Industriekultur???

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rabe489
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Industriekultur???

Beitrag von rabe489 »

Industriekultur, dieser Begriff geht leicht von der Zunge, ist umgangssprachlich gang und gebe. Gibt es denn wirklich eine Industriekultur? Wikipedia schreibt: "Der Begriff Industriekultur steht für die Beschäftigung mit der gesamten Kulturgeschichte des industriellen Zeitalters: Die Geschichte der Technik, die Sozialgeschichte der Arbeit, die Architekturgeschichte der Produktionsstätten sowie der Unternehmer- und Arbeiterwohnungen, die Entwicklung des geografischen Raumes („Industrielle Kulturlandschaft“) - all dies sind Facetten der Industriekultur." Hat die Industrie Kultur? Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt. Wenn dem so ist, müßte es nicht eher heißen "Industrieunkultur", denn in der Region war die Industrie ein Ausbeutungsfaktor und kein Kultur - , d.h. positiver Lebensfaktor. Sicher, die Arbeiter verbrachten ihr Leben in der Zeche, aber wohl kaum unter kulturellen Gesichtspunkten. Es gibt keine Industriekultur, sondern nur eine Ausbeutungsunkultur ("Route der Ausbeutung" sollte die "Route der Industriekultur" heißen).

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"Kultur" oder Ausbeutung (Lohnarbeit und Kapital)

pito
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Beitrag von pito »

Meinst du nicht, dass du das ein bißchen schwarz siehst? (im buchstäblichen Sinne :lol: ) Natürlich haben hier Generationen malocht und natürlich wurden nicht wenige davon ausgebeutet. Ohne das gutheißen zu wollen, aber so ist die Welt.

Würdest du die Pyramiden von Gizeh nicht als Weltkulturerbe bezeichen, weil sich Generationen von (versklavten) Arbeitern daran bis zum Tode kaputtgeschunden haben? Okay, wo ich den Satz jetzt noch mal lese, ist das ganz schön drastisch. Aber welches große Kulturerbe ist schon nur aus Glück und Seeligkeit entstanden? Wenn man sich mal die Weltgeschichte ansieht, wir man festellen, dass die Kulturen, die man gemeinhin als "Hochkulturen" bezeichnet, immer auch die straff organisierten und militärischen waren (Japan, China, die Maya und Azteken). Paradoxerweise waren es gerade die Kriege, die besonders kulturstiftend waren, weil erst diese hochentwickelten Gesellschafts-Strukturen es möglich machten, dass sich einzelne als Künstler betätigen konnten, anstatt ihr Feld umzupflügen oder Essen zu jagen.

Aber zurück zum Ruhrgebiet. Es gibt eine dem Pott eigene demographische Struktur, hier entwickelte Baustile, das Ruhrdeutsch (entstanden aus rheinländisch und slawisch) mit diversen Ausdrücken, die nur hier verstanden werden und eine besondere Revier-Lebensweise. Wie kannst du das als Unkultur bezeichnen? Ist es nicht eher so, dass durch die Industrie im Ruhrgebiet eine komplexe Kulturlandschaft entstanden ist? Und damit meine ich nicht (nicht nur) die klassischen schönen Künste, sondern den Gesamtkontext, der diese Region ausmacht, soziales Leben und Vermächtnis mit guten und schlechten Facetten.

Ohne Kohle und Stahl säßen wir heute noch aufm Dorf. Klar, die Luft wäre besser. Aber außer Kirchmess und Schützenfest wär hier gar nix los.

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Dietmar
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Industriekultur.

Beitrag von Dietmar »

Den Begriff „Industriekultur“ gibt es womöglich nicht. Würde es ihn geben, dann müsste die Definition äußerst klar sein. „Kohle gegen Kultur“ (Ruhrfestspielmotto) ist abgegriffen. Und hat heute keinerlei Bezug mehr zu irgendetwas. Es ist das Festhalten an einer Orthodoxie, die sich in der Zeit überlebt hat. Besser wäre es, von Kulturideologie, Kulturpolitik und Kulturproduktion zu reden, was insgesamt die Entwicklungslinien deutlich charakterisieren würde.

Einer „Industriekultur“ müsste eine Alternative gegenübergestellt werden, wäre sie dann doch sinnigerweise nur „bürgerliche (Industrie-)Kultur, wobei auf keinen Fall bildende Künste oder Kultur im allgemeinen, eine bloß anekdotische Ebene besitzen dürften.

Weder ist bei „Industriekultur“ klar, wie sie entstand, wenn sie denn überhaupt entstanden ist, noch wird deutlich, woher sie denn ihre Begrifflichkeit hat? Größere Potenzen besitzt sie wohl kaum. Eigentlich existiert sie nur in Abwesenheit der „Proletarier“, die einst eher in der Zwilichtzone zwischen bürgerliche Ideologie und „kleinbürgerlicher“ Umsetzung standen.

„Industrieunkultur“ (Jürgen Kramer) hat indes viel für sich. Wird doch so eher präzisiert, dass die Grundlage für diese Nomenklatur fehlt. Und damit eine Fiktion in einem geschlossenen System zu einem „verbindlichen“ Kanon geworden zu sein scheint.

pito
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Beitrag von pito »

Warum sollte man bürgerliche Kultur von bildender Kunst trennen? (Sicher, die Kunstwelt macht genau das, aber nicht zu ihrem Vorteil). Ich sehe in dem Begriff Industriekultur jede Art von Ergebnis, Ereignis und Reaktion, alles was durch die Industrie in dieser Region hervorgerufen wurde. Und das ist ja so quasi alles.
Und damit eine Fiktion in einem geschlossenen System zu einem „verbindlichen“ Kanon geworden zu sein scheint.
Ist das nicht die Entstehungsweise jeder Kultur? Wir denken sie uns aus. Als Reaktion auf unsere Umwelt. Sprechen sie untereinander ab und leben sie dann.

Aber gerade in der Industriekultur gibt es (bisher) eigentlich wenige Verbindlichkeiten. Es gibt bereits ein paar Ikonen (Fördertürme, Waschkauen, schwatte Gesichter, rostrot), aber das sind im Grunde nur platte Versuche der Tourismus-Industrie, Industriekultur prospektgerecht zu umreißen. Ein echter Kanon der Industriekultur ist zur Zeit noch in der Entstehung begriffen. In den Köpfen.

Ich glaube, ich hätte fast ein Problem damit, Kultur in eine Nomenklatur zu zwängen und zu definieren. Das geht ihrem Wesen zuwider. Schließlich ändert sich auch alles. Welt im Fluß. Ukiyo-e.

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Dietmar
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Industriekultur.

Beitrag von Dietmar »

„Industriekultur“! Kunst und Kultur. Es ist ein weites Feld. Und hier kaum zu klären. Es gibt Ansätze, die verfolgt werden. Und jede Menge Literatur. Dazu gesellen sich noch Künstler von Rang und Namen, die, jeder auf seine Weise, zu definieren verstünden. Bleibt man streng beim Begriff, dann müsste geklärt werden, was sich tatsächlich hinter dieser Wortschöpfung verbirgt. Was ist falsche Faszination, was „nur“ bloßer Kitsch? Und woran misst sich „Industriekultur“? An einer voreiligen Abqualifizierung ist mir nicht gelegen. Ich melde, was die geschichtliche Herausbildung des Begriffs anbelangt, starke Zweifel an.

Vielleicht müsste eher von einer „Industriebrache“ geredet werden? Fährt man mit dem Rad etwa durch den Dortmunder Norden, dann gibt es dort kein „kulturelles Erbe“. Es sei denn, die ehemalige Kokerei Kaiserstuhl würde dazu gehören, die im Übrigen von den Chinesen demontiert und in China wieder aufgebaut wurde. Ähnliche Beispiele gibt es auch aus Bochum (Zeche Hannibal). Und aus anderen Städten (etwa Essen und Recklinghausen).

Die „Entstehungsweise einer Kultur“ hängt nun engstens mit gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen. Sie fällt nicht vom Himmel. Um die bloß anekdotische Ebene zu überschreiten, wäre es sinnvoll, Struktur und Wirkung von Kunst, Kultur, Ideologie und Politik einzufassen, sie transparent und greifbar zu machen, sie also in einen weltanschaulichen und dann auch in einen ökonomischen Zusammenhang zu stellen.

Bei der „Industriekultur“ vermag ich das nicht zu erkennen, zumal die Bedeutung von Ästhetik, die noch hinzu käme, hier vollkommen fehl am Platze wäre, wenn etwa an das ehemalige Verwaltungsgebäude des Gussstahlwerkes Gelsenkirchen an der Bochumer Straße gedacht wird. Auf diesem Gelände befindet sich ja das Institut für Arbeit und Technik des Landes NRW, der Wissenschaftspark.

Dietmar Kesten

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