Anna-Selbdritt Kapelle am Fünfhäuserweg

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erloeser
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Anna-Selbdritt Kapelle am Fünfhäuserweg

Beitrag von erloeser »

Wenn man Gelsenkirchen Richtung Norden über die Dorstener Straße verlässt, taucht man in eine völlig andere Welt. Hat man erst einmal die Industriekomplexe der Raffinerie hinter sich gelassen, bekommt man in Oberscholven einen Vorgeschmack auf das Münsterland. Inmitten der Felder stehen vereinzelte Bauernhöfe, auf den Wiesen weiden Pferde, die Wahrzeichen Westfalens, hinter der kleinen Scholvener Halde versteckt liegt Haus Lüttinghoff, eine typisch westfälische Wasserburg und am Drei Häuser Weg befindet sich eine kleine alte Kapelle, die von der tiefen Religiösität der Menschen dieser Gegend zeugt. Buer war bis zur Industriealisierung durch und durch katholisch...
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An der Vorderseite der fensterlosen Kapelle befindet sich eine Holztür, deren vergittertes Fenster einen Blick ins Innere ermöglicht...
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... dort entdeckt man eine, mit weissen Steinen nachträglich eingemauerte Wand jüngeren Datums, die im unteren Bereich mit einem Vorsprung versehen ist, der als Altar dient...
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... auf dem Altar steht ein Marienbild. Die in ein Nonnengewand gehüllte Mutter Gottes trägt - soweit ich das bei den Lichtverhältnissen erkennen konnte - zwei Kinder auf ihren Armen, das eine in einem blauen, das andere in einem roten Gewand (ich lass mich da aber gerne berichtigen, weil das innere der Kapelle wirklich sehr dunkel ist)... 8) 8)
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... links neben dem Marienbild hängt ein Cruzifix an der Wand...
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... und rechts das Bild eines Mönches. Der Kutte nach zu urteilen und aufgrund der Tonsur könnte es sich um einen Franziskaner handeln...
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Das nächste Franziskanerkloster liegt gerade mal 6 Kilometer weiter nördlich in Dorsten und existiert bereits seit 1488. Ein Teil der Scholvener Bauern war im Mittelalter auf jeden Fall auf die Lippestadt ausgerichtet. Begünstigt wurden diese Beziehungen nach Dorsten durch den Gahlenschen Kohlenweg, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts ausgebaut wurde um von Bochum über Crange, Erle und Buer zum Lippehafen zwischen Dorsten und Gahlen führte und auf dem mit Pferdefuhrwerken Steinkohle aus dem südlichen Ruhrgebiet zur Lippe transportiert wurde, um von dort aus Richtung Rhein weiterverschifft zu werden.
Wenn man es so betrachtet, steht man also nicht nur an einem spirituellen 0rt, der heute noch von Gläubigen genutzt wird, wie die frischen Blumen neben dem Marienbild verraten. Man steht auch auf historischem Boden, denn die Dorstener Straße ist Teil des Gahlenschen Kohlenwegs, der gerade im Rahmen des Kultuhauptstadtprogramms zu einer Kunststrecke aufgepeppt wird:
http://www.gelsenkirchener-geschichten. ... 3fba2a4cd1 fa0e847bd

Auf jeden Fall hat es die kleine romantische Kapelle in Oberscholven meines Erachtens verdient, ähnlich wie die Fleuthebrücke, im Rahmen des Gahlenschen Kohlenweges beachtet zu werden. Man darf nicht vergessen, dass der Glaube früher anders ausgeprägt war als heute und die Religion immer auch als richtungsweisend verstanden wurde. Wegkreuze, Kapellen, Kirchen, Klöster und Hospitäler dienten nicht nur der spirituellen Orientierung, sondern gaben auch beim Reisen die Richtung an. Sie gehören zu Wegen genauso dazu wie Brücken und Kreuzungen. Sie sind Orte der Rast und dienen dazu, dass der Reisende sich ausruht und stärkt.

Ich selbst weiss leider auch nicht viel über diese Kapelle, ausser dass das Marienbild nur die Kopie eines Originales sein soll und sich das Original in der Obhut von St. Josef befindet.
Vielleicht habt ihr ja Lust ein wenig über die Kapelle an der Dorstener Straße mitzu recherchieren, denn ein kleines Hinweisschild im Rahmen des Gahlenschen Kohlenwegs, wie z. B. an der Fleuthebrücke, hat die Kapelle auch wohl verdient.

Vielleicht kennt ja jemand den Namen der Kapelle, oder weiss, wem sie geweiht ist. Velleicht lässt sich ja herausfinden, wann und in welchem Zusammenhang sie gebaut wurde... Wer ist der Mönch auf dem Bild? Was hat es mit dem Marienbild auf sich?

Es wäre auf jeden Fall spannend, wenn sich im Rahmen der GG die Geschichte dieses kleinen aber feinen Stückchen Scholvens zusammenpuzzeln liesse, denn die Kapelle ist gleich dreifach interessant: als religiöser Ort, als Teil eines historischen Weges und durch die kunstvollen Gegenstände, die sie birgt.

... und der Panoramablick auf Scholvens Industrie aus einem Blickwinkel mitten in der Natur ist auch nicht zu verachten 8)
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Ich wünsch Euch noch einen schönen Tag

Josel
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Beitrag von Josel »

Sehr interessant. Für ein Franziskaner-Kloster muss man übrigens nicht nach Dorsten; es gibt auch eines mitten in Ückendorf.

http://www.franziskaner-minoriten.de/index3.php?id=176

J.
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Buerelter
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Beitrag von Buerelter »

Wenn man Gelsenkirchen Richtung Norden über die Dorstener Straße verlässt, taucht man in eine völlig andere Welt. Hat man erst einmal die Industriekomplexe der Raffinerie hinter sich gelassen, bekommt man in Oberscholven einen Vorgeschmack auf das Münsterland. Inmitten der Felder stehen vereinzelte Bauernhöfe, auf den Wiesen weiden Pferde, die Wahrzeichen Westfalens, hinter der kleinen Scholvener Halde versteckt liegt Haus Lüttinghoff, eine typisch westfälische Wasserburg und am Drei Häuser Weg befindet sich eine kleine alte Kapelle, die von der tiefen Religiösität der Menschen dieser Gegend zeugt. Buer war bis zur Industriealisierung durch und durch katholisch...
Sehr schön wahrgenommen....

aber es ist der Fünfhäuserweg, weil dort immer genau 5 Häuser(Kotten) gestanden haben!
... auf dem Altar steht ein Marienbild. Die in ein Nonnengewand gehüllte Mutter Gottes trägt - soweit ich das bei den Lichtverhältnissen erkennen konnte - zwei Kinder auf ihren Armen, das eine in einem blauen, das andere in einem roten Gewand (ich lass mich da aber gerne berichtigen, weil das innere der Kapelle wirklich sehr dunkel ist)... Cool Cool
Hier muß ich Dich auch berichtigen.
Die Kapelle ist der Anna-Selbdritt geweiht. Sie existiert seit dem Mittelalter und beherbergte(sic!) die wohl älteste Plastik Gelsenkirchens, nämlich die Darstellung der Anna-Selbdritt aus dem 15. Jahrhundert. Eine aus Eichenholz geschnitzte Darstellung von Anna, der Mutter Marias, mit dem Jesuskind auf dem Schoß.
Der seltsam anmutende Name, kommt daher, das Anna "selbst zu dritt" kommt, also mit zwei weiteren Personen, - eine Redewendung, die in früherer Zeit durchaus geläufig war.

Die Anna-Verehrung ist tatsächlich von Haltern her nach Scholven gekommen. Dort gibt es ebenfalls eine Anna-Selbdritt Darstellung, und die Scholvener pilgerten oft und gerne nach Haltern zum Annaberg.

Auch der Vorname Anna war bis in die heutige Zeit sehr beliebt. Im 17/18. Jahrhundert sieht man an den Kirchenbucheinträgen, das fast jedem weiblichen Täufling der Name Anna Hinzugefügt wurde, den Männlichen gerne ein Johannes! :wink:

Die Kapelle selbst ist uralt. Sie wird schon im Protokoll des Buerschen Urbanusumritts im 16. Jahrhundert erwähnt. ( Näheres dazu in den Beiträgen zur Stadtgeschichte, des Vereins für Orts- und Heimatkunde Buer.)

... und rechts das Bild eines Mönches. Der Kutte nach zu urteilen und aufgrund der Tonsur könnte es sich um einen Franziskaner handeln...
Richtig! Es ist die Darstellung des Jordan May, vom in der Nähe liegenden Hof May.
Jordan May war ein tiefreligiöser Mann, dem Wundertätigkeit nachgesagt wird. Eine schöne Darstellung von ihm als Bronzefigur findet man in der Eingangskapelle der Urbanuskirche, dazu auch ein kurzer Lebenslauf.
Vgl. auch das Jordan May-Haus in Buer!

Die Familie May hat sich auch über die letzten Jahrzehnte(Jahrhunderte?) um diese Kapelle gekümmert und sie gepflegt.

Der Hof existiert leider nicht mehr und so fristet die schöne alte Kapelle ein trauriges Dasein.
Doch Dank der GG ist Hilfe in Sicht. ScholvenerJung und ich haben uns vorgenommen, den Zustand des Heiligenhäuschens zu ändern.

Die oben angesprochene Figur der Anna-Selbdritt befindet sich in der Obhut des Scholvener Pastors. In der Kapelle ist nur ein Foto, da die Plastik schon mehrere Male gestohlen wurde. Allerdings brachte sie den Dieben wohl kein Glück, sie wurde immer in der Nähe des Heiligenhäuschens wiedergefunden.

[klugscheissermodusaus]

erloeser
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alles vest im Griff...

Beitrag von erloeser »

@Josel
Wir reden von zwei verschiedenen Paar Schuhen. Einem schwarzen und einem braunen... oder besser zwei verschiedenen Habits, so nennt man die Kluft der Mönche.
Du meinst die Franziskaner-Minoriten und ich meine die Franziskaner. Deine tragen schwarz, meine braun. Der Orden des Heiligen Franziskus hat sich in drei verschiedene Strömungen entwickelt und weil die katholische Kirche streng Männlein und Weiblein trennt, gibt es noch einen vierten Orden für Frauen. Neben den Franziskanern und den Minoriten seien als dritte Ausrichtung noch die Kapuziner genannt. Der Frauenorden sind die Klarissen. Alle Orden berufen sich auf denselben Heiligen, nämlich Franz von Assisi, werden aber in Rom als eigenständige Orden geführt.
Die deutschen Bezeichnungen "Franziskaner" und "Franziskaner-Minoriten" ist sehr irreführend, zumal die lateinische Bezeichung der Franziskaner "Ordo Fratrum Minorum" lautet, also ins deutsche übersetzt Orden der minderen Brüder bzw. Orden der Minoritenbrüder. Die lateinische Bezeichnung der "Franziskaner-Minoriten" indes lautet "Ordo Fratrum Minorum Conventualium", also Orden der minderen klösterlichen Brüder. Dieser Orden hat sich 1517 von dem anderen Orden abgespalten. Wem das alles zu konfuzius ist: die Franziskaner in Dorsten sind die mit der brauen Kutte, die in Ückendorf sind die mit der schwarzen Kutte.

Infos zur Geschichte der Franziskaner, zur Person des heiligen Franz u.a. unter:
http://www.franziskaner.de/ORDENSGESCHICHTE.15.0.html

...und nochwas ;-)
Für ein Franziskaner-Kloster muss man übrigens nicht nach Dorsten; es gibt auch eines mitten in Ückendorf.
als Scholvener verfüge ich über eine Gelsenkirchener und eine Vestische Gehirnhälfte... und wieso nicht auch mal über den Tellerand ins benachbarte Vest schauen, schliesslich ist Gelsenkirchen keine Scheibe, an deren Stadtgrenze die Welt zu Ende ist :P

Aber Scherz beiseite: Die Industrielaisierung und damit auch die Stadtentwicklung Gelsenkirchens hat viele historisch gewachsenen Strukturen einfach überrollt. Die Bauernschaft Scholven gehörte bis zur Hochzeit Buers mit Gelsenkirchen 1928 zum Vest Recklinghausen. Ein Grossteil der Höfe und Kotten auf dem Scholven war natürlich auf Buer ausgerichtet, aber längst nicht alle. Es gab Beziehungen nach Gladbeck, zum Pastorat Dorsten, nach Marl, zum Rittergut Herten u.a Häusern. Selbst zum Stift Xanten, welches in Dorsten einen Speicher unterhielt, reichten die Beziehungen einiger Scholvener Bauern. Diese unterschiedlichen und teilweise weitläufigen Abhängigkeiten orientierten sich bis zum Beginn der Industriealsierung Scholvens im wesentlichen an den alten Lehenverhältnissen, die vor der Bauernbefreiung entstanden.

@Buerelter:
Danke für die Infos... Wäre auf jeden Fall schon mal guter Rohstoff für ein kleines Hinweistäfelchen, was Du da geschrieben hast. Was wollt ihr denn am Zustand der Kapelle ändern?... Ich vermissen neben einer Hinweistafel vor allem eine Bank, denn der Ort läd geradezu zum Verweilen ein.

@Admins:
Kann man diesen Thread eventuell rückwirkend umbenennen in Anna-Seldritt Kapelle, nachdem jetzt geklärt ist, wie das Bauwerk heisst?

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Scholvener Jung
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Beitrag von Scholvener Jung »

Hier ein aktuelles Bild von Anna Selbdritt, nach ihrer Restauration. Aufgenommen Anfang Mai. Sie glänzt nun wieder in ihren Originalfarben.

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Das diese Figur noch im Besitz unserer Gemeinde ist, verdanken wir wohl einigen Schutzengeln. Nach dem dritten und letzten Diebstahl aus dem Häuschen fand man sie zufällig in einem Gebüsch nahe der Räubekampstraße. Natürlich entschloss man sich sie nicht wieder ins Häuschen zu Stellen - weil zu Wertvoll.

Die Zukunft des Heiligenhäuschen ist ungewiss, da die Norderweiterung des BP-Werk den Standort des Häuschen auf Werksgelende wechselt. Man ist sich noch nicht einig, ob es komplett verschwindet, was sehr schade wäre, oder es ein neuen Standort bekommt. Also wird's mit der Parkbank und Hinweisschildern erstmal nix.
Hömma!

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Niccolo
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Beitrag von Niccolo »

Danke für die Hintergrundinfos!

Ich komme da täglich vorbei und kenne einige Mitglieder der Familie May persönlich, auch die Geschichte mit dem Hof.
Die Norderweiterung von BP macht mich da irgendwie traurig.

Niccolo

Josel
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Beitrag von Josel »

Scholvener Jung hat geschrieben:Die Zukunft des Heiligenhäuschen ist ungewiss, da die Norderweiterung des BP-Werk den Standort des Häuschen auf Werksgelende wechselt. Man ist sich noch nicht einig, ob es komplett verschwindet, was sehr schade wäre, oder es ein neuen Standort bekommt. Also wird's mit der Parkbank und Hinweisschildern erstmal nix.
Dass man angesichts der vielen Industriebrachen, die uns einen "Kulturstandort" nach dem anderen bescheren, ausgerechnet diese Wiesen okkupieren muss, ist schon ein ziemlicher Treppenwitz. Aber auf das Gelände des Schalker Vereins kann man nunmal nicht von Scholven aus expandieren... Oder vielleicht doch? Müssen die neuen Anlagen mit den alten unbedingt verbunden sein?

J.
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Mahns
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Beitrag von Mahns »

Richtig! Es ist die Darstellung des Jordan May, vom in der Nähe liegenden Hof May. Jordan May war ein tiefreligiöser Mann, dem Wundertätigkeit nachgesagt wird. Eine schöne Darstellung von ihm als Bronzefigur findet man in der Eingangskapelle der Urbanuskirche, dazu auch ein kurzer Lebenslauf. Vgl. auch das Jordan May-Haus in Buer!
Ich weiß nun nicht genau, wo das Jordan May-Haus steht, aber ist es nicht ein Altenwohnheim o. ä. in der Löchterheide?

Jedenfalls befindet sich an der Maximilianstraße in Buer das Geburtshaus von Jordan May; dort, wo auch bis vor etwa zehn Jahren der Frisör May geschnitten hat. Das Haus wurde abgerissen und neu aufgebaut (eine der wenigen gelungenen Sanierungen in Buer-Mitte übrigens!), und in die Fassade ist eine Skulptur zu Ehren von Jordan May eingelassen worden.

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Kalle Mottek
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Beitrag von Kalle Mottek »

Danke,Jungs!

Tolle Beiträge,wieder was gelernt!

Schönen Gruß!

Kalle Mottek
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erloeser
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Norderweiterung

Beitrag von erloeser »

@Josel

1. Scholven ist eigentlich ein Musterbeispiel dafür, dass Chemie nicht unbedingt neben Chemie angesiedelt werden muss. Die Hibernia bzw. Recklinghäuser Bergwerksgesellschaft, auf welche die Industriealisierung im Buerschen Norden zurückgeht, arbeitete nicht, wie bei den meisten Zechenunternehmen Gelsenkirchens üblich gewesen, im Verbund mit Eisenhütten, sondern fand ihren Verbundpartner in der chemischen Industrie. Wer durch den Buerschen Norden fährt, wird die vielen Rohrleitungssysteme bemerken, die sich neben und über die Strassen Scholvens und Hassel ziehen. Diese Pipelines verbinden einzelne Industriestandorte und sorgen für einen relativ unkomoplizierten Austausch von Chemischen Produkten. Pipelines sind im Gegensatz zu LKW, Schiff, Bahn oder Flugzeug recht praktische und vor allem kostengünstige Transportmittel, die Gase und Flüssigkeiten von A nach B verbringen und in der Petrochemie und der Gaswirtschaft durchaus üblich sind, teilweise über tausende von Kilometern!
Das Pipelinesystem bei uns gibt es bereits seit 80 Jahren. Es ist quasi genauso alt, wie die Grossstadt Gelsenkirchen-Buer. Ähnlich wie sich Buer und Gelsenkirchen durch die wirtschaftliche Situation der damaligen Zeit zu Rationaisierungsmassnahmen gezwungen sahen, wurden auch bei der Hibernia viele Bereiche zusammengelegt und andere dadurch wegrationalisiert. In Scholven entstand eine Zentralkokerei, die Kokereien anderer Hiberniazechen wurden dafür stillgelegt. Um die bei der Verkoksung anfallenden Nebenprodukte weiterzunutzen baute die Hiberna ihre ersten beiden Stickstoffwerke. 1928 in Wanne-Eickel, 1930 in Scholven. In dieser Zeit werden auch die Pipelines entstanden sein.
Wie weit die Pipelines, die durch Gelsenkirchen gehen, reichen, weiss ich nicht. Aber sie gehen auf jeden Fall bis zur Degussa in Marl und auch zur Phenolchemie in Zweckel und dürften rein theroretisch auch bis auf das Gelände des Schalker Vereins realisierbar sein. Pipelineverbindung zum Hafen gibts schliesslich auch.

2. Scholven ist aber auch ein Musterbeispiel dafür, wie sich die Stadt Gelsenkirchen die Vorgaben seit je her durch die Industrie aufdiktieren lässt. Gehen wir nochmal ins Jahr 1928, Gelsenkirchens Hochzeitsjahr. Neben wirtschaftlichen Gründen gab es noch andere Aspekte, die für das Zusammenlegen von Gelsenkirchen und Buer eine Rolle spielen, u.a. sollte die Lebensqualität der Bewohner beider Grossstädte verbessert werden. Ziel war es, den als eng empfundenen Süden Gelsenkirchens zu entlasten und Buer im Norden mit seinem Stadtkern und Trabanten - den Zechenkolonien von Hugo, Scholven, Hassel, Westerholt und Ewald - für Siedlungszwecke aufzupeppen und zwar nach Vorbild der aus England stammenden "Gartenstadtideologie" Die Pläne aus den 20er Jahren sahen ungefähr so aus: Ein Stadtkern für ca. 50.000 Enwohner, drumherum locker bebaute Wohnsidlungen, zwischen den einzelnen Wohnsiedlungen ausgedehnte Grünflächen, die sich wie Finger bis an den Stadtkern ziehen.... Das waren die Pläne der Stadt Gelsenkirchen-Buer vor genau 80 Jahren. Klingt doch eigentlich recht nett und idyllisch oder?
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Bild: Übersichtsplan der Stadt Buer Ende der 20er. Das Stadtzentrum habe ich gelb eingekreist, den beabsichtigten Grüngürtel grün, die Dorstener Straße blau.

... Vor 79 Jahren, also genau ein Jahr später, enstanden die Pläne der Hibernia, zwischen Hassel und Scholven eine Stickstofffabrik zu bauen und zwar inmitten des als Grünfläche ausgewiesenen Gürtels. Die Hibernia hat ihre Pläne verwirklicht, die Stadt Gelsenkirchen ihre wieder still in die Schubladen gesteckt und auch leider nie wieder aufgegriffen.

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Bild: Übersichtsplan der Stadt Buer Anfang der 30er. Das Stickstoffwerk ist bereits als Industriegelände in die Karte einschrafiert. Von mir in Pink eingekreist (A). 1935 begann der Bau des Hydrierwerk Scholven, rot eingereist (H), nach dem Krieg dann zu Beginn der 50er Aufbau zur Scholvenchemie, später die Veba und jetzt BP mit der Norderweiterung (N). Der braune Kreis (K) das Kraftwerk aus den späten 60ern. der besche Kreis daneben das Rigipswerk, für das eine der grössten Schrebergartenkolonien weichen musste. der Kreis rechts davon beschreibt die Abraumhalde...

Jede Umstrukturierung des Chemiewerkes hat zu Moderniesierungen und notgedrungen auch immer zu Erweiterungen geführt. Da die Chemiesche Industrie, im Vergleich zu anderen Branchen, wie z.B die Stahlindustrie, einen wesentlich höheren Flächenbedarf hat, sind die landwirtschaftlich genutzten und naturbelassenen Flächen immer extram stark beschnitten worden, wie man aktuell wieder an der Norderweiterung erkennen kann. Inwieweit die Anna-Selbdrei Kapelle den Industrieerweiterung zum Opfer fallen wird, mag ich nicht zu beurteilen. Fakt ist, dass sich die Industrie mitten in Scholven befindet und jede Erweiterung ein Stückchen mehr Natur und Kultur platt machen wird.

Erschreckendes Beispiel finde ich immer wieder den Friedhof Scholven. Man kann ihn nur noch über die Parkplätze der Chemischen erreichen und wenn man durch die Anlage spaziert fragt man sich irgendwann, wie bei dem Industrielärm die Toten in Frieden ruhen sollen...
http://www.gelsenkirchener-geschichten. ... b83e4fdf2d db776311b


Quellen:
Die Infos über die Flächennutzungspläne Gelsenkirchen-Buers Ende der 20er entstammen dem Buch Werkssiedlungen in Gelsenkirchen, herausgegeben von der Stadt Gelsenkirchen 1980. Dort befinden sich auch die beiden Karten über die Flächennutzung Buers aus der damaligen Zeit

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Buerelter
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Beitrag von Buerelter »

Die Zukunft des Heiligenhäuschen ist ungewiss, da die Norderweiterung des BP-Werk den Standort des Häuschen auf Werksgelende wechselt. Man ist sich noch nicht einig, ob es komplett verschwindet, was sehr schade wäre, oder es ein neuen Standort bekommt. Also wird's mit der Parkbank und Hinweisschildern erstmal nix.
Schlimm genug, das die VEBA -heute BP- schon die Dorstener Straße okkupiert hat, den uralten Kirchweg der Scholvener Bauern. Im MA gabs darum schon mal einen handfesten Streit, der in Köln! geschlichtet werden mußte...

Das Heiligenhäuschen steht bestimmt ein halbes Jahrtausend an der gleichen Stelle. Ich bezweifele, ob es moralisch oder auch sonstwie gerechtfertigt ist, es für eine Industrieanlage zu versetzen oder gar ganz abzureißen.

Ein Hinweisschildchen wird sich dort doch auch ungefragt anbringen lassen. Und was die Parkbank betrifft:

Wie wäre es mit der normativen Kraft des Faktischen? :wink:

erloeser
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Anna bei der Bank...

Beitrag von erloeser »

@Buerelter
klingt recht(s) positivistisch was Du da zum Schluss schreibst... selbst für jemanden mit zwei linken Händen....

Also wenn schon eine Bank bauen, dann auch die ganze Kapelle retten!

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Buerelter
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Re: Anna bei der Bank...

Beitrag von Buerelter »

erloeser hat geschrieben:@Buerelter
klingt recht(s) positivistisch was Du da zum Schluss schreibst... selbst für jemanden mit zwei linken Händen....

Also wenn schon eine Bank bauen, dann auch die ganze Kapelle retten!
Das ist auch so gemeint :!:

Wenn die Kapelle erst einmal wieder in einem ordentlichen Zustand ist, sauber von innen, vielleicht etwas hergerichtet, das kleine Eckchen Fläche (evtl. nach deutschem Vorgartenmuster) gepflegt, eine Tafel die die Geschichte und Bedeutung erläutert, dazu ein einladendes Bänkchen zum Verweilen.... Kurz: wenn die Bürger noch Interesse an ihrer Geschichte den dazugehörigen Orten zeigen, dann hat es auch eine BP schwer, das Häuschen abzureißen oder zu versetzen.

Jetzt müßten sich nur noch Macher finden....ich bin dabei! Wer noch :?:

Häuslebesetzer
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Schaffe Schaffe Kappellle besetzen

Beitrag von Häuslebesetzer »

Uaaahh ich habe so lange geschlafen
eine Besetzung? bin ich dabei.

erloeser
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gemeinsam sind wir quark...

Beitrag von erloeser »

Um ein Gefühl für den kulturellen Wert dieses kleinen Scholvener Schätzchen zu bekommen, muss es erst einmal ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden.

Die Kapelle steht zwar am Strassenrand, aber es wird Zeit sie mitten in den Weg zustellen. Vielleicht besteht ja wirklich eine Möglichkeit sie in das Konzept des Gahlenschen Kohlenwegs mit einzubinden, denn bei diesem Projekt soll es sich schliesslich um eine Kunststraße handeln. Anna würde dann auch nicht so alleine dastehen und könnte sich mit Fleuthebrücke und Co. eine Lobby aufbauen

...also ich bin auch wohl dabei, trotz der beiden linken Hände 8)

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