sind Ausdruck und Motor sozialen Wandels. Als Indikator informiert sie über zentrale gesellschaftliche Widersprüche und Konflikte. Die K-Gruppen standen zu Beginn der 1970er Jahre als "politischer Akteur" genau in diesem Fokus. In Gelsenkirchen, in Essen, im Fichelgebirge oder wo auch immer.

In diesen analytischen Bezugsrahmen stellen wir sie hinein. Und kommen zu Ergebnissen, deren erste Teile vorgestellt werden. "Arbeiterbewegung und Marxismus" ist im übrigen auch schon der zweite Teil. Im ersten wurde ja die "Arbeiterbewegung" in Gelsenkirchen von einem ganz anderen Hintergrund beleuchtet.

Eine gewisse Kontinuität ist somit gegeben. Als Bewegungsforscher geht es uns auch um einen systematischen Grundriss, der allerdings auch erst dann vervollständigt werden kann, wenn ALLE Facetten erhellt werden können. In diesem Sinne habe ich nur einen kleinen, sehr kleinen Beitrag erstellt.

Dietmar Kesten

Heinz
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Beitrag von Heinz »

@Dietmar

Durch deine Bemerkungen zum Roten Punkt, die sich auf wundersame Weise mit den Gedanken von Sloterdijk decken - den du wahrscheinlich bääää findest -hatte ich ein Krisen Deja-Vue.

Ich komme nur nicht wegen Tretmühlenfesselung auch durch dieses wunderbare Gelsenkirchen-Geschichten Projekt dazu, es angemessen aufzuschreiben.
Jedenfalls hast du dazu beigetragen, einen Lebenskreis zu vollenden.
Jooo!
jooo!

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Dietmar
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Beitrag von Dietmar »

Fehlt noch der Hinweis, dass die Gelsenkirchener Arbeit, aber auch andere (vgl. z. B. Jürgen Schröders Mammutarbeit über Opel-Bochum) versuchen, zu erklärenden Aussagen über soziale Bewegungen zu kommen.

Wir versuchen, die Bewegung am Ort in einzelne Elemente zu zerlegen, sozusagen ein Modell zu erstellen, ein Ist-Zustand, eine Zustandsbeschreibung. In räumlicher Hinsicht wären die Ergebnisse zur Zeit die, die wir vorgelegt haben. Die MAO-Bewegung dient somit zur Gewinnung spezifischer Hypothesen. Daneben soll für Gelsenkirchen erstmalig eine Plausibilitätserklärung hinreichend versucht werden.

Ob das historisch relevant sein wird, wird sich zeigen. Aber soziale Bewegung ist kein rationales Phänomen, das man abhandelnt kann, sondern ein Phänomen des sozialen Wandels. Für Gelsenkirchen gilt dementsprechend, dass man sich an die Konfliktthemen heranwagt (z.B.
Septemberstreiks und die Folgen nebst zentraler These der ML-Bewegung "Streiken wie die Hoesch-Arbeiter, Hoesch-Arbeiter bringen uns weiter").

Hierbei geht es dann auch darum, die Mythen, die hier aufgetaucht sind, zu zerstören. Und Grundrissartig deren Stellenwert herauszuarbeiten.

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rabe489
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Die Bedeutung des "SAJB", 1.

Beitrag von rabe489 »

Für Dietmar:
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Der <b>SAJB = Sozialistischer Arbeitskreis der Jugend für politische Bildung</b> wurde von vier Leuten gegründet Ende 1967:Heidi Böttcher, Thomas Meger, Günter Eifert und Jürgen Kramer. Eine Notiz aus jenen Jahren:
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Ein nichtdatiertes Papier (ca. Frühjahr 1968) fasst "Grundsätze, Richtlinien und Forderungen" zusammen. Die Zahl der Mitglieder stieg auf 18 an. Die namentliche Mitgliederliste liegt mir im Original vor.

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Die sechs mir vorliegenden Flugblätter des SAJB werde ich morgen in Teil 2 posten.
Zuletzt geändert von rabe489 am 25.01.2007, 22:50, insgesamt 1-mal geändert.

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JürgenB
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Beitrag von JürgenB »

Um nicht mißverstanden zu werden: Ich erkenne die Arbeit von Dietmar an. Es steckt sicherlich ganz viel Fleiß dahinter, all diese Konvolute durchgearbeitet zu haben. Ich finde es nur in der Länge hier auf dem Board für deplaziert, weil es dem Leser nicht viel weiterbringt.

Es handelt sich mehr oder weniger um ein - wie die Archivare sagen - Findbuch, mit der die eigentlichen Quellen erst erschlossen werden können. Gut, wer noch ein paar alte UZ oder AKs herumliegen hat, kann da dann was nachlesen. Insofern wäre ein Link auf die FU-Seite ja ausreichend.

Viel interessanter wäre es dagegen natürlich, wenn durch die Erzählungen der Nutzer, durch die oral history, die Ereignisse wieder Fleisch und Blut bekämen, das, was nicht in Stattfilmen, Emscherboten, Kabanett-Mitschnitten oder auch Ausschnitten von Kuhlmann-Reden hier schon dokumentiert ist.

@JuergenSchroeter: dann knusper mal los und schau mal unter den Emscherboten-Thread. Da wird noch viel folgen, wenn der Speicherplatz es zulässt.

@Heinz: huch war ich das? Hab ich was von Wyhl erzählt? Kann schon sein, denn der ID (Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten) aus Frankfurt und das Münchener "Blatt" hatten schon seit '74 regelmäßig über die ökologischen Kämpfe im Dreyeckland geschrieben. Das war lange, bevor Jürgen Reents und Kollegen überhaupt wußten, wie sich das buchstabiert.

Grüße

Jürgen
Geboren im Jahre der Meisterschaft - nicht wie ihr alle denkt, sondern 3 Jahre früher!

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Dietmar
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Beitrag von Dietmar »

Das Zentralarchiv der FU Berlin stellt uns seit Jahren eine Seite zur Verfügung, auf der wir die Ergebnisse unserer Arbeit dokumentieren dürfen. Diese Seite ist für jedermann, sofern er daran Interesse hat, einzusehen. Die Arbeit über Gelsenkirchen (vgl. auch den I. Teil) ist im Arbeitsplan schon seit längerer Zeit vorgesehen, die jedoch immer wieder verschoben werden musste.

Heinz Niski war wohl mehr der Zufall auf die Seite der FU gestoßen. Er bat mich darum, Auszüge aus dem „Roten Punkt“, und später darum, Teile der „Politischen Bewegung“ veröffentlichen zu dürfen. Dem habe ich aus bekannten Gründen zugestimmt. Was die Gelsenkirchener Seite veröffentlicht, und was nicht, liegt nicht in meinen Händen. Es bleibt den Administratoren überlassen.

Allerdings muss ich noch einen wichtigen Hinweis nachschieben. Es geht nicht um ein „paar alte UZ“ oder „Arbeiterkämpfe“, auch nicht darum, nur „etwas nach(zu)lesen“, sondern es geht darum, den Gesamtzusammenhang verständlich zu machen, also: 1. Dem Leser historische Informationen an die Hand zu geben, 2. Ihn über Gruppen und Organisationen zu informieren, 3. Retrospektiv die Ereignisse und Geschehnissen (möglichst objektiv) darzustellen.

Das Archiv im Netz, bzw. die Datenbank bietet jedem die Möglichkeit, eigene Forschungen für den jeweiligen Ort zu betreiben. Dort kann er nach Herzenslust recherchieren. Und sich mit seiner Vergangenheit, wenn er denn will, beschäftigen. Insofern hat das Archiv nebst Datenbank einen gewissen Modellcharakter.

Ich insistiere nun keineswegs darauf, berühmt zu werden. Auch geht es mir nicht darum, dass meine vorliegenden Ergebnisse „anerkannt“ werden. Ob etwas „deplatziert“ ist, entscheidet sich übrigens nicht auf einer Board Seite, sondern jenseits von Archiven und Archivaren.

Die Spitzen gegen Jürgen Reents und andere, sind unangebracht. Spätestens mit Joachim Raschke „Die Grünen. Was sie wurden, was sie sind“, ist die frühe Öko-Bewegung in einem ganz anderen Licht zu sehen. Wenn man so will, ist der Grüne Faktor weitaus früher, und nicht erst im „Münchener Blatt“, Gegenstand der Debatten gewesen. Beispielsweise, was in der Forschung nicht gerne zugegeben wird, hatte der „Kommunistische Nachrichtendienst“ der KPD/ML-ZB (vgl. meine Arbeit auf der MAO Hauptseite) schon sehr früh über ökologische Probleme berichtet.

Wenn man aufmerksam liest, dann fällt einem übrigens auch auf, dass der „Link“ schon längst gesetzt war, bevor die Debatte hier einsetzte. Das zur Richtigstellung.
Jürgen Kramer hat erkannt, worum es geht. Wenn die ersten Gehversuche in Richtung Recherche der APO-Bewegung dazu führen, dass Interessenten hier ihr Material vorlegen, auf das wir zurückgreifen können, und sie bereit sind, etwas zur Vergegenwärtigung beizutragen, ist der Einstieg in die Gelsenkirchener Entwicklung über „Arbeiterbewegung und Marxismus“ gegeben . Mehr kann zur Zeit nicht geleistet werden.

Dietmar Kesten

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Dietmar
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Beitrag von Dietmar »

Ein sehr schönes Dokument hat Jürgen Kramer mit dem Flugblatt zu den „Grünen Teufeln“ vorgelegt. Ich erinnere mich, dass der Film kurz nach meinem 20. Geburtstag, Ende August 1968, in die deutschen Kinos kam. Und die Tet-Offensive in vollem Gange war. Wir verteilten damals das von Jürgen vorgelegte Flugblatt auf der Bahnhofstraße und vor dem alten Bali-Kino (Hauptbahnhof) in dem der Film zu sehen war. Wir verteilten uns im gesamten Kino. Und störten massiv. Bei jeder Attacke des Vietcongs brachen wir in Jubel aus. Bis die Bahnpolizei kam, die uns des Saales verwies. Die Aufführung stand damals kurz vor dem Abbruch.

Dietmar Kesten

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rabe489
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Die Bedeutung des SAJB, 2

Beitrag von rabe489 »

Sechs Flugblätter haben sich erhalten: Von den (z.T. naiven Anfängen) bis zum "Aufruf an die Wehrpflichtigen", wohl Herbst 1969. Letzteres belegt in den Unterzeichnern den Übergang vom SAJB zum Republikanischen Club Gelsenkirchen (RC) nach der Cohn-Bendit-Podiumsdiskussion der VHS.

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Anmerkung:Zur Kofler-Veranstaltung gab es noch ein rotes Schriftplakat mit einem Mao-Zitat. Das Plakat wurde in einer Druckerei in Ückendorf gedruckt.

Der "Sozialistische Arbeitskreis der Jugend für politische Bildung (SAJB)" existiert also etwa Dreivierteljahr, von Ende 1967 bis Herbst 1968. Sein wichtigstes logistisches Verdienst ist es, den Kontakt zum SDS (München) hergestellt zu haben.Die Adresse hatten wir aus dem "Spiegel", wo zuvor ein umfangreicher Artikel über den SDS insgesamt erschienen war. Dann auch Kontakt zum SDS Bochum durch die Aktionen gegen die Notstandsgesetze. Beim Republikanischen Club GE wurde dann die Verbindung zum SDS Bochum intensiviert. Aus dem Republikanischen Club GE ging später die Rote Garde hervor. Da war Jürgen Kramer aber schon längst - im SS 1969 - bei Prof. Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie eingeschrieben und las hemmungslos Samuel Beckett.

Der Übergang sämtlicher Mitglieder des SAJB zum RC zeigt sich im Kopf der Mitgliederliste:
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:D :D :D


<hr>Anmerkung in eigener Sache:
Seit meiner Schulzeit, seitdem ich im Fernsehen WDR3 eine Aufführung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" gesehen hatte - mit Fünfzehn oder Sechzehn, oder war's früher? - war ich vom Existentialismus Beckettscher Prägung infiziert/ besessen. Als 1966 / 1967 der SDS gegen das Establishment, wie man sagte, rebellierte und später zur permanenten Revolution aufrief, war ich hin- und hergerissen. Ich war in die Entscheidung gestellt - nein, nicht Marx oder Coca Cola, sondern Marx oder Beckett, Gesellschaft oder Individuum. Dieser Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft bestimmt mein Verhalten, meine Arbeit und meine Stimmungen bis heute. Dieser Konflikt ist gleichsam zu einem Perpetuum-mobile-Motor geworden.
Ich sag's Euch!

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rabe489
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Die Flugblätter des Republikanischen Clubs Gelsenkirchen

Beitrag von rabe489 »

Die sechs Flugblätter des <b>Republikanischen Clubs Gelsenkirchen (RC)</b> und das zweiseitige Flugblatt des <b>SDS Ruhr</b>, in der Nachfolgezeit von Oktober 1968 bis 1969 des <b>Sozialistischen Arbeitskreises der Jugend für politische Bildung (SAJB)</b> erschienen, belegen die Entwicklung des RCs zum antirevisionistischen Flügel der Sozialisten und daher ist der Übergang des Clubs ca. 1970 zur <b>Roten Garde</b> naheliegend. Einschätzen aber sollten das Material diejenigen, die heute noch mit einem dezidiert politischen Bewußtsein um sich kämpfen. :D

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Nachsatz: Zum Prager Frühling 1968

Beitrag von rabe489 »

Der "Sozialistische Arbeitskreis der Jugend für politische Bildung" Gelsenkirchen nahm im Frühjahr 1968 an einer Fahrt nach Bonn-Bad Godesberg teil. Es ging um den Einmarsch des Warschauer Paktes und des sowjetischen "Panzerkommunismus" in die Tschechoslowakei und Prag. Organisiert hatte die Fahrt zur sowjetischen Botschaft - man höre und staune - "Die Falken":

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P.S.: Ein Freund nahm mich als halbes Kind noch zu den Falken ins Alfred-Zingler-Haus am Stern mit. Ich sollte mich zur kindlich-jugendlichen Freizeitgestaltung einer Jugendgruppe anschließen, die Spiele, Reisen usw. machte. Ich ging dort zwei- dreimal hin und bekam auch einen Mitgliedsausweis. Dann hatte ich die Nase voll. Ich konsultierte in kindlicher Naivität meine Eltern und beschwerte mich:" Ich <b>will</b> da nicht mehr hin müssen... Die singen ja nur Lieder von Traktoren und so..." Ich mußte nicht mehr hin, meine Eltern waren unpolitisch im wesentlichen.

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rabe489
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68er Unruhe in Gelsenkirchen

Beitrag von rabe489 »

1. Auf der 1. Mai 1968 Demo und Kundgebung wird zum ersten mal ein Bild von Karl Marx mitgetragen (vom SAJB und eine rote Fahne):

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2. Nov. 1968: Podiumsdiskussion mit Daniel Cohn-Bendit (damals SDS) veranstaltet von der VHS (Rainer Kabel). Das Bild des Publikums (der SAJB) erschien großformatig in der Wochenendbeilage der "Westfälischen Rundschau".



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