Ernst Otto Glasmeier
Ernst Otto Glasmeier (* 16. September 1921 in Wanne-Eickel, † 26. August 2021 in Gelsenkirchen) war ein deutscher Architekt
Leben
Ernst Otto Glasmeier stammt aus bürgerlichen Verhältnissen und wurde als ältestes von sechs Kindern am 16. September 1921 in Wanne geboren. Er begann sein Architekturstudium 1939 an der Technischen Hochschule München bei Hans Döllgast, erhielt allerdings nach drei Trimestern während einer Vorlesung 1940 von Döllgast den Gestellungsbefehl der Wehrmacht. Während seines Kriegsdienstes wurde Glasmeier schließlich nach Emden in Ostfriesland versetzt. In Pewsum lernte er Martha Lübben (1925–2011) kennen, die er 1945 heiratete und mit der er zwei Kinder bekam: Rolf Glasmeier und Michael Glasmeier. Nach Kriegsende wohnte die junge Familie ab 1949 in Gelsenkirchen. Zur selben Zeit nahm Glasmeier sein Architekturstudium wieder auf, jetzt an der Technischen Hochschule Aachen. Der wichtigste Lehrer in Aachen war für ihn sicherlich Hans Schwippert, bei dem er sein Studium 1951 abschloss.
Für seinen Sohn Rolf baute er ein Stadthaus an der Beckeradsdelle, das seine Vorstellungen von Architektur verkörpert und lange ein Treffpunkt der internationalen Avantgarde war.
Berufliche Anfänge
Zunächst war Glasmeier bei dem Architekten Ludwig Schwickert in Gelsenkirchen tätig, unter dessen Leitung der Hoteltrakt des Hans-Sachs-Hauses wiederaufgebaut wurde. Schwickert war zudem Gründungsmitglied der Künstlersiedlung Halfmannshof, die seit 1931 in Ückendorf beheimatet war und für die er die Ausstellungshalle Wildenbruchplatz baute. Zu dieser Zeit entstand Glasmeiers Interesse an der Künstlersiedlung und er knüpfte erste Kontakte zu Künstlern, Kulturschaffenden und Ausstellungsmachern.
Nach seiner Tätigkeit bei Schwickert fand Glasmeier 1952 eine Anstellung beim staatlichen Finanzbaumt Dortmund, wo er am Bau des Finanzamts Wanne-Eickel und des Arbeitsamts Dortmund mitarbeitete. Glasmeier erhielt erstmals fachliche Anerkennung für seine Bauten wie beispielsweise den für das Max-Planck-Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund (1946–1954), für das er auch die Direktorenvilla entwarf. Schließlich wurde er für eineinhalb Jahre zur Bauabteilung der Oberfinanzdirektion Münster versetzt.
1954 gründete Glasmeier schließlich gemeinsam mit Egbert Drengwitz und Hubert Halfmann in Gelsenkirchen sein eigenes Architekturbüro. Er zählte zur Architektengeneration der ersten Nachkriegsmoderne, deren Veränderungs- und Gestaltungswille zur Voraussetzung für den Aufbau einer neuen Gesellschaft wurden. Glasmeiers Bauten, und die seiner Partner Halfmann und Drengwitz, haben das Bild der Stadt Gelsenkirchen entscheidend mitgeprägt und gelten in vielen Fällen als vorbildlich. Mit seinen Wohn- und Geschäftshäusern und weiteren öffentlichen Bauten in Gelsenkirchen hat er gestalterisch neue Maßstäbe gesetzt. Wenn es irgendwann soziale Architektur gegeben hat, so hat er sie in Gelsenkirchen etabliert. Auftraggeber waren unter anderem die Arbeiterwohlfahrt, das Sozialwerk St. Georg, die Gelsenkirchener Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, die Rheinisch-Westfälische Wohnstätten AG und die Stadt Gelsenkirchen. Mehrfach erhielt Er für seine Entwürfe die „Auszeichnung vorbildlicher Bauten in NRW“ und weitere angesehene Architekturpreise.
Mitwirkung im Kunstgeschehen
Seit seiner Bürogründung setzte sich Glasmeier auch für das Miteinander von Architektur und Kunst ein. Er war in seinem architektonischen Schaffen von Beginn an eng mit der Kunst verwoben und legte entscheidenden Wert auf die Einbeziehung bildender Künstler in den Planungsprozess und damit auf eine tatsächliche Integration von Kunst am Bau. Glasmeier zählte zu jener avantgardistischen Gelsenkirchener Szene, der es gelang, mit Orten wie dem Pianohaus Kohl, der Künstlersiedlung Halfmannshof und zahlreichen privaten Ateliers und Galerien, das oft noch schwerfällige städtische Kunst- und Kulturgeschehen in Bewegung zu setzen.[1] Die enge Zusammenarbeit Glasmeiers mit Ferdinand Spindel und dem Halfmannshof zeigte sich auch an der Ausstellung „ZERO in Gelsenkirchen“, eröffnet am 22. November 1963. Es war die einzige Präsentation der ZERO-Bewegung, die während ihres Bestehens von 1958 bis 1966 im Ruhrgebiet stattfand. Die Eröffnung fand im Rahmen der von Glasmeier initiierten und viel beachteten Städtebautagung „Gesellschaft durch Dichte“ statt.
50 Jahre später, am 22. November 2013 eröffnete im Kunstmuseum Gelsenkirchen die Ausstellung „ZERO in Gelsenkirchen 1963/2013 – Zurück in die Zukunft“, eine Kooperation mit der ZERO-Foundation. Glasmeier hatte sich sehr dafür eingesetzt, dass die Ausstellung von 1963 eine Wiederholung fand – hatte sie doch damals der kulturpolitischen Entwicklung Gelsenkirchens so wichtige Impulse geben können. In dieser Neuauflage der damaligen Schau gab es einen zusätzlichen Raum, und der erzählt eine für die Stadt fast tragische Geschichte. Er war den Entwürfen für das ZERO-Haus gewidmet, einem von Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker 1962 geplanten Museum, das Kunst und Architektur zusammendachte. Der Raum erinnerte mit Modell, einem Entwurf von Mack und vier Gouachen von Piene an die Idee eines von Künstlern gestalteten und bespielten Hauses, das nie ausgeführt wurde.
Mit dem damaligen Kulturdezernenten Hubert Lichte und anderen gehörte er zur Avantgarde-Szene in Gelsenkirchen und brachte zahlreiche ZERO- und Fluxus-Künstler wie Günther Uecker und Yves Klein oder Ferdinand Spindel nach Gelsenkirchen.
Sammlertätigkeit
Das kulturelle Klima beflügelte aber nicht nur den Ausbau der städtischen Kunstsammlung (des späteren Kunstmuseums Gelsenkirchen), sondern auch Glasmeier selbst, der früh zu sammeln begann, zahlreiche Künstlerfreundschaften schloss und so im Laufe der Jahre eine beachtliche Sammlung zeitgenössischer Kunst aufbauen konnte. Glasmeier entwarf 1971 für seine Familie in Bulmke-Hüllen ein Haus, das auch dem Anspruch seiner Sammlung entgegenkam. Es wurde gewissermaßen um die bildende Kunst herum gebaut. Der Hauptwohnraum, mit seinem sich über zwei Geschosse erstreckenden Luftraum, konnte große Formate aufnehmen wie Günther Ueckers Nagelbild Zärtlicher Garten oder das raumbeherrschende Frauenporträt von Elaine Sturtevant, der Appropriation eines Lichtobjekts von Martial Raysse. Nicht nur wegen der oft freundschaftlichen Verbindungen zu Künstlern oder Galeristen betrachteten sich Martha und Ernst Otto Glasmeier nicht als Kunstsammler im eigentlichen Sinne. In ihrer Sammlung, in der auch der eigene Sohn Rolf seinen Platz fand, steckte die ganze Spontanität einer aufregenden Epoche. Daneben ergänzten alte Uhren, Stühle, Klangobjekte, Musikinstrumente und Jugendstil-Preziosen die Sammlung. Eine zusammengetragene Kunstsammlung wie die der Glasmeiers, versinnbildlicht den in den 1960er-Jahren entstandenen Lebensstil einer Offenheit und Neugier für die Avantgarden, die gerade in den 1960er- und 1970er-Jahren neben der Kunst auch Musik, Theater und Literatur prägten.
Politisches Engagement
Über zwei Wahlperioden saß er zudem ab 1962 für die SPD im Rat der Stadt Gelsenkirchen und war Mitglied im Ausschuss für berufsbildende Schulen, im Kulturausschuss und im Bauvergabeausschuss. In den 1960er-Jahren initiierte er in Gelsenkirchen zwei Kongresse, die eigentlich Themen der Jetztzeit vorwegnahmen: „Gesellschaft durch Dichte“ und „Die Großstadt, in der wir leben wollen“.[2] Seit 1984 war er ebenfalls als sachkundiger Bürger im Kulturausschuss der Stadt ehrenamtlich tätig. Darüber hinaus war er auch in vielen berufsständischen Gremien ehrenamtlich tätig. Er war seit 1959 Mitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA) und initiierte in den 1960er-Jahren in Gelsenkirchen mehrere bedeutende Kongresse, die heute aktuelle Themen vorwegnahmen: „Gesellschaft durch Dichte“ oder „Die Großstadt, in der wir leben wollen“. Ab 1970 war er Mitglied der damals gegründeten Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW) und gestaltete in verschiedenen Arbeitsgruppen und Kommissionen die Entwicklungen im Bauwesen entscheidend mit. Seit 1971 war er zudem ununterbrochen Mitglied der Vertreterversammlung, dem höchsten Organ der AKNW, und von 1972 bis 1987 gehörte er dem Vorstand an. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Ausschusses „Bauplanung und Planungsnormen“ sowie als Vorsitzender der über drei Jahre gemeinsam arbeitenden Ausschüsse „Bauplanung/Bautechnologie“ hat er entscheidend dazu beigetragen, das Normenwerk im Bauwesen zu entflechten. Er hatte einen großen Anteil daran, dass der teilweise überflüssigen zusätzlichen Normierung im Bauwesen Einhalt geboten und das komplette Normwerk für alle am Bau Beteiligten transparenter und praktikabler gestaltet und damit anwendbar wurde.
Welche zeitgenössische Beachtung das Schaffen von Glasmeier auf architektonischer wie politischer Ebene fand, wird nicht zuletzt durch eine umfassende Berichterstattung in der lokalen wie der regionalen Presse deutlich, sondern auch durch zahlreiche Auszeichnungen und Architekturpreise. 1985 wurde Glasmeier für seine Verdienste um den Berufsstand des Architekten und um die Baukultur in Nordrhein-Westfalen das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Im September 2001 trat Glasmeier offiziell als Architekt in den Ruhestand. Er starb am 26. August 2021 in Gelsenkirchen und wurde auf dem Hauptfriedhof Buer beigesetzt.[3]
Bauten und Entwürfe (Auswahl)
- 1953–1954: Direktorenwohnhaus und Hörsaal des Max-Planck-Instituts für Arbeitsphysiologie in Dortmund
- 1955–1956: Johannes-Kirche Resser Mark
- 1957: Wohn- und Geschäftshaus am Brüderweg in Dortmund
- 1963: Jakobuskirche
- 1965: Schalker Gymnasium Gelsenkirchen
- 1965–1966: Siedlung Selm-Seiland
- 1971: Seniorenwohnungen Siedlung Tossehof
- 1972: AWO-Seniorenzentrum Haus Darl - Darler Heide
- 1975–1977: Wohn- und Geschäftshaus Radzko u. Neumuth
- 1977: Einfamilienhäuser Middelicher Straße / Birkenkamp
- 1979: Reihenhäuser Beckeradsdelle
- 1980: Massageinstitut Basista in Gelsenkirchen
- 1980er Jahre: Reihenhäuser Händelstraße
- 1981: Mehrfamilienhaus an der Cranger Straße
- 1982–1984: Altenzentrum Kußweg
- 1983: Reihenhäuser Burgmühlenhof Nr. 2 bis 8
- 1984–1989: Sparkasse Gelsenkirchen am Bahnhofsvorplatz
- 1986–1987: Fassadensanierung eines Gebäudes an der Bahnhofstraße
- 1986–1987: Sanierung des Hotel zur Post mit Altenwohnungen
- 1987–1989: Modernisierung der Siedlung Hördeweg / Am Eichenbusch
- 1988–1989: Umbau einer ehemaligen Direktorenvilla in Gelsenkirchen
- 1988–1995: Neubau eines Pflegeheims und Umbau der ehemaligen Waschkaue der Zeche Graf Bismarck I/IV
- 1993: Modernisierung der Siedlung Spinnstuhl
- 1998: Umbau einer Schule zum Senioren- und Gesundheitszentrum „Alte Schule“
- 1999–2001: Umbau des Arminbunker zum Wohn- und Geschäftshaus
- für die Evangelische Kirchengemeinde Resse Jugendheim und Gemeindesaal an der Böningstraße
- Häuser in der Von-der-Recke-Straße 5-7
- Matthäuskirche
- Max-Planck-Gymnasium
- Gerhart-Hauptmann-Realschule, Mühlbachstraße
- Kurt-Schumacher-Straße 1-5
- Leythe-Schule, (frühere Hermann-Löns-Schule) an der Oststraße
- Reihenhäuser Mozartstraße
- Reihenhäuser Schalker Straße
Schriften (Auswahl)
- mit Michael Glasmeier: Die drei Theater des Musiktheaters. Zur Architektur des neuen Hauses. In: Heiner Jahn, Jörg Loskill (Hrsg.): Musiktheater. Bühnen in Gelsenkirchen. Gelsenkirchen 1979, S. 40–42.
- Optimal genutzte Baulücke. In: 'Deutsche Bauzeitung. Jahrgang 1979, Heft 12, S. 30–33.
- Denkmalschutzgesetz in Nordrhein-Westfalen. In: Deutsche Bauzeitung. Jahrgang 1981, Heft 4, S. 4.
- Architekten in der Höhle der Elektrolöwen. In: Deutsches Architektenblatt. Jahrgang 1981, Heft 7, S. 1021–1022.
- Theater im Revier. Theater auf Tuchfühlung. In: Der Architekt. Jahrgang 1982, Heft 5, S. 239–242.
- Künstlerische Gestaltung von Fassaden und Flächen. In: MSWV (Hrsg.): Jahrestagung 1987. Staatshochbauverwaltung NRW. Soest 3.–4.9.1987. Aachen 1988, S. 19–21.
- 2021: Ernst Otto Glasmeier. Architektur – Kunst – Politik
Auszeichnungen und Ehrungen

- 1984: Vorbildliches Bauwerk NRW (Altenzentrum Kussweg)
- 1985: Bundesverdienstkreuz am Bande
- 1994: Vorbildliches Bauwerk NRW (Siedlung Spinnstuhl)
Literatur
- Alexandra Apfelbaum: Ernst Otto Glasmeier. Architektur Kunst Politik. avEdition, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-89986-374-1.
- Städtebau-Tagung in Gelsenkirchen. Großstadt, in der wir leben möchten. In: Der Architekt. Jahrgang 1964, Heft 11, S. #.
- Heiner Stachelhaus: 3. Städtebautagung der BDA-Ruhrgebietsgruppe in Gelsenkirchen. Großstadt, die wir planen wollen. In: Der Architekt. Jahrgang 1967, Heft 4, S. 141–143.
- Bund Deutscher Architekten (Hrsg.): Gelsenkirchen. Architektur im Ruhrgebiet. Essen 1985, passim.
- Kunstverein und Stadt Gelsenkirchen (Hrsg.): Dokumentation Kunst der 60er Jahre in Gelsenkirchen. Projekt des Kunstvereins zum 20jährigen Bestehen. Gelsenkirchen 1988.
- Gerhard Boeddinghaus (Hrsg.): Gesellschaft durch Dichte. Kritische Initiativen zu einem neuen Leitbild für Planung und Städtebau 1963/64 (= Bauwelt Fundamente. Band 107). Braunschweig/Wiesbaden 1995.
- Bund Deutscher Architekten (Hrsg.): Das Ruhrgebiet. Architektur nach 1945. Essen 1996, passim.
- Kunstmuseum Gelsenkirchen (Hrsg.): Zero in Gelsenkirchen 1963/2013. Zurück in die Zukunft. Ausstellungskatalog des Kunstmuseums Gelsenkirchen. Gelsenkirchen 2013.
- Tiziana Caianiello: ZERO in Gelsenkirchen 1963/2013. In: ZERO Foundation. Jahrgang 2013, Heft 5, S. #.
Weblinks
Thematisch passender Thread im Forum (Rolf Glasmeier)
Thematisch passender Thread im Forum (ZERO)
Quellen
Einzelnachweise
Personendaten | |
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NAME | Glasmeier, Ernst Otto |
KURZBESCHREIBUNG | deutscher Architekt |
GEBURTSDATUM | 16. September 1921 |
GEBURTSORT | Wanne-Eickel |
STERBEDATUM | 26. August 2021 |
STERBEORT | Gelsenkirchen |