Ernst Günther

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rabe489
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Ernst Günther

Beitrag von rabe489 »

Geb 12. Nov 1948, Buchhändler, lebt (1968) in Gelsenkirchen-Buer. Sein erstes Gedichtheft (war mit mir und Heiner Gahmann befreundet, was wurde aus Ihm?):

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Ging Ernst Günther zum Zirkus in Ostdeutschland?

Nr. 8 Günther, Ernst
33 Zirkusgeschichten / Ernst Günther
Berlin : Henschel, 1981

[ nach diesem Titel suchen]


"Der Zirkus ist eine Einheit der Vielfalt.", 3. Aufl., 238 S., 20 cm; 3


Seiten gebräunt, Einband an den Kanten abgegriffen,



[Schlagworte: Variete ; Darstellende Künste ; Anthologie ; Erzählung ; Zirkus ; Manege ; Tiere ; Artisten ; Clown ; Biographie ; Fotos ;]
Sprache: Deutsch
Artikel-Nr. T189
8060 weitere Einträge gefunden im
Katalog Erzählungen/ Geschichten/ Märchen/ Novellen/ Sage/ ... beim Anbieter Antiquariat Cathleen Ryll, Deutschland

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Heinz H.
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Beitrag von Heinz H. »

Ernst Günther gesucht...!
Jahrgang 1948 aus Gelsenkirchen, hat von 1959 bis 1965 die Städtische Realschule für Jungen besucht. Abschlussklasse war die "6b"!
Ernst Günther hat in der Abschlussklasse neben mir gesessen. Ich erinnere mich noch genau, wie er mir ab und zu "vorgesagt hat". :oops:
Wir waren beide gute Vorleser und sind bei einem Vorlesungswettbewerb mal Sieger geworden. Als Preis gab es damals Freikarten für Veranstaltungen im Lyzeum. Dort gab es eine Vorstellung des Puppentheaters mit Heinrich Maria Denneborg und die Filmvorführung "der alte Mann und das Meer".
Ernst Günter hatte eine große Sammlung von "Perry Rhodan" Science-Fiction-Heften. Da habe ich mir oft welche ausgeliehen. Sein Berufswunsch war damals sehr ungewöhnlich, er wollte Buchbinder werden. Nach der Schulzeit haben wir uns dann aus den Augen verloren.

Meine Recherchen haben folgendes ergeben: zweimal Ernst Günther? :?:
1. Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren
Ernst Günther
Geboren am 12. November 1948 in Gelsenkirchen. Lebt dort als Buchhändler und Redakteur.
Selbständige Veröffentlichungen: 33 Zirkusgeschichten. Berlin: Henschel 1977, 1981, [1987] – Geschichte des Variétés. Ebd. 1978, 1981 – Sarrasani, wie er wirklich war. Ebd. 1984, 1985, 1991 – Zirkusgeschichte. Ein Abriß der Geschichte des deutschen Zirkus. Ebd. 1986 [mit D. Winkler] – Charivari. Geschichten von Zirkus, Variété und Show. Ebd. 1990 – Der lachende Sarrasani. Anekdoten aus der Welt eines berühmten Zirkus. Geleitw. von T. Stosch-Sarrasani. Husum: Husum-Druck- und Verlags-Gesellsch. 1992.
Mitarbeit: Circus Roncalli. Geschichte einer Legende. Hg. von W. Köhler und E. Labonte. Hamburg: Hoffmann und Campe 1997.
Unselbständige Veröffentlichungen in: Beispiele Beispiele. 1969 – Diagonale. 1966 – Thörn. 1966/67 – Elan. 1968 – Stimmbruch. 1968 – Buchhändler heute. 1968ff.
Nachschlagewerke: Revier heute 1971 – Dt. Bibliothek.
Quelle: http://www.lwl.org/literaturkommission/ ... db3b4f87e8
2. Veranstaltungskalender Dresden
Ernst Günther - Jahrgang 1938, befasst sich seit 1958 mit Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis von Circus, Varieté und Show. Er arbeitete als Artist und Pantomime am Varieté, studierte Journalistik und war Chefreporter. Der Dresdner, bekannt auch als "ergü", ist freiberuflicher Fachkritiker, Artistenmentor, Regisseur und Juror. Günther ist erfolgreicher Autor zahlreicher Sach- und Unterhaltungsbücher sowie wissenschaftlicher Arbeiten vorrangig zu Zirkus, Varieté und Magie. Er wurde mit dem Saltarino-Preis der Gesellschaft der Zirkusfreunde ausgezeichnet. Seit über 47 Jahren erforscht er die Geschichte des Zirkus Sarrasani.
Quelle: http://www.dresden.city-map.de/city/db/ ... 00804.html
„TROCADERO Sarrasani - Ein Leben für den Circus“
Gäste: André Sarrasani, Oliver Groszer, John Burke, Ernst Günther (Mitte), Ingrid Sarrasani
Bild
Foto: Robert Michael
Quelle: http://www.erlebnislesen.com/gal/150107.php

Ernst Günther *1938?
Ernst Günther *1948?
…es kann doch nur einen geben!...oder?
:shock:




Im nächsten Jahr wollen die „6bler“ ihr 50 jähriges Jubiläum feiern und Ernst Günther ist auch herzlich dazu eingeladen. :wink:

_________________
Für manchen ist das ganze Leben ein Zirkus. Für manchen wieder der Zirkus das ganze Leben.
Ernst Günther

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Schätze geb. 1938 ist kein Schreibfehler. Der Zirkus Günther muß (Publikationsdaten) ein anderer sein

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Beitrag von Verwaltung »

  • Ernst Günther, geb. 1948 in Gelsenkirchen-Buer, Ausbildung als Buchhändler, war auch als Friedhofsgärtner und Brotverkäufer tätig; veröffentlichte Prosa un Lyrik in literarischen und politischen Zeitschriften und Zeitungen, u.a. in "Diagonale", "Elan", "Blickpunkt", "Jungbuchhandel", "Törn", 1968 erschien sein erster Gedichtband "Paralyse"; Lesung in der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen am 20.9.1968
Quelle:
Beispiele - Texte aus der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen
Hugo Ernst Käufer (Hrsg)
Georg Bitter Verlag 1969

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Beitrag von Verwaltung »

Ein Text wie geschaffen für heiße Tage. Delirium, Verwandlung, was ist wirklich? ...
  • Ernst Günther

    Fabeltier

    Ich haspele meine Gliedmaßen auseinander: Auch das ist Spiel.
    Morgen werde ich mein Gesicht der kwecksilberbeschichteten Haselnußschale zuwenden, die ich zu meinem Spiegel machte, der ungesunde Rotflecke auf der Körperhaut anzeigt und behaupten wird, die Runzellandschaft über der buckligen linken Augenbraue sei ein Symptom.
    Ich frag nicht wofür und spachtel geronnene Milch von jungfräulichen Kühen, vermischt mit zwei Spritzern Akwavit und einem Ablaßgebet, in das Mondgebirge, dessen kirkensische Ritzen aus unerforschtem Grünblaudämmer Mücken betören.
    Vielleicht denk ich ans schottische Nessie, den Mummelsee oder andere Koordinaten im Netz dieses Ecksterns, dessen bezeugte Heimlichkeiten in meinem Hirne nisten.
    Vielleicht (aber auch) will (oder kann) ich in dieser Frühsekunde der Weltminute nicht überlegen; sei es, daß die Schau der brill-hütigen Kartoffelmänner vom Rauschgiftdienst mein morbides Rückenmark am Wohlsein hindert, was ledig in einem geräuscharmen kurzen Klattern der Zahnpartien, dann: dem Verschieben der Unterlippe auf gleiche Höhe mit ihrer oberen Gefährtin ausgedrückt wird.
    Möglicherweise gehe ich nun auf den Balkon, wo der Wirbel des gestrigen Regens vier Rotweinflaschen die Unschuld genommen hat. Ihre Hälse sind gebrochen. Süß ist der Ruch ihres sündigen Mostes. Ehedem strammsitzende Korken liegen ausgeleiert umher, über den glatten gestempelten Leib eines Stopfens muß ein lüsterner Frosch gekrochen sein, der nun eine fette kwallige Leiche abgibt. Hat ihn beim Vollzug seiner Sommernachtsträume wohl der Blitz geschlagen.
    Ich ekle mich vor dem würdigen Leichnam (wie kam der Frosch übrigens auf das Gemäuer hier an der zweiten Etage? Lüpfte er sein galvanisches Springbein, oder waren Schelme die Helfershelfer?) und flieh an den Tisch, den verlassene Frühgedanken umlagern.
    Ich möchte den Wein in ein Glas tun und übergehe (staatsmännisch) die Situation auf dem Sterbefeld und baggere mit Gummihandschuhen den Friedenstör zu der blumenknospigen Brüstung empor, über die ich den lasttragenden Arm beuge. Ich blick auf die asswaltierte Straßenoberfläche und überlege, ob man den ungebetenen Gast nicht als Märtyrer ausgeben und ihm eine Lagerstätte in einer Kapelle beschaffen könne, die dann zum Wallfahrtsort aller Frösche auszurufen war. Doch: der Antrag auf Seligsprechung des Tieres müßte eingereicht werden, und mittlerweile verhunzte der Kerl meinen Korridor. Und was würde Vera sagen?
    Es stinkt, wahrscheinlich.
    So geb ich den ungebetenen Gast seinem Nirwana heim, das Bruchteile bis zum Klatsch auf die Straße hintropft. Schreit unten ein Romjo, der seine Geliebte jult, was da für ein schleckriger Embryo ansegele. Repliziert Julja: werden nicht lang mehr zu zweien sein.
    Ich lache homerisch und betätige den rechtarmigen Beugemuskel, um eine Haarsträhne, die auf die Stirn fiel, durch sanftes Seitwärtsstreichen mittels fünfer Finger zur Räson zu bewegen.
    Meine allerdings noch behandschuhte Greifulatur (deren rauhflächigem Gummiüberzieher einiges Leichengift anhaftet, außerdem zerkwetschte Speiseröhren, Harnleiter, Silberblickaugen und eine undefinierbare Masse, vermutlich eine zerschmolzene Seele) kommt der empfindlichen Zone meiner Gaumen- und Nasenhöhlen und -buchten zu nah: da ist der Kurzschluß angebracht aus infernalischem Durcheinandergedufte.
    Das Attentat hat Erfolg: Ich gleite auf den Betonboden des Balkons. Ich falle nicht schnell, gehorche weder den Bestimmungen der Schwerkraft noch sonst einer sublimen Regel, sondern gleite mit nahezu unmerklicher Bedächtigkeit nieder. Die Heroine von gegenüber (Brustumfang 112, singt heute Isolde, hat einmal mit mir geschlafen) tritt bei Beginn meines Sturzes und vor seiner Beendung an ihr Fenster und sieht mich in verschiedenen Stellungen:
    Zu anfang kralle ich mich in die Astern und reiße Geranien aus, und mein Clohnsgesicht spitzt sich auf Mund und Nase hin zu wie ein stumpfer Bumerang.
    Dann, als sie eine leere Dose (wird Büxenmilch drin gewesen sein) auf die Straße wirft, kann sie von ihrem Standort nur noch meine geschwind wachsenden Fingernägel beobachtet haben, obwohl ich sie im Besitz eines Opernauges wähne, das sieben Ecken beschielt und also auch meine krachenden Beine noch sehen könnte, die in den Beton schrumpfen, sich verkürzen und blutiger werden. Noch gelingt es mir, meine Lippen zu betasten. Sie sind körniger und geriffelter als sonst. In der Rundung einer halbleeren Weinflasche schwimmen Schemen meines Gesichtes. Meine Gestalt: ein verschuppender Mund. Weiße Salze bedecken das Kinn, das schwindsüchtig ist. Schon haben sie ja die Lippen längst überkrustet und versteppen die Rille, die hochsteigt zur Nase.
    Meine Augentaschen werden ledern, zucken im Untergangsschmerz und vereisen. Eis ist wie Marmor, Marmor wie Stein, Stein gleicht Basalt und dies dem Metall.
    Gußeisern leicht ist der Behälter meiner Zähne, Nackenwirbel und Nasenkanäle, die schmerzen schmerzen und sich verengen. Mein Haar fällt aus. Nicht viel; gerade genug, meinem leicht gewordenen Körper einen sanften Prall auf den Stein des Balkons zu bereiten.
    Die Haare wehn weg. Es stürmt. Fingerdünne Gitterstäbe sind zu Säulen geworden, über deren Aufrichtung ein Teil meiner verbliebenen Logik vergeblich recherchiert. Neben mir liegt eine Zündholzschachtel.
    Wie komm ich hinauf?
    Meine Knochen, die schlottriges Fleisch durchbohren, verhaken sich.
    Eine Bö entreißt mich der erstiegenen Dose, die halb so groß ist wie ich und wirbelt und schmettert mich hoch gegen eine Säule, an der ich traumhaft, durch Netze geschützt, langsam hinabwelke. Ich verlier meine Rippen wie fettiges Haar. In Windeseile wachsen mir Knorpel. Zwei halbkörperbreite Schenkel, laubfarbeö mit faulendem Duft, bilden sich.
    Wärme entkrampft meine Augen. Sie flattern mottenhaft (oder bild ich's mir ein?). Denn, wie ich sehe, sitzen sie an der Spitze zweier Tentakeln, die mir gleichzeitig Fühler sind, Fährnisse zu signalisieren.
    Es gibt keinen Zweifel mehr: Ich bin zum Frosch geworden. Eine altrömische Fabelfigur, entstammend dem Witzblatt Ovids. Ich versuche, meine Stielaugen gleichmäßig auf die dunklen Balkonwände zu richten. Sie erscheinen mir großporiger, schwärzer denn je. Ich habe Angst.
    Ich mache die Geste Verlegenheit, will meinen Kopf kratzen, aber da sind keine Hände mehr. Ich möchte jemanden bitten, mich zu befreien, zu entwirren, die Blase zu zerstechen, die mich gefangen hält, will reden reden reden: doch mein Mund läßt nur ein gleich-töniges Kwaaken entkommen.
    In panischem Schrecken seh ich mich um. Ich springe auf zaghaftem Schenkel meinen ersten Froschgang: einen halben Meter hoch, platt, auf den Boden. Neben mir bewegt der Wind einen beeschen Korken. Ein dünnes Ende, ein prächtiger Leib, der Wärme verheißt, wo ich Schutz suchen will.
    Ich krieche auf den Stopfen zu.
    Meine Blutpumpe (wo hängt sie nun eigentlich? Ich komme mir vor wie eine einzig pulsierende Narbe) pockt lähmend. Der Leib ist erreicht.
    Ich will mich ihm anvertrauen, besteige ihn, leg mich an seine Seite. Doch es hat keinen Zweck. Ich friere wie vordem.
    Herbei muß ein weiterer Kork. Noch einer und auch der vierte. Wie ein Wall umgeben sie mich. Hier kann ich das Ende der Zeit abwarten. Vierzig Sonnenaufgänge. Zehntausend Herbste.
    Liebe und Leid. Da ist der erste Tag.
    Er bringt eine kalte Sonne, deren Schein weder leuchtet noch wärmt. Morgenröte fingert diffus über mich kwalligen Leib. Ich blinzele.
    Und seh und erspäh eine doppelte Sonne.
    Hinter der weitere und wieder welche.
    Aber. Aber das!
    Eine der Sonnen, die massigste, nimmt durch ein Sehrohr mit mir Verbindung auf: Sie stößt mir das Glasauge wie einen Horchapparat auf die Brust.
    Ich winde mich unter Schmerzen weg. Dann sondieren meine Augen die Lage. Ich rutsche unter das Sonnenrohr und wag einen Blick. Da seh ich die Sonnen sprechen. Das Gestirn, das ich beobachte, spaltet sich: zwei Wangen (noch ein paar Sonnenkinder), zwei Lippen darunter. Ein Schall.
    Ein Flugzeug?
    Beileibe: nur das ungewohnte Wort eines Menschen. Da sind Laute.
    Eine trichterartig geformte Hand wirft sie mir zu. Ich höre sie, aber ich kann ihren Sinn nicht enträtseln.
    Sind Donnerwolken und dröhnen gegen die Säulen, die schwingen. Hastig hüpfe ich weg.
    Das Sehrohr hat mir ein Bein zerstoßen; einen Schenkel, muß ich nun sagen.
    Ich springe auf eine Stufe. Von hier seh ich die redende Sonne, entziffere das Stethoskop. Die sich teilenden Sonnen sind die Wangen der Heroine. Das Hörrohr ist ihr Opernglas. Sie scheint mich erkannt zu haben. Und doch will sie immer noch mit mir sprechen! Ob sie nicht weiß, daß ich wortlos bin? Da! Jetzt läßt sie ihr Fernglas fallen. Ich schlüpfe darunter und entdecke, dreifach vergrößert, ein Gebirge über mir wogen, ein statisches Wunder, scheinbar unbefestigt, hoch in der Luft — aber das wird nur ihr Busen sein.
    Unterm Aufgebot aller Kräfte zerr ich das Glas wenige Zentimeter und betrachte die anderen Sonnen. Sie tragen Uniformen und haben Schildmützen auf den Köpfen. Ihre gütige Ausstrahlung ist mir unerklärlich, und ihre Gesichter erscheinen mir eher blaß im Vergleich zu dem der Heroine, mit der sie etwas bereden. Die Schildmützigen schwellen zu bösartig pausbäckigen Luftballons, als sie bemerken, daß ich sie heimlich betrachte. Sie steigen aus ihrer Sonnenrolle und stürzen sich auf mich, obwohl die Heroine sie abzuhalten versucht. Es gelingt ihr nicht.
    Die Schildmützen-Sonnen haben nun allen Glanz verloren. Und auch meine heroine Helferin büßt ihren strahlenden Reiz ein. Da schleppen die Kerle nen Kasten an. Sie klappen den Deckel ab. Es ist ein Zinksarg (für unappetitliche Fälle). Drin wolln die mich betten. Ich fliehe. Ich springe. Ich zittere. Die Angst macht, daß ich in einer Ecke Zuflucht suche. Hier erwischt mich die Nadel der Spritze, die pfählern in meinem Fleische tobt.
    Mein Rückenmark wird gelähmt. Um meinen Kopf schwabein lilafarbige Rhythmen. Schaukelnd trägt man mich einem Wagen zu. Treppen hinab. Sieben, acht Stufen. Einen Absatz. Neun Stufen, zehn. Um die Wende.
    Der Zinksarg, in den sie mich werfen, riecht nach Jod. Mein Schädel schlägt gegen Metall. Ich warte. Ich höre Sirenen. Es wird eine Heimfahrt sein.
    Da hebt jemand den Deckel meines Verlieses: Zwei Sonnen erfreun meine sprachlose Nacht. Die lachroten Wangen der Heroine. Lüstern kommt sie mir vor und brüllt Worte, deren Schall der Sarg vervielfältigt... iiieebe. Sie lallt, meine alte Sonne.
    Als der Wagen nach einer Wartezeit bei einer Ampel anfährt, rutscht sie erstaunt zu mir in den Sarg. Ich beschnuppere ihren schwammigen Leib. Ich rieche Schweiß, übertüncht mit Parfüm. Sie wälzt sich herum, knallt ihre Fäuste gegen den Sargdeckel, kann ihn aber nicht lüften. Ihre markerschütternden Schreie verpesten die ansonsten nur durch den Jodgeruch ein wenig getrübte Luft meiner Behausung.
    Die Frau verkrampft sich. Ich klettere auf ihr Gesicht. Sie wehrt meinem Tun nicht. Sie ist also tot. Ich beginne, ihre Taschen zu durchsuchen. Da ist wenig Brauchbares.
    Bei dem Versuch, mich an dem toten Fleischberg vorbeizukwäälen, streift mein geschundener Rücken die zinkerne Sargwand. Ich erfühle unregelmäßige Vertiefungen und Erhebungen. Ein Fieberverlangen erregt mich, ein Schloß zu suchen und eine Auswegtür zu finden.
    Tagelang während der anscheinend endlosen Fahrt reibe ich mich an dieser Stelle.
    Heute erst geht mir auf, was diese Zeichen bedeuten. Es sind Prägebuchstaben, die darauf hinweisen, daß der Sarg meiner Irrenanstalt gehört.
Quelle:
Beispiele - Texte aus der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen
Hugo Ernst Käufer (Hrsg)
Georg Bitter Verlag 1969

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rabe489
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Beitrag von rabe489 »

Wüsste gern, was er jetzt macht. Muss in diesem Jahr sechzig werden.

pito
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Beitrag von pito »

rabe489 hat geschrieben:Wüsste gern, was er jetzt macht.
Versuch doch mal, ob du ihn findest. Scheint ja eine interessante Person zu sein. Du könntest ihn interviewen. ;-)

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Heinz H.
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Beitrag von Heinz H. »

Die ehemaligen Schüler der Theodor-Heuß-Realschule der Abschlussklasse 6b von 1965 möchte Ernst Günther gerne zum 50 jährigen Klassentreffen im April 2009 einladen.

--- :wink:

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klaus peter wolf
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Ernst Günther Literarische Revue

Beitrag von klaus peter wolf »

Ernst Günther galt in den Siebzigern als echte Begabung. Er schrieb an einem Roman, Auszüge sind in dem von Hugo Ernst Käufer herausgegebenen Sammelband "revier heute" (zwei Auflagen 1972 im Georg Bitter Verlag) enthalten. Er gab für kurze Zeit die Zeitschrift Literarische Revue heraus, die an vielen Orten im Revier kostenlos auslag, keine Ahnung, wie er das damals finanziert hat. Er brachte darin auch eine Geschichte von mir, die ich mit 14 Jahren geschrieben hatte. "Nach dem Fußballspiel". Er zahlte mir dafür das damals irre hohe Honorar von 50 DM. In meiner Erinnerung hat er mich bei jedem Treffen unter den Tisch gesoffen. Ich war keine harten Sachen gewöhnt und er holte immer gleich eine Flasche heraus. Ich mochte ihn, wegen seiner direkten, manchmal schroffen Art, habe aber später jeden Kontakt zu ihm verloren und auch den Roman - leider - nirgendwo entdeckt. Gedichte von ihm (erschienen bei Relief) waren eine Weile ziemlich kultig und wurden von vielen Schülerzeitungen nachgedruckt.
Klaus Peter Wolf

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