Kirschen der Freiheit

Bürger gegen Militarisierung und Wettrüsten. Mit Filmen über die Blockade der Raketenstation im Jammertal und der Bonner Hardhöhe.
Außerdem eine Retrospektive der durch die AGK initiierten Ausstellung "Kirschen der Freiheit" über Deserteure

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Heinz
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Kirschen der Freiheit

Beitrag von Heinz »

Von der AGK initierte Ausstellung über Deserteure
BZ hat geschrieben:Buersche Zeitung Nr. 256 / Donnerstag, 3. November 1988

Gerhard Zwerenz las aus dem Buch „Soldaten sind Mörder"
Ehemaliger Deserteur empfindet noch heute moralische Mitschuld
Autor stieß im AWo-Zentrum nur auf Zustimmung / Diskussion ohne „Knalleffekt"


GELSENK1KCHEN, Vor brisanten Themen schreckt der Autor Gerhard Zwerenz nicht zurück. Mit seinem Buch „Soldaten sind Mörder - Die Deutschen und der Krieg-* hat er ein „heißes Eisen" angepackt. Schon der Titel, ein Tucholsky-Zitat, wirkt auf viele Zeitgenossen provozierend. Nach einer Lesung in Bad Hamburg lud ihn die Kriminalpolizei vor. Im Schalker AWo-Zentrum indes fand die Abrechnung des 63jährigen mit dem deutschen Militarismus nur Beifall. Dort sprach Zwerenz auf Einladung der Gelsenkirchener ..Aktion gegen Krieg" und der Arbeiterwohlfahrt.

Über 100 Interessierte, namentlich junge Leute, lockte die heikle Thematik an. Schonungslos analysierte Zwerenz die Militargeschichte und die Haltung der Deutschen zu ihrer Vergangenheit.
Und er erinnerte daran, daß bereits 1931 Kurt Tucholsky in der „Weltbühne" mit der Behauptung „Soldaten sind Mörder" für Empörung sorgte. Zwerenz' Meinung: „In einer Demokratie darf es kein Denkverbot für abstrakte Sätze geben."

In seinem Buch beschreibt er den Kampfmythos und den Idealismus, der den Deutschen von Kindesbeinen an „eingeimpft" worden sei. Der Soldat habe es nicht gelernt, Befehle kritisch zu hinterfragen. Er sei es gewohnt, Anweisungen auszuführen.
Wenn ich von Krieg spreche, weiß ich genau, wovon ich rede, denn ich habe im vordersten Schützenloch mitgemischt", berichtete der ehemalige Deserteur Zwerenz. Im Sommer 1944 setzte er sich in der Nähe von Warschau von der Wehrmacht ab. Aber noch heute Empfindet er eine moralische Mitverantwortung für die Taten der Wehrmacht .Wir alle, die die Militärmaschinerie am Laufen gehalten haben, tragen Mitschuld, die durchaus eine Mordmitschuld ist."
Zwerenz forderte seine Zuhörer auf, ungewöhnliche Wege zu beschreiten. „Die Welt kann nur von den Fahnenflüchtigen gerettet werden. Nicht der Fahnenflüchtige beginnt Verrat, sondern der Fahnentreuling! Jeder müsse für sich eine Form der individuellen Revolte finden, um auf die politisch Verantwortlichen einzuwirken.

Natürlich empfindet Zwerenz für Kriegsdienstverweigerer große Sympathie. Und in der Total Verweigerung sieht er eine Fortführung der Desertion. Durch einen Anstieg der Verweigerungszahlen, so lautet seine Überzeugung, könne Druck auf die Abrüstung ausgeübt werden.

Auf eine hitzige Diskussion mit „Knalleffekt" wartete das Publikum vergebens. Viele Hörer verließen vorzeitig den Saal. Dies bestätigte Zwerenz' Erfahrung, daß es zu kritischen Auseinandersetzungen eher in Kasernenstädten kommt. In Gelsenkirchen stieß der Autor hingegen nur auf Befürworter seiner Thesen.

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Ausstellungskatalog Deserteure 1988

Beitrag von GELSENZENTRUM »

Ausstellungskatalog "Die Kirschen der Freiheit"
Museum Gelsenkirchen-Buer 30.10.-13.11.1988

Stand "hinten unten" bei mir im Bücherschrank.... 8)
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Beitrag von Verwaltung »

BildDie Kirschen der Freiheit - 1988

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Desserteure

Beitrag von GELSENZENTRUM »

Suche Infos über Wehrmachts-Desserteure, wer kann weiterhelfen?
Ein sehr sensibles Thema - 63 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges...

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Beitrag von Verwaltung »

Vorwort des Ausstellungskataloges:
  • "In der Mulde des jenseitigen Talhangs fand ich einen wilden Kirschbaum, an dem die reifen Früchte glasig und hellrot hingen. Das Gras rings um den Baum war sanft und abendlich grün. Ich griff nach einem Zweig und begann von den Kirschen zu pflücken. Die Mulde war wie ein Zimmer; das Rollen der Panzer klang nur gedämpft herein. Sie sollen warten, dachte ich. Ich habe Zeit. Mir gehört die Zeit, solange ich diese Kirschen esse. Ich taufte meine Kirschen: ciliege diserte, die verlassenen Kirschen, die Deserteurs-Kirschen, die wilden Wüstenkirschen meiner Freiheit. Ich aß ein paar Händevoll. Sie schmeckten frisch und herb."

    Aus: Alfred Andersch, Die Kirschen der Freiheit. Zürich 1952



    "Die Kirschen der Freiheit"...

    ... mit dieser Metapher beschreibt Alfred Andersch, einer der großen deutschen Nachkriegsautoren, das Motiv seiner Fahnenflucht im Zweiten Weltkrieg. Die Desertion als eine bewußte Entscheidung für das, was allem Militärischen fremd und mit ihm unvereinbar sein muß: die Freiheit. Wir haben diese Metapher zum Titel der Ausstellung und des gesamten Projekts "Deserteure" gemacht, da sie einem bewußten und hoffnungvollen Programm von Desertion Ausdruck gibt. Gleichwohl ist uns bewußt, daß viele Deserteure dieses Bild für ihre Fahnenflucht nicht hätten wählen wollen. Oft flohen sie nicht aus einer bewußten Entscheidung heraus, viele von ihnen hatten keineswegs das hehre Ziel der "Freiheit" vor Augen, und auch das, was viele Deserteure nach ihrer Flucht erwartete, wäre schwerlich mit dem Bild von Andersch vereinbar.

    Fraglos flohen viele aus nackter Angst vor dem Sterben, aus Liebe zu Frauen, Familien, Freunden, aus Unlust auch, sich dem militärischen Leben mit den dazugehörigen Opfern einzugliedern, und sicherlich auch war ihre Desertion oftmals weniger ein planmäßiger Akt als vielmehr Ergebnis eines spontanen Entschlusses, nicht selten eine Kurzschlußhandlung, bisweilen auch nur Ergebnis zufälliger Entwicklungen.

    So mancher hat uns im Verlauf unserer Vorbereitungen geraten, nur solche Deserteure positiv zu würdigen, die sich im Sinne von Andersch dem Nazi-Militär entzogen haben. Wir haben uns anders entschieden. Wir fänden es zynisch, Gefühle wie Angst abzuqualifizieren, als "niederes" Motiv geringzuschätzen, hieße das doch, von der schrecklichen Ausnahmesituation, die der Krieg darstellt, kalt zu abstrahieren. Vielmehr sehen wir Regungen wie Angst, Heimweh oder Liebesweh als positiv an, weil dem Leben zugewandt. Wären sie weiter verbreitet gewesen als der soldatische Gehorsam, hätte viel menschliches Elend verhindert werden können.

    Alle Deserteure haben, so glauben wir, Anspruch darauf, endlich, Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, mit ihrem Tun enttabuisiert und auch rehabilitiert zu werden. Man wird sich, will man ihr Tun heute beurteilen, fragen müssen, ob jemand, der - aus welchen Gründen auch immer - den Weg in den Abgrund nicht mitzumachen bereit war, diskriminiert werden darf gegenüber demjenigen, der - leichten oder schweren Herzens - sich der Nazi-Militärmaschinerie zur Verfügung gestellt und sich am größten und barbarischsten Vernichtungsfeldzug der menschlichen Geschichte beteiligt hat. Die Frage, wie man zu den Deserteuren des Zweiten Weltkriegs steht, beantwortet sich also letztlich daraus, wie man den Zweiten Weltkrieg bewertet.

    Jedoch wollten wir durch unser Projekt "Deserteure", durch die Erarbeitung eines noch weitgehend dunklen Kapitels deutscher Geschichte nicht nur den Zweiten Weltkrieg, sondern den Krieg, das Militärische generell in Frage stellen. Denn in der Tat gibt es ja kaum eine kriegerische Auseinandersetzung in der Geschichte, die nicht letztlich als unsinnig, da mit unglaublichen Opfern für die beteiligten Menschen verbunden, anzusehen wäre.

    Und dies müßte zweifellos noch mehr gelten, sollte es je zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den beiden großen Militärbündnissen bei uns in Europa kommen, bei der das, um dessen "Verteidigung" es beiden Seiten angeblich geht, unweigerlich der Zerstörung preisgegeben würde. Der "Falkland-Krieg" zeigt zudem, daß auch ein "moderner" und "begrenzter" militärischer Konflikt den mittel- und unmittelbar Beteiligten nur Leid gebracht hat - es sei denn, man wollte der perversen Logik kalter "Staatsräson" folgen, die im Namen nationaler Macht und "Ehre" die Menschen "aufs Spiel setzt" - wie Schachfiguren auf dem Schachbrett der Geschichte.

    Sympathie also nicht nur mit Deserteuren des Zweiten Weltkriegs, sondern denen aller Zeiten und aller Fahnen? Die Frage mag über der Ausstellung wie dem gesamten Projekt liegen. Diejenigen, die sich künstlerisch beteiligen, werden sich die Frage stellen, ebenso wie die, die die Ausstellung besuchen. Viele werden für sich keine klare Antwort finden, werden vermutlich einwenden, daß es unmöglich sei, sie allgemeingültig zu formulieren. Vielleicht werden sie zu dem Schluß kommen, daß jede Situation neu zu prüfen ist, daß wir uns in jeder historischen Situation möglicherweise auch in Phasen des "Vorkriegs" schon zu fragen haben, ob es sinnvoll oder gar verpflichtend sei, zu desertieren, sich fragwürdigen oder gefährlichen Trends zu entziehen. Diesen Standpunkt jedenfalls haben wir für uns persönlich im Verlauf der Vorbereitung des Projekts "Deserteure" gewonnen. In Zeiten der - entgegen anderslautenden offiziellen Verlautbarungen - aggressiven Hochrüstung auch unseres Landes sehen wir in der Auseinandersetzung mit den Deserteuren des Zweiten Weltkriegs einen kleinen Schritt zur eigenen Desertion - Desertion zumindest aus der destruktiven Logik militärischen Denkens.

    Aktion gegen Krieg:
    Dietmar Clermont, Karin Clermont, Marie-Cecile Duclercq, Monika Klutzny, Martina Mail, Wolfgang Pietsch, Peter Saatkamp, Klaus Seiler, Giesela Schramm
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DThamm
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Beitrag von DThamm »

Verwaltung schieb Folgendes:
Sympathie also nicht nur mit Deserteuren des Zweiten Weltkriegs, sondern denen aller Zeiten und aller Fahnen? Die Frage mag über der Ausstellung wie dem gesamten Projekt liegen.
Wer aus Angst um die Familie, ums eigene Leben oder anderen Beweggründen abgehauen ist, das ist ok.
Was aber ist mit den Deserteuren die kurz vor Kriegsende, wohl wissend, was sie im Krieg getan haben und was auf sie zukommt, ihre Erkennungsmarke weggeworfen haben, sich in Zivilklamotten unter die Bevölkerung gemischt haben, um so der Bestrafung ihrer begangenen Untaten zu entkommen.
Meine Symphatie, oder besser Zuneigung, haben die nicht.

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