Gelsenberg-Lager

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Das Gelsenberg-Lager war ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst, in dem von Juli bis September 1944 jüdische Frauen aus Osteuropa festgehalten wurden, die Zwangsarbeit in der Ruhrindustrie leisten mussten. Bei Bombenangriffen am 11. September 1944 kamen mindestens 150 von ihnen ums Leben, weil sie keine Schutzräume aufsuchen durften.

ungefährer Standort auf einer Luftbildaufnahme von 1952

Beschreibung

Das im Sommer 1944 errichtete Lager befand sich auf einem freien Feld östlich des Hydrierwerks der Gelsenberg Benzin AG in der Nähe des Güterbahnhof Hugo der Zeche Hugo in Sutum. Es bestand aus Armeezelten und war von einem Stacheldrahtzaun und Wachtürmen umgeben.

Geschichte

Im Gelsenberg-Lager wurden im Juli 1944 etwa 2000 ungarische und Siebenbürger Jüdinnen aus dem KZ Auschwitz-Birkenau untergebracht. Die Zwangsarbeiterinnen sollten auf dem Gelände des kurz zuvor bei alliierten Luftangriffen schwer beschädigten und nicht mehr einsatzfähigen Hydrierwerks zur Enttrümmerung und zum Wiederaufbau eingesetzt werden, leisteten aber auch Zwangsarbeit für die Organisation Todt in Essen-Kupferdreh und im Gelsenkirchener Hafen. 520 Frauen wurden im August 1944 nach Essen in das KZ-Außenlager Humboldtstraße verlegt, wo sie für die Firma Friedrich Krupp AG arbeiten mussten.

Die Frauen waren nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 zuerst in Ghettos gebracht und anschließend ab Mai 1944 nach Auschwitz deportiert worden, wo man sie für den Arbeitseinsatz selektierte. Das KZ Buchenwald hatte in der Endphase des Krieges die Funktion, Häftlingstransporte aus dem Ausland und aus anderen Lagern aufzunehmen und auf Außenkommandos in ganz Deutschland zu verteilen. Die nach Gelsenkirchen deportierten Frauen und Mädchen stammten überwiegend aus Transsylvanien, vor allem aus der Umgebung von Sighet, und waren im Durchschnitt etwas über 20 Jahre alt. Sie mussten etwa 12 Stunden täglich schwere körperliche Arbeit auf dem bereits stark zerstörten Werksgelände verrichten. Die im Lager tätigen Aufseherinnen waren dienstverpflichtet und absolvierten einen Kurzlehrgang im KZ Ravensbrück, bevor sie ihren Dienst antraten. Kommandoführer des Lagers war SS-Obersturmführer Eugen Dietrich (1889–1966).

Denkmal für die Opfer des Luftangriffs (1948)
Grab und Mahnmal von 2018

Bei schweren Bombenangriffen auf das Hydrierwerk am 11. September 1944 kamen mindestens 150 der Frauen ums Leben, da ihnen der Zutritt zu den werkseigenen Luftschutzbunkern und Schutzgräben verwehrt war. Die Stadt Gelsenkirchen bezifferte die Zahl der Todesopfer unter den weiblichen KZ-Häftlingen am 31. Dezember 1946 in einem Fragebogen der Central Historical Commission of the Central Commitee of Liberated Jew mit 250. Auch die Westfälische Rundschau berichtete 1954 von 250 Opfern. Zahlreiche Frauen wurden verletzt in Gelsenkirchener Krankenhäuser gebracht, was den Zeitgenossen bemerkenswert erschien.[1]

Nach Auflösung des Gelsenberg-Lagers Mitte September 1944 wurde ein Großteil der im Lager verbliebenen Frauen sowie der in Krankenhäusern untergebrachten Verletzten in das Außenlager Sömmerda in Thüringen zur Zwangsarbeit bei der Firma Rheinmetall-Borsig AG verbracht. 17 Lagerinsassinnen wurden durch Initiative von Rudolf Bertram bis Kriegsende im St. Josef-Hospital behalten und auf diese Weise aus der KZ-Haft befreit. [1] 7 weitere Frauen überlebten in einem Krankenhaus in Bottrop.

Gedenken

Am 14. Juli 1948 weihte das Gelsenkirchener Jüdische Hilfskomitee zusammen mit Vertretern der Stadt Gelsenkirchen, anderer Verfolgtenverbände, jüdischer Einrichtungen und der Landespolitik ein Denkmal an der Stelle des Massengrabs ein, in dem viele der Bombenopfer auf dem Lagergelände verscharrt worden waren. Als das Werk Gelsenberg Anfang der 1950er Jahre zur Erdölraffinerie umgebaut und erweitert wurde, verlegte man das Mahnmal zusammen mit den sterblichen Überresten auf den nahe gelegenen Friedhof Horst-Süd. Die Namen von 140 der Opfer wurden inzwischen ermittelt. Seit 2003 befindet sich eine Informationstafel an dem Grab, auf der die bekannten Namen und Lebensdaten der Opfer des Bombenangriffs verzeichnet sind.[2] Jährlich im September wird in Gelsenkirchen-Horst an die Opfer erinnert. 2018 wurden die Gedenk- und Informationstafeln an der Grabstätte erneuert und das 1948 errichtete Denkmal durch eine von Steinmetzschülern einer Gelsenkirchener Berufsschule geschaffene sitzende Frauenfigur auf einem Sockel ergänzt, die am 16. September 2018 am Weg vor der Gedenkstätte aufgestellt wurde.[3]

Mit der Geschichte des Lagers beschäftigt sich die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ Cranger Straße 323 in Gelsenkirchen-Erle.

Literatur

  • Stefan Goch: Das Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst. In: Jan Erik Schulte (Hrsg.): Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933–1945. Zwischen zentraler Steuerung und regionaler Initiative. Schöningh, Paderborn 2005, ISBN 3-506-71743-X, S. 271–278.
  • Marlies Mrotzek: Das KZ-Außenlager der Gelsenberg Benzin AG. Germinal, Fernwald 2002.
  • Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. Verlag Karl Alber (Freiburg), München 1946.
  • Benjamin B. Ferencz: Lohn des Grauens. die Entschädigung jüdischer Zwangsarbeiter - ein offenes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Campus Verlag, Frankfurt/M. 1986.
  • David A. Hackett (Hrsg.): Der Buchenwald-Report. Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Verlag Beck, München 1996.

Weblinks

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Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Vor 70 Jahren: Bomben auf Gelsenberg In: www.lokalkompass.de, September 2014, abgerufen am 21. August 2018.
  2. Namensliste der Opfer und Informationen zur Gedenkstätte auf dem Friedhof Horst-Süd, Aufnahme aus September 2016.
  3. Neue Namensliste, Informationstafel und Gesamt-Ensemble der Grabstätte auf dem Friedhof Horst-Süd nach der Erneuerung 2018, Aufnahmen aus Januar 2020.