Fährunglück (7. April 1946)

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Fährunglück auf dem Rhein-Herne-Kanal am 7. April 1946

Kanalbrücke Münsterstraße in Richtung Erle (um 1930)

Vorgeschichte

In den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges sprengte die zurückweichende Wehrmacht alle Brücken über den Rhein-Herne-Kanal im Gelsenkirchener Stadtgebiet. So sollte ein weiteres Vordringen der Alliierten verhindert werden. Ab dem 28. März 1945 waren somit sämtliche Verbindungsstraßen zwischen dem Norden und Süden der Stadt nicht mehr passierbar. Da die notwendigen Baustoffe fehlten, konnte nach Kriegsende zunächst keine feste Fußgängerbrücke über den Rhein-Herne-Kanal in Höhe der Münsterstraße zwischen Erle und Bismarck errichtet werden. Deshalb wurde Anfang 1946 ein Fährbetrieb eingerichtet. Diese Fähre bestand aus zwei ehemaligen Pionier-Behelfspontons, gezogen und geführt vom Ufer durch zwei Winden. Ihr Fassungsvermögen betrug bis zu 80 Personen.

Unglück

Am Sonntag, dem 7. April 1946, nach 14 Uhr, legte sich die nahezu voll besetzte Fähre etwa 10 Meter vom Ufer plötzlich schräg, sodass alle Passagiere in das Wasser stürzten. Bis zum Eintritt der Dämmerung konnten zwei Kinder, fünf Frauen und dreizehn Männer leider nur noch tot geborgen werden. Am nächsten Tag wurde bei den Bergungsarbeiten von den eingesetzten Tauchern ein weiterer Toter entdeckt.

In einem Zeitungsartikel beschrieb der damalige Fährmann Karl May zurückschauend die Ereignisse:

„Auf dem Wildenbruchplatz war Kirmes und Schalke spielte gegen den SV Erle 08. Wir hatten außergewöhnlich schönes Wetter. Gut 80 Personen mögen auf der Fähre gewesen sein, als sie gegen 14.00 Uhr vom Erler Ufer ablegte und ins Schwanken geriet. Es entstand Unruhe. Das Floß kippte zur Seite, alle Fahrgäste stürzten ins Wasser. Das Bedienungspersonal versuchte zu retten, was zu retten war. Doch es gab keine Hilfsmittel. Rettungsringe wurden erst später angeschafft. Das nächste Telefon war auf der Cranger Straße in Erle. Bis die Feuerwehr und die Polizei eintrafen, war es für 21 Männer, Frauen und Kinder zu spät...“

Vom Ufer aus bemühten sich die Retter um die Verunglückten zu retten. Den hilfsbereiten Menschen wurde die am Ufer des Kanals abgelegte Kleidung gestohlen. Ebenso wurden die Leichen der Opfer „gefleddert“. Diese menschliche Schlechtigkeit ist ein zentraler Bestandteile der damaligen Ereignisse, da sich hier die moralische Verkommenheit der nach-nationalsozialistischen Gesellschaft exemplarisch zeigt. Die Ursache des Fährverkehrs ist also letztlich eine Folge des von den Nationalsozialisten verursachten Zweiten Weltkrieges und der verbrecherischen Kriegsführung.

Zum Unglück selbst wurde auch in nachfolgenden Ermittlungen kein Schuldiger festgestellt. Die Generalstaatsanwaltschaft in Hamm stellte das Verfahren ein, weil sich keine Handhabe bot, um jemand strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Das Unglück sei vielmehr durch eine unglückliche Verkettung von Umständen so folgeschwer geworden. Diese Verkettung könne aber weder den zuständigen Behörden, noch der Fährmannschaft zur Last gelegt werden. Zu dieser Frage seien umfangreiche und zahlreiche Sachverständigen-Gutachten herangezogen worden.

1950 fällte das Oberlandesgericht Hamm ein Grundsatzurteil in der Klage gegen die Stadt wegen des Fährunglücks, wobei es die Berufung der Stadt gegen das Urteil erster Instanz verwarf und die grundsätzliche Haftung der Stadt für das Unglück bejahte.

Nachwirkung

Im Mai 1946 wurde der Betrieb nach baulichen Veränderungen an der Fähre und den Anlegepunkten mit einer Begrenzung der Personenanzahl wieder aufgenommen. Ende Juni 1948 waren die Brücken über Emscher und Kanal so weit wiederhergestellt, dass sich ein weiterer Einsatz der Fähre erübrigte und der Verkehr eingestellt wurde. Insgesamt beförderte die Fähre in zweieinhalb Jahren rund 8 Millionen Personen.

Zur Erinnerung an die 21 Menschen, die bei dem tragischen Unglück 1946 ihr Leben lassen mussten, wurde am 19. Oktober 2016 ein Gedenkstein unterhalb der Brücke aufgestellt, die vom Steinmetz Konrad Herz gestaltet wurde.

Zur Erinnerung an die 21 Menschen, die bei dem Fährunglück am 7. April 1946 ums Leben kamen :

  • Gottlieb Carl Badziong
  • Franz Balzarek
  • Hans Dieter Balzarek
  • Ernst Arthur Baretti
  • Heinrich Bendler
  • Erich Hermann Karl Benn
  • Sebastian Eisert
  • Maria Engel
  • Joseph Franz Espey
  • Norbert Paul August Espey
  • Erich Funk
  • Henriette Gilsau
  • Klemens Gustav Goebel
  • Egon Karl Heinrich Hettesheimer
  • Martha Anna Kosiey
  • Michael Kositzki
  • Hermann Paul May
  • Katharina Schmich
  • Irmgard Sitz
  • Gottlieb Skeba
  • Heinrich Otto Weiß

Weblinks

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Quellen