Elly Kamm, geb. Diament Holocaust-Überlebende

Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes

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Elly Kamm, geb. Diament Holocaust-Überlebende

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Elli Kamm, geb. Diament aus Gelsenkirchen starb im Jahr 2002 im Alter
von 76 Jahren in den USA. Eine Videoaufzeichnung ihrer Lebenserinnerungen kann hier aufgerufen werden


Die Erinnerungen wurden ins Deutsche übersetzt von Marie-Cecile Duclercq und Harald Gerunde.

Mein Name ist Elly Kamm, mein Mädchennamen ist Elly Diament.
Ich wurde in Gelsenkirchen im Januar 1926 geboren.

Ich bin die einzige Tochter meiner Eltern, meiner Mutter Mali, Amalia, und meines Vaters Simon.

Wir waren 6 Kinder. Ich war das einzige Mädchen. Ich erinnere mich an eine glückliche Kindheit, natürlich sehr verwöhnt. Meine Eltern waren sehr glücklich.

Wir hatten ein Geschäft und hatten ein schönes Leben. Ich erinnere mich vage, dass 1933 oder 1934 oder 1935 irgendwie um diese Zeit herum, als Hitler an die Macht kam, wir bedroht wurden und man uns bei nicht jüdischen Familien unterbrachte.

Ich war dort mit noch einem weiteren Bruder. Zwei andere Brüder waren woanders, meine Eltern waren woanders, bis es etwas ruhiger wurde und dann kehrten wir nach Hause zurück. Und langsam aber sicher konnten wir das Warnzeichen sehen. Aber meine Eltern konnten nicht glauben, dass es hier getan werden kann, - wir lebten seit so vielen Jahren in Deutschland, wir Kinder waren dort geboren, wir waren zur Schule gegangen, - dass sie uns etwas antun würden.

Ich vermute, dass wir uns zu wohl fühlten, um zu emigrieren, Deutschland zu verlassen, unsere materiellen Güter zurück zu lassen und in ein anderes Land zu gehen.

Mein ältester Bruder war Zionist und dachte, dass er gehen musste. Er war der erste, der den Schritt machte. Ich glaube, er war zuerst in der Hachscharah (Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina). 1939, als der Krieg ausbrach, nahmen sie …. vielleicht war es vorher…. ich erinnere mich nicht genau… nahmen sie meine beiden ältesten Brüder und schickten sie in einen Ort in Polen, weil meine Eltern in Polen geboren wurden.

Sie hatten noch einen polnischen Pass, und so wurden sie immer noch als polnische Bürger angesehen. So wurden sie dahin geschickt und während sie dort waren, rief mein Bruder uns an und sagte uns, dass er zu der Zeit nach Palästina gehen konnte. Aber es war illegal, auf einem illegalen Schiff. Also war er der einzige, der in der Lage war, Deutschland zu verlassen.

So blieben wir alle da. Dann kurz danach kam die Gestapo und nahm meinen Vater mit. Es war ein Samstagnachmittag. Ich kann noch immer den Schatten sehen, wir hatten Glasfenster, ich kann sie immer noch da stehen sehen. Samstags nach dem Abendessen ruhten sich meine Eltern aus. Dann klopften sie an die Tür und nahmen meinen Vater mit.

Einer meiner Brüder – sein Name war Leo – mein Bruder Freddy war in der Zeit nicht zu Hause, er muss irgendwo sonst gewesen sein, er war ein leidenschaftlicher Leser, er muss in der Bücherei gewesen sein, um ein Buch zu bekommen – sie nahmen meinen Vater und meinen Bruder Leo und brachten sie ins Gelsenkirchener Gefängnis. Und sie fragten nach Freddy, meinem anderen Bruder. Aber meine Mutter sagte, er wäre erst 15. Sie nahmen die ab 16 mit - und sie gingen wieder.

Und inzwischen wurde er gewarnt, wo immer er gewesen sein mag. Irgendjemand muss ihn gefunden haben. Ein paar Stunden vergingen, wir dachten, es wäre in Ordnung und er war wieder auf dem Heimweg. Die Gestapo wartete auf ihn, weil sie in seiner Akte gesehen hatten, dass er 16 Jahre alt war. Und sie nahmen ihn mit. Ich habe etwas ausgelassen. Ich hatte einen jüngeren Bruder, Sammy, er ging nach Holland gerade vor diesem Ereignis mit Verwandten, die sich um ihn kümmerten. Es waren ein Onkel und eine Tante meiner Mutter. Er war also so: Leo blieb, Freddy blieb, ich blieb, Sammy war in Holland und ein jüngerer Bruder, der 1933 geboren wurde. Mein ältester Bruder war in Israel. Jedenfalls nahmen sie meinen Vater mit und tagelang wussten wir nicht, wo sie waren.

Wir versuchten sie zu sehen, sahen uns um und konnten sie nicht finden. Aber wir wussten, dass sie noch in GE waren. Eines Tages fand ich heraus, dass man sie in eine Stadt in der Nähe gebracht hatte, Herne, um sie woanders hin zu transportieren. Inzwischen trugen wir schon den Judenstern. Ich war sehr mutig und jung, ich weiß nicht genau, wie alt ich war, 39 war ich 13, 14 Jahre alt und ich habe meinen Judenstern verdeckt und nahm den Zug nach Herne, zum Generalgefängnis oder wie man es auch genannt hat, um zu sehen, ob ich sie finden konnte. Und inzwischen war noch eine andere Frau aus meiner Stadt – ihr Name ist mir entfallen – und wir gingen umher, umher, ich erinnere mich an lange Stufen hinauf, wir konnten sie nicht finden und schließlich ging ich irgendwo herum, ich hörte viele rasselnde Stimmen, unten im Keller durch ein Fenster wie dieses und da waren sie alle in einem Raum zusammen gekauert. Ich klopfte und ich sah, dass mein Vater und meine beiden Brüder Leo und Freddy mich sahen und alle ihre Sorge war, wie es meiner Mutter ging und es ging ihnen gut und wir sollten uns keine Sorgen machen.

Aber sie waren hungrig, sie bekamen nichts zu essen, Deutschland war auf Rationierung, in Deutschland gab es Lebensmittelmarken. Wie kommt man an Nahrung? Und wieder bedeckte ich meinen Stern und ich ging, obwohl die Geschäfte sonntags geschlossen waren, zu einem Tante-Emma-Laden. Ich klopfte an der Tür und sagte „Heil Hitler. Ich lebe da und da. Ich habe gerade Besuch von Leuten von außerhalb bekommen und sie sind sehr hungrig. Was kann ich ohne Lebensmittelmarke bekommen?“ Und ich kam mit zwei solchen Taschen. Und ich ging zurück, hoffend das sie noch da wären und na klar, sie waren noch da. Wir klopften an das kleine Fenster und die einzige Sorge meines Vaters und meiner Brüder war, wie ich schon sagte, wie es meiner Mutter ging. Wie ich schon sagte, führten sie eine sehr glückliche Ehe und während ich das Essen durch das Fenster reichte, verletzte ich mich - man kann hier die Narbe noch sehen, die Haut war bis zum blanken Knochen durch, mein Vater machte sich Sorgen, das Blut strömte und glücklicherweise, hatte diese Dame Taschentücher, und ich wurde verbunden. Die Verletzung interessierte mich nicht. Das Einzige, was mich interessierte, war mit ihnen zu sprechen und ihnen das Essen zu geben. Inzwischen war meine Mutter zu Hause und wusste nicht, wohin ich verschwunden war. Ich konnte keine Nachricht hinterlassen und als ich heim kam, war sie sehr aufgeregt, aber als ich ihr sagte, was ich getan hatte, war sie erleichtert und fragte, was geschehen war. In der Zwischenzeit sah sie den Verband und – „wenn wir zum Notdienst gehen, was sollen wir sagen?“ Ich hatte Angst, ihnen zu sagen, dass ich sie gefunden hatte, dass ich die Stadt verlassen hatte, was illegal war, und so sagte ich ihnen, dass ich mich irgendwo an einem Fenster verletzt hatte, durch das ich hindurch reichen wollte, um nach etwas zu greifen. Ich habe ihnen also eine Geschichte aufgetischt, das war es.

Das Nächste, was wir hörten, war, dass sie sie nach Oranienburg brachten, Sachsenhausen. Wir bekamen dann und wann Briefe, die uns mitteilten, dass es ihnen gut ginge. Das waren vorgeschriebene Worte. „Schickt uns Pullover, schickt uns warme Kleidung“, aber wir konnten sie überhaupt nicht bekommen. Wir hatten überhaupt nichts mehr. Sie pferchten uns zusammen in zwei abgetrennten Bezirken, wo nur Juden lebten. Wir lebten dort nach 1938, nachdem sie unser Geschäft demoliert hatten. Und wir versuchten, Pullover zu bekommen, wir schickten sie und sie bekamen sie nie. SS nahmen sie und schickten sie an die Front oder behielten sie für sich selbst. Aber von Zeit zu Zeit bekamen wir Briefe, dass jemand an Lungenentzündung gestorben ist und jemand Anderes an Lungenentzündung gestorben ist aus den und den Familien. Und es war üblich, dass sie kleine Urnen schickten, was etwas Schreckliches war. Meine Mutter hatte eine Schwester in New York und sie konnte Visa besorgen, Visa für Panama, Cuba und verschiedene süd-amerikanische Länder und sie versuchte meinen Vater und meine Brüder herauszubekommen. Vielleicht würden sie uns Deutschland verlassen lassen. Das was wir im Austausch gegen unsere Brüder hätten abgeben können: Möbel, Besitztümer usw.. hatten wir schon in die USA geschickt. Wir konnten es nicht mehr zurückholen, weil der Krieg ausbrach. Sie konnten nicht mehr raus.

So… Ich springe ein bisschen. So ist es, wenn die Dinge dir wieder in den Sinn kommen. Die Gestapo hatte hoch und heilig versprochen, - meine Mutter und ich waren hingegangen, - hoch und heilig - dass sie sie freilassen würden. Ein anderer Bekannter der Familie hatte dieselben Visa bekommen und war im selben Lager, Oranienburg, wie mein Vater und meine Brüder. Meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich, wir hätten das Land verlassen können. Aber wir wollten nicht gehen, weil wir dachten, dass man sie jeden Tag entlassen würde. Nachdem Monate vergangen waren, hatten sie einen Mann entlassen. Diesen Bekannten meiner Familie. Und wir waren überzeugt, dass die Nächsten mein Vater und meine Brüder sein würden. Wir fanden später heraus, dass es zu viel war für den Mann im Büro, drei Papiere zu bearbeiten. Deswegen wurden sie nicht entlassen. Und wir warteten täglich mit der Hoffnung, vielleicht heute, vielleicht morgen. Meine Mutter war religiös und glaubte, dass Gott ihr helfen würde und meinen Vater freikommen lassen würde und wir in der Lage wären, zu gehen. Wie sich herausstellte, wurden sie nicht entlassen. In der Zwischenzeit hatten wir erfahren – das war Ende 1941 -, dass wir uns bereithalten sollten, damit sie uns in Arbeitslager und so weiter und so fort transportieren können. Aber wir wussten nicht wohin und wie. Im Januar 1942 pferchten sie uns zusammen in einem großen Warteraum und steckten uns in Züge. Der Transport ging nach Riga, in Lettland. Die Züge waren sehr kalt. Ich weiß nicht mehr genau, es waren fünf Tage, sechs Tage. Es war kalt. Einigen Leuten erfroren die Finger, die Zehen, die Füße, es war schrecklich. Wir hörten die Flugzeuge, es gab Schiessereien, Bombardierungen, aber jedenfalls kamen wir Ende Januar, Anfang Februar bei Riga an. Der Ort hieß Škirotava. Es fror, es war kalt. Und denken Sie daran: Bevor wir Deutschland verließen, sagten sie uns, wir könnten nur so und so viel mitnehmen. Wir zogen zwei Unterhemden, drei Pullover, drei Blusen, drei, vier Unterhosen an, so dass, wenn sie uns das Gepäck wegnehmen würden, wir immer noch das hätten, was wir am Körper hatten und so die Möglichkeit hätten, eine Zeit lang zu wechseln. Sicher. Als wir in Škirotava ankamen und die SS da stand – ich denke, Obersturmführer Lange war sein Name und einige Andere - mit Hunden und Schnee bis zum Hals und sie sagten: „Raus, raus, raus!“ - Das war einfach schrecklich, ich meine so ein Chaos. Es war unglaublich. Das Gepäck musste dort sein, du musstest dahin gehen und sie sagten uns, sie befahlen uns, zu dritt oder zu viert da zu stehen und abzumarschieren.

Irgendwie hatte ich, bevor das alles passierte, ein Mädchen aus Duisburg kennen gelernt und wir freundeten uns sehr an. Ihr Name war Lotti Berger. Sie war vielleicht einen Monat oder so vor uns abgefahren, und wir waren nicht sicher, ob sie in Riga war, denn sie brachten die Leute nach Lodz, das sie zu der Zeit Litzmannstadt nannten, und nach ganz verschiedenen Orten, aber wir wurden nach Riga gebracht. Und jetzt sehe ich hier Lotti, diese Freundin, und sie sagte mir sehr schnell – sie musste sehr vorsichtig sein -, sie instruierte mich darüber, was zu tun und was zu unterlassen war: „Geh, spricht mit mir, dreh dich nicht um, tu dies nicht, tu das nicht, ich bin hier soundso, ich habe mich freiwillig gemeldet, um mit den Leuten zu helfen, ihnen zu helfen, zum Ghetto zu gehen, wir gehen in ein Ghetto, fass nichts an, sag nichts, versuche, so unauffällig wie möglich zu sein, und tu, was sie dir sagen…“ Sie instruierte mich wirklich, so dass wir, als ich zum Ghetto kam, wussten, was wir zu erwarten hatten.
Alle paar Tage kamen andere Transporte: ich denke, der erste war der Kölner Transport, dann waren da der Leipziger Transport, tschechoslowakische, unserer wurde „Dortmunder Transport“ genannt. Als sie ins Ghetto kamen, hatten sie Bezirke, dies ist der Kölner Transport, dieser ist von dieser Stadt und dieser ist von jener, das waren die verschiedenen Bezirke im Ghetto.

Als die ersten Kölner ins Ghetto kamen, war man gerade damit fertig geworden, die lettischen Juden zu töten, Mütter mit Kindern im Arm, die Straßen waren immer noch voller Ströme von Blut. Sie kamen in die Zimmer, die Häuser, wo das Essen noch auf dem Tisch war, manchmal noch warm, Essen war noch im Ofen. So schnell hatte man sie zusammengetrieben, sie getötet und sie weggeschafft, ich weiß nicht, wie viele. So gab es für diese neuen Leute Unterkunft.

Jedenfalls waren wir der Dortmunder Transport. Und wieder waren vier, fünf Familien in einem Zimmer. Später gelang es uns, - die Räume wurden saubergemacht, gereinigt vom Säuberungskommando von was auch immer übrig geblieben war -, eine größere Unterkunft zu finden, ich meine, mehr Räume nur für die Familie. Sie brachten auch täglich Leute aus dem Ghetto nach Orten draußen, so es dass wieder mehr Platz gab und wir dieses eine Zimmer haben konnten.

Jedenfalls war das Ghetto aufgeteilt unter die deutschen Juden und die lettischen Juden. Die lettischen Juden waren hauptsächlich Männer, weil man die meisten Frauen und Kinder weggeschafft hatte. Am Anfang gab es eine ziemliche Missstimmung, weil ihre Frauen und Kinder hier weg waren, und hier kamen die deutschen Juden; vielleicht dachten sie, dass sie für uns Platz machen mussten.

Die Nahrungsmittel waren zu der Zeit knapp, aber später hatte man das Ghetto besser organisiert. Sie hatten sogar kleine Schulen, Räume, wo die Kinder unterrichtet wurden, sie versuchten, es so normal wie möglich zu machen, ich meine, ein normales Leben zu bewahren. Sie hatten ein Hospital, „Lazarett“ nannten sie es, sie versuchten, es so normal wie möglich zu machen. In der Zwischenzeit kamen Transporte herein, manche kamen niemals bis ins Rigaer Ghetto, manche waren draußen, wo man sie sofort ermordete. Ganz offensichtlich gehörten wir zu den Glücklichen, dass wir dort blieben. Und dann trieb man uns zur Arbeit zusammen. Jeden Tag hatte jeder Bezirk einen Arbeitsdienst; jemand war verantwortlich dafür, die Leute für die Arbeit abzustellen, es gab einen Lagerältesten, sie waren ziemlich organisiert, wie die Deutschen es zu machen pflegten.

Meine Mutter war nicht in der Lage zu arbeiten. Mein jüngster Bruder war zu der Zeit 7 Jahre alt, er war nicht in der Lage zu arbeiten. Also war ich diejenige, die hinausgehen und arbeiten konnte, was gut war: man konnte in Kontakt mit der Außenwelt kommen; wenn man etwas übrig hatte, konnte man es gegen etwas Butter oder etwas Brot eintauschen, oder Stücke Holz, und es ins Ghetto schaffen. Und wenn man selbst es nicht konnte, dann gab es jemand anderen, der es für einen tun konnte, aber er nahm dann die Hälfte. Besonders die lettischen Juden sprachen die Sprache, und sie konnten es besser machen als wir, weil wir die Sprachschwierigkeiten hatten.

Ich hatte großes Glück: Die meiste Zeit arbeitete ich für die Wehrmacht, und die waren viel mitfühlender als die SS. Aber wir wurden in Kolonnen hinausgeführt, marschierten hinaus aus dem Ghetto mit Leuten von der Arbeitsstätte, mit Kolonnenführern und – es gab immer jemanden, der verantwortlich war, und dann die bewaffneten Wachen, die uns bewachten, und wir gingen auf der Straße zur Arbeit. Wenn man für die Wehrmacht arbeitete, war es gut. Sie versuchten, so streng wie möglich zu sein, aber hinter dem Rücken versuchten sie, einem zu helfen. Es passierte zum Beispiel einmal, dass ein junger Mann zu mir herüber kam und sagte: „Geh rauf und mach mein Zimmer sauber“, sehr barsch, „und zwar schnell!“ Und ich ging nach oben, und oben brauchte ich nicht sein Zimmer sauberzumachen: da war Brot, Butter, Marmelade, so dass ich ein bisschen besser essen konnte und nicht hungrig wäre, und meine Ration, die ich im Ghetto bekommen würde, für meine Mutter oder irgendjemand anderen wäre.
Nun war die Frage, wie bekommt man es ins Ghetto? Also schnitt man es in Stücke und steckte es sich überall hin; wenn man Hosen trug, band man seine Hosen, denn wenn man ins Ghetto kam, gab es Stichproben, sie kamen herüber und versuchten, einen zu untersuchen, um herauszufinden, ob man etwas hereinbrachte. Ich weiß nicht, wenn man jung ist, ist man so mutig, man macht sich nichts daraus, man macht es sowieso, man denkt nicht, dass einem Dinge passieren können. Denn es kam vor, dass, wenn sie etwas bei einem fanden, sie einen sofort zum Thingplatz (Richtplatz), wie sie es nannten, brachten, und erschossen.
Nun, es gelang mir, die Sachen hereinzubringen, ich hatte Glück, verdammtes Glück, offensichtlich, und half auf diese Weise meiner Mutter. Meine Mutter nähte und besserte etwas aus, das ich vielleicht mit hinausnehmen und wieder gegen Nahrungsmittel eintauschen konnte, so dass wir uns am Leben halten konnten.
Nun, dies ging so von 1942 bis 1943. Allmählich verschwanden Leute. Man sagte, sie würden in verschiedene Arbeitslager geschickt, sie bräuchten sie hier und dort, aber wir wussten, dass sie nicht dorthin kamen, dass sie sie erschossen und sie ihre eigenen Gräber ausheben mussten.
Eines Tages, gegen Ende 1943, das Ghetto wurde schon kleiner und kleiner, weniger Leute waren da. Der Mann, dessen Aufgabe es war, Arbeitskräfte abzustellen, war jemand, der einmal für meine Eltern in Gelsenkirchen gearbeitet hatte, ich denke, er machte die Buchhaltung. Er versuchte, meine Mutter zu retten, die eine kranke Frau war, versuchte, ihren Namen bei den so genannten Arbeitskräften für außerhalb des Ghettos so lange wie möglich herauszuhalten. Aber es kam die Zeit, da hatte er niemanden mehr verfügbar, er musste Namen abliefern, Leute, die nicht arbeiteten, und Junge. Und so bekamen wir die Mitteilung, dass sie an diesem und jenem Tag am Appellplatz zu stehen hatten, man würde sie – auch meine Mutter und meinen kleinen Bruder - in ein anderes Arbeitslager überstellen. Ich arbeitete ja ständig, mein Name war da nicht.
Ich sagte: „Ich gehe mit euch, ich würde euch nicht allein gehen lassen.“ Da stehen wir jetzt also auf dem Appellplatz, meine Mutter, mein kleiner Bruder, und warten darauf, was auch immer geschehen möge, wir sehen da einige Lastwagen. An einer Stelle sagt meine Mutter: „Mensch, wir stehen hier und warten, vielleicht läufst du besser zurück zum Zimmer und versuchst, ein anderes Paar Schuhe zu bekommen.“ Es gab ein Paar bessere Schuhe. Dieses hatte ein schreckliches Loch. „Warum gehst du nicht, sieh zu, dass du hindurch kommst und es bekommst.“ Nun, alle paar Meter war ein SS-Mann mit seinem Gewehr, mit seiner Maschinenpistole, um sicherzustellen, dass keine hindurch käme. Irgendwie – ich war jung, und sie hatten begriffen, dass ich eine von den Arbeitskräften war, sie ließen mich durch.
Ich gelangte zurück, und das Zimmer war schon völlig in Unordnung. Irgendwie musste die SS dahingegangen sein und nachgesehen haben, ob sie etwas finden konnten, Schmuck oder Gold oder Geld oder was auch immer. Ich fand die Schuhe, ich ging zurück, ich sah überhaupt keine SS-Leute mehr, und ich kam zurück und sie waren weg… Ich war ganz allein…
Ich wusste zu der Zeit nicht, wohin man sie brachte… Ich war mir völlig sicher, dass sie tot waren… noch hier in Riga getötet… Später fand ich heraus, dass man sie nach Auschwitz gebracht hatte… Und ich hatte einen Bruder in Auschwitz. Dem sagte einer aus meiner Heimatstadt, der auf denselben Transport geschickt worden war: „Freddie, ich habe deine Mutter, deine Schwester und deinen Bruder gesehen, ich weiß, sie sind hier.“
Ach, ich habe vergessen, Ihnen von Sachsenhausen, Oranienburg zu erzählen. Während wir nach Riga gebracht wurden, holten sie sie da weg und brachten sie nach Auschwitz. Und als sie nach Auschwitz kamen, selektierte man meinen Vater nach links, meine Brüder nach rechts, und mein Vater wurde geradewegs in die Gaskammer gebracht und Freddie und Leo blieben in Auschwitz . Na ja, Freddie war jung und war in der Lage klar zu kommen und er hatte Protektion, wie man es nannte, er hatte einen Stein im Brett beim Lagerältesten und er versuchte herauszubekommen, wo ich war, ob sie mich nach Auschwitz geschickt hatten. Er wusste, dass sie meine Mutter, meinen kleinen Bruder nicht leben lassen würden, dass sie sie geradewegs in die Gaskammer schicken würden, aber ich war ein Teenager, jung und vergleichsweise gesund, in der Lage zu arbeiten, so dass ich hätte überlebt haben können. Und er versuchte sein Bestes, um heraus zu finden, ob ich überlebt hatte, um Kontakt mit mir aufzunehmen. Aber es klappte nicht, weil ich nicht da war.
Hier war ich ganz allein geblieben mit ein paar anderen jungen Leuten und das Ghetto wurde liquidiert. Sie schickten uns nach Riga-Kaiserwald. Es war schon ein Konzentrationslager. Da waren die Männer und die Frauen getrennt, durch Stacheldraht und die SS getrennt. Dort wurden wir von Berufsverbrechern begrüßt, die da gefangen waren, und von politischen Gefangenen. Es war einfach schrecklich. Sie steckten uns in ein Zimmer, wir mussten uns völlig nackt ausziehen, sie nannten es Entlausung. Aber keiner hatte Läuse zu der Zeit. Und sie nahmen alles, was man auch haben konnte oder bekommen hatte in der Zeit im Ghetto. Und wir wurden völlig nackt ausgezogen und unter eine Dusche gestellt, geduscht und entlaust, was immer das sein mochte, und man gab uns Lagerkleidung. Die war zu groß, zu klein, die Schuhe hatten nicht deine Größe, und sie steckten uns in Baracken. Zuerst hatten sie zwei Leute auf einer Pritsche, oben und unten.
Ich habe vergessen zu erzählen, wie krank ich im Ghetto war mit Furunkeln vom Hals bis zu den Zehen und an den Armen. Man kann die Narben heute noch sehen. Und es wollte nicht weggehen, es war nicht zu heilen, es war unglaublich. Na ja. Hier waren wir, im Rigaer Ghetto, nein, in Riga-Kaiserwald und versuchten das Leben zu leben, wie es kam, in jeder Minute, man wusste nicht, was die nächste Minute bringen würde.
Von da brachten sie wieder Leute zum Arbeiten und Leute verschwanden und sie nannten das Auswärtskasernierung. Einige Leute arbeiteten an einer bestimmten Stelle, als sie noch im Ghetto waren. Man nannte sie das RBR, das war für die Wehrmacht, wo sie Militärkleidung sortierten und für die Front fertig machten und so weiter, das war die wunderbarste Arbeitsstelle . Diese besondere Stelle war in der Lage, zu erreichen, dass die ganze Gruppe, während sie in Kaiserwald war, bei ihnen im Hauptquartier bleiben durfte, wo sie ihnen Bereiche bereitstellten, wo sie essen, schlafen und arbeiten konnten, denn sie dachten, das sei besser und billiger für sie.

Ich hatte Glück, ich hatte einen Freund, einen jungen Mann aus meiner Heimatstadt, der auf gutem Fuß mit einem Mann stand, der auch aus meiner Heimatstadt kam, der Automechaniker war, und die SS brauchte gute Automechaniker und nur eine Handvoll Leute durften auf diese Arbeitsstelle. Man sagte, es wäre die Elitearbeitsstelle, wo die Arbeitsbedingungen für die Arbeiter noch einigermaßen normal waren. Sie versorgten sie mit Nahrungsmitteln, denn sie hatten ein paar Leute in der Küche, Frauen, die da kochten, so dass sie genug Kraft hatten, die Lastwagen zu reparieren und alles, was repariert werden und zur Front gehen sollte. Und durch diesen jungen Mann konnte er mir einen Job geben. Ich war ungelernt, ich war ein junges Mädchen. Ich sagte ihnen, ich hätte Büroerfahrungen, was ich überhaupt nicht hatte. Ich konnte kaum Schreibmaschine und sie gaben mir die Stelle im Büro. Aber man musste so vorsichtig wie möglich sein und durfte nicht zu viel mit dem Jungen, äh mit dem Mann gesehen werden und ich meine, jede Minute musstest du aufpassen, musstest du Acht geben, was du gemacht hast, was du sagtest, wie du dich verhieltst. Der Mann, der verantwortlich war, - ich habe seinen Rang vergessen, er war ein hochrangiger SS-Mann, der sein Büro hatte, - da war eine Glaswand direkt in der Nähe von meinem Stuhl – ganz egal, wie streng er war, - jedes Mal, wenn er kam, erschauderten die Leute – ab und zu warf er mir das halbe Butterbrot zu, das er übrig hatte, und sagte: „ Hier Kleine, Judenkleine“, pflegte er mich zu nennen, „hier, das ist für dich!“, wobei er kaum seinen Satz beendete, so dass es keinem auffiel, wenn ich es nahm und er es mir gab. Mit diesen Dingen von außen konnte ich mich wieder am Leben halten, ich brauchte mir keine Sorgen mehr um meine Mutter zu machen, dass ich etwas zu essen nach Hause bringe, ich war allein. Niemand wusste, was die nächste Minute bringen würde.

Sie hatten den Frauen noch im Rigaer Ghetto die Haare abrasiert, aber in diesem besonderen Kommando, in dem ich arbeitete, - wie ich sagte, es war das Elitekommando - rührten sie sie nicht an. Es war eine Handvoll Frauen und wir konnten unsere Haare behalten. Natürlich guckten uns die anderen Frauen eifersüchtig an.

Also wir arbeiteten da, bis eines Tages Riga-Kaiserwald liquidiert wurde. Sie steckten uns auf ein Boot unter Bedingungen, die ich nicht beschreiben kann. Wir waren wie Sardinen in einem einzigen großen Raum gepfercht und Leute mussten ihre Notdurft verrichten, waren krank. Die Ostsee war sehr rau, es war Chaos, einfach Chaos. Wie viele Leute starben einfach so! Und schließlich nahmen sie uns vom Boot und brachten uns auf Barkassen, und das Einzige, woran ich mich erinnere, sind enge Flüsse und wir saßen auf diesen Barkassen, ich weiß nicht wie viele Stunden lang, und sie schickten uns zu einem Ort, Stutthof. „Stutthof“, sagten uns sogleich einige Leute, die wir getroffen haben: „Passt auf, das hier ist ein Vernichtungslager!“ Wir sahen jede Nacht den Rauch aufsteigen und da war kein Arbeitslager. Im Rigaer Ghetto konnten wir nach draußen gehen und in Riga-Kaiserwald hatten wir Kontakt zu den Leuten von draußen und arbeiteten. In Stutthof: Vergiss es!

Es war ein Vernichtungslager und niemand durfte raus. Wir wurden wieder zusammen gedrängt und wurden von der SS und von den Gefangenen begrüßt, die Kriminelle waren, viele von ihnen waren polnische Frauen, und sie waren einfach unglaublich. Sie waren keine Juden und behandelten uns wie Tiere. Wir drängten uns in einer Baracke, und es waren vier Leute in einem, nein, ich meine zwei oben und zwei unten. Am Anfang waren es vier und dann konnten sie es organisieren und dann waren es zwei und zwei. Die Bedingungen dort waren unglaublich. Ständig Appell, Appell, morgens, mittags und nachts und zählen, zählen, zählen, zählen. Und die Leute direkt neben einem fielen wie die Fliegen um.

Und irgendwie, man war jung, sah von dem Fenster aus nach drüben zum Männerlager. Und da stand ein Mann die ganze Zeit und er sprach mit mir. Er war ein politischer Gefangener, aus Liepaja glaube ich, auch aus Lettland. Und da er ein politischer Gefangener und kein Jude war, muss er schon eine ganze Zeit da gewesen sein, und auch er war ein Insider und es gelang ihm, eine der Frauen, die uns wie Tiere behandelten, aufzufordern, mir Brot in seinem Auftrag zu geben. Ich war in großen Schrecken versetzt dadurch, weil ich Angst hatte, dass ich auffallen würde, und dass ich darunter leiden würde, von ihr an einen SS-Mann denunziert werden würde: „Sieh mal, sie bekommt etwas von der anderen Seite“ – sie würden mich erschießen und das wäre es. Aber so war es nicht. Er muss sie sehr gut gekannt haben. Es gab immer Insider in den Lagern, Leute, die es hatten und Leute, die es nicht hatten.

Und es gelang mir… sie wiesen mich einem Bereich zu, der ziemlich schrecklich war und den ich vier Mal am Tag schrubben musste. Das bedeutete, dass man doppelte Portion bekam. Es war ein ziemlich großer Bereich, der musste auf allen Vieren geschrubbt werden und sobald man fertig war, musste man wieder von vorne anfangen. Aber das gab mir das Recht auf zwei Stücke Brot und ein bisschen mehr Suppe. Und so war ich wieder jemand, der ein bisschen geschützter war als die anderen. Es war schrecklich, die Bedingungen waren einfach unglaublich. Die Leute starben wie die Fliegen am Typhus. Und so weit konnte ich dem entfliehen. Jede Nacht entlausten wir uns. Es war unausweichlich, sie waren in unserer Kleidung, in unseren Sachen, wohl gemerkt, der Typhus kam von den Läusen. Und wir versuchten dem zu entkommen, nicht infiziert zu werden, so weit wie es möglich war. Und ich wurde bis kurz vor Schluss überhaupt nicht krank. Dann stellten sie einen riesigen Transport zusammen, und die meisten davon waren die Elite. Wir hatten eine Elite in den Lagern, Leute, die mehr hatten, weil sie Leute kannten. Und verstehen sie, es war ein Marsch nach Magdeburg.

Ich hatte eine Freundin, die aus Vilna kam; ich war sehr jung, und sie war ein bisschen älter, und sie beschützte mich sehr. Und man sagte ihr, dass sie zu diesem Ort, nach Magdeburg, dass sie auf einen Marsch nach Magdeburg gingen. Inzwischen wurde ich bettlägerig mit so hohem Fieber, dass ich keine fünfzig Meter geschafft hätte, weil ich schon ausbrannte. Und sie kam zu mir herüber und sie sagte, „Sieh mal, ich habe es für dich arrangiert, dass du ins Revier gehst. Du kannst nicht mit uns mitkommen. Es wird dir gut gehen.“ Und ich warf ihr vor, sie würde mich in die Gaskammer stecken, denn aus dem Revier kam man nicht mehr heraus. Das war definitiv dein nächster Schritt in Richtung Gaskammer. Sie versprach mir, „Nein, geh dahin.“ Nach einer Weile konnte ich nicht mehr, ich war schwach durch das hohe Fieber. Und – wie sie mich da hin gekriegt haben, habe ich keine Ahnung. Offensichtlich war ich tagelang im Fieberwahn. Kein Essen, keine Medikamente. Und ich erinnere mich, dass die Person, die über mir lag, auch im gleichen Zustand war, und es kam herunter, sie machte, wissen Sie… Als ich zu mir kam, konnte ich meine Schuhe nicht finden, die unter meinem Genick versteckt waren, konnte meine Kleidung nicht finden, nichts. Es war bitterkalt, und was machst du da? Du hast keine Schuhe, du hast nichts, wenn sie das sehen, bist du sofort Kandidat für die Gaskammer! In diesem Raum waren auf der anderen Seite, im oberen Teil, auf einer Pritsche drei Mädchen. Ich meine, man hatte sie aus Auschwitz hierhin geschickt. Irgendwie versuchten wir miteinander zu reden. Eine war aus Berlin, und zwei waren aus Polen. Und als wir zu uns kamen, das hohe Fieber zurückging, und wir in der Lage waren, ich meine, normal zu sein, nicht mehr im Wahn, waren wir in der Lage, zu kommunizieren und zu sprechen. Wie lange ich dort war, habe ich absolut keine Ahnung, weil ich mich noch nicht einmal daran erinnere, wie ich dort hinkam.

In Kaiserwald gab es inzwischen nur noch sehr, sehr wenig Leute, denn die russische Front kam näher und näher und näher. Je näher die Front kam, nahmen die Deutschen die Juden und gingen anderswohin. Es müssen dort Bomben gefallen sein, denn es gab kein Wasser mehr; ich erinnere mich, wie ich Wasser getrunken habe, es war so bitter wie Galle. Und wer auch zu diesem Zeitpunkt da übriggeblieben war, die schickten sie an einen anderen Ort, in der Nähe von Stutthof. Stutthof war bei Danzig. Wieder, die SS, was auch immer da übrig war – wenige Leute waren übriggeblieben – wurden in Züge gedrängt, in Viehwaggons, Viehzüge, und wegen dieses hohen Fiebers konnte ich noch nicht einmal meinen Fuß so viel anheben, dass, wenn eine Stufe ein bisschen höher war, ich nicht in der Lage war, da raufzukommen. Und hier wurde man in diese Viehwaggons gezwängt, und es ist ziemlich hoch, da rauf zu kommen. Die SS hinter einem, wie kommt man da rauf? Ich habe keine Kraft, ich konnte nicht. Nun, diese drei Mädchen waren bereits in besserer, sozusagen gesünderer Verfassung, und sie waren da oben und sie zogen mich von überall, und eine von hinten, um mich da rauf zu schieben, so dass ich es schaffte, da hinein zu kommen, weil ich Angst hatte, man würde mich sofort in den Rücken schießen.

Irgendwie war die SS schon ein bisschen netter, weil die russische Front so nah kam, dass sie ahnten, dass ihre Tage auch schon gezählt waren. Und sie schickten uns mit diesem Zug an einen Ort namens Trojmiasto [Dreistadt], bei Danzig. Wieder waren wir da zusammengedrängt, und als wir da hinkamen, sahen wir einige politische Gefangene, eine Menge Jungen, aus Warschau, es waren Studenten, sie waren in diesem Arbeitslager, dies war kein Konzentrationslager mehr, sie nannten es Arbeitslager. Und sie wussten nicht, was sie für uns tun konnten. Sie brachten uns Suppe und Essen, weil sie schon sozusagen gut situiert waren, und sie hatten die Möglichkeiten, es gab nicht so viele Leute, und die Restriktionen waren nicht so rigide wie in den Lagern.
Wir waren eine Weile da, und wieder bombardierten die Russen, versuchten die Deutschen wieder, zu liquidieren. Eines Tages traf ich einen jungen Mann, einen Deutschen, kein Jude, er stand dem Kommandanten ziemlich nahe, was immer er war, nicht Kommandant, der Lagerälteste von diesem Arbeitslager, und er hatte auch einen Stein im Brett bei der SS. Wir sprachen dann und wann miteinander, weil die Regeln nicht so streng waren. Und er fragte mich, „Hast du Läuse? Hast du dies?“, und ich sagte „Nein.“, und so weiter. Aber es war gemächlicher, die Atmosphäre dort. Er sagte zu mir, nach einigen Wochen: „Hör mal zu. Die Deutschen verlassen das Lager, sie nehmen jeden mit sich.“ Ich hatte diese drei Mädchen, die ich im Revier getroffen hatte, im Lazarett, wir hatten uns angefreundet und wir hingen aneinander, wir waren, wurden Freundinnen. Und wir schwelgten in Erinnerungen und fragten uns gleichzeitig, ob wir überleben werden, ob wir jemals aus diesem Chaos heraus kommen werden, bis zu dem Punkt, wo wir sogar sagten: „Ich glaube nicht, dass wir uns überhaupt noch wie menschliche Wesen verhalten könnten.“ Wenn wir da herauskämen, hätten wir wieder Tischmanieren? Wüssten wir, wie man eine Gabel und ein Messer hält? Solche Sachen. Das waren einfach so Gespräche, wissen Sie. Niemand glaubte daran, dass wir das überleben würden. Weil von all den Leuten, die wir gekannt hatten, sehr, sehr wenige überlebt hatten. Es war schieres Glück, dass es mir gelang, Extradinge hier und da zu treffen und zu bekommen.

Nun, um auf diesen jungen Mann zurückzukommen, er warnte mich, er sagte: „Heute Nacht ist es so weit. Sie verschwinden. Sie nehmen jeden mit. Sie müssen fliehen, weil die Russen in der Nähe sind.“ Denn die Katjuschas flogen, man konnte die Bomben hören. Jedes Mal, wenn es „Ssssssss!“ machte, wusste man, dass es an einem vorbeigegangen war und dass man in Sicherheit war. So flogen sie direkt über dir, die Baracken stürzten ein, Feuer, man konnte die flackernden Brände am Himmel sehen, es sah aus wie Tageslicht, ein schöner Anblick, aber sehr furchteinflößend. Und er sagte: „Versuch dich zu verstecken.“ Ich sagte meinen drei Freundinnen: „Bitte, wir müssen uns verstecken. Sie treiben alles zusammen, was hier geblieben ist, und sie schaffen uns auf ein Boot.“ Wieder auf ein Boot. Sie flüchteten, aber würden die Juden nicht gebrauchen können. Nun, die SS kam mit Knüppeln und trieben alle zusammen: „Raus! Raus! Raus! Raus!“ Und wir versteckten uns. Und wir hatten Erfolg. Denn sie hatten keine Zeit, sie hatten auch nur begrenzte Zeit, um zu verschwinden.

Es war still. Es war – ich kann nicht mal damit anfangen, es Ihnen zu erzählen, was für ein Gefühl das war. Es war so still… Die Bomben fielen nicht mehr… Unglaublich.

Dann hörten wir Pfeifen aus den Ecken – Pfeifen von hier – Pfeifen von da – da drüben ein Pfeifen… Und langsam versammelten sich die wenigen Leute, die sich verborgen hatten, und vergewisserten sich, dass keine SS mehr da war. Und dieser junge Mann kam herüber zu mir und er sagte: „Die Tore sind offen! Kommst du mit mir? Ich habe einen Onkel in Danzig, und wir werden ihn finden, und er wird für uns sorgen.“ Nun, ich kannte diesen Mann nicht, war ihm gerade erst begegnet, und ich wollte nicht mit ihm gehen. Vielleicht weil… ich weiß nicht, ich vertraute ihm einfach nicht, und ich wollte bei diesen drei Mädchen bleiben, und er bat mich eindringlich, „Komm.“, und ich sagte mir, wie dumm, hier, die Tore sind offen, du wartest so viele Jahre darauf, dass die Tore offen sind, lauf! Lauf!

Und ich ging nicht. Ich hatte Angst. Und ich malte mir aus, dass die Bomben fliegen würden, die Maschinengewehre der Deutschen würden den Russen antworten, man würde vielleicht nicht einmal die nächste Straße überleben. Ich ging nicht. Er ging, und ich blieb bei diesen Mädchen.

Und die Bomben flogen, und wir mussten diese Baracke evakuieren, zu einer anderen gehen, und ich wurde wieder bettlägerig, mit sehr hohem Fieber, und ich hatte wieder, wie sie es nannten, Schwarztyphus und einen anderen Typhus. Ich war wieder so krank, und ich erinnere mich, dass – bei diesem Verstecken waren auch einige der russischen Gefangenen in diesem Lager, was wir nicht wussten. Da war ein junger Mann, der alle zusammenbrachte, und er fand einen Bunker, wo sich vorher die Deutschen verborgen hatten, und er brachte die wenigen Leute, die überlebten, in diesen Bunker – wenigstens konnten sie überleben. Er war Russe, war aber offensichtlich auch in diesem Lager.

Ich war wieder so krank, dass ich die Baracke nicht verlassen konnte. Ich lag da, und ich sah die Baracke gleich neben mir brennen, und ich wusste, dass jeden Augenblick der Funken herüber springen würde und ich verbrennen würde, denn jeder ging, und ich war ganz allein. Aber nun, man ist so krank, man ist so schwach, so ist es. Irgendwie müssen die Mädchen diesem jungen Mann erzählt haben, dass ich noch dort bin; er trug mich, und er brachte mich hinunter in den Bunker, auf diese Weise überlebte ich das Feuer, und wir blieben eine Weile dort. Wie lange, erinnere ich mich nicht.

Was immer er an Nahrung auftreiben konnte, tat er für uns. Dann muss er herausgefunden haben, dass die Russen schon in der Stadt sind, dass sie durchmarschieren. Und wir gingen alle hinaus. Ich fühlte mich ein bisschen besser, und wir kamen alle aus dem Bunker und gingen. Und sicher, wir sahen die Straßen mit der russischen Armee und den Panzern und den Lastwagen und so weiter und so fort. Wir gingen, gingen, gingen, und von einem kleinen, nein, kein Panzer, einem Pferdefuhrwerk, stieg ein Mann herab, und er fragte uns, wer wir seien. Und meine Freundinnen, zwei meiner Freundinnen sprachen Polnisch, und sie sagten ihm, dass wir im Konzentrationslager waren, und dass – erzählten ihm die Geschichte. Und er sagte uns, dass er ein polnischer Jude sei, nach Russland geflohen, jetzt in der russischen Armee, und er versuchte, uns in die Stadt mitzunehmen, vielleicht nach Danzig. Dann sah uns das russische NKWD dort, zog uns herunter, fragte uns aus und schickte uns zur russischen Kommandantur.

Das war wieder ein Überleben, das einfach unwirklich war. Mädchen wurden vergewaltigt, man wurde verhört. Meine drei Freundinnen kamen aus Auschwitz, und sie hatten eine Nummer auf ihrem Arm. Wo wir waren, tätowierte man uns nicht, wir trugen nur eine Nummer und einen Stern auf unserer Gefängniskleidung, und hier, ich sprach nur deutsch, und ich hatte Angst, dass sie mich als eine Deutsche festhalten würden. Es war ein unglaublicher Alptraum. Sie verhörten mich eine ganze Zeit. Meine Freundinnen waren bereits draußen und warteten auf mich. Sie ließen mich schließlich gehen. Und wir vier Mädchen, wir gehen und gehen und die Russen halten uns immer wieder an, und wir gehen und gehen, und wohin geht wir, wir gehen auf eine Baracke zu, denn seit Jahren kennen wir nichts Anderes… Und wir blieben in dieser Baracke, um Schutz zu finden. Und dann kamen wieder Russen. Die Offiziere waren intelligenter, und sie fragten uns und halfen uns, aber der einfache Soldat war unglaublich. Ich meine, wahrscheinlich hat er seit vielen Jahren keine Frau gesehen. Wir hatten Glück, dass wir einer Vergewaltigung entkamen, mit vielen Schwierigkeiten, die man nicht einmal beschreiben kann.
Wir verließen diese Baracke, und dann mussten die Deutschen ihre Häuser verlassen, und es gelang uns, eine Wohnung zu bekommen, wo wir Unterschlupf fanden, die Deutsche vorher verlassen hatten. Nachts schlugen die Russen an die Tür und brachen herein; wir legten uns schlafen mit Kappen, die hervorlugten, so dass wir wie alte Frauen aussahen, um nicht von den Soldaten vergewaltigt zu werden. Nun, ich – also, wir schafften das.

Ich bekam so eine schlimme Gaumenkrankheit, dass man meine Zähne kaum sehen konnte, mein Gaumen war einfach voller Eiter, offensichtlich aufgrund von Unterernährung. Und langsam kamen ein paar weitere Juden in diese kleine Stadt. Woher wusste man, dass es ein Jude war? Man ging auf der Straße, und jemand kam vorüber, und er sagte: „Amchu?“ Amchu, das heißt, dass man jüdisch ist. Man sprach miteinander und fand heraus: wer bist du, kennst du den, hast du meine Mutter gesehen, in welchem Lager warst du und so weiter. Dadurch trafen wir einen Mann, und er sah, wie ich litt, wie ich aussah, und er brachte mich zu einem Zahnarzt, der kein Novocain hatte, er hatte nichts, alles, was er hatte, war eine Flachzange, das war alles. Sie zogen vier Zähne, ohne irgendetwas, direkt an Ort und Stelle, was absolut nicht notwendig war, aber er dachte, das ist wahrscheinlich mein Problem, dass sie befallen sind, und dass ich deswegen die Gaumenkrankheit habe.

Hier waren wir jetzt, fassten nach einer Weile ein bisschen Fuß in Danzig. Langsam wurden die Dinge zivilisierter. Leute kamen in die Stadt für einen Zwischenaufenthalt, und wir trafen sie und fragten sie, wo warst du während des Krieges und so weiter. Wie hielten wir uns am Leben, wie kamen wir an Nahrungsmittel? Nun, zwei meiner Freundinnen, die Polnisch sprachen, waren zur Kommandantur gegangen, wo sie zum Leiter gingen. Er sprach Polnisch, Polnisch und Russisch waren sich, schätze ich, sehr ähnlich, so dass sie sich verständigen konnten. Er versorgte uns einmal in der Woche mit Nahrungsmitteln, und wir hatten zu essen, zuweilen ganz gut. So dass, wenn Leute in die Stadt kamen, die hörten, vier Mädchen leben da, sie vorbeischauten, ob sie eine Mahlzeit bekommen könnten. Zwei meiner Freundinnen hatten großen Unternehmergeist, begannen zu kochen und machten es fast zu einem Hausmacherrestaurant, wissen Sie, wo sie ein paar Mahlzeiten während des Tages austeilen konnten.
Und so wurden die Dinge zivilisierter. Ich begegnete dann meinem Ehemann in Danzig. Er war aus der polnischen Armee desertiert, er war im Untergrund. Er kam dorthin, zu diesem kleinen Restaurant, um zu essen, und wir schlossen Freundschaft. Wir heirateten am 7. September 1945, und wir lebten zusammen mit meinen Freundinnen, wir hatten ein eigenes Zimmer, und – lebten!

Gut, langsam, aber – langsam wurde die Lage in der Stadt zivilisierter, es gab Tanzsalons, wo junge Leute zusammenkamen und tanzten, und wir eben auch. Ben war ein guter Tänzer und ein guter Sänger, und meine Freundinnen gingen ein paar Mal in der Woche in dieses, „Polonia“ hieß es, der Ort, zum Tanzen.

Eines Abends war mir nicht danach zu gehen. Alle waren angezogen, um tanzen zu gehen. Innerlich wusste ich, dass keiner aus meiner Familie überlebt hatte, keiner lebte. Und es gab keine Post, wir waren nicht in der Lage, Nachrichten zu übermitteln, nur, indem man Leute traf und wusste, der hier ist aus dieser Stadt und so weiter. Nun, jedenfalls war mir an diesem Abend nicht danach auszugehen. Und um 12 Uhr nachts – wie ich schon sagte, war die Stadt im Chaos, es war nie zivilisiert, jeder hatte eine Schusswaffe, und die Leute raubten und vergewaltigten und so weiter. Meine Freundinnen gingen, Ben und ich blieben zuhause. Um Mitternacht klopfte es an unsere Tür, und Ben ging schnell zur Tür mit seiner Waffe und fragte: „Wer ist das?“ Und ich war noch im anderen Zimmer, verängstigt, weil Sachen passierten, Morde passierten, jede Minute am Tag. Und ich höre eine Stimme: „Wohnt da eine Elly Diament?“ Und ich hörte diese Stimme und ich fing an zu schreien: „Mein Bruder! Mein Bruder!“ Und Ben öffnete die Tür, er hörte meine Stimme, er kam ins Zimmer gelaufen, und ich hörte noch andere Schritte, und ich dachte, es wäre mein anderer Bruder, die beiden hätten überlebt, aber es war nicht so. Meinen anderen Bruder hatten sie drei Monate vor der Befreiung gehängt, weil er aktiv im Untergrund war. Und so fand ich meinen Bruder. Und er blieb eine Zeitlang bei uns und… Wir verließen Danzig wieder, weil er sich einem Kibbuz angeschlossen hatte. Er hatte sich und seiner Gruppe versprochen, dass er nach Palästina gehen würde.

Und – aber als er herausfand, dass jemand mich gesehen hatte, ich meine, er war einmal vorher in Polen, um nach mir zu suchen. Und als er herausfand, dass ich am Leben war, ging er nach Berlin, um irgendwelche Papiere zu bekommen, damit es ihm gelang – und noch einmal, er ist ein deutscher Jude, der kein Polnisch spricht, und es war unglaublich, durchzukommen durch Verhör, Nachforschung und so weiter. Als er nach Berlin gelangte, ging er zur Jüdischen Gemeinde, um einige Papiere zu bekommen, und sie sagten ihm: „He, warte mal, gestern kam ein Transport mit Halbjuden aus Danzig, vielleicht ist Ihre Schwester dort.“ Also suchte er und fand die beiden Führer des Transports, die die beiden Leiter der Jüdischen Gemeinde waren, und er fragte sie: „Kennen Sie eine Elly Diament?“ Er, er lachte und sagte: „Letzten Monat habe ich dieses Paar gerade getraut!“ Nun, da mein Bruder älter ist als ich, sagte er immer wieder: „Mensch, wie kann meine Schwester ohne meine Erlaubnis heiraten!“ Jedenfalls, sie führten ihn, sie sagten ihm, wo wir lebten, und wie er dorthin gelangen könnte, und so machte er es genau und kam hierhin.

Aber es war sehr gefährlich für ihn, dort zu sein. So blieben wir eine Zeitlang. Wie kann man Danzig verlassen? Keine Papiere, nichts. Es gab normalerweise kein Transportmittel aus Danzig heraus. Mein Mann sagt: „Lass uns – mach dir keine Sorgen.“ Wir gingen nach, ich denke, es war Breslau, ich bin nicht sicher – ich denke, es war Breslau. Und Ben war im Untergrund, und er kämpfte gegen die Russen, und sein Russisch war perfekt, ich meine, ohne den geringsten Akzent. Er rief einem Lastwagenfahrer zu, hatte einige Flaschen Wodka dabei, und fragte auf Russisch: „Wohin fahrt Ihr?“ Sie sagten, sie fahren nach Berlin, und er sagte, da wollen wir hin, um mitgenommen zu werden. Ich war gerade anderthalb Monate verheiratet, acht Wochen, so etwas, sechs bis acht Wochen, und wir waren auf diesem Lastwagen, aber ich hatte gerade ein paar Tage vorher herausgefunden, dass ich schwanger war.
Aber da ich so jung war, wie ich war, keinen hatte, der einen anleitete… Wer dachte über diese Dinge nach, es ist wie es ist. Wir trafen diesen Lastwagen, und es regnete in Strömen. Es war unglaublich. Und die Burschen tranken und fuhren. Da waren wir, hatten Angst, an die Grenze zu gelangen, was werden wir machen, weglaufen, irgendwie dachten wir nicht einmal daran, was wir tun werden. Aber hofften, dass wir in der Lage wären, der Grenzkontrolle zu entkommen und nach Berlin zu gelangen. Die Burschen waren so betrunken, dass wir 45 km vor Berlin in einen Unfall mit einem Zug und dem Lastwagen gerieten. Glücklicherweise fuhr der Zug sehr, sehr langsam und stieß mit uns zusammen und schob uns ganz zur Seite. Natürlich war der Lastwagen beschädigt, und das war’s. Wir fanden eine Werkstatt, mein Mann hatte ein paar Dollars und bestach den Mechaniker, so dass der Lastwagen an Ort und Stelle repariert werden und wir nach Berlin gehen konnten. Wir sahen nie eine Grenze. Das Nächste, was wir sahen, war ein Schild: „Berlin“.

Und wir gingen zur Jüdischen Gemeinde, versuchten, alles zu erledigen, und nach Deutschland zu gelangen und Freunde, Verwandte, alle, die am Leben waren, zu finden. Also, das war mein Bruder Freddie, seinetwegen waren wir so schnell abgereist, weil er uns drängte. Anderenfalls wären wir viel länger geblieben.

Wir gelangten nach Berlin, und inzwischen dachte Freddie, dass seine Gruppe schon abgefahren ist, nach Belgien, um auf das illegale Boot zu kommen; er war auf dem ursprünglichen Exodus.

Und aus Berlin gelangten wir nach Frankfurt. Das war noch eine große Geschichte, weil – von Grenze zu Grenze zu kommen …Als wir noch in Berlin waren, fingen bei mir Blutungen an. Und der Doktor sagte mir: „Das ist der Anfang Ihrer Schwangerschaft. Sie sollten besser ruhig hier an Ort und Stelle bleiben, ansonsten werden Sie eine Schwangerschaft nicht austragen.“

Aber wir mussten losfahren. All die Handtücher, die wir dabeihatten, brauchte ich auf. Und ich wollte in meine Heimatstadt. Und mir einen Arzt nehmen, zu dem meine Mutter gegangen war. Wir gelangten also mit einer Menge Schwierigkeiten in meine Heimatstadt, nach Gelsenkirchen, und ich war zehn Tage im Krankenhaus.

In der Zwischenzeit war Freddie abgereist, um zu seiner Gruppe zu kommen, um nach Palästina zu gehen, und Ben und ich gingen nach Zeilsheim bei Frankfurt. Wir blieben lange dort; wir freundeten uns mit einigen von seinen Freunden an. Wir besuchten sie und beschlossen, dort zu bleiben, und wir wollten auch nach Palästina gehen, denn, wie Sie sich erinnern, war mein ältester Bruder weggegangen, und er lebte in Palästina. Wir warteten also, wir schlossen uns dem Kibbuz an, ich wurde wieder schwanger und brachte im Kibbuz ein Kind zur Welt, meine älteste Tochter. Der Kibbuz war in Deutschland [Anmerkung des Übersetzers: Es gab auch in Europa, sogar in Deutschland, Siedlungen in der Form eines Kibbuz, um im Rahmen der Hachschara auf ein Leben in Palästina, dem späteren Israel, vorzubereiten.].

Mein ältester Bruder hatte uns gedrängt; zu der Zeit, als ich schwanger war, nahm der Kibbuz keine schwangeren Frauen mit nach Israel auf einer illegalen Alija [= Einwanderung], und ich konnte nicht mitgehen. Aber in der Zwischenzeit schrieb mein Bruder, der älteste Bruder aus Palästina: „Geh in die Vereinigten Staaten.“ Unsere Verwandten waren da, mein Onkel, meine Tante, das ist der Bruder meines Vaters, die Schwester meiner Mutter, denen wir all unsere Besitztümer aus Deutschland geschickt hatten, die zwei Ladungen, die wir geschickt hatten, es würde ein einfacheres Leben für uns sein, als nach Palästina zu gehen. Er selbst reiste ab, um seine Studien fortzuführen, und er konnte das nur in den Vereinigten Staaten tun.

Also warteten wir. Wir bekamen ein Visum, aber ich musste ein weiteres Jahr auf Ben warten, weil Ben in Polen geboren war, so dass er unter die polnische Quote fiel, und ich war unter der deutschen Quote. Aber wir warteten, und wir gingen in die Vereinigten Staaten, und wir kamen Januar 1948 in New York an, von der Familie begrüßt. Meine Tochter war 14 Monate alt zu der Zeit.

Wir lebten fast zehn Jahre in New York. Ben war während des Krieges auch ein junger Mann, er hatte keinen Beruf, er wollte eigentlich Architekt werden, aber wenn man mit einer Frau und einem Kind kommt – und er wollte unbedingt ein Kind, er sagte immer: „Wir haben niemanden mehr, die Familie.“ Und ich sagte: „Wohin willst du ein Kind [unverständlich]?“ Er sagte, anstatt ein [unverständlich], will er ein Kind [unverständlich]. Er tat es. Er ist ein wunderbarer Ehemann und wunderbarer Vater, Worte können ihn nicht beschreiben, so gut ist er.

Und so lebten wir zehn Jahre lang in New York. Und er lernte ein Handwerk, wurde Schneider. Ich meine, er hatte keinen Beruf, und das war der einfachste Weg, weil alle Verwandten ihm auf die Schulter zu klopfen pflegten und sagten: „Mit dir wird’s in diesem Land gut gehen. Dir wird’s in diesem Land gut gehen. Mach dir keine Sorgen.“ Aber in der Zwischenzeit hatte er niemanden – er musste seinen Lebensunterhalt verdienen, er musste eine Frau und ein Kind ernähren. Er verdiente 25 Dollar in der Woche. Als er meinte, dass er sicherer war, ging er zum Chef, um ein bisschen mehr Geld zu verdienen, und so brachte er sich nach vorn, und er ging zur Schule, er lernte Entwerfen, er lernte, Muster zu entwerfen, er lernte den ganzen Vorgang, sozusagen ein guter Mechaniker zu sein.

Ich vergaß, Ihnen zu erzählen, dass in der Zwischenzeit mein ältester Bruder, während wir auf unsere Visa in Deutschland warteten, Palästina verlassen hatte, und dann hier in den USA zur Schule ging, wie er es gesagt hatte. So dass wir, als wir kamen, bereits eine Wohnung hatten, alles fertig. Er lebte mit uns. Das machte es also so viel leichter.
Nun, nach zehn Jahren zogen wir nach Kalifornien. Mein Mann hatte eine Auseinandersetzung mit einem seiner Onkel. Mein Bruder ging damals zur Rabbinerschule, er stand gerade kurz vor seiner Ordinierung, und er sagte meinem Mann, der so schrecklich aufgeregt war: „Geh nach Kalifornien, sieh dir an, was da los ist. Ich werde versuchen, ein Amt in Kalifornien zu bekommen, und wir werden zusammen sein.“ Freddie war nach Israel gegangen, das noch Palästina war, er lebte in einem Kibbuz.
Also ging Ben nach Kalifornien, kam nicht mehr zurück; wir hatten ein paar sehr enge Freunde, die sechs Monate zuvor dahin gezogen waren, und ihm Mut machten, bei ihnen zu bleiben, in New York alles abzuwickeln und nach Kalifornien zu ziehen. Und er rief mich jeden Abend an, und ich konnte es nicht glauben: er ließ mich mit den beiden Kindern zurück. Sie sagten ihm: „Würdest du nach New York zurückgehen, kämst du niemals nach Kalifornien zurück.“ Denn dann würde er ein zweites Mal darüber nachdenken. „Daher, wenn du hier bleibst, ist es gut für dich.“ Er kam hier in Kalifornien an einem Samstag an, und am Montag arbeitete er schon! Und der Betrieb, bei dem er Teilhaber ist, mit zwei anderen Männern, für den arbeitete er. Der Mann war unglaublich, Ernest Strauss, er machte es ihm so einfach; Ben hatte zu der Zeit kein Geld, er sagte: „Bring deine Familie her. Was immer du brauchst, ich gebe dir einen Gehaltsvorschuss. Du brauchst Geld, hier ist Geld.“ Er machte ihm eine Wohnung fertig. Innerhalb von sechs Wochen verkaufte ich alles in New York, und wir kamen nach Kalifornien und sind seitdem immer glücklich gewesen. Inzwischen hatte ich noch eine Tochter. Wir waren innen und außen sehr, sehr gesegnet mit zwei schönen Töchtern, wir haben zwei Enkelkinder, und meine Töchter sind gebildet, beide sind verheiratet, wir haben wunderbare Schwiegersöhne, sie hätten sie nicht besser aussuchen können…

Ende der Aufnahme

GELSENZENTRUM
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Übersetzung

Beitrag von GELSENZENTRUM »

Meinen herzlichsten Dank an Marie-Cecile Duclercq und Harald Gerunde für diese Übersetzung!

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Dietmar
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Holocaust Überlebende.

Beitrag von Dietmar »

Hier ist eine wichtige Geschichte dokumentiert.

In diesem Zusammenhang möcht ich auf zwei Filme verweisen:

1. Schindlers Liste (Regie: Steven Spielberg, 1993).

2. Die Grauzone (Regie: Tim Blake Nelson, 2005).

Ich wünsche mir, dass der Bericht hier große Beachtung findet.

Dietmar Kesten

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Verwaltung
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