Heinrich Claus - Wir wissen nicht, was morgen wird

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pito
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Heinrich Claus - Wir wissen nicht, was morgen wird

Beitrag von pito »

Heinrich Claus, geboren am 10. April 1908 in Gelsenkirchen.

Die Volksschule absolvierte er in Essen-Kray, die Reifeprüfung am Gymnasium bestand er jedoch wieder in Gelsenkirchen. Zunächst studierte er in Leipzig Pädagogik und Germanistik, konnte dieses Studium jedoch aus finanziellen Gründen nicht beenden. Einige Jahre war er in Bernburg/Saale journalistisch tätig, dann schloss er in Dortmund an der Hochschule für Lehrerbildung sein pädagogisches Studium ab. Er galt als "literarisches Talent". Auf Einladung der "Akademischen Kurse" las er in Essen und Düsseldorf und im Rundfunk.

1940 erschien sein erster und einzige Gedichtband "Lieder der Heimat", im gleichen Jahr wurde er eingezogen und starb am 19. Januar 1945 an der Westfront in der Eifel, wo er auch begraben liegt. Eine kleine Erinnerungsschrift sprach noch 1952 davon, er sei "für seine geliebte Heimat" gestorben.

Die Heimat war für Heinrich Claus ein Hauptthema, jedoch sah er sie nicht im nationalsozialistischen Großdeutschland, sondern vielmehr im Kleinen, in der spezifischen Landschaft des Reviers, seinen Menschen, ihrer Sprache und ihrem Arbeitszusammenhang. Claus pflegte einen bescheidenen, stillen Stil, mit dem er aus dem allgegenwärtigen NS-Pathos angenehm herausfällt. Zwar finden sich auch bei ihm bisweilen jene typischen Phrasen und Worthülsen, ohne die er im dritten Reich vermutlich gar nicht hätte veröffentlichen können:
Heinrich Claus hat geschrieben:... Was wir schaffen, was wir sinnen,
Werk, gigantisch, stolz und rein,
soll vor kühnen Neubeginnen,
stiller Dank an Deutschland sein. ...
Doch gerade in seinen besten Gedichten schlägt er ganz andere, zeituntypische Töne an. Er stimmt nicht ein den Chor pathetischer Hymnen auf das nationalsozialistische Vaterland, Blut und Boden und germanisches Volk etc, sondern läßt vielmehr Skepsis durchscheinen.
Heinrich Claus hat geschrieben:... Wir wissen nicht, was morgen wird.
Heulend der Tod die Welt durchirrt. ...
Er beschreibt eine von harter Arbeit und Technik dominierte Gesellschaft, der die Menschlichkeit verloren geht. Wenn er vom Tod schreibt, dann ist es (in diesen Zeiten sehr selten) kein Heldentod. Aber so hart und zermürbend er das Leben im Ruhrgebiet auch beschreibt, es bleibt für ihn die Heimat.




Informationsquelle:
Herbert Knorr, Zwischen Leben und Poesie - Geschichten der Gelsenkirchener Literatur und ihrer Autoren von den Anfänge bis 1945, ISG, Klartext, 1995

Lexikon Westfälischer Autoren und Autorinnen:
http://www.lwl.org/literaturkommission/ ... or_id=1065
Zuletzt geändert von pito am 12.06.2009, 15:01, insgesamt 2-mal geändert.

pito
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Beitrag von pito »

  • Heinrich Claus

    Ruhrheimat

    Zwischen Schächten, rußenden Kaminen
    Hocken Häuser, liegt das schmale Land,
    Das durchbraust vom Tosen der Maschinen,
    Schon am Eingang unseres Daseins stand.

    Zechenplätze, eiserne Giganten,
    Dumpfe Straßen und geschwärzte Fronten,
    Was die Männer in dies Leben brannten,
    Liebten wir, so heiß wir lieben konnten.

    Denn die Heimat ruht in allen Dingen,
    Die sich Gott und Mensch im Kampf erschufen.
    Laut will ich von dieser Heimat singen.
    Alle Wege sollen heim uns rufen.
Zuletzt geändert von pito am 12.06.2009, 15:09, insgesamt 1-mal geändert.

pito
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Beitrag von pito »

  • Heinrich Claus

    Der Zeche stillste Kammer

    Im Licht der schmalen Sonne glänzt der Schacht.
    Leicht rieselt heller Staub auf rote Steine.
    Das Totenhaus ist kühl. Im warmen Scheine
    Ist es von blauem Himmel heute überdacht.

    Die eine Kammer endet jäh das Leben.
    Vollendet ist, was sich der Schrein erkor.
    Nun tappen Schritte leis. Die Hände beben.
    Schon rollt der schwarze Wagen durch das Tor.

    Sie kennen alle dieses Haus der Ruh.
    Und jeder weiß: es kann dein Ende sein.
    Steif übers Zechenpflaster schlürft der Schuh.
    Und Ewigkeit zieht in das Beinhaus ein.

    Durchs Fenster springt der wilde Schrei der Schicht.
    Es stöhnen Maschinisten schwer im Chor.
    Der Arzt tut schweigend seine harte Pflicht.
    Jetzt an der Türe lauscht ein banges Ohr.

    Der Zeche stillste Kammer birgt dies Haus.
    Weiß sind die Fliesen, schwarz der Gram der Trauer.
    Es tragen Fraun zum Sarg den Blumenstrauß.
    Oft stehen sie still und ruhen an der Mauer.

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