Kleinkarierte Vergangenheitsbewältigung

Wir wollen gemeinsam hier mit anderen interaktiv Spuren und Zeugnisse der Einmischung Gelsenkirchener Bürger ins sozi-kulturelle kommunale Leben sammeln.
Wir möchten damit nicht nur Geschichte(n) bewahren, sondern auch Mut machen, das Zusammenleben in dieser Stadt trotz aller Hindernisse aktiv zu gestalten.

Eure Meinungen dazu können hier diskutiert werden

Moderatoren: Redaktion-GG, Verwaltung

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Heinz
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Kleinkarierte Vergangenheitsbewältigung

Beitrag von Heinz »

Aus einer mail an mich:
Hallo Heinz,
hab beschlossen mich doch nicht einzuloggen.
Kleinkarierte Vergangenheitsbewältigung ist nicht mein Ding.
Natürlich werde ich Dir meine Dokumente zur Verfügung stellen.
Keine Frage ..wird natürlich etwas dauern.
LG ... ein nicht Sponti
Hallo I.....
glaubts du, dich durch das einloggen einer Komplizenschaft am Kleinkarierten schuldig zu machen? :wink:
Ich bin gespannt auf den großen Wurf, der sich da zwischen deinen Zeilen ankündigt.
Schade dass du dein Wissen und deine Fähigkeiten autistisch für dich behalten willst. :shock:
So werden die von dir erkannten kleinen Karos nie zu großen Karos.
Du wirst mich die Ergebnisse deiner allumfassenden historischen Rückschau wissen lassen. 8)
Ich freue mich natürlich über jeden, der zwar alles besser weiss, kann, macht, die Nase rümpft und mit dem Finger zeigt und trotzdem hier heimlich liest. Natürlich nicht eingeloggt. 8)
Liebe Grüße zurück :D

*Übrigens - "Kleinkariert" gefällt mir fast genau so wie die Diagnose einer Dame: "Größenwahnsinnige Selbstüberschätzung von Kneipenhängern, die sich gegenseitig beweihräuchern" 8)

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rabe489
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Wohin wachsen?

Beitrag von rabe489 »

Ach je: "Vergangenheitsbewältigung" "Größenwahnsinnig" "Weihrauch":

Um die Wurzeln wissen, um zu sehen, wohin man wächst, ist alles. Weitergehen, besser gehen, fruchtbarer gehen, groß gehen, da sich langsam das Bild vervollständigt, woher man kommt. Blindlinks ( :lol: ) kommt man kaum voran, übersieht die Hindernisse, weil man nicht sieht, blindlinks stolpert man ins Weglose und Dunkele. "Herkunft aber bleibt stets Zukunft" (Martin Heidegger). Weihrauch desinfiziert, das ist bekannt. Beweihräuchern wir, absterben der Spaltpilze (=Bakterien) und Wohlgeruch. Riechen wir gut!
(Geschrieben nach Wiederlesen eines Nietzsche-Textes :lol: )

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Dietmar
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Für die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Beitrag von Dietmar »

Wovon leben wir? Worauf warten wir? Was ist der Sinn des Lebens, was Zweck gerichtet? Sollen wir bis in alle Ewigkeiten immer wieder das Gleiche denken, alle (schlechten) Erfahrungen noch einmal machen, die alten Lieder leiern, uns mit den alten Heuchlern umgeben, uns ihre immer wiederkehrenden simplen Sprüche anhören, den ewigen Demagogen auf den Leim gehen?

Jahre der Selbsttäuschung- bis in den Alltag hinein. Lethe, der Strom des Vergessens. Warten wir auf den Zustand etwaiger Neuerungen, etwas Aufregendes zu lernen, zu erleben, oder zu tun, oder selbstgefällig im Lehnstuhl sitzend zu kommentieren, abzustrafen, zu begutachten oder Ratschläge zu erteilen? Was ist sicher, wenn nicht die gegenwärtige Unsicherheit? Gemeinsame Sorgen aber keine kollektiven Interessen. Analyse und Zynismus hausen dicht beieinander!

Es wird alles wieder gut! Wenn wir nur ein bisschen solidarisch sind, hier etwas reformieren, dort etwa wegnehmen. So haben wir die Vergangenheit gestaltet, bis wir keinen Sinn mehr für die Wirklichkeit entwickelten. Die moderne Dressur des Menschen zum Kunden von Waren und Dienstleistungen, vor allem zu einem Wesen, das scheinbar aus der Vergangenheit nicht gelernt hat, macht uns zu Deppen, die nur ihre permanente Leistungsbereitschaft signalisieren.

Vergessen, Vergessen! Die Finanz, die Börsen- und die Bestechungsskandale? Vergessen die Politikaffären, die sich quer durch die Republik ziehen. Vergessen, dass uns die Waren nur so um die Ohren fliegen? Die moralische Substanz ist dahin. Der Profit regiert und macht selbst vor dem eigenen Gesichtskreis nicht mehr halt. Alles verwandelt sich, Geld oder nicht, in Ware. Alles ist käuflich geworden und kaufbar. Selbst Wahrhaftigkeit, Charakter und Stolz. Unbestechlich sind nur die Toten.

„Hätten die Menschen doch im Leben gesiegt, ehe sie im Tod den Sieg davontragen.“ (Cicero) Das Vergangene rein waschen, die Erinnerung? Ist nur der, der Maß der Mitte erkennt, der Sieger? Und doch schlafwandelt Lady Macbeth allnächtlich durch die Jahrhunderte und versucht vergeblich, sich das Blut von den Händen zu reiben. Die Erinnerung des Dichters an das Vergangene lässt sich nicht einschläfern. Sie bleibt hellwach, selbst für die Lady, die Nacht für Nacht an den Ort der ungesühnten Verbrechen zurückkehrt.

Selbst die Kunst erhebt Einspruch gegen das Vergessen, gegen die verschleppte und ausrangierte Vergangenheitsbewältigung. Schreie in den griechischen Tragödien, in den Passionen Bachs, den Opern Bergs, den Fegefeuern Boschs und Dantes, in Picassos Guernica, dem Schrei des Edvard Munch, dem faustischen Schrei nach Erlösung. Kunst ist dieser Schrei nach Vollendung der Vergangenheit, der Vergegenwärtigung. An das, was war.

Die Instanz des eigenen Gewissens ist die unbestechliche Replik, das zutiefst Soziale und Wahre, der geschichtliche Index. Im Weltgericht des Gewissens wird nichts ungeschehen gemacht, nichts verdrängt und nichts verleugnet. Das Vergangene in die Gegenwart hinein holen. Die schmerzhafte Arbeit der Vergangenheitsbewältigung beginnt immer dort, wo man die Dinge und die Menschen beim Namen nennt. Nur so tritt man der alles zermalmenden Zeit entgegen. Und kämpft den Weg frei, wie der Mensch gegen den Würgeengel kämpft, gegen das Vergessen an.

Vergessen wir nicht, dass sich alles dem Gesamtzweck angepasst hat. Alle sozialen Einrichtungen, die Gewerkschaften, die Politik, die Ökonomie, die Ökologie, die Universitäten und sogar sie Kindergärten, die Bürgerbüros und die Schulen, die Religionen, die Philosophen, der Überbau und die Wissenschaften, die Banken und die Bibliotheken. Es ist die Kunst der Gewohnheit geworden, die uns vom Blick in die Vergangenheit abhält.

Die Vergangenheit gleicht Hieroglyphen, die ihre Augen aufschlagen und in der Zeit zurückschauen, wenn wir sie anblicken. Sie beginnen sich zu regen, wie Gespenster, die um Mitternacht ihre Glieder schütteln, sie beginnen sich zu bewegen, um uns unsere Taten- und Untaten aus der Vergangenheit vorzuspielen. Inmitten der Gesellschaft findet immer eine Geisterstunde statt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Wer hat den Schlüssel gefunden?

Der Kulturkampf hat längst begonnen. Die Entzauberung der Welt ist nicht mehr aufzuhalten. Die Vergangenheit und das Vergangene pochen mit Leidenschaft an unsere Wohnungen und Häuser. Doch die Erinnerung daran wird kollektiv abgesessen und verdaut. Reißt die Verpackung auf. Sonst verschwindet die deutsche Geschichte; denn in ihr sind wir der Stein des Anstoßes, zerstörerisch und bösartig. Wir sind die Ströme des Vergessens!

Wir träumen davon, eine Waage der Vergangenheitsbewältigung zu besitzen. Und alle Anstrengungen der Philosophie bestehen seit Jahrtausenden darin, sie zu finden. Doch wer wollte es wagen, sie in seinem Besitz zu glauben, sich zum Richter zu machen? Es ist leicht, im Namen der Menschheit mit napoleonischen Gebärden die Individuen zu opfern. Gelassen, Schachspielern gleich. Die bereit sind, die kostbarsten Steine zu opfern, wenn es nur darum geht, die ganze Partie zu gewinnen.

Aber das ist gefährlich. Denn diese Idee hat nur Unglück über die Menschen gebracht: Die Ideen der Religionen und Revolutionen, dass dem Paradies die bereinigende Apokalypse der Vergangenheit vorhergehe, und die „Schöne Neue Welt „ (Huxley) aus dem blutigen Mutterkuchen herausgeschält werde. Die Angst vor der Zukunft und die Last der Vergangenheit nimmt uns jedes mögliche Glück. Die Gegenwart zu genießen, fällt uns am schwersten, weil wir zwischen dem Guten und dem Giftigen nicht mehr unterscheiden können. So fällt auch die Vergangenheit unter den Tisch.

Etwas über sich selbst lernen, dass ist Vergangenheitsbewältigung. Zerreißen wir die Masken des Vergessens. Es sind die Prozesse, die die Netze des Vergessens zerschlagen; denn nichts in dieser Welt ist schwieriger, als die eigene Demontage. Die Zeitreise gegen das Vergessen beginnt erst, wenn das Vergangene bewältigt ist, und das möglich Greifbare in Hautnähe rückt.

Erinnern wir uns an Platons Menschenbild. Als federloses-zweifüßiges Tier laufen wir durch die Geschichte der verlorenen Jahre. Nur das Vergessen ist geblieben. Vergessen ist schmackhafter, kein leidenschaftlicher Konflikt, erst recht kein Protest, mit sich selbst, gehen lassen, keine Reue empfinden. Zählen die Sekunden des Augenblicks? Selbst die können wir nicht genießen, weil beständig die Vergangenheit wie ein Damoklesschwert über uns schwebt.

Wir gleichen dem alten Mann in der Sage, der die Namensschilder der abgelaufenen Lebensspulen in seinem weiten Mantel einsammelt und zu einem Fluss trägt. Unzählige Namensschilder werden ständig von ihm davongetragen oder versinken im Schlamm des Stroms. Alles, was wir sind und tun wird vom Lebensfluss davongetragen: Die Vergangenheit, die religiösen und philosophischen Dimensionen, Versprechen, Treue, Schuld und Schulden, die ethischen Dimensionen, die Amnestie nach einem Krieg, die medizinischen Dimensionen, Gedächtnispathologien.

Das Vergessensmaterial in uns ist unerschöpflich. Es ist abgründig ambivalent. Überall auf der Welt zu beobachten. Abends zweifeln wir. Nachdenklich begehen wir die neuen Tage. Weil die Vergangenheit an uns nagt. So durchlaufen wir das Leben. Sollen wir ruhelos und ohne Ziel hinaus von einer Fremde in die andere ziehen? Lassen wir die Seele treiben? Aus dem Gedächtnis aus der Erinnerung. Wir trennen nur zu gerne das Vergessene vom Erinnern ab. Das Vergessene und das Vergangene bleiben auf der Strecke, die Erinnerungslücken, der Wahn, das kranke Denken und die lieblosen Gesten.

„Nichts gerettet?“ (Peter Sloterdijk) Doch. Enthüllung und Aufklärung. Gegen die bloße Merkwelt und Umwelt, gegen ontologische Differenzen, gegen Noch-Verhülltem, für die Entdeckung der Vergangenheit, dass sie nicht verschwindet, dass wir von diesen Lebens- und Geschichtsprozessen durchdrungen bleiben. Die Tendenz auf Nähe ist ohne den Rückblick nicht zu haben. Und die Weltgesellschaft muss eine werden, die aus der Vergangenheit heraus sesshaft in uns werden mag.

„Hätten die Menschen sich um das Vergangene nur halb soviel bemüht wie um das Erinnern, dann wäre die Welt schon längst ein friedliches Paradies.“ (Jean Anouilth)

Dietmar Kesten

Gast
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Beitrag von Gast »

Kleinkarierte Spalterpost ist doch so viel Text nicht wert.
Ruhe in Frieden und : "...denk ja nicht, du bist selber Schuld...."

Heinz
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Beitrag von Heinz »

Anonymous hat geschrieben:Kleinkarierte Spalterpost ist doch so viel Text nicht wert.
Ruhe in Frieden und : "...denk ja nicht, du bist selber Schuld...."
Vielleicht, aber Dietmars Text, obwohl ein dicker Brocken Blei, ist zur Selbstvergewisserung und auch zur Ermutigung und Aufmunterung nicht schlecht! :D :D :D

pito
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Beitrag von pito »

Unbewältigte (vergessene) Vergangenheit verleitet uns zu unbewußten Entschlüssen über uns und unser Leben. Ohne, dass wir es wahrnehmen ist die Vergangenheit immerzu präsent und schreibt uns unsere Zukunft vor. Unaufgearbeitete falschinterpretierte Erfahrungen zwingen uns, in unserer persönlichen Entwicklung im Kreis zu gehen. Vergessene Vergangenheit verhindert die Entstehung neuer Möglichkeiten.

Darum muss, wer wirklich leben will, seine Vergangenheit kennen, genau unterscheiden können, was wirklich war und was bloß Legende ist, was wertvolle Erfahrung und was bloß schlechter Ratgeber. Seine persönlichen Automatismen zu erkennen, neu zu bewerten und zu durchbrechen, eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten.

Jeder sollte das für sich persönlich tun (mit seiner Vergangenheit ins Reine kommen), doch auch auf einer übergreifenden gesellschaftlichen Ebene ist die Unterscheidung, die Aufarbeitung der Vergangenheit unverzichtbar. Erst dann wird Zukunft möglich, mit dem besten der Vergangenheit und ganz neuen Ideen.

Pito :wink:

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rabe489
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Nicht übertreiben

Beitrag von rabe489 »

Die Vergangenheit macht nur Sinn aus einer bewußten Perspektive von Gegenwart und Zukunft. Leider bewegen sich einige Leute nur noch in der Vergangenheit. Kann man auch Nostalgie nennen oder Flucht in die Vergangenheit, weil die Probleme der Gegenwart und Zukunft Ihnen zu groß sind.

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Dietmar
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Gegen das Vergessen.

Beitrag von Dietmar »

„Bedenk’ es wohl, wir werden‘s nicht vergessen... Ich wusste nie, mich in die Welt zu schicken...“, lässt Goethe den Faust sagen. Mittlerweile glättet sich kein Spiegel mehr. Unsere Träume zerplatzen, weil wir sie in der Vergangenheit nicht realisiert haben, und die Gegenwart für sie keinen Platz mehr lässt. Das Unverborgene, das Unverdeckte macht doch erst den zarten Versuch aus, aus dem Blickfeld der Metaphorik herauszukommen.

Finsternis, Nebel und Wolken- Vergessen, das ist das Verschlafen der milden Dämmerung. Vielseitig anwendbar nebst Löschung und Auslöschung der Dinge, die wichtig waren. Das Gedächtnis stirbt ab, wenn man sich nicht an das Vergangene erinnert. Und an das Vergangene erinnert man sich dann am besten, wenn sich viel Zeit zwischen diese Prozesse legt. Das Wasser eines Flusses zeigt die Wanderung an, auf die sich die Menschen begeben, wenn sie sich mit ihren Gedächtnisbildern besprechen.

Ist es nicht der dunkle Vergessensgrund, der sich wie eine Hölle in die Herzen eingräbt, wird in ihm nicht das Schicksal endgültig besiegelt, gilt dort nicht die Verdammung bis in alle Endzeiten? Wir leben mit diesen Gedächtnisdefiziten. Wollen, müssen? Es ist wie mit den Toten, die uns verfolgen! Glückliche und unglückliche Tote, aufgeteilt in untreue Ehemänner und verständnisvollen familiären Anhängen.

Wir rechnen hoch und ziehen ab. Wir vergleichen. Die Präsenz, obwohl es keine mehr gibt. Deshalb hält uns die Vergangenheit fest. Und lässt uns nicht los. An dieser Stelle kommt die Vergeltung ins Spiel, setzt sich zu Tisch. Und führt den Blick auf alle politischen Lügen, die nationalen Katastrophen, die Legenden und die Krisen. Was einmal war, bleibt. Was gesagt wurde, wird mitgeschleppt. Und einmal Verrat ist immer Verrat.
Einheitsbrei der Schizophrenie des Denkens. Die Gegenwart bleibt immer mit der Vergangenheit verknüpft.

Doch sich an das Vergangene erinnern zu müssen, ist für viele eine Schande. Vergangenheitsbewältigung bleibt immer ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Und oftmals spiegelt sie sich in der Tragik wider. Wir sind Gefangene der Schalkreise dieser Vergangenheit. Des Revisionismus der Geschichte. Was macht es für einen Sinn, wenn die Ideen nur verwaltet werden? Doch man muss sich an diese erinnern, damit der Glaube an diese Denkmäler erhalten bleibt und die Erinnerung wach hält.

Das Vergessen der realen Welt erklärt sich weder aus Melancholie und Feldschlachten. Selbst ein chirurgischer Eingriff gäbe kaum die Deutung wieder, die zu verlangen wäre, wenn detektivistische Spürsinne gegen die Strategien des Vergessens gefragt sind. Was im Gedächtnis nicht dauerhaft und bleibend angelegt ist, wird von Parasiten befallen, wird Dekadenz.

Nicht der beschriebene Zettel aus der Vergangenheit ist wichtig. Das Kunststück der Anregung. Mitzunehmen, aufzuschlagen, nachzulesen, sich erinnern; denn mit gelöschten Lebensjahren verliert sich die Lust, an mögliche richtige Lehrsätze zu glauben, der Kunstlehre „Gedächtnis“ etwas abzutrotzen. Wo gebrütet wird, wird gerungen. Damals, heute und morgen. Wenn nicht, dann unterliegen wir einer kulturellen Geschichte des Vergessens. Wie Milan Kundera meinte, als er von der „Liquidation der Gedächtnisinhalte“ sprach. Das Vergessensdrama schlechthin!

Die schemenhaften Lücken stopfen. Das, was mit Träumerei umwoben ist, zur Botschaft gestalten, weil das Vergessen die Träume verabscheut. Denn was vergessen werden soll, wird zu schnell vergessen. Weil wir Nachbeter sind. Das Vergessen wird sonst vergessen gemacht. Und weil wir Motoren der Vergesslichkeit sind, hinterlassen wir keine dauerhaften Spuren in der Gegenwart.

Historie muss sich verwandeln. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Über all dem kann auch ein falsches Fortschreiben in der Zeit stehen. Weil alles mit immer größerer und globalerer Komplexität heranwächst, lastet die Vergangenheit wie ein Stein im Gedächtnis. Doch der historische Mensch darf nicht vergessen. Für seine Erlebnisse muss dieser Erinnerungsballast auf seine wahre Tauglichkeit hin abgeklopft werden, damit das neue pulsierende Leben nicht verlustig geht.

Vergesslichkeit wird in der Gesellschaft als etwas ganz normales verstanden. Was war, wird nicht dem Zeitstrom angepasst, was sein könnte verschoben, was ist, noch nicht einmal als Trennungslinie zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begriffen. Real ist nur die Masse der (poltischen und kulturellen) Begebenheiten. Das alltäglich-triviale kollabiert in der Verlustigkeit. Alles ist morgen schon wieder vergessen.

Übrig bleibt eine halbe Wahrheit, flache Unbedeutendheit. Erfahrenes, Erlebtes, Erlerntens- manchmal sind es nur Gedächtnisaffären. Wie gewöhnliche Instruktionen eines Versuchsleiters, der dann das Experiment abbricht, wenn die Tabellen mit Buchstaben und Zahlen ausgefüllt sind. Es ist tatsächlich etwas, was beunruhigend wirken sollte. Denn Vergessen fördert das Unbehagen, es wird fortgetragen, entzieht sich der Kontrolle, der Vernunft, des Geistes, der Willenskraft.

Das Vergessen heilt keine Wunden. Vergangenheitsbewältigung kann dazu beitragen. Sie kann aus der Dunkelheit ans Licht führen, sonst verdunkelt sie die Gegenwart. Sonst bleibt sie ein Phantasiewerk, das bis in die Zukunft hinein wirkt. Wie eine Steinfigur, die aus dem Fenster geworfen wird. Alle Geschichten, die erzählt werden, sind schnell vergessen. Die, die wir anderen erzählen, die tradierten, die vom Wirbel der Zeit fortgerissen sind. Bis nur noch ein Torso übrig bleibt.

Wenn die Sonne sinkt, durchschreiten wir die Täler unserer Wünsche, scharren die „großen Momente“ noch einmal zusammen, die Gestalten, Zeitaufenthalte, die Gegenstände und die Begebenheiten, die voller Konfrontation sind. Und wollen die Vergangenheit und das Vergessen rückgängig machen.

Was auch die Gründe dafür sein mögen, dass wir uns selbst unbekannt bleiben, so wollen wir doch tausendfach die Unfallspuren beseitigen. Das Vergessen ist quälend wie der Hunger. Wenn wir nicht wollen, dass nur noch die Erinnerungslücken bleiben, muss die Selbstsicherheit beseitigt werden, mit der wir immer noch durch die Vergangenheit schleichen. Der Ruhm des Erinnerns vergeht. Die Kultur des Individuums ist Spielball und Manipulationsobjekt des Vergessens.

Ex Nihilo Nihil! Doch! Wer von Vergangenheit reden will, muss seine eigenen human-utopischen Ideen in die Gegenwart verpflanzen, damit die Zukunft sich wiederum an diese stattgefundene Gegenwart erinnern mag. Kontinuität und Selbstreinigung, Konsolidierung, Bewahrung. So könnten wir Archivare des Fortschritts werden, Rechercheure, die den Zusammenhang erkennen. Und akribisch Daten, Fakten und Zusammenhänge zu einer Geschichtsquelle zusammen tragen. Sonst wird die Welt zu einer rasenden Fabrik mit der Verirrung im Dschungel des Für und Wider, Mehr oder Weniger, So und Anders!

Dietmar Kesten

Heinz
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Deutscher Herbst, RAF und Verdrängung

Beitrag von Heinz »

Eine interessante Sendung im WDR5, die auch unser Thema streift. Es ist sowohl ein gutes Stimmungsbild über die Hysterie in dieser Zeit bei allen Beteiligten, wie auch eine bedrückende Schilderung eines tragischen Einzelschicksales.
Und die Folgen und Auswirkungen von Verdrängung eigener Geschichte, von Fehlern und Fehleinschätzungen auf das Leben werden drastisch deutlich gemacht.

Sendung vom 02.02.2007, 10:15 Uhr

"Jede Entscheidung wäre falsch gewesen" - Fritz Rodewald und die RAF

Dann ergab es sich, dass er in die verzweifelte Lage geriet, zur Verhaftung der Terroristin Ulrike Meinhof beizutragen. Verzweifelt, weil diese Entscheidung sein Leben veränderte, denn fortan war er zwischen den Lagern: den Linken ein Verräter, dem Staat ein Sympathisant. Und so wehrt er sich bis heute gegen die großen Schatten der RAF-Zeit, die ihn immer noch verfolgen.

Der Beitrag zum anhören

Gast
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Beitrag von Gast »

Damit das irgendwo steht, "die RAF war eine Mörderbande". Mehr nicht!

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Dietmar
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Registriert: 13.01.2007, 10:17

Beitrag von Dietmar »

THESEN ÜBER VERGANGENHEIT UND GEGENWART

1. Was vergangen war, muss gezeigt werden.

2. Wenn wir nur an die Vergangenheit denken, können wir freilich nicht an die Gegenwart denken. Und ebenso nicht an die Zukunft.

3. An die Vergangenheit denken, heißt: Nichts mehr denken.

4. Wer nicht für die Vergangenheit ist, kann nicht für die Gegenwart sein.

5. Kategorische Negation der Vergangenheit meint im Zweifelsfall lautstarke Akklamation für die Gegenwart.

6. Nicht wir sind weggetreten, sondern jene.

7. Die Wahrheit über die Vergangenheit kann erst nach ihrer Abschaffung geklärt werden. Ist die Wirklichkeit in Wahrheit nicht bereits Vergangenheit?

8. Wer ignoriert, der lebt verkehrt. Wer erkennt, bekennt. Wer nicht fragt, versagt.

9. Die Gegenwart besteht aus dem Luxus der Vergangenheit.

10. Vergangenheitsbewältigung kennt keine Krise, nicht, weil immer Krise ist, allgegenwärtig wie die Lösung, die eine Erlösung wäre, wenn sie nur wäre.

11. Wenn wir nicht mehr an die Vergangenheit denken, und das Denken an sie aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, bleibt nur die Hoffnung auf ein Wunder. So wundern wir uns in der Gegenwart über die Vergangenheit.

12. Da der Tag nicht im Abendrot versinkt, sollte man zumindest die Vergangenheit zur Tagesordnung machen.

13. Das Vergangene und Gewesene können wir nur erkennen, wenn wir uns für die Differenz entscheiden.

14. Wird das Denken an sie zur Andacht, ein Gebot aus jener Zeit zum Verbot, eine alte Schrift zur Vorschrift, ist unsereins zur Besinnungslosigkeit verdammt.

15. Vergangen ist vergangen. Andere Behauptungen sind Verharmlosungen.

16. Die Vergangenheit ist Post für die Gegenwart.

17. Bisher wurde an die Vergangenheit nur geglaubt, es kommt aber darauf an, an uns zu glauben.

18. Strikter Gegenwartsglaube kippt um, sobald uns die Vergangenheit eingeholt hat.

Geschrieben auf einer Zugfahrt von Berlin nach Gelsenkirchen.

Dietmar Kesten

pito
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Beitrag von pito »

Vergangenheit = Die Vorratskammer für die Zukunft.
Unbekannt

Das einzige, was an der Vergangenheit wirklich wichtig für uns ist, bleibt die Erkenntnis, in wie viele Irrtümer man als Zeitgenosse verstrickt sein kann.
Klaus von Dohnanyi (*1928), dt. Politiker (SPD), AR-Vors. Takraf Schwermaschinen, Leipzig

Das einzige, was ich an meiner Vergangenheit bereue ist, daß sie so lange gedauert hat. Wenn ich mein Leben noch mal leben müßte, würde ich die selben Fehler noch einmal machen, aber früher.
Tallulah Bankhead (*1902), amerik. Schauspielerin

Das Publikum gebraucht das Gestern nur als Waffe gegen das Heute.
Jean Cocteau (1889-1963), frz. Dichter, Maler u. Filmregisseur

Das Publikum klatscht nicht für das, was einmal war.
Maria Callas (1923-77), griech. Sopranistin

Die Vergangenheit ist im Grunde genommen ebenso ein Produkt der Phantasie wie die Zukunft.
Jessamyn West (*1902), amerik. Schriftstellerin

Doppelt lebt, wer auch Vergangenes genießt.
Marcus Valerius Martialis (ca. 40 - um 102), röm. Dichter, Klassiker d. lat. Epigramm

Ich beschäftige mich nicht mit dem, was getan worden ist. Mich interessiert, was getan werden muß.
Marie Curie (1867-1934), frz. Chemikerin u. Physikerin poln. Herk., Begr. d. Radiochemie, 1903 Nobelpr. f. Physik, 1911 Nobelpr. f. Chemie

Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.
Wilhelm von Humboldt (1767-1835), dt. Philosoph u. Sprachforscher; preuß. Staatsmann

Vergessen ist Gnade und Gefahr zugleich.
Theodor Heuss (1884-1963), dt. Politiker (FDP) u. Schriftsteller, 1949-59 Bundespräs.

Vieles haben die geleistet, die vor uns gewesen sind; aber sie haben es nicht zu Ende geleistet.
Lucius Annaeus Seneca (4 v.Chr. - 65 n.Chr.), röm. Philosoph u. Dichter



Quelle: http://www.zitate.de

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