Streik am Schalker Gymnasium

Schulzeit und Schulen in verschiedenen Epochen

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rm
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Streik am Schalker Gymnasium

Beitrag von rm »

Ich hatte gerade diesen düsteren Ort (für mich persönlich natürlich nur!) verlsssen, war zum staatlichen (altsprachlichen) Gymnasium am Ostring in Bochum gewechselt - wo sollte man auch hin, 1,5 Jahre vor dem Abi, mit Latein und Griechisch und nahezu ohne Mat-Nat Kenntnisse - da brach ein Streik aus am Schalker! 1969???
Der Chef, Dr. Neef, hatte mit seiner rigiden rechtskonservativen Anstaltsführung und Kulturauffassung sicher einiges dazu beigetragen.
Mein neuer Klassenlehrer gab mir frei, um als Gast zum Streik zu gehen!!!!!
Worum es dabei ging, weiß ich gar nicht mehr, aber an das unimäßige Feeling mit Dauervollversammlung und hektischen Anträgen, Geschäftsordnungsanträgen, mit Spannung, ob wohl ein Verbot und ein Polizeieinsatz kommt, erinnere ich mich. Themen? Vielleicht das allgemeinpolitische Mandat der Schülervertetungen (1969!), die paritätische Mitbestimmung in der Schule? Nachwehen der Notstandsgesetzdiskussionen, die schon im Jahr zuvor wilde Schüleraktionen und eine spontane Demo ausgelöst hatten?
Wer erinnert sich genauer und hilft meiner Erinnerung auf??

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Möglicherweise sind hier die Infos: http://www.gelsenkirchener-geschichten. ... ndsgesetze

Heinz
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Beitrag von Heinz »

Hallo Heinz,
hab beschlossen mich doch nicht einzuloggen.
Kleinkarierte Vergangenheitsbewältigung ist nicht mein Ding.
Natürlich werde ich Dir meine Dokumente zur Verfügung stellen.
Keine Frage ..wird natürlich etwas dauern.
LG ... ein nicht Sponti
Der Herr, von dem dieses Zitat ist, hat noch Flugblätter von dem Streik.
Er weiss auch genaueres darüber, ich meine er erwähnte, dass es der erste Schülerstreik in Gelsenkirchen überhaupt war.
Es ging wohl nicht um die Notstandsgesetze sondern tatsächlich um die Absetzung des damaligen Schulleiters.

Leider weiss ich aus leidvoller Erfahrung, dass er ein Nachfragen nach dem Material als Drängen empfindet und auf jede Nachfrage mit einer Verzögerung .. von .. na, vielleicht einem Jahr :roll: reagiert. :evil:

Aber vielleicht findet sich in der Zwischenzeit jemand anderes, der etwas zu dem Streik sagen kann. 8)

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Dietmar
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Schulstreik.

Beitrag von Dietmar »

Unsortierte Daten (MAO-Datenbank): Vom 9.12. - 13.12.1969 fand am Schalker Gymnasium in Gelsenkirchen ein Schülerstreik statt. Mit der Forderung nach einer neuen Schulleitung und mehr Mitbestimmung (Drittelparität) machte die Schule überregionale Schlagzeilen. (Quelle: Unbekannt)

Dietmar Kesten

battert
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Beitrag von battert »

Es gibt einen Aufsatz " Fünf Tage im Dezember - Der Schülerstreik am Schalker Gymnasium 1969" von Alfons Schindler u. Julia Bönisch. Ich habe mir leider nicht das Buch notiert, in dem dieser Aufsatz erschienen ist :( .Es war eine Aufsatzsammlung über den Stadtteil Schalke anlässlich eines Jubiläums ( 100 Jahre ?) und stand vor einigen Jahren noch in der Stadtbücherei.

Heinz
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Direkt aus einer Kneipe gefischt!

Beitrag von Heinz »

Beide Flugblätter sind erhalten geblieben und wurden mir gestern in einer Kneipe zugesteckt.
Zufälle gibt es, die kann es eigentlich gar nicht geben. :hellsehen:
Hier die Abschrift des ersten Flugblattes:
----------------------------------------------

STREIK
Motivation:
Die Klassen UII - OI des Schalker Gymnasiums haben auf einer Vollversammlung (250 Schüler) mit 24 Gegenstimmen und einer Enthaltung einen unbefristeten Streik beschlossen.
Konkreter Anlass:

1. Ablehnung der Forderung, daß Abgeordnete der Schülerschaft bei Gesamtkonferenzen zu einem Drittel mit Stimmrecht vertreten sind. Daraus folgte die Ablehnung aller Vorschläge der Schülerschaft, soweit sie nicht schon in Erlassen genehmigt waren.

Wir sehen darin die Auswirkungen der Amtsführung von Herrn Neef.

Denn:
1. Herr Neef hat eine nahezu uneingeschränkte Machtstellung. Er entscheidet Ermessensfragen in seinem Interesse, ohne andere Standpunkte anzuhören oder gar zu diskutieren. Mit Hilfe der Eilbedürftigkeit- ein Gummibegriff - hat or des öfteren die Lehrerschaft ausgeschaltet.

2. Die mangelnde Fähigkeit des Herrn Neef, die Schule flexibel zu leiten, zeigt sich hinreichend in seinem
Festhalten an dem vorgegebenen System, in seiner Unfähigkeit, konstruktive Änderungsvorschläge zu verwerten, in seinem starren Bürokratismus.

3. Herr Neef wendet manifeste und subtile Repressalien gegen "unbeliebte" und exponierte Schüler und Lehrer an. Dadurch wird ein Teil der Lehrerschaft in seinem Interesse beeinflußt.
Also m u s s unter diesen Umständen - in dem Rahmen, der der SMV gesteckt ist, unter der Schulleitung des Herrn Neef - eine konstruktive Arbeit XXXXXX scheitern.

Daher fordern wir:
1. Eine neue Schulleitung
2. Eine Abordnung der Schülerschaft muß in Gesamtkonferenzen ein Drittel der Anwesenden ausmachen und Stimmrecht haben.


Bild

Wer Zeit und Lust hat und das zweite Flugblatt lesen kann, kann es ja abschreiben und den Text drunter setzen -- meine Augen .. :ka: schaffen es nicht.
Bild


Da schein es hoch hergegangen zu sein damals, wenn ich es recht verstanden habe, war der Knackpunkt die ablehnende Haltung des Direktors gegenüber Schülern aus Arbeiter Familien.

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Fuchs
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Beitrag von Fuchs »

Diesen Satz: "Arbeiterkinder gehören nicht auf ein Gymnasium" mußte sich noch Anfangs der 80er-Jahre ( damals Schulleiter Prasun, mit oder ohne "h"...jedenfalls mit Grützbeuteln von dem er damals immer sprach... Er hat diesen Satz aber nicht gesagt, es war ein anderer "wohlbekannter" Lehrer dieser "Anstalt" ) eine Mitschülerin ( Tochter eines Fleischermeisters) von mir anhören.

Das war schon schlimm genug...
Schlimmer war jedoch das Schweigen der gesamten Klasse in dieser Situation.

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Ego-Uecke
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Beitrag von Ego-Uecke »

Gesagt - getan - hier die "Übersetzung" des zweiten Schreibens:

Wiederholung der Streikforderungen

Alle drei Streikforderungen stehen gleichberechtigt nebeneinander.
Keine hat Vorrang. Alle ergeben sich auseinander.

1) Wir fordern eine neue Schulleitung.
Herr Direktor Neef hat mehrere Jahre hindurch seine mangelnde Flexibilität in Fragen der Schulleitung unter Beweis gestellt und sich nachweislicher Repressalien schuldig gemacht.

Frage: Was geschieht, wenn der Direktor Neef durch einen anderen Direktor ersetzt wird? Macht das eine wirkliche Erweiterung der Schülerkompetenzen möglich? Nein, denn dann vollzieht sich trotzdem die Schüler- und Lehreraktivität in alten Bahnen.

Daraus folgt unsere zweite Forderung.

2) Eine neue Form der Schulleitung.
Es wird ein noch näher zu bestimmendes Modell ausgearbeitet, in dem Lehrer und Schüler gleichberechtigt die Schule leiten.

Um bei diesem Modell der Schulleitung und generell die Mitarbeit der Schüler zu ermöglichen, effektiv zu amchen und ihre Interessen wirkungsvoll zu vertreten, fordern wir weiter:

3) Eine stimmberechtigte Abordnung des Schülerrates auf Konferenzen, die die Belange der Schüler berühren, wobei die Abordnung ein Drittel der Anwesenden ausmacht.

Noch einmal: Alle Streikforderungen ergeben sich logisch auseinander und stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Heinz
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Beitrag von Heinz »

@Ego-Ücke

Danke :D


Wer weiß noch, wie diese Vervielfältigungsmaschinen hießen?
Diese Spiritusdrucker.. Matrixdrucker.. wo auf 100 Blatt Kopien ein Liter Spriritus kam und der Text neu getippt werden musste. 8) :wink:

Jedenfalls beschränkte man sich damals wohl deshalb auf das wesentliche.. :wink:

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Fuchs
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Beitrag von Fuchs »

Matritze? Jedenfalls gingen die Fingr in der Klasse immer alle sofort nach oben, wenn mal ein Gehilfe zum Drucken gesucht wurde...
...hinterher war einem vom Lösungsmittel immer so schööön schwindelig...
:breit:
Außerdem waren viele der Lehrkörper ebenso tüdelig ( ob das Lösungsmittel daran Schuld war, weiss ich nicht mehr so ganz genau...) und vielehinterliessen, nach erfolgtem Umruck, ganze ( noch anstehende) Klassenarbeiten im daneben stehenden Papierkorb.
Habe ich natürlich nieee ausgenutzt...

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Ego-Uecke
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Beitrag von Ego-Uecke »

Wer weiß noch, wie diese Vervielfältigungsmaschinen hießen?
Diese Spiritusdrucker.. Matrixdrucker.. wo
Umdrucker hieß das Kurbelding bei uns. Im Sommerlager ist darauf unsere Lagerzeitung entstanden. Und unendlich viele Rundbriefe an Eltern, Leiterrunde, usw.

Und mit der kleinen Ausführung "Adrema" haben wir die Anschriften auf die Briefumschläge kopiert.

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Verwaltung
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5 Tage im Dezember - Schülerstreik 1969

Beitrag von Verwaltung »

Marianne Wod.. hat uns freundlicherweise diesen Artikel überlassen. Sie war damals als Schülerin der 11. Klasse des Aufbauzweiges ... und hat uns einiges handschriftliches an Zusatzinfos gegeben. Leider kann ich (Heinz) es nicht entziffern :oops:

Alfons Schindler / Julia Bönisch hat geschrieben: Alfons Schindler / Julia Bönisch

Fünf Tage im Dezember - Der Schülerstreik am Schalker Gymnasium 1969

1. Einleitung

Der gesellschaftliche Aufbruch der späten 60er Jahre, geprägt vom Jugendprotest, von Demokratisierungsansprüchen an alle Lebensbereiche und von der Entwicklung eines neuen Freiheitsgefühls, hinterließ trotz der räumlichen Distanz zu den Hochburgen der Studentenbewegung seine Spuren auch im Gelsenkirchener Stadtteil Schalke.

Erinnert werden soll in diesem Aufsatz an jene fünf turbulenten Tage im Dezember 1969, als ein für viele Außenstehende überraschender Schülerstreik das Schalker Gymnasium in die überregionalen Schlagzeilen brachte. Der Streik der Schalker Schülerinnen vom 9. bis zum 13. Dezember 1969 veranlaßte nicht nur die Schulaufsichtsbehörde beim Regierungspräsidenten in Münster und das Kultusministerium in Düsseldorf zu hektischer Betriebsamkeit, er weckte auch das Interesse reformfreudiger Beobachter von auswärts1 und erkämpfte mit dem „11 -Punkte-Programm" ein vielbeachtetes Mitbestimmungsmodell, das für belebende Unruhe auch an anderen Schulen des Landes Nordrhein-Westfalen sorgte.2
Die Aufarbeitung dieses Ereignisses aus der Schulgeschichte Schalkes, welches von einer verunsicherten Lehrerschaft bald verdrängt wurde und bei den nachwachsenden Schülergenerationen in Vergessenheit geriet, ist umso lohnender, als der Streik der Schalker Schülerinnen von 1969 die typischen Merkmale des studentischen Protestes der „68er" Generation fokussiert, z.B.
- die prozeßhafte Radikalisierung der Forderungen, die beim gewünschten Abbau autoritärer Strukturen ansetzten, sich zu einer fundamentalen Kritik jeglicher „Herrschaft" ausweiteten und schließlich in der Vorstellung einer basisdemokratisch legitimierten, kollektiv ausgeübten Schulleitung kulminierten;
- die neuentwickelten Protestformen der Studentenbewegung, wie „sit-ins" und „teach-ins";
- die oft tabuverletzende, als Provokation angelegte Grenzüberschreitung zur Erprobung neuer Freiheitsräume.

1 So lud die VHS Wesel für den 18.12.1969 zwei Schalker Pennäler als Referenten über die „Demokratisierung der Schule" ein!
2 Vgl. Ruhr-Nachrichten vom 13.12.1969. Entsprechend die Einschätzung von Gerhard Kluge, der als Lehrervertreter an der Beratschlagung des „11-Punkte-Programms" beteiligt war, in einem Gespräch am 22.11.1995.



2. Die Ursachen des Streiks

!m Jahre 1959 übernahm Oberstudiendirektor Dr. Eberhard Neef die Leitung des Schalker Gymnasiums.'
1910 in Stralsund (Pommern) geboren, hatte Neef nach seinem Studium in Bonn und Greifswalde ab 1938 als Heeres-Studienrat an der „Gesamtschule" der Wehrmacht in Potsdam gewirkt, bevor er im Zweiten Weltkrieg als Nachrichtenoffizier auf dem Balkan und in der Sowjetunion eingesetzt wurde.
Am Schalker Gymnasium rief Dr.Neefs autoritärer Führungsstil bei der Schülerschaft und einigen jungen Lehrern von Anfang an latenten Protest hervor. Die Protesthaltung artikulierte sich 1969, als vereinzelte Schülerinnen Dr.Neefs repressiv-autoritäres Verhalten in einen Zusammenhang mit seiner Lehrerrolle im Dritten Reich rückten. Unter den Schülerinnen entstand zudem durch Dr.Neefs unkritische Haltung, die er der ab 1967 in Griechenland regierenden Militärjunta gegenüber einnahm, der Eindruck, er sympathisiere mit verschiedenen Formen des Rechtsextremismus.
Diese Haltung konnte den Schülerinnen schon deshalb nicht verborgen bleiben, weil eine aufwendige, von Dr.Neef initiierte und in der Regel von ihm begleitete „Hellas-Fahrt" zum festen Programm des Griechischunterrichts in der Unterprima gehörte. Die undemokratischen Zustände unter der Militärregierung verlangten ab 1967 den Fahrtenleitern und Begleitlehrern eine klare Bewertung der inneren Vorgänge in Griechenland ab. Ein bezeichnender Konflikt machte den politischen Positionsstreit zwischen dem Schulleiter und seinem Umfeld deutlich. Im Februar 1969 stellte Oberstudienrat Brosig, Deutschlehrer in der Ul a folgendes Thema einer Klassenarbeit: „Halten Sie es für richtig, trotz der gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Griechenland Reisen nach Griechenland zu unternehmen?"
Herr Dr. Neef verlangte, nachdem er Kenntnis von der Themenstellung des Aufsatzes erlangt hatte, sofort Einsicht in die Schülerarbeiten und beschuldigte Oberstudienrat Brosig der Manipulation. Ohne jeden Versuch, eine Klärung der brisanten Situation durch vermittelnde Gespräche herbeizuführen, nahm der Schulleiter sofort eine offensive und aggressive Haltung gegenüber Lehrern und Schülerinnen ein. So entstand der Eindruck, daß Dr. Neef, der zahlreiche Kontakte zu offiziellen Kreisen in Athen unterhielt, die Themenstellung des Aufsatzes als persönlichen Angriff auf sich selbst sah.
Einige Schüler stellten die Geschehnisse in einem anonymen Brief der Schulaufsichtsbehörde in Münster dar, die Dr. Neef am 4.März 1969 um eine Stellungnahme bat. Neben der Schulaufsicht war auch die lokale Presse auf das gespannte Schulklima am Schalker Gymnasium aufmerksam geworden. In einem von der WAZ geführten Interview, in welchem Pr.Neef die innere Situation unter der Militärdiktatur verharmlosend darstellte, konnten die politischen Bedenken gegen die Griechenland-Fahrt nicht ausgeräumt werden.3
...
Die in den Osterferien durchgeführte Fahrt wurde aufgrund der Tatsache, daß die Schülergruppe mittlerweile in hohem Maße für die politische Problematik dieser Veranstaltung sensibilisiert war und Dr.Neefs Auftreten in Griechenland mit kritischer Distanz verfolgte, für die weitere Entwicklung des Schulklimas zu einem Fiasko. Die

3 WAZ, 7.3.1969

später von den Fahrtteilnehmern geäußerten Vorwürfe gegen Dr. Neef reichten von der Vernachlässigung der Aufsichtspflicht bis zur Präsentation einer „Stechschrittparade" in alkoholisiertem Zustand und wurden Gegenstand von Recherchen des Schulkollegiums beim Regierungspräsidenten in Münster.4 Die Besorgnis der Schulaufsichtsbehörde über die Studienfahrten nach Griechenland teilte Oberschulrat Sonnenschein dem Lehrerkollegium des Schalker Gymnasiums in einer Konferenz am 18.4.1S69 unmißverständlich mit.
Auch andere Vorwürfe wurden dem damaligen Leiter des Schalker Gymnasiums zur Last gelegt: Eltern, Schülerinnen, Lehrerinnen und der Schulträger stellten unabhängig voneinander fest, daß Dr. Neef kein besonders großes Engagement bei der Leitung der Schule zeigte. Die Tatsache, daß sich sein Wohnsitz in Neuss befand, veranlaßte den Schulleiter, nachmittägliche Konferenzen aus Gründen der Zeitersparnis zu bündeln und an wenigen Tagen „durchzuziehen". So berichtete in einem Brief vom 26.9.1969 der Gelsenkirchener Schuldezernent Meya dem Schulkollegium in Münster, daß an einem Tag drei verschiedene Konferenzen und zwei weitere Sonderveranstaltungen am Schalker Gymnasium stattgefunden hätten, so daß von einer sachdienlichen Koordination der Schulveranstaltungen nicht mehr gesprochen werden könne.
Bemerkenswert war zudem, daß in nur drei Jahren (1966 - 1969) zwanzig zumeist junge Lehrerinnen und Lehrer das Schalker Gymnasium wieder verließen, einige auch deshalb, weil sie die Zielrichtung ihrer pädagogischen Arbeit nicht mit den Ansichten des Schulleiters vereinbaren konnten. Die Folge war ein ungewöhnlich hoher Unterrichtsausfall, der bis zu 13 % betrug.
Für eine weitere Kontroverse sorgte 1969 ein Schülerzeitungsartikel des Bezirksschülersprechers Bernd Aulich, in welchem die Schülersexualität thematisiert wurde. Der harmlose Aufsatz, der fast gänzlich aus wissenschaftlich verklausulierten Phrasen bestand, wurde in der Schülerzeitung „Janus" des Grillo-Gymnasiums abgedruckt und am Schalker Gymnasium verteilt. Daraufhin rief Dr. Neef die Polizei und zeigte die Verantwortlichen wegen Hausfriedensbruch an. Er bezeichnete den Artikel als Pornographie und verbot das weitere Verteilen der Schülerzeitung auf dem Schulgelände.5 Die Schülerschaft brachte ihre Empörung über diese als völlig überzogen erachtete Reaktion in einem Flugblatt zum Ausdruck.

3. Der Auslöser des Streiks

Am Freitag, den 5.12.1969, beantragten elf Schüler, die nach eigenen Abgaben vom Schülerrat gewählt worden seien, zu einer Gesamtkonferenz der Lehrer zugelassen zu werden, auf der unter anderem auch Fragen zur SMV (Schülermitverwaltung) zur Diskussion stehen sollten. Die Konferenz beschloß, die elf Schüler an den Beratungen teilnehmen zu lassen. Als die Sprache auf die Arbeit der SMV kam, fand eine lebhafte Diskussion statt, da die Schüler die Abstimmung über einige Mitbestim-

4 Vgl. das Schreiben von Heinrich Abeln an das Schulkollegium beim Regierungspräsidenten in Münster vom
1.2.1970
5 Dies teilte Bernd AulicJi in Gespräch am 27.11.1S95 mit.

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Verwaltung
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Beitrag von Verwaltung »

Alfons Schindler / Julia Bönisch hat geschrieben:mungsrechte forderten, die nach Meinung des Lehrerkollegiums unvereinbar mit der Konferenzordnung gewesen wären.
Hierbei ging es um die Forderung der Schüler nach der Drittelparität. Bisher durften drei Schülervertreter und alle Lehrer an den Gesamtkonferenzen teilnehmen, wobei die Schüler nicht stimmberechtigt waren.
Aber jetzt wollten die Schülerinnen eine Demokratisierung der Entscheidungspro-zesse erreichen. Die Gesamtkonferenz sollte von nun an aus 2/3 Lehrern und 1/3 Schülern bestehen; die Schülerdelegierten sollten sich zuvor mit zwei Vertretern jeder Klasse beraten. Gefordert wurde zudem das volle Stimmrecht in allen Angelegenheiten, die die Schülerschaft betrafen. Als dieser Punkt zur Abstimmung kam, wurde er von den Lehrern mit 17 Neinstimmen, 7 Jastimmen und einer Enthaltung abgelehnt.
Das Scheitern ihrer Demokratisierungsbemühungen auf legalem Wege veranlaßte die Schülerinnen nach einer kurzen Denkpause, den Versuch zu unternehmen, durch einen Schulstreik mehr Rechte zu erkämpfen,

3. Der Streik

3.1 Die Schülerinnen und ihre Motive

Am Dienstag, den 9.12.69, traten rund 250 (von 280) Schülerinnen der Oberstufe in den Sitzstreik. Sie erklärten die Aula zum Tagungsort ihrer Vollversammlung und besprachen dort während der regulären Unterrichtszeit ihre Forderungen und die weitere Vorgehensweise. Die Debatten im Plenum wurden von sieben Arbeitsgruppen vorbereitet, die in verschiedenen Klassenräumen tagten.
In einem Flugblatt, das die Gymnasiasten beim Asta der Ruhr-Universität Bochum drucken ließen, forderten die Streikenden die Solidarität aller Schülerinnen und bezogen sich auf Schülerinnen in Siegen, Frankfurt und Wien, die „es ihnen vorgemacht"6 hätten, die Absetzung autoritärer Schulleiterinnen zu erzwingen. Konkretisiert wurden die Forderungen der Schalker Schülerinnen in einem offenen Brief, den sie an alle Interessierten richteten.
Die Kritik konzentrierte sich auf die Person des Schulleiters und wurde in der Forderung nach sofortiger Absetzung des Direktors artikuliert. Ihm wurde vorgeworfen:
- unangemessener Umgangston,
- Kompetenzüberschreitungen,
- Ausgleichung des Lehrermangels auf Kosten der Schüler,
- Verletzung der Aufsichtspflicht,
- Repressionen gegen einzelne Schüler wegen persönlicher Antipathie,
- Bevorzugung sozial höhergestellter Schüler.


6 Zitiert nach Ruhr-Nachrichten, 10.12.1969


Dazu forderten die Schülerlnnnen die Zusicherung der Drittelparität bei Konferenzen.

Am zweiten Streiktag, dem 10.12.1969, spitzte sich die Situation zu.

Die Schülerinnen wurden in ihren Forderungen weitaus radikaler als vorher geplant. Ihr Ziel war nun, den Schulleiter durch einen Schulleitungsrat zu ersetzen. Dieser Schulleitungsrat, bestehend aus drei Lehrern und vier (!) Schülern mit mindestens siebenjähriger Schulerfahrung, sollte denselben Aufgabenbereich wie der Schulleiter haben. Er sollte die Entscheidungen in Sachfragen treffen, wozu er jedesmal hätte neu einberufen werden müssen. Diesen radikalen Entwurf einer kollektiven Schulleitung trug eine Kommission von 13 Schütem Oberschulrat Sonnenschein vor und bat um eine offene Diskussion des Modells, die aber abgelehnt wurde.

Ungeachtet drohender Sanktionen war die Streikbereitschaft der Oberstufenschülerinnen nach wie vor groß. Von 250 Schülerinnen stimmten nur 19 gegen die Unterrichtsverweigerung, zehn enthielten sich der Stimme.
Trotz der angespannten Situation befanden sich die Schülerinnen in bester Stimmung. Die Streikenden nahmen sich jetzt Freiheiten heraus, die ihnen vorher verweigert worden waren. Sie rauchten auf den Gängen, installierten eine Musikanlage in der Aula und hielten sich in Debattenpausen mit Rockmusik bei Laune. Unterstützung erhielten die Schülerinnen von einigen Bochumer Studenten aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), die die Schüler in juristischen Fragen berieten, beim Verfassen von Flugblättern halfen und durch die Vorführung eines Kuba-Films das revolutionäre Bewußtsein schärfen wollten. Eine Schülerdelegation knüpfte Kontakte zu rebellionserfahrenen Gymnasistinnen einer Siegener Schule, deren Streik die als autoritär geltende Direktorin aus dem Amt gedrängt hatte.
Zuletzt geändert von Verwaltung am 02.07.2007, 20:47, insgesamt 1-mal geändert.

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Ruhr-Nachrichten, 12.12.1969
Am 12. Dezember gelang es endlich, daß die beiden Parteien gemeinsam über die Interessenkonflikte diskutierten. Nach Vermittlung des Gelsenkirchener Schuldezernenten Heinrich Meya, der tags zuvor vier Stunden lang mit der Schülervollversammlung diskutiert hatte, wurde ein Komitee aus sieben Lehrern und sieben Schülerinnen gebildet, das über die Realisierbarkeit der Drittelparität verhandeln sollte.

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Ruhr-Nachrichten, 15.12.1969
Da es bei den Beratungen dieses „Runden Tisches" nur um die Drittelparität ging und nicht um das neue Schulleitungsmodell, beschlossen die Schülerinnen hartnäckig, den Streik weiter fortzuführen. In diesem Beschluß wurden sie noch bestärkt, da ihnen Schülervertretungen anderer Schulen Solidaritätstelegramme zukommen ließen.
Die Schülerinnen des Schalker Gymnasiums fühlten sich nun als Alltagshelden, die nicht alles widerstandslos hinnahmen, sondern versuchten, gegen das als reaktionär und autoritär empfundene System zu kämpfen; sie verstanden sich als die Vorhut einer neuen, couragierten Schülergeneration, die für demokratischere Zustände an den Schulen stritt.

3.2 Der Schulleiter

Als die Schülerinnen der Oberstufe am 9. Dezember 1969 in den Streik traten, kam dies für den Schulleiter Dr. Neef völlig überraschend. Er hatte die Forderungen der Schülervertreter aus der Konferenz vom 5. Dezember 1969 in ihrer Ernsthaftigkeit nicht erkannt und die Kampfbereitschaft der Schülerschaft unterschätzt. Dies führte den Schülerinnen noch einmal die mangelnde Realitätswahrnehmung ihres Direktors vor Augen.

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