Bergarbeiterstreik von 1889

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Aufruf zur Versammlung
Beschluss vom 24. Mai 1889

Der Bergarbeiterstreik von 1889 war der erste organisierte Massenstreik im Ruhrbergbau.

Hintergrund

Die Arbeiter wollten an den Gewinnsteigerungen der Unternehmer teilhaben. Es ging um eine Lohnerhöhung von 15 %, gegen Überschichten, für achtstündige Arbeitszeit einschließlich der Ein- und Ausfahrten, bessere Wetterführung, einen gedeckten (überdachten) Gang von der Waschkaue zum Schacht und Lieferung des Holzes in die Grube.

Verlauf

Begonnen hatte der Ausstand in Bochum (24. April, Zeche Präsident) und Essen (1. Mai). Dem schlossen sich zahlreiche weitere Belegschaften spontan an. Zeitweise beteiligten sich im Revier etwa 90 % der damals 104.000 Bergarbeiter. Ein zentrales Streikkomitee wurde gebildet.

Mit fortdauerndem Ausstand verhärteten sich die Fronten; zum Schutz ihrer Anlagen und arbeitswilliger Bergleute ("Streickbrecher") forderten viele Gruben Polizei- oder gar Militärschutz an, die gespannte Atmosphäre entlud sich mancherorts in Gewalt und Waffengebrauch (etwa auf der Zeche Schleswig in Dortmund-Neuasseln).

Dass die alte obrigkeitliche Tradition im Bergbau nicht vergessen war, zeigt die Tatsache, dass das Streikkomitee eine Deputation an Wilhelm II. entsandte. Am 14. Mai 1889 wurden die „Kaiserdelegierten“ Friedrich Bunte, Ludwig Schröder, und August Siegel in Berlin vom Kaiser empfangen, den sie als obersten Bergherren anrufen wollten. Wenngleich dieser den Streik kritisierte, so räumte er doch ein, die Beschwerden amtlich prüfen zu lassen. Die Audienz beim Kaiser brachte den Streikenden hohe Aufmerksamkeit ein, auch und insbesondere in den bürgerlichen Schichten des Reiches. Unter Vermittlung Friedrich Hammachers, Reichstagsabgeordneter und Ehrenmitglied des Bergbau-Vereins, kam am Folgetag das Berliner Protokoll zustande, in dem für die Bergleute eine Arbeitszeit von acht Stunden, inklusive jeweils einer halben Stunde Ein- und Ausfahrzeit festgelegt wurde. Außerdem sollten Überschichten nur nach vorheriger Vereinbarung zwischen Grubenverwaltung und Arbeiterausschüssen gefahren werden. Am 16. Mai äußerte Kaiser Wilhelm sich gegenüber einer Delegation des Bergbau-Vereins zufrieden über den Ausgang der Verhandlungen.

Da damit der Verein für die bergbaulichen Interessen Entgegenkommen signalisierte, flaute der Streik zunächst ab. Er wurde jedoch bereits am 21. Mai wiederaufgenommen, da die Bergbauunternehmer die Vereinbarung von Berlin ignorierten und sogar schwarze Listen mit den Namen streikender Bergleute einführten, um diesen eine Anstellung im Bergbau zu verwehren. Anfang Juni 1889 kam es schließlich zum Abbruch des Streiks, ohne dass unmittelbar ein anhaltendes Ergebnis für die Bergleute erzielt werden konnte.

Ergebnisse

Der Streik wurde zum Auslöser für die Gründung des „Alten Verbandes“, dem Ausgangspunkt für den Durchbruch der Gewerkschaftsbewegung im Ruhrbergbau. Mittelbar kann der Arbeitskampf auch als eine Ursache für den Erlass des Arbeiterschutzgesetzes vom 1. Juni 1891 (23. Novelle zur Reichsgewerbeordnung) gesehen werden. Es enthielt neben Regelungen zum Frauenschutz, eingeschränkter Nachtarbeit und Kinderschutz auch Bestimmungen für eine 24stündige Sonntagsruhe für alle Arbeiter in Fabriken, Werkstätten, Bergwerken, auf Baustellen und Werften.

Filmische Darstellung

In der ersten Staffel der Fernsehserie Rote Erde von 1983, welche die Geschichte des Ruhrbergbaus erzählt, spielen zwei Episoden während des Streiks. Die Umstände davor und währenddessen werden hier ausführlich dargestellt. Einer der Protagonisten (gespielt von Dominic Raacke) gehört zu der Delegation, welche in Berlin von Wilhelm II. empfangen wird. Während sich die gezeigten Begebenheiten tatsächlich so oder ähnlich abgespielt haben, sind die handelnden Charaktere in der Serie fiktiv.

Literatur

  • Karl Ditt, Dagmar Kift: 1889 – Bergarbeiterstreik und Wilhelminische Gesellschaft, hrsg. im Auftrag des Landschaftsverb. Westfalen-Lippe. Westfälisches Industriemuseum, Dortmund, Arbeiterreferat, Hagen: v.d. Linnepe, 1989, ISBN 3-921297-95-8
  • Albin Gladen: Die Streiks der Bergarbeiter im Ruhrgebiet in den Jahren 1889, 1905 und 1912, in: Jürgen Reulecke (Hrsg.): Arbeiterbewegung an Rhein und Ruhr. Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Rheinland-Westfalen, Wuppertal 1974, S. 111–148, ISBN 3-87294-054-6
  • Stefan Goch (Bearb.), Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung in Gelsenkirchen e. V. (Hrsg.): Der große Bergarbeiterstreik von 1889, Analysen und Dokumente zu den Ereignissen in Gelsenkirchen, Beiträge zur Geschichte der Gelsenkirchener Arbeiterbewegung, Bd. 3, Gelsenkirchen 1989
  • Wolfgang Köllmann (Hrsg.), Albin Gladen: Der Bergarbeiterstreik von 1889 und die Gründung des „Alten Verbandes“ in ausgewählten Dokumenten der Zeit. Bochum: Berg-Verlag GmbH, 1969
  • H. Peter Rose: Gemeinsame Interessen und solidarisches Handeln. Gelsenkirchener Sozialdemokraten und der Bergarbeiterstreik von 1889. In: Heinz-Jürgen Priamus, Stefan Goch (Hrsg.): Sozial und demokratisch: ein Lesebuch zur Geschichte der sozialdemokratischen Bewegung in Gelsenkirchen / hrsg. vom Verein für Geschichte d. Arbeiterbewegung in Gelsenkirchen: Bd. 1. Gelsenkirchen: Verl. Gelsendr., 1988. S. 48–63 ISBN 3-924984-20-4

Weblinks