VVN-BdA

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Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) ist ein überparteilicher Zusammenschluss von Verfolgten des Naziregimes, Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern, Antifaschistinnen und Antifaschisten aller Generationen. Sie gliedert sich in die Bundesvereinigung, Landesvereinigungen und Kreisvereinigungen. In Gelsenkirchen besteht eine Kreisvereinigung.

Vorgeschichte

In Gelsenkirchen wurde bis zum Sommer 1945 das Komitee ehemaliger politischer Gefangener und Konzentrationäre gebildet. Im Vordergrund stand zunächst die Unterstützung der Überlebenden und ihre Versorgung mit dem Notwendigsten. Vertreter des Komitees wurden in den städtischen Wohlfahrts- und Fürsorgeausschuss berufen. Daneben wurden im Juni und am zweiten Sonntag im September Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Faschismus begangen. Im April 1946 wurde ein Kreissonderhilfsausschuss gebildet, der für die Anerkennung als Verfolgter des Naziregimes zuständig war. Bis September desselben Jahres wurden 639 Personen anerkannt, davon 428 in Gelsenkirchen, 161 in Buer und 50 in Horst. 1946/47 nannte sich das Komitee Vereinigung ehem. politischer Gefangener und trat vermehrt mit politischen Veranstaltungen auf, verstärkte seine Bemühungen, über die NS-Zeit aufzuklären und engagierte sich für eine gerechte Strafe verantwortlicher Nazis.

Als Gründungsdatum der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) gilt das Jahr 1947. Zuvor war auf der ersten Interzonalen Konferenz der ehemaligen Häftlinge vom 20. - 22. Juli 1946 in Frankfurt am Main das Programm der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) verabschiedet worden. Am 26. Oktober 1946 erfolgte mit 500 Delegierten, darunter 12 aus Gelsenkirchen, in Düsseldorf die Gründung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der VVN. Den Abschluss fand die Gründungsphase nach der Gründung weiterer Landesverbände auf der 1. Interzonalen Länderkonferenz der VVN vom 15. - 17. März 1947 in Frankfurt am Main mit der Bildung des Gesamtdeutschen Rates der VVN. Der Gesamtdeutsche Rat der VVN bestand auch nach der Gründung beider deutscher Staaten 1949 fort, er wurde erst 1951 durch die Bundesregierung verboten.

Die VVN Gelsenkirchen bis Ende der 1950er Jahre

Die Gelsenkirchener Vereinigung nahm ebenfalls den Namen VVN an. In der Kreisvereinigung Gelsenkirchen bestanden drei Ortsgruppen in Gelsenkirchen, Buer und Horst sowie zwei Büros in der Horster Straße 18 in Buer und in der Von-Oven-Straße 5 in Gelsenkirchen.

Gedenkveranstaltungen und die Schaffung von Gedenkorten nahmen in der Anfangszeit einen breiten Raum ein. Die ersten Denkmäler waren bereits von jüdischen Überlebenden 1947 auf dem wiederhergestellten jüdischen Friedhof in Buer und 1948 auf dem Gelände von Gelsenberg (heute Horster Südfriedhof) für 250 jüdische Ungarinnen und Rumäninnen geschaffen worden. 1947/48 errichtete die VVN ebenfalls auf dem Horster Südfriedhof ein Denkmal für die 1920 im Anschluss an den Kapp-Putsch von rechtsradikalen Freikorps ermordeten Mitglieder der "Roten Ruhrarmee" (das ursprüngliche Denkmal war von den Nazis zerstört worden) und ergänzte das Denkmal um Horster Widerstandskämpfer, insbesondere der Zielasko-Gruppe. Am 10. September 1950 schließlich wurde das Mahnmal für alle Opfer der Nazi-Diktatur der VVN im Stadtgarten Gelsenkirchen der Öffentlichkeit übergeben.

Am 14./15. April 1951 fand im Hans-Sachs-Haus der „Deutsche Kongress der Widerstandskämpfer, der Opfer des Faschismus und des Krieges“ statt, der sich für die Durchführung einer Volksbefragung gegen die Remilitarisierung und für den Abschluss eines Friedensvertrages aussprach und damit im völligen Gegensatz zur Politik der Bundesregierung stand. Ein anschließender Schweigemarsch zum Mahnmal im Stadtgarten wurde durch die Polizei aufgelöst. Im Zuge der Auseinandersetzung um die Volksbefragung zur Remilitarisierung verbot die Bundesregierung die VVN, da die Volksbefragung einen Angriff auf die verfassungsmäßige Ordnung darstelle. Der Gesamtdeutsche Rat der VVN in Frankfurt am Main wurde aufgelöst, der VVN-Landesverband Nordrhein-Westfalen aufgrund der föderalen Struktur der Bundesrepublik dagegen nicht.

Als einzige Kreisvereinigung, offenbar wegen des o.g. Kongresses, wurde am 8. April 1952 die VVN Gelsenkirchen aufgelöst, ihre Akten beschlagnahmt und die Büros geschlossen. Sie konnte erst am 8. September 1957 wieder gegründet werden.

Ein Verbotsantrag der Bundesregierung ab 1959 vor dem Bundesverwaltungsgericht, der die gesamte VVN einschließlich aller Landesverbände und Kreisvereinigungen verbieten sollte, wurde nach einer Änderung des Vereinsgesetzes eingestellt. Das schwebende Verbotsverfahren diente auch in Gelsenkirchen der Behinderung der Arbeit der VVN.

Ende der 1950er Jahre hatte die VVN in der Stadt 267 Mitglieder, 169 in Gelsenkirchen, 72 in Buer und 26 in Horst.

Die VVN Gelsenkirchen in den 1960er Jahren

Gemeinsam mit anderen engagierten sich die VVN und ihre Mitglieder in den 1960er Jahren gegen den Atomtod („Ostermärschen gegen den Atomtod“), gegen die Notstandsgesetze und den wiedererstarkenden Neofaschismus (NPD). In Gelsenkirchen lud die VVN am 8. Mai 1965, zum „20. Jahrestag der Beendigung des Krieges und der Beseitigung des NS-Regimes“ zu einer Kundgebung auf dem Hauptmarkt (heute Margarethe-Zingler-Platz) ein. Massive Störungen durch Gegendemonstranten erfolgten anlässlich der Kundgebung der NPD am 6. September 1969 auf dem Buerschen Marktplatz. Gegen eine weitere Kundgebung der NPD am 18. September 1969 auf dem Hauptmarkt rief eine „Bürgerinitiative gegen den Neonazismus“ den Polizeipräsidenten auf, die Kundgebung zu verbieten.

Im Zuge der beginnenden Entspannungspolitik setzte sich die VVN für Versöhnung und Frieden ein. Vom 18. - 24. Oktober 1969 führte die Kreisvereinigung eine „Woche der Begegnung und Gespräche mit Bürgern der DDR“ durch. Zum Programm gehörten ein Gottesdienst in der Kreuzkirche Gelsenkirchen-Feldmark mit Pfarrer Breithaupt (DDR), weitere Veranstaltungen im Lutherhaus der Kirchengemeinde Schalke und einer kulturellen Abschlussveranstaltung in der Aula der Frauenfachschule Königstraße mit einer Gruppe des Deutschen Theaters Berlin.

VVN – Bund der Antifaschisten in Gelsenkirchen

Angesichts älter werdende Widerstandskämpfer und Verfolgte und mit dem wachsenden Interesse an antifaschistischer Arbeit durch Jüngere in den 1960er Jahren öffnete sich die VVN für jeden, der sich zu ihrem Programm bekannte. Seinen Abschluss fand dieser Prozess auf dem Bundeskongress in Oberhausen 1971, der die Erweiterung der Organisation zur VVN-Bund der Antifaschisten beschloss.

In Gelsenkirchen nahm die Aktivität der Kreisvereinigung in den 1970er Jahren ab, man beteiligte sich überwiegend an Bündnisaktivitäten. Die Versuche, junge Mitglieder zu werben, brachten kaum Erfolge. 1979 zählte die Kreisvereinigung 81 fast ausschließlich ältere Mitglieder. Dagegen wuchs das Interesse an der Erforschung der NS-Vergangenheit in der Bevölkerung. Sowohl am Begleitprogramm einer im Bildungszentrum in Gelsenkirchen und im Jugendzentrum Pappschachtel in Buer 1979 gezeigten Ausstellung „Kristallnacht – nicht vergessen und nie wieder“ wie an der Entstehung der Ausstellung „Gelsenkirchen 1933-45. Verfolgung, Widerstand, Flugblätter der Alliierten“, die im Oktober 1980 im Bildungszentrum präsentiert wurde waren VVN-Mitglieder als Zeitzeugen beteiligt. Der Ausstellung folgte 1981 die Buchveröffentlichung „Beispiele des Widerstands“ gefolgt von einer erweitern Auflage 1982 „Beispiele der Verfolgung und des Widerstands“.

Das erwachte Interesse an antifaschistischer Arbeit, das sich nicht nur in der Beschäftigung mit dem historischen Faschismus erschöpfte, sondern sich auch gegen die verstärkten Aktivitäten von Alt- und Neo-Nazis richtete, führte in den 1980er Jahren zu einem Generationswechsel. Er ermöglichte Bündnisse mit Jugendorganisationen und zur neuentstandenen Partei „Die Grünen“. Von Beginn an beteiligte sich die VVN im Gelsenkirchener Friedensplenum. Im Mai 1982 initiierte die VVN mit einer Einladung in das Jugendzentrum Pappschachtel die Gründung der „Initiative gegen Neonazismus und Ausländerfeindlichkeit“. Kaum eine Woche später, am 18. Mai 1982, wurde die Pappschachtel durch Brandstiftung zerstört. In den Trümmern fand man ein Schild: „Schade das Ihr nicht mit verbrannt seid VVN“. 1984 veranstaltete die VVN in der Gesamtschule Berger Feld ein „Friedensfest“ unter dem Motto „Für Frieden und Völkerverständigung – gemeinsam weiter gegen Atomraketen und neue Nazis“, zu dem über 700 Besucher kamen. Im Mai 1984 begann der Kreisverband mit der Herausgabe der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift „GE-Voran“. Im September 1985 zogen sieben Organisationen, darunter die VVN und Die Grünen, in den ehemaligen Buchladen „Trotz Alledem“ in der Weberstraße ein. Nach Auseinandersetzungen um die Kranzniederlegung von HIAG und NPD anlässlich des Volkstrauertages auf dem Hauptfriedhof Buer änderte die Stadtverwaltung die Friedhofssatzung, was dazu führte dass die VVN keine Trauerveranstaltung mehr durchführen durfte, dies aber dennoch 1986 tat.

Die VVN-BdA Gelsenkirchen in der Gegenwart

Nachdem sich bereits im Jahr 2000 das Bündnis gegen Rechts als Personenbündnis gegründet hatte, erfolgte Anfang 2006 die Neugründung der Kreisvereinigung Gelsenkirchen der sich jetzt Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten bezeichnenden Organisation. Die Neugründung diente dem Zweck, organisatorisch festere Strukturen zu finden und um alle Generationen einschließlich der Zeitzeugen, die den Faschismus in Deutschland erlebt hatten, in die weitere Arbeit einzubeziehen.

Seit 2006 führt die VVN-BdA in Gelsenkirchen am Jahrestag der Ermordung des Widerstandskämpfers Fritz Rahkob (24.08.1944) eine antifaschistische Gedenkveranstaltung an dem nach ihm benannten Fritz-Rahkob-Platz in der Gelsenkirchener Innenstadt durch. Gemeinsam mit dem Friedensforum Gelsenkirchen beteiligt sich die VVN-BdA Gelsenkirchen am Ostermarsch Rhein-Ruhr in Gelsenkirchen. Zeitweilig beteiligen sich Mitglieder der Kreisvereinigung an einer jährlichen Kundgebung zum Antikriegstag am 1. September auf dem Preuteplatz in Gelsenkirchen an dem sich ein Demonstrationszug zum Mahnmal im Stadtgarten anschloß. 2015 wurde anlässlich der angekündigten Demonstration der Partei „Die Rechte“ von Essen-Kray nach Gelsenkirchen-Rotthausen aus dem „Antikriegstagsbündnis“ das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ und rief zu einer Gegendemonstration an der Stadtgrenze auf. Seit 2018 beteiligt sich die VVN-BdA Gelsenkirchen am aus dem "Aktionsbündnis 16.09" hervorgegangenen "Gelsenkirchener Aktionsbündnis gegen Rassismus und Ausgrenzung."

Die Gelsenkirchener VVN-BdA trifft sich regelmäßig im Alfred-Zingler-Haus im Margaretenhof 10-12

Quelle

Hartmut Hering und Marlies Mrotzek: Antifaschismus ist mehr als eine Gegenbewegung. 40 Jahre Kampf für Frieden, Demokratie und sozialen Fortschritt am Beispiel der VVN / Bund der Antifaschisten Gelsenkirchen 1947 – 1987, Gelsenkirchen 1988

Weblinks

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