Projekt Stolpersteine

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Stolperstein für Arthur Herrmann auf der Cranger Straße

Die Stolpersteine sind ein Erinnerungs-Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Mit diesen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die von Nationalsozialisten ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Freitod getrieben wurden. Die Stolpersteine sind mit einer Messingplatte versehen und werden niveaugleich in die Gehwegpflasterung eingelassen. Auf jeder Platte sind Name, Geburts- und Todesjahr, sowie der Todesort des Opfers eingraviert. Die Steine werden verlegt, wo die Menschen einst wohnten und ihren Lebensmittelpunkt hatten. Mit der ersten Verlegung in Gelsenkirchen am 13. Juli 2009 wurde auf sechs jüdische Opfer des Holocaust hingewiesen. Dadurch bleiben diese „ehemaligen Nachbarn“ keine namenlosen Opfer, sondern Menschen deren Namen ins Gedächtnis der Stadt zurückkehren. Bei einer zweiten Verlegeaktion sollten am 9. Februar 2010 weiteren 12 getöteten Menschen mit Stolpersteinen gedacht werden. Da der Boden durch starken Frost tief gefroren war, konnte eine Steinverlegung nur an zwei Stellen vorgenommen werden. Die Stolpersteine sollen später durch den Verein Gelsenzentrum an Ort und Stelle gebracht werden. Weitere Verlegungen sind geplant.

Verlegung

Stolperschwelle

Stolperschwellen sind eine Sonderform der Stolpersteine.

23. Mai 2019

Stolpersteine

Verlegung am 9. Februar 2010

13. Juli 2009

9. Februar 2010

22. Juni 2010

Hulda Silberberg stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Kaufmannsfamilie, die in Gelsenkirchen bis 1938 ein großes Herrenmodengeschäft an der Bochumer Straße am Hauptbahnhof besessen hatte. Sie war alleinstehend und kinderlos und wurde von ihren Brüdern Hermann und Salomon mitversorgt. Salomon emigrierte nach London. Wenige Wochen vor der Deportationswelle vom Januar 1942 erhielt Hermann mit seiner Familie ein Visum für Bolivien und wollte seine Schwester mitnehmen. Aber Hulda Silberberg wollte als einziges Mitglied der Familie Silberberg Gelsenkirchen nicht verlassen. Sie wählte am 3. Januar 1942 im Alter von 58 Jahren angesichts der drohenden Verschleppung die Flucht in den Tod. Hulda Silberberg wurde auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf begraben; ein Grabstein existiert dort noch heute. Ihr Neffe Helmuth Silberberg war 1938 von seinen Eltern nach Amsterdam geschickt worden und dort im Juni 1942 als 16-Jähriger für kurze Zeit mit Anne Frank befreundet, in deren Tagebuch er vorkommt; er lebte später unter anderem Namen in den USA und ist 2015 verstorben. Über die Setzung des Stolpersteins für seine Tante Hulda im Jahr 2010 hat er sich nach brieflichen Aussagen sehr gefreut.

→Das Haus am eh. Moltkeplatz 6 (heute Neustadtplatz 6), das den 2. Weltkrieg überstand und heute denkmalgeschützt ist, war ein so gen. „Judenhaus“, wo jüdische Bewohner seit Ende der 1930er Jahre zwangsweise konzentriert wurden. Es war der unfreiwillige letzte Wohnsitz von Helene Lewek. Sie war 1881 in Mixstadt in der damaligen preußischen Provinz Posen unmittelbar an der Grenze nach Russisch-Polen geboren und Anfang des 20. Jh. in die Bergarbeiterstadt Gelsenkirchen gekommen. Am 27. Januar 1942 fand eine größere Deportation Gelsenkirchener Juden nach Riga statt, wo die meisten von ihnen ermordet wurden und nur wenige überlebten. Die Menschen mussten die Tage vor dem Abtransport in einem Sammellager am Wildenbruchplatz verbringen. Dort entzog sich die 60-jährige Helene Lewek der Verschleppung, indem sie zwei Tage vor dem Transport die Flucht in den Tod wählte. Deshalb wurde ein zweiter Stolperstein mit ihrem Namen an der Wildenbruchstraße in Höhe der heutigen Polizeiwache verlegt (etwa 7 Min. Fußweg vom Neustadtplatz). Beide Steine wurden am 9. Februar 2010 wegen starken Frosts nur symbolisch verlegt; die endgültige Einsetzung erfolgte im darauf folgenden Juni.

1. August 2011

20. August 2011

8. Oktober 2012

Arthur Herrmann stammte aus Thorn im damaligen Westpreußen. Der Vater war Bergmann und kam mit seiner Familie etwa 1911 nach Buer. Auch Arthur Herrmann arbeitete als Bergmann in Gelsenkirchen. Er wurde in der NS-Zeit als Homosexueller verfolgt, verurteilt und 1938 in Kassel in „Schutzhaft“ genommen und am 6. August 1938 in das KZ Buchenwald deportiert, wo er Schikanen und härteste Zwangsarbeit erdulden musste und am 17. März 1940 als 37-Jähriger starb. Die Patenschaft für den 2012 verlegten Stolperstein hat der Verein Rosa Strippe e.V. aus Bochum übernommen.

Carl Posner wurde am 27. Juni 1890 in Gelsenkirchen geboren. Er wurde ab Gelsenkirchen am 27. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert.

Ella Posner, deportiert ins Ghetto Riga, ermordet im KZ Stutthof

29. April 2013

→Der aus Lodz stammende Kaufmann Josef Gutgold lebte mit seiner Familie in Hamborn, wo auch seine beiden Kinder Leo und Eva geboren wurden. Die Familie kam 1925 nach Horst-Emscher. Seine Waren (Haus- und Tischwäsche) verkaufte er als Hausierhändler an den Häusern. Nachdem ihre Wohnung am Morgen des 10. November 1938 von SA-Leuten gestürmt und verwüstet worden war, floh die Familie im Januar/Februar 1939 vor der Verfolgung durch die Nazis nach Rotterdam. 1942 wurden die Eheleute im nunmehr deutsch besetzten Holland verhaftet und im Durchgangslager Westerbork eingesperrt. Der Ort der Ermordung von Josef Gutgold ist unbekannt. Die Patenschaft für den am 29. April 2013 verlegten Stolperstein für Josef Gutgold hat die Enkelin einer Zeitzeugin übernommen, die eine Stammkundin von Gutgold war und kurz vor dessen Flucht noch ein Bettlaken von ihm erworben hatte.

Helene Gutgold stammte wie ihr Mann Josef aus Lodz und lebte in Hamborn, wo ihre Kinder Leo und Eva zur Welt kamen. Die Familie lebte seit 1925 in Horst-Emscher und flüchtete Anfang 1939 vor der Judenverfolgung nach Rotterdam. Die Tochter Eva wurde mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht und emigrierte später von dort aus nach Palästina. 1942 wurden die Eheleute Josef und Helene Gutgold von den Nazis verhaftet und im Durchgangslager Westerbork eingesperrt. Helene Gutgold wurde am 4. September 1944 mit dem Transport XXIV/7 in das Ghetto Theresienstadt und am 4. Oktober weiter in das KZ Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Auch ihr Sohn Leo wurde zusammen mit seiner Frau und einer unbekannten Anzahl Kinder von den Nazis ermordet.

David Berghausen wurde am 19. Juni 1876 in Hohenhausen bei Brake an der Lippe geboren und war in Gelsenkirchen wohnhaft. Er wurde am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen über Dortmund in das Ghetto Riga deportiert.

Isabella Barbara Baer stammte aus Alsenz bei Kirchheimbolanden und war in Gelsenkirchen wohnhaft. Sie wurde am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen über Dortmund in das Ghetto Riga deportiert.

17. Dezember 2013

12. Dezember 2014

14. August 2015

Ernst Papies verließ als 17-Jähriger seine Familie und ging nach Bremen. Eine erste Verurteilung zu einem Monat Gefängnis wegen homosexueller Kontakte gab es 1932. Die zweite Verurteilung nach Verschärfung der Gesetzgebung durch die Nationalsozialisten hatte 1934 bereits ein Jahr Gefängnis zur Folge. 1936 folgte eine Verurteilung zu drei Jahren Gefängnis, die im Moorlager im Emsland mit Zwangsarbeit vollstreckt wurde. Nach der Verbüßung kam er krank nach Erle zurück. Dort wurde er denunziert und am 25. Juni 1939 verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert, wo er als angeblicher „Berufsverbrecher“ und „175er“ im Steinbruch unter mörderischen Bedingungen Schwerstarbeit leisten musste. Am 15. April 1940 kam er in das KZ Mauthausen bei Linz und wurde auch dort im Arbeitskommando der „Rosa-Winkel-Häftlinge“ im Steinbruch eingesetzt. Am 4. Dezember 1944 wurde er in ein Außenlager des KZ Auschwitz und kurz vor der Befreiung des Vernichtungslagers zurück nach Mauthausen gebracht. Weitere Monate schwerster Zwangsarbeit folgten, befreit wurde Mauthausen am 5. Mai 1945 von den Amerikanern. Nach Kriegsende versuchte Papies mehrfach, sich gerichtlich Wiedergutmachung und Entschädigung für das erlittene Unrecht zu erstreiten, hatte damit aber keinen Erfolg. Er starb 1997 im Alter von 88 Jahren in Konstanz. Die Patenschaft für den 2015 verlegten Stolperstein hat die aus Gelsenkirchen stammende Europaabgeordnete der Grünen Terry Reintke übernommen.

6. Oktober 2016

Josef Wesener verbringt fast sein ganzes Leben in Gelsenkirchen, doch es bleibt überschattet von den Schrecken des NS-Regimes. Er wird am 22. Januar 1903 an der Ackerstraße 17 (heute Mühlenbruchstraße) in Gelsenkirchen geboren. Seine Eltern Theodor und Bernhardine Wesener haben zehn weitere Kinder, mit denen sie 1918 an der Josefstraße 32 eine Wohnung beziehen. 1940 wird Wesener wegen des Verstoßes gegen Paragraf 175 zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe wird er in das KZ Neuengamme geschickt. Darauf folgen weitere Leidensstationen in den KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora. Nach der Befreiung aus dem Lager kehrt er in die elterliche Wohnung zu seiner 82-jährigen Mutter zurück, die kurz darauf stirbt. Wesener lebt weiterhin dort, bevor er 1981 nach Buer und später nach Düsseldorf umzieht. Aus den Informationen über seinen späteren Lebensweg geht hervor, dass die erlittenen Traumata während der KZ-Haft ihn ein Leben lang schwer beeinträchtigt haben. Er kann seinen erlernten Beruf als Lokführer nicht länger ausüben, wird stattdessen Bergmann. Es folgen in den 1970er-Jahren zahlreiche und sehr lange Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen. In seinem letzten Lebensabschnitt leidet er an Demenz und verstirbt am 20. April 1987 in Düsseldorf.→[48]]

24. November 2017

23. Mai 2018

→Die Leidensgeschichte von Lothar Keiner, der 1908 in Mannheim geboren wird und 1942 im KZ Neuengamme sterben muss, erfährt eine besondere Dramatik durch den Umstand, dass er bis 1935 für einige Jahre in den USA lebt und somit in Sicherheit vor dem nationalsozialistischen Regime. Briefe, die er während seiner Internierung an seine in den USA lebende Mutter sowie eine enge Freundin aus Dortmund und einen Priester in Italien verfasst, büßen auch viele Jahre danach nichts an Aktualität ein und lassen Keiners Biografie für den Leser lebendig werden. Nach der Scheidung seiner Eltern wandert Lothar Keiner mit Mutter und Bruder Oswald in die Vereinigten Staaten aus. Doch 1935 kehren die beiden Brüder zurück nach Deutschland, eine schwere Erkrankung des Vaters wird als Grund vermutet. Das Familienoberhaupt stirbt noch im selben Jahr, Oswald kehrt zur Mutter zurück, Lothar hingegen bleibt in der Heimat. Neben seiner Muttersprache beherrscht er Englisch, Französisch und Italienisch, ist ein politisch gut informierter und interessierter Mensch, belesen, gläubig. Der letzte freiwillige Wohnort des Montage-Arbeiters ist die Helenenstraße 13 im Stadtteil Horst. Im April 1940 wird er wegen „homosexueller Kontakte“ von der Gelsenkirchener Kripo verhaftet. Trotz fehlender Vorstrafen verurteilt ihn das Landgericht Essen zu zwei Jahren Gefängnis. Seine Haft verbringt er in der JVA Krümmede in Bochum und später in Lingen/Emsland. Nach Verbüßung der Strafe nimmt ihn die Polizei Recklinghausen im April 1942 in sogenannte Vorbeugehaft und deportiert ihn in das KZ Neuengamme bei Hamburg. Aus den Briefen geht hervor, dass seine Familie sich aus dem Ausland für ihn einsetzt, allerdings letztlich ohne Erfolg. Im Lager endet sein Lebensweg am 27. November 1942. Angebliche Todesursache: Versagen von Herz und Kreislauf bei Magen- und Darmkatarrh.→[58]

23. Mai 2019

16. April 2020

8. Mai 2020

25. Juni 2020

18. Juni 2021

Weblinks

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Quelle

Siehe auch

Übersichtskarte zum Projekt Stolpersteine