GHH-Fahrzeuge

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Die Gutehoffnungshütte, Aktienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb (kurz GHH) war ein bedeutendes Montan- und Maschinenbauunternehmen mit Sitz in Oberhausen im Ruhrgebiet. Ursprünglich als reiner Hüttenbetrieb gegründet, expandierte die GHH frühzeitig in die Bereiche Bergbau und Weiterverarbeitung, wandelte sich im 20. Jahrhundert zum größten Maschinen- und Anlagenbauer Europas und ging schließlich 1986 in der heutigen MAN auf. Die Geschichte des Konzerns ist eng mit dem Namen der Unternehmerfamilie Haniel verbunden, so dass der Volksmund das Kürzel GHH gern mit Gehört Hauptsächlich Haniel übersetzte.

Geschichte

Die Anfänge

Die Wurzeln des späteren GHH-Konzerns liegen in der 1758 gegründeten St.-Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld, die zugleich die Geburtsstunde des Ruhrgebiets als Eisenverarbeitungszentrum markiert.[1] Die namensgebende Hütte Gute Hoffnung in Oberhausen-Sterkrade nahm ihren Betrieb 1782 auf; 1791 kam in unmittelbarer Nachbarschaft eine dritte Hütte „Neu Essen“ hinzu. Als Finanzinvestorin betätigte sich hier die Fürstabtissin des Stift Essen, Maria Kunigunde von Sachsen, die sich zudem an der Hütte „Gute Hoffnung“ beteiligte und 1796 auch noch die Hütte „St. Antony“ erwarb. Als Vorsteher für letztere engagierte sie den Hüttenfachmann Gottlob Jacobi aus Koblenz, der das Werk grundlegend modernisierte und 1799 Anteilseigner wurde.[2]

Nach der 1803 erfolgten Säkularisation des Essener Stifts verlor Maria Kunigunde jedoch das Interesse an ihren Unternehmungen und verkaufte 1805 ihre Anteile an den Hütten St. Antony und Neu-Essen für 23.800 Reichstaler an die Brüder Franz Haniel und Gerhard Haniel, während Heinrich Arnold Huyssen, ein Schwager der Haniel-Brüder, zur gleichen Zeit die Gute-Hoffnung-Hütte erwarb. 1808 brachten Huyssen, die Haniel-Brüder sowie Jacobi ihre Anteile in die Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen (JHH) ein; der zwei Jahre später geschlossene erste Gesellschaftervertrag galt lange Zeit als offizielles Gründungsdokument des späteren GHH-Konzerns.[3]

Unter der Leitung Jacobis und seines Nachfolgers Wilhelm Lueg stieg die JHH ab 1820 verstärkt in den Maschinenbau ein und leistete in den folgenden Jahrzehnten mit dem Bau von Dampfmaschinen und Dampfschiffen, Lokomotiven, Eisenbahnschienen und Brücken einen wichtigen Beitrag zur Industrialisierung Deutschlands und des Ruhrgebiets. So baute sie 1819 die erste größere Dampfmaschine mit einer Leistung von 12 Pferdestärken, 1830 das erste in eigener Werft produzierte Passagierdampfboot und 1840 die erste Lokomotive, die „Ruhr“.[4] Ab 1854 kamen diverse Erz- und Kohlegruben hinzu, darunter die Zeche Oberhausen als erste Hüttenzeche im Ruhrgebiet.[5] Zuvor hatte Franz Haniel auf eigene Rechnung bereits mehrere Bergwerksbeteiligungen erworben, darunter an der Zeche Zollverein in Essen, die 1851 die Förderung aufnahm. Durch die Verbindung von Erz- und Kohlegruben, die per Schiff und Eisenbahn die eigenen Hüttenwerke versorgten, trieb Franz Haniel die vertikale Integration seines Konzerns erfolgreich voran.[6]

Zugleich galten Haniel und die JHH als typische Vertreter eines sozial verpflichteten „Rheinischen Kapitalismus“. So wurden zwischen 1832 und 1847 mehrere Unterstützungskassen gegründet, die die Arbeiter im Falle von Krankheit oder Unfall absichern sollten. Die JHH errichtete auch Häuser in der Nähe ihrer Zechen für die Stammbelegschaft, darunter 1844 die Siedlung Eisenheim, die heute unter Denkmalschutz steht.[7]

Wandel zum Maschinenbau-Konzern

Nach dem Tod ihres letzten Mitgründers Huyssen wurde die bisherige Personenhandelsgesellschaft JHH im Jahre 1873 auf Betreiben von Hugo Haniel in eine Kapitalgesellschaft mit Namen Actienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb, Gutehoffnungshütte (GHH) umgewandelt, deren Anteile auch weiterhin im Besitz der jeweiligen Nachkommen verblieben. Erster Vorstandsvorsitzender wurde Carl Lueg, währen Hugo Haniel den Vorsitz im Aufsichtsrat übernahm.[8] In den folgenden Jahren traf die Gründerkrise das Unternehmen hart: Die Preise für Schienen, Stabeisen und Blech fielen um die Hälfte, der Warenumsatz sank von 21 auf 12 Millionen, die Kapitalbasis von 30 auf 7 Millionen Mark.[9] Um Kosten zu senken und die Produktion effektiver zu gestalten, ging die GHH noch in den 1870er Jahren zum Thomas-Verfahren in der Stahlproduktion über.[10]

1909 übernahm der schwäbische Bergbautechniker Paul Reusch die Leitung der GHH. Er baute den ohnehin schon starken verarbeitenden Bereich systematisch weiter aus, unter anderem durch Übernahmen bzw. Mehrheitsbeteiligungen an der Deutschen Werft in Hamburg (1918, heute Howaldtswerke-Deutsche Werft), der Maschinenfabrik Esslingen (1920), der Renk AG (1923) oder der Deggendorfer Werft (1924). Während der Hyperinflation 1921 ergriff Reusch die Gelegenheit zum Kauf der „Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG“ (M.A.N.), wodurch sich die Belegschaft schlagartig verdoppelte und zugleich die Grundlage für die spätere Entwicklung zum heutigen MAN-Konzern gelegt wurde.[11] Bis 1926 wurde zudem die 1920 in Den Haag gegründete Handelsgesellschaft Ferrostaal integriert. Um dem mit den Übernahmen verbundenen sprunghaften Wachstum Rechnung zu tragen, wurde der Gutehoffnungshütte Aktienverein 1923 in eine Holding umgewandelt und die Oberhausener Stammbetriebe in die 100%ige Tochtergesellschaft GHH Oberhausen AG überführt.[12] In diese Zeit fällt auch der Bau des markanten Verwaltungs- und Hauptlagerhauses in Oberhausen, das nach Plänen des Architekten Peter Behrens zwischen 1921 und 1925 errichtet wurde und heute unter anderem das zentrale Depot des Rheinischen Industriemuseums beherbergt.

Nachdem die GHH während der Weltwirtschaftskrise 1929–32 ihre Belegschaft zeitweilig halbieren musste[13], sorgte der von den Nationalsozialisten forcierte Autobahnbau ab 1933 für einen erhöhten Bedarf an Brückenbauten; zugleich steigerte die Aufrüstung den Absatz von Dieselmotoren für Schiffe der Kriegs- und Handelsmarine erheblich.[14] Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte die GHH zeitweise bis zu 31.000 Zwangsarbeiter, davon rund 11.000 bei der GHH Oberhausen und rund 8500 bei der M.A.N.[15] Trotz der engen Einbindung in die Kriegswirtschaft blieb das Verhältnis zur NSDAP jedoch gespannt; im Februar 1942 musste Konzernchef Reusch auf Druck des Regimes aus dem Vorstand ausscheiden.[16]

Entflechtung nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die GHH auf Betreiben der britischen Besatzungsmacht – und gegen den erbitterten Widerstand des damaligen Konzernchefs Hermann Reusch – entflochten und in drei getrennte Bereiche zerschlagen.[17] Insbesondere wurden der Bereich Eisen- und Stahlerzeugung einschließlich des bisherigen GHH-Stammbetriebes als Hüttenwerke Oberhausen AG (HOAG) ausgegliedert, ebenso der Bereich Kohleförderung mit den Zechen Zeche Sterkrade, Zeche Osterfeld, Zeche Oberhausen, Zeche Vondern, Zeche Jacobi, Zeche Franz Haniel und Zeche Hugo Haniel, der fortan als Bergbau AG Neue Hoffnung firmierte. Im Zuge der Kohlekrise wurde die Neue Hoffnung 1959 vorübergehend wieder mit der HOAG vereinigt und ging schließlich 1968 in der neugegründeten Ruhrkohle AG auf. Bis Mitte der 1990er Jahre wurden sämtliche Bergwerke bis auf eine Ausnahme (Zeche Franz Haniel) schrittweise stillgelegt.

Bereits 1969 wurde auch der Hochofenbetrieb in Oberhausen eingestellt, nachdem ein Jahr zuvor die Thyssen AG die Mehrheit an der HOAG übernommen hatte. Die verbliebenen Betriebsteile firmierten seit 1971 als Thyssen Niederrhein AG, auch bekannt als Thyssen Niederrhein Oberhausen (TNO). 1980 wurde am Standort Oberhausen das damals größte Elektrostahlwerk Deutschlands in Betrieb genommen. Als dieses Ende 1997 seine Produktion wieder einstellte, gingen damit 240 Jahre Eisen- und Stahlherstellung in Oberhausen zu Ende.[18]

Von der GHH zur MAN

Unter dem Dach der GHH verblieben nach 1953 lediglich die Bereiche Verarbeitung, Maschinen- und Anlagenbau einschließlich der Tochterunternehmen M.A.N. und Werften sowie die Handelsaktivitäten (Ferrostaal). Als Konsequenz hieß die Holding fortan nur noch GHH Aktienverein ohne den bisherigen Zusatz „für Bergbau und Hüttenbetrieb“, die bisherige GHH Oberhausen AG wurde in GHH Sterkrade AG umbenannt.[19]

Obwohl Konzernchef Hermann Reusch die erzwungene Entflechtung zeitlebens als persönliche Niederlage empfand, erwies sie sich langfristig sogar als vorteilhaft für den Konzern, der so von den Kohlekrise und Stahlkrisen der folgenden Jahrzehnte weitgehend verschont blieb.[20] Stattdessen konzentrierte sich die GHH fortan auf die Bereiche Weiterverarbeitung und Industriedienstleistungen und avancierte so in den 1960er und 1970er Jahren – unterstützt durch gezielte Zukäufe (Büssing AG, MAN Roland, MTU Aero Engines) – endgültig zum größten Maschinenbaukonzern in Europa.

1982 beschäftigte die GHH bei einem Umsatz von 18,7 Milliarden DM rund 80.000 Mitarbeiter. Davon entfielen jedoch rund 60.000 allein auf die Nutzfahrzeugtochter M.A.N. und die ihr zugeordneten Firmen . Als diese zu Beginn der 1980er Jahre in eine schwere Krise geriet, legte der damalige GHH-Chef Manfred Lennings ein Sanierungskonzept vor, das eine vollständige Verschmelzung der bisherigen Tochter in den Mutterkonzern vorsah. Allerdings hatte sich zwischenzeitlich die Eigentümerstruktur der GHH entscheidend verändert, in der nach dem schrittweisen Rückzug der Haniel-Familie, die 1985 ihre letzten Anteile abgab, nun die neuen Großaktionäre Allianz AG und Commerzbank den Ton angaben. Bei diesen stieß Lennings' Konzept jedoch auf entschiedenen Widerstand, so dass in der Presse seinerzeit über eine „bayerische Verschwörung“ gegen die Oberhausener Konzernspitze spekuliert wurde.[21] Tatsächlich wurde der Gesamtkonzern nach dem spektakulären Rücktritt von Lennings ab 1985/86 unter dem Namen der bisherigen Tochter MAN neu geordnet und der Firmensitz von Oberhausen nach München verlegt.[22]

Die in Oberhausen verbliebenen Konzernteile firmierten fortan unter dem Namen MAN Gutehoffnungshütte GmbH und wurden unter Lennings' Nachfolger Klaus Götte mehrfach umstrukturiert: So ging der Bereich Turbomaschinenbau 2004 in der MAN Turbo AG (seit 2010: MAN Diesel & Turbo) auf; andere Betriebsbereiche (Fahrzeugbau, Radsatzfertigung, Schraubenverdichterbau) wurden verkauft und führen zum Teil noch das Kürzel GHH im Namen. (siehe #Nachfolgeunternehmen)

GHH-Fahrzeuge in der Emscherstraße

GHH Fahrzeuge

Die GHH Fahrzeuge GmbH wurde 1995 aus dem ehemaligen Unternehmensbereich „Bergbau- und Tunnelbaufahrzeuge“ der GHH gegründet. Sie fertigt Fahrlader und Muldenkipper für den Berg- und Tunnelbau, sowie stangenlose Flugzeugschlepper. 1999 erwarb das traditionsreiche mittelständisch geprägte Unternehmen Schmidt, Kranz & Co. die GHH Fahrzeuge GmbH. 2007 verlegte die GHH Fahrzeuge GmbH ihren Firmensitz, ihre Geschäftsräume und ihre Fertigung nach Gelsenkirchen an die Emscherstraße 53 .

Literatur

  • Johannes Bähr, Ralf Banken, Thomas Flemming: Die MAN. Eine deutsche Industriegeschichte, München 2008 ISBN 978-3-406-57762-8 (Google-Vorschau)
  • Hans-Josef Joest: Pionier im Ruhrrevier. Gutehoffnungshütte – vom ältesten Montan-Unternehmen Deutschlands zum grössten Maschinenbau-Konzern Europas, Stuttgart-Degerloch 1982 ISBN 3-512-00660-4
  • Andreas-Marco Graf von Ballestrem: Es begann im Dreiländereck. Das Stammwerk der GHH, die Wiege der Ruhrindustrie. Tübingen 1970
  • Erich Maschke: Es entsteht ein Konzern. Paul Reusch und die GHH, Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen 1969 ISBN 3-8052-0131-1
  • Ursula Gabriele Pütz-Majer: Einrichtungen sozialer Betriebspolitik der Gutehoffnungshütte von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg. Soziale Betriebspolitik – ein Ausdruck unternehmerischer Verantwortung?, Dissertation Univ. Bremen 1994
  • Hitsashi Yano: Hüttenarbeiter im Dritten Reich. Die Betriebsverhältnisse und soziale Lage bei der Gutehoffnungshütte Aktienverein und der Friedr.-Krupp AG 1936 bis 1939, Stuttgart 1986 (Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Beiheft 34) ISBN 3-515-04209-1
  • Frölich: Die Werke der Gutehoffnungshütte. In: Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure, Band 46, 1902, S.1021 ff., S.1177 ff., S. 1539 ff., S. 1608 ff., S. 1695 ff., S. 1775 ff., S. 1815 ff., 1861 ff.: Hochofenwerk, Stahlwerk, Stahl- und Walzwerk Neu-Oberhausen, Maschinenbaubetrieb, Schachtbau etc. mit detaillierten Beschreibungen und Lageplänen.

Weblinks


Einzelnachweise

  1. J. Bähr u.a.: Die MAN. Eine deutsche Industriegeschichte, München 2008, S. 15 ff.
  2. Bähr u.a., Die MAN..., S. 25 ff.
  3. Vgl. Die Gutehoffnungshütte Oberhausen, Rheinland. Zur Erinnerung an das 100jährige Bestehen. 1810-1910, Oberhausen 1910.
  4. Bähr u.a., Die MAN, S. 42 ff.
  5. Bähr u.a., Die MAN, S. 75 ff.
  6. Bähr u.a., Die MAN, S. ...
  7. Bähr u.a., Die MAN, S. 78 ff.
  8. Bähr u.a., Die MAN, S. 96 f.
  9. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd.3, S.102 f.
  10. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd.3, S.562.
  11. Bähr u.a., Die MAN, S. 240 ff.; Geschichte der MAN Gruppe (PDF)
  12. Bähr u.a., Die MAN, S. 248 ff.
  13. Bähr u.a., Die MAN, S. 260 ff.
  14. Bähr u.a., Die MAN, S. 280 ff. und 299 ff.
  15. Bähr u.a., Die MAN, S. 327.
  16. Bähr u.a., Die MAN, S. 306 ff.
  17. Bähr u.a., Die MAN, S. 340 ff.
  18. industriedenkmal.de: Gutehoffnungshütte/Elektrostahlwerk Oberhausen
  19. Bähr u.a., Die MAN, S. 350.
  20. Bähr u.a., Die MAN, S. 356.
  21. Kampf um Köpfe und Konzepte. In: Die Zeit, Nr. 44/1983
  22. Bähr u.a., Die MAN, S. 450-456.