Alles hat seine Zeit oder: auf dem Friedhof lachen?

Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes

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Dietmar
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Holocaust-Überlebende.

Beitrag von Dietmar »

GEDANKEN ZUM HOLOCAUST-DENKMAL IN BERLIN, I.

NIEDERGESCHRIEBEN NACH EINEM BESUCH IM DEZEMBER 2006.



Gegen das Vergessen, das ist der zentrale Hintergrund, der scheinbar die Betrachter aus der Reserve lockt, wenn es darum geht, die Plötzlichkeit des Phänomens zu deuten, dass sich seit Jahrzehnten einer sehr angenehmen Art des Nichterinnerns erfreut. Wer kann mit, wer kann ohne Vergessen leben? Welche Bedeutung hat das (politische) Bewusstsein vor dem Hintergrund der moralischen Appelle der Katharsis? Es hat etwas Irreführendes und Entlarvendes, dass ausgerechnet eine Form des Symbolismus das angeblich authentische Verlangen darstellen soll...

Die Bedeutung des Holocaust in einem Denkmal des Konsumprodukts, der Touristenattraktion und kommender „sehenswürdiger“ Stadtbilder verwirklicht sehen zu wollen, gleicht einem Alptraum, der die Masse des Hirns Stück für Stück zerkleinert. Absurd! Die bewährte Vergessenstechnik schwingt sich auf zu einer Rettungsaktion, die mit den Chiffren der öffentlichen Moral zur bösen Gedächtnislast wird. Doch Vergessen und Verbrechen gehören aufs innigste zusammen. Es scheint so, als ob die Parlamentarier diese einfache Wahrheit des politischen Spiels nicht begriffen haben. Schleichwege und Ausweichmanöver haben dieses Wahrheitsspiel in den zurückliegenden Jahren bestimmt, und es kann kein Zufall sein, dass man sich jetzt auf einmal - nach einer erfolgten Auslöschung der Erinnerung eines unfassbaren Kapitels deutscher Geschichte aus den Köpfen - mit einem überschäumenden Übermaß der Barmherzigkeit erinnert...

Es ist eine seltsame Überlagerung von Kriegen und todbringenden Ideologien, die sich da vollzieht, die mit unaufhörlichen materiellen Anreizen die eigenen Mechanismen der Denkvorgänge außer Kraft setzt, die millionenfachen Mord zum Höhepunkt des politischen Ensembles werden lässt. Alle Lebenden und Toten koexistieren auf einmal friedlich nebeneinander. „Ein Zeichen für die Zukunft“, das soll auf Veranlassung der Politik gesetzt werden. Verhüllen ist nun mal angenehmer als Enthüllen. Denn im menschlichen Geist ist nichts natürlicher wie das Vergessen, das tatsächliche Vergessen, das Verdrängen, das Verleugnen, das Verzerren. Vergessen der Zeit und der Grenzen, Elixier des Lebens, die Bannung des Todes und seine Drohungen, da kann es keine „Zeichen für die Zukunft“ geben; denn die Rolle des Staates in der Geschichte löscht Vergangenheit und Zukunft immer wieder aus, weil er sich niemals aus den Katakomben, den Labyrinthen und den Gefängnissen der Gegenwart befreien kann...

Am schwierigsten ist es, der Öffentlichkeit zu sagen, dass es der Zynismus der Macht ist, der den gesamten Gesellschaftskörper durchläuft, der die Wirkung von Geständnissen hätte, wäre er denn ausgesprochen. Die „wunderbare Heilung“ der Verbrechen: Seit dem Mittelalter begleitet sie uns wie ein Schatten, die Folter des Geständnisses. Das ist eine rührige Art des Philosophierens: Die feierlichen Trauerriten sind den Politikern dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie vermutlich damit ihr ganzes Leben verbringen könnten. Es sind ja keine Geständnisse, die abgeliefert werden, sie haben sich nur als eine Art Verfahren durchgesetzt, und dadurch, dass man sich selbst erpresste, ist man zum billigen Geständnistier geworden...

Denn es geht gar nicht um die Aufhebung des Verdrängens, es geht um Beruhigung, es geht auch nicht um Selbstprüfung, die unter den flüchtigen
Eindrücken der Alltäglichkeit wie Rituale erscheinen müssen. Es geht um Wirkung der Macht, die im Formwandel der Lust am Erzählen durch die jüngste Geschichte geistert. Das Geständnis befreit! Die Macht zwingt zum Schweigen! Die Wahrheit gehört nicht zum Ordnungsgefüge der Macht, sondern steht der politischen Geschichte der Wahrheit diametral entgegen. Sie ist die falsche Form der Überlieferung der auf den Kopf gestellten Erinnerung an die tatsächlichen Verbrechen. Daher ist das Vergessen von Verbrechen gleichzusetzen mit dem Verleugnen von Verbrechen...

Sühne soll helfen, das Hasspotential zu entleeren, gleichsam einem Gefäß, die Techniken des Schöpfens immer wieder neu anzuwenden, bis sie langsam wieder zur alten Blüte heranwachsen, bis wir wieder Kriege, Unbeherrschtheit und Egomanie brauchen. Das kann kein Denkmal bewerkstelligen. Die innere List dieses Denkmals ist die Zensur, die Untersagung des Sagens und des Denkens. Für alle Zeiten, ein Mahnmal für den Maulkorb, ein ungeheuerliches Verbot dieser Zivilisation, in Stein gehauen, vom Winde umweht. Wessen man sich erinnert und was man vergessen hat, was sich verbirgt, woran man nicht denkt, und was man nicht zu denken denkt! Ein Denkmal tilgt keine Schuld, kauft niemanden frei, reinigt kein Individuum, erlöst ihn selbst von seinen Verfehlungen nicht. Es ist in Wirklichkeit ein Hindernis der Wahrheit, dass das Stelenfeld verhüllen wird...

Unser Vergessen, die allgemeine Matrix dieser Methode, bereitet das nächste Verbrechen vor. Das Eingraben von Namensschildern als Element des Vergessens in einer Mahnmal-Idee zum Ausdruck zu bringen, gehört mit zu den vielen Irrtümern, Naivitäten und Moralismen, die die Moderne zum Ausdruck gebracht hat. Wahre Schuld zu bekennen, ist ein dauerhafter Akt. Wenn die Bilder des Krieges, des Begehrens, die Verdopplung der Lokalisierung des Zwangs, der auf dem ganzen Erdball sein Unwesen treibt, sich in Zwangsvorstellungen, der Scheußlichkeit kein Ende zu bereiten, niederschlägt, dann beginnt erst die eigentliche Verirrung des Geistes. Und die Gesellschaften haben begonnen, ein neues Netzwerk aufzubauen. Überall Denkmäler, überall bösartige Zustände- für Scheußlichkeiten kann sich niemand entschuldigen, weder bei den Toten noch bei den Überlebenden...

Dietmar Kesten

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Dietmar
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Holocaust-Überlebende.

Beitrag von Dietmar »

GEDANKEN ZUM HOLOCAUST-DENKMAL IN BERLIN, II.

NIEDERGESCHRIEBEN NACH EINEM BESUCH IM DEZEMBER 2006.


Wer Denkmäler als Repräsentationsmodell begreift, der hat Kunst in das alltägliche Leben des Unvermeidlichen eingefügt. Das ist eine seltsame Form von Kunst. Ihr Wurzeln reichen tief in die Geschichte des Abendlandes: Verwerfung, Ausschließung, Versperrung, Maskierung. Der Mensch handelt in der Regel danach, was die Macht ausspricht. Selbst mit dem Erinnern an das Vergessen ist die Entzauberung der Welt nicht mehr aufzuhalten. Die Erinnerung daran wird kollektiv abgesessen. Das Vergessen ist nur in Sperrgebieten der Denkmalkunst zu besichtigen: Du sollst nicht berühren, du sollst dich nicht erinnern, du sollst nicht darüber sprechen, und schon gar nicht sollte es existieren. Anscheinend wird immer nur um die Gunst der Stunde gebuhlt. Der Strom des Vergessens durchzieht die Gedächtnislandschaft, so fließt auch Lethe, der Strom des Vergessens. Man muss die Übermacht der geschichtlichen Erinnerung begreifen, die ein menschliches Leben von der Geburt bis zum Tode begleitet. Erst dann kann das Vergessen unsterblich gemacht werden, wenn man sich nicht den verwegenen Ausfällen verwehrt, die das bürgerliche moralische Recht romantisch verklärt...

Wer etwas vergisst, muss auf eine peinliche Warum-Frage gefasst sein. Doch die Redner an den jeweiligen Orten des Vergessens deponieren die
Gedächtnislandschaft an einem einzigen Ort und fassen sie als Bilder auf.
Das ist höchst erstaunlich, weil die Wasser des Lethe-Stroms das Vermögen haben, die Erinnerung zu erhalten, die nach dem Mythos mit verstärkender Kraft die Diesseitswelt an allen Orten abbildet. Überall dort, wo die Vergesslichkeit der Welt den Machthungrigen in die Hände spielt, passiert das fortwährende gleiche Drama: Das Gedächtnis ist zur Verdammung des Vergessens bereit. Alle Hüllen, die fallen, suchen sich im Kräfteverhältnis zwischen Unwissenheit und Wissen, zwischen Vergessen und Erinnern einen Ankerpunkt. Das sind ganze Konzeptionen einer umfassenden Strategie des Vergessens. Und die Politik hat ein Netz um das Vergessen gespannt. Das Gesetz des Vergessens hat sich auch bei ihr zwischen dem damaligen Ereignis und der heutigen Vergegenwärtigung geschoben, und somit sind viele Erinnerungen verwischt oder ausgelöscht. Auf jeden Vergessensschub folgt das Erdbeben der tatsächlichen Ereignisse. Und was tatsächlich vergessen wurde, bleibt auch vergessen, für immer vergessen...

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant bezeichnete die Vergesslichkeit als „ein durchlöchertes Fass“. Und immer wieder wird sie Merkzettel für einen lebenspragmatischen Imperativ bleiben: Das hereinbrechende Verhängnis des Vergessens ist die Nacht, in die der Mensch eintaucht. Nur mit versteinerten Minen kann man die Ergötzung der Dunkelmänner, der politischen Steinmetze betrachten. Ihr Vergessen in der Welt der Moderne, der Welt der Information, ist schon beinahe zum Vergessenskult mutiert: Vergeben, vergangen, vergessen. Selbst die Opfer der Shoa verblassen dahinter. Vergessen wird so schnell herbeigeschafft wie weggeschafft. Und im Sinnestaumel der nächsten Vergessensbegegnung neigt sich die Kurve diesen Mechanismen erneut zu: In doppelter Reihe werden Statuen aufgebaut, die Öffentlichkeit hergestellt, Bildhauer und Maler reichen sich die Hände. Und das, obwohl die Toten, alle Lebenden unter der gleichen Asche begraben sind und werden...

Wer wollte noch davon reden können, dass das Labyrinthische, aus 2700 Betonstelen bestehende Mahnmal, eine Bedeutung hat? Auf dem Leben liegt eine gewaltige Last - die Verbrechen der Moderne als permanent schwelenden Konflikt mit unbekanntem Ausgang zu begreifen. Das erst mündet ein in ein exemplarisches Drama des Erinnerns und Vergessens. Vergessen ist nicht politisches Gutdünken über die Verbrechen und Verbrecher des Faschismus. Es muss immer eingefordert werden, und es muss immer bleibend sein - kein Stein, kein Mahnmal, kein Denkmal, keine Statue kann das je erreichen.

'NIEMALS WERDE ICH DIESES NÄCHTLICHE
SCHWEIGEN VERGESSEN, DAS MIR FÜR ALLE
EWIGKEITEN DIE LUST ZUM LEBEN GENOM-
MEN HAT!' (ELIE WIESEL)



[/b]

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Habe die Beiträge nur überflogen. Mein Statement ist simpel: Ich muß keine Vergangenheit bewältigen. Daher holt sie mich dauernd ein. Das ist gut so. Nur möchte ich in meiner Heimatstadt nicht dauern stolpern. Das besorgt schon mein Bewußtsein. Die linken Attituden in diesem Forum nerven wirklich. Es gibt zuwenig Menschen mit einem PC, die keine Komplexe haben. Katzentisch? Kann sein, man kann sich auch zurückziehen, wenn man der Meinung ist, vor irgendeinen Karren gespannt zu werden. :twisted:

Nachsatz: "Der Tod ist <b>k</b>ein Meister aus Deutschland". Auch Dichter irren.

kwitsche
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Bilder einer Ausstellung

Beitrag von kwitsche »

hast recht rabe, erinnert mich auch an ochse von bilder einer Ausstellung
und wäre da nicht Artmann gewesen dessen Austellung er besucht hätte und beim betrachten der Bilder komponiert hätte im Zwiefel der Herztattacke hätte das auch keinemn Anschub für
Musorki gegeben oder wie er sich schreibt Wunderbar der Ochsenkarre ausm Dreck

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

@kwitsche

Ja H. C. Artmann...! Nur Paul Celan ist einer der größten deutschsprachigen Dichter. Wenn der den Fehler macht, politische Greuel ins existentiell Deutsche zu verkehren, dann muß man gerade diesen Dichter kritisieren. Das hat mit der Verantwortung der Meister der Schrift , wie überhaupt der Künstler zu tun.

Heinz
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Beitrag von Heinz »

rabe489 hat geschrieben:Habe die Beiträge nur überflogen. Mein Statement ist simpel: Ich muß keine Vergangenheit bewältigen.
Die einen scheinbar nicht, die anderen scheinbar doch.
Wenn die einen darüber schreiben, müssen die anderen es aber nicht zwangsläufig lesen.
Wegsehen muss nicht immer raushalten bedeuten. 8)
rabe489 hat geschrieben: Nur möchte ich in meiner Heimatstadt nicht dauern stolpern.
Da sei das Stadtmarketing und die Ein Euro Shops und die güldenen Kanaldeckel vor. :wink:
rabe489 hat geschrieben:Die linken Attituden in diesem Forum nerven wirklich.
Was kann damit gemeint sein?
rabe489 hat geschrieben:Es gibt zuwenig Menschen mit einem PC, die keine Komplexe haben.
Untersuchungen sagen etwas anderes. Danach sollen gerade die PC- und Internetbenutzer sich durch hohe soziale Kompetenz, Reflexionsvermögen usw, auszeichnen. Wo lässt du deine Statistik fälschen?
rabe489 hat geschrieben:Katzentisch? Kann sein, man kann sich auch zurückziehen, wenn man der Meinung ist, vor irgendeinen Karren gespannt zu werden. :twisted:
Man kann auch umspannen, abspannen, lenken, bremsen... zurück-ziehen geht natürlich auch. :wink:
rabe489 hat geschrieben:Nachsatz: "Der Tod ist <b>k</b>ein Meister aus Deutschland". Auch Dichter irren.
Ja ... und nach Auschwitz dürfen keine Gedichte mehr geschrieben werden und die banalität des Bösen....
Aber du kannst schon ein Sprachbild von einem parteipolitischen Programm oder einer Statistik unterscheiden? :roll:

GELSENZENTRUM
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Beitrag von GELSENZENTRUM »

rabe489 hat geschrieben:Habe die Beiträge nur überflogen. Mein Statement ist simpel: Ich muß keine Vergangenheit bewältigen.
Die Gnade der späten Geburt...das kenn' ich doch irgendwoher?


Bin spät drann heute.... :schildkroete:

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Fuchs
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Beitrag von Fuchs »

Laut Statistik ist die Ehe die Hauptursache aller Scheidungen...
Es ist schon eine Kunst, Politik nicht falsch zu verstehen.Sowohl für den Bauern, als auch für sein Vieh.

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Ja wie? Soll das jetzt doch gelten: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"?
Sprachbild hin - Sprachbild her, es ist schlicht falsch, würde Goethe sagen. Statt "aus", sollte es wenigstens "in" heißen; na und "die Spätgeborenen": Ich bin auch zu spät geboren, um mich als Christ für die Hexenprozesse des Mittelalters direkt verantwortlich zu fühlen. Als Christ bin ich nicht ursächlich mit der Inquisition verwandt.

Schiller
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Beitrag von Schiller »

rabe489 hat geschrieben:Sprachbild hin - Sprachbild her, es ist schlicht falsch, würde Goethe sagen.
Goethe würde sagen: "Wer ist dieser Rabe, dass er es wagt für mich zu krächzen"? 8)

Heinz
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Beitrag von Heinz »

Hallo rabe489,

schwarze Milch ist auch völlig falsch. :wink:

Buttermilch, oder für dich Kefir ginge.
Vollmilch, Sauermilch, entrahmte Milch, H-Milch, fettarme Milch, alles möglich.

Aber nicht: schwarze Milch.

Das Gedicht strotzt also vor Fehlern.

Und ist, wie du ja festgestellt hast, auch noch politisch unkorrekt. 8)

NeoNazis sagen übrigens in umkehr des Gedichtes: Der Tod ist ein Meister aus Israel.

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Ein Wespennest, in das ich da geraten bin. Man kann ja alles (ver-)drehen und wenden, Herr Minister Schiller, lieber Heinz: Ich weigere mich zu akzeptieren, dass ich als pittore <b>tedesco</b> ein Todesbote bin! Anscheinend ist Nationalbewußtsein (nicht Nationalgefühl!) - bewußtsein hier ein "schwarzes" Tuch. Ilja Ehrenburg schrieb ca. 1948 man müsse die Deutschen ausrotten (wahrscheinlich weil der "Tod ein Meister aus Deutschland"sei). Es ist traurig und zeugt von pathologischen Zuständen, dass ich ausdrücklich bekennen muß: Ich bin Deutscher ohne zugleich meinen Meister im Tod zu haben. :shock:
Das Gedicht beginnt mit einem Oxymoron, nämlich mit den Worten: „Schwarze Milch“.

Möglicherweise spielt der Autor hiermit auf den Kunstkaffee an, der in manchen KZ-Speiseplänen eine dominierende Rolle spielte, obwohl dieser nicht zu allen Tageszeiten, wie es Celan schildert, aufgenommen wurde. Andere Quellen spekulieren, dass sich Celan hier auf die Klagelieder des Jeremias im alten Testament bezieht. Da heißt es: „Ihre Fürsten waren reiner denn Schnee und klarer denn Milch. [...] nun ist ihre Gestalt so dunkel von Schwärze.“ (Klgl 4,7f ) (Wikipedia)
Als Redewendung wird die Zeile „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ besonders im antifaschistischen Sprachgebrauch häufig zitiert und findet sich auf Plakaten und in Wandmalereien wieder. (Wikipedia)

pito
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Beitrag von pito »

rabe489 hat geschrieben:Ich muß keine Vergangenheit bewältigen.
Das haben schon viele gedacht. Weil sich die Vergangenheit und die damit verbundenen gedanklichen Konstrukte und Lebensentscheidungen im Unbewußten verstecken.

Ich persönlich glaube auch nicht, dass ich deutsche Historie aufarbeiten muss, die mich, zeitlich bedingt, nicht mehr betrifft. Aber ich bin immerhin hier aufgewachsen und ein gewisses Klima von Verschweigen, Betroffenheit und Angst als schuldig bezeichnet zu werden, hat mich unterschwellig geprägt. Uns alle. Aus der Aufarbeitung dessen kann man nur gewinnen, Freiheit nämlich und ein gesundes Gefühl von Verantwortung. Wer glaubt, mit der Aufarbeitung fertig zu sein, macht sich was vor. Man ist ja kein Buch, dass auf der letzten Seite zu ende ist und Schluss. Man muss sich jeden Tag erneut im Spiegel angucken und gewisse Dinge immer wieder von vorne anfangen. Ein Leben lang.
Nur möchte ich in meiner Heimatstadt nicht dauernd stolpern.
Also erst mal: Faktisch kann man über die Stolpersteine nicht stolpern. Sie liegen flach im Boden. Und gedanklich "stolpern" tun nur diejenigen, die die Existenz von Geschichte ausblenden, oder das zumindest versuchen.

Viele Leute scheinen zu glauben, die Stolpersteine seien dazu bestimmt, den Passanten aufzuschrecken, ihn mit etwas zu konfrontieren, was er gar nicht wissen will, eine Reaktion von ihm einzufordern und ihm schlicht den Tag zu versauen. Eine absurde Befürchtung!

Wenn ich in anderen Städten (zuletzt in Essen) Stolpersteine entdecke, weckt das mein Interesse. Ich werde nicht in erster Linie mit entsetzlichen Leiden überschwemmt, denn die Stolpersteine stehen ja nicht für anonyme anklagende Opfer, sondern für authentische Menschen mit einem Namen. Mir kommen Gedanken, wie: Wer waren diese Menschen? Wie sahen sie aus? Welche Interessen hatten sie? Welche Spitznamen haben sie sich gegenseitig gegeben? Was haben sie alles in diesem Haus erlebt? Sind sie vielleicht jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule über eben jene Pflasterstelle gegangen? Es stellt sich ein verbindendes Gefühl ein. Diese Leute waren da und sind es in gewissem Sinne noch heute. Trotz aller Mühe sie verschwinden zu lassen. Man spürt, dass Vergangenheit nicht bloß etwas Schwarzweißes ist, was in eingebildeten Büchern steht, sondern sie ist wirklich passiert. Hier. An dieser Stelle. Und egal wieviel wir sie aufarbeiten, sie wird dadurch nicht weniger. Eher im Gegenteil.

Wer vor Stolpersteinen Angst hat, verpasst etwas.
Die linken Attituden in diesem Forum nerven wirklich.
Ey hömma ey, ich lass mich doch nich auf irgendson spektrum festnageln. Einseitig is nie gut.
Es gibt zuwenig Menschen mit einem PC, die keine Komplexe haben.
Es gibt zuviele Menschen ohne PC, die Komplexe haben. Z.B. über Menschen mit PC, die Komplexe haben. Die Menschen, nicht die PCs. Ein komplexes Thema.
Nachsatz: "Der Tod ist kein Meister aus Deutschland". Auch Dichter irren.
In der damaligen Situation und den damaligen Umständen, trifft Celans Aussage durchaus zu. Der Tod kam aus Deutschland (viele Lager lagen in den Ost-Staaten) und war wahrlich ein Meister. Niemand sonst hat es fertiggebracht, Tod so effizient, berechnend und so kalt von oben herab über die Menschen zu bringen. Für die selben Eigenschaften werden noch heute Menschen mit Orden ausgezeichnet. Von diesem Meister hat die Welt offenbar nichts gelernt.

Man kann diesen satz auch ohne Probleme durch die Zeiten weiterführen:

Der Tod ist ein Meister aus Russland.
Der Tod ist ein Meister aus der Türkei.
Der Tod ist ein Meister aus Chile.
Der Tod ist ein Meister aus Ruanda.
Der Tod ist ein Meister aus dem Irak.
Der Tod ist ein Meister aus den USA.
etc.
Ein Wespennest, in das ich da geraten bin.
Hei, wie sie fliegen. Wespen wollen eigentlich gar nicht stechen. Das tun sie nur, wenn sie sich bedroht fühlen. Wer nicht nach ihnen schlägt wird auch nicht gestochen.

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Klare Worte, die lasse ich mal so stehen. Nur eine Anmerkung zur Angst: Ich fürchte(!), eine bestimmte Haltung hat Angst vor ihrer Identität. Es gibt die üble Rede von "vaterlandslose Gesellen". Der schließe ich mich <b>nicht</b> an.

P.S.: "Celan": es geht um das "ist"!

Dirk Gently
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Beitrag von Dirk Gently »

Der Tod war zwischen 1933 und 1945 ein Meister aus Deutschland.

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